{"id":23115,"date":"2014-09-04T08:43:16","date_gmt":"2014-09-04T06:43:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23115"},"modified":"2014-09-08T08:44:40","modified_gmt":"2014-09-08T06:44:40","slug":"leserbrief-zu-neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23115","title":{"rendered":"Leserbrief zu Neoliberales Herrschaftssystem: Warum heute keine Revolution m\u00f6glich ist"},"content":{"rendered":"<p><em>(<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23102#h13\">Der NDS-Beitrag hier<\/a>)<\/em><\/p><p>Liebe Macher der Nachdenkseiten<\/p><p>Mit Interesse bemerke ich, dass der Artikel der S&uuml;ddeutschen in den Nachdenkseiten unterschiedliche Wertungen erf&auml;hrt. Gestatten Sie mir deshalb, mich mit meiner Wortmeldung diesem Beitrag zu n&auml;hern.<\/p><p>Im Zeitalter der Globalisierung ist Neoliberalismus weltumspannend. Um diesen zu bewerten, ist also Betrachtung der ganzen Welt n&ouml;tig. Wenn der Autor nun behauptet, dass die Macht nicht mehr repressiv sei, hat es den Anschein, dass er die Welt nur aus dem Fenster seiner Gelehrtenwohnung und auch nur so weit &uuml;berblicken will. Denn zum Neoliberalismus geh&ouml;ren z. B. auch die repressive Troika in Griechenland, die kriegerische Zerst&ouml;rung verschiedener Staaten im Nahen Osten durch den Westen oder auch die Sanktionsandrohungen gegen Hartz-IV-Empf&auml;nger. Fragen Sie die Betroffenen. Sie werden derartige Aktionen regelm&auml;&szlig;ig als repressiv wahrnehmen. Und wenn eine Kassiererin wegen Verzehrs eines angetrockneten Hackepeterbr&ouml;tchens gek&uuml;ndigt werden kann, so geschah das in genau der Welt, von welcher der Autor behauptet, die Macht des Neoliberalismus gr&uuml;nde sich im Verf&uuml;hren.<br>\n<!--more--><br>\nVerf&uuml;hrt werden nur diejenigen, von denen sich der Neoliberalismus noch einen Vorteil &ndash; und sei es der Vorteil des Stillhaltens &ndash; verspricht. Und die h&auml;tschelt er bisweilen. Wahrscheinlich geh&ouml;rt der Autor zu dieser Personengruppe.<\/p><p>Ahnungslose kann man verf&uuml;hren, nicht aber Wissende.  Verf&uuml;hrung bei diesen ist deshalb nichts anderes als Bestechung, da sie das n&ouml;tige intellektuelle Potenzial besitzen, die &bdquo;Verf&uuml;hrung&ldquo; zu erkennen. Der Autor empfiehlt sich hier &uuml;brigens als Wissender.<\/p><p>Was ist der Unterschied zwischen Abh&auml;ngigkeit und Gef&uuml;gigkeit? Wieder so eine Behauptung, die der Geisteswissenschaftler unbewiesen  dem Leser offeriert. Wird man durch Gef&uuml;gigkeit abh&auml;ngig, oder bei Abh&auml;ngigkeit gef&uuml;gig? Die &Uuml;berschrift stimmt auch nicht: das unterworfene Subjekt sei sich seiner Unterworfenheit nicht bewusst. Das trifft eben nur f&uuml;r einen Teil der Unterworfenen zu. Wie anders ist zu erkl&auml;ren, dass bei Umfragen zur Kapitalismuskritik viele dieses System scharf kritisieren?<\/p><p>Wenn weiter davon gesprochen wird, wie durch &ldquo;Freundlichkeit&rdquo; das Machtgef&uuml;ge unsichtbar werde, so h&auml;tte der Autor an dieser Stelle den Ursachen der Ahnungslosigkeit der Massen nachgehen k&ouml;nnen. Statt dessen nennt der Herr Wissenschaftler diese immerw&auml;hrende Blendung &ldquo;Freiheit&rdquo;. Mithin also Freiheit durch Dummheit. Das Kunstst&uuml;ck, wie das System die Freiheit ausbeute, erkl&auml;rt er nicht. Schlie&szlig;en sich Ausbeutung und Freiheit nicht eher aus? Also w&auml;re an dieser Stelle von eingebildeter Freiheit zu reden. Das tut er aber nicht.<\/p><p>Die Behauptung, dass heute der Typ des &ldquo;Selbst-Unternehmers&rdquo; die gegenw&auml;rtige Produktionsweise ausmache, zeigt schlaglichtartig, dass der Autor selbst in den Denkgewohnheiten des Neoliberalismus gefangen ist, unabh&auml;ngig davon, dass Massenproduktion immer die Produktion durch Massen braucht, m&ouml;gen diese auch schrumpfen. Als Alternative zu diesen Massen bleibt heute n&auml;mlich nur noch Arbeitslosigkeit. Aber keinesfalls Privatunternehmertum. Unternehmer ist ja keiner, der etwas unternimmt. Dann w&auml;re jeder der eine Wanderung unternimmt, ein Unternehmer. Unternehmer im volkswirtschaftlichen Sinn ist einer, der die T&auml;tigkeit der nachhaltigen Gewinnerzielung betreibt. Also Profit macht. Wo aber wurde der Arbeiter gefunden, der aus dem Unternehmen, in welchem er arbeitet, Profit zieht? Wahrscheinlich nur im Gef&auml;ngnis. Einsitzend wegen Diebstals. Der Begriff Selbstunternehmer ist also eine typisch neoliberale Schim&auml;re. Als Schim&auml;re wird dieser Begriff aber hier nicht gekennzeichnet. F&uuml;r den Autor muss es also zur Normalit&auml;t geh&ouml;ren, einen Ausgebeuteten als Unternehmer zu bezeichnen. Das sollte den Leser misstrauisch machen.<\/p><p>Fr&uuml;her war innerhalb der Unternehmen Solidarit&auml;t m&ouml;glich, sagt der Wissenschaftler. Ist es ihm entgangen, dass z.B. der Kampf um die Bildung von Betriebsr&auml;ten ein Zeichen daf&uuml;r ist, dass unter den Besch&auml;ftigten sehr wohl Solidarit&auml;t angestrebt wird? Gegen die Zumutungen des Neoliberalismus im jeweiligen Betrieb? Und dass es Firmenleitungen gibt, die &ndash; &uuml;brigens repressiv &ndash; die Bildung von Betriebsr&auml;ten verhindern wollen? Es hat den Anschein, dass insbesondere der Autor zu den ersch&ouml;pften, depressiven, vereinzelten Individuen geh&ouml;rt, von denen er hier berichtet, und die seiner Darstellung nach weder aus noch ein wissen.<\/p><p>Man k&ouml;nne den Neoliberalismus nicht marxistisch erkl&auml;ren. Als Beweis f&uuml;r diese k&uuml;hne Behauptung will er erkannt haben, dass heute die &ldquo;ber&uuml;hmte Entfremdung von der Arbeit&rdquo; nicht stattf&auml;nde. Hier kommt der Verdacht auf, dass der Autor Marx nicht verstanden hat, sollte er ihn jemals studiert haben. Die Entfremdung von der Arbeit ist nichts anderes als der Umstand, dass der Arbeitnehmer Dinge tun muss &ndash; im Produktionsprozess &ndash; damit er au&szlig;erhalb des Produktionsprozesses sich selbst verwirklichen kann. Also malochen, um sich au&szlig;erhalb der Arbeit das Menschsein leisten zu k&ouml;nnen. Aber eben nicht innerhalb der Arbeit. Denn sonst g&auml;be es in der Welt des Autors keine burnouts. Nat&uuml;rlich gibt es sogenannte Lustberufe &ndash; Schauspieler z, B. Dort geht mit Zwang auf Dauer gar nichts. Das ist aber gesellschaftlich nicht ins Gewicht fallend.<\/p><p>Dass man Kommunismus kaufen und verkaufen k&ouml;nne, sagt &uuml;ber den Autor nur, dass er sich nicht gen&uuml;gend mit dem Thema Kommunismus befasst hat, wenn er Wohlstand per se als Kommunismus bezeichnet. Und dass deshalb die Revolution ausfalle, mag man ihm als frommen Wunsch nachsehen.<\/p><p>Jutta Dittfurth sagte einmal sinngem&auml;&szlig;, dass, wer gegen die Zumutungen des Kapitalismus sei, an dessen &Uuml;berwindung arbeiten solle. Eines ist sicher, der Autor, Herr Byung-Chul Han, hat mit seinem Beitrag kund getan, dass er den Kapitalismus nicht als Zumutung empfindet.<\/p><p>Byung-Chul Han hat die Welt nur interpretiert. Es kommt darauf an, sie zu &auml;ndern. Was frag ich da nach Revolution! Und nach Byung-Chul Han&hellip;..<\/p><p>E. W., Pirna<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Zu dem Beitrag von Byung-Chul Han in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/neoliberales-herrschaftssystem-warum-heute-keine-revolution-moeglich-ist-1.2110256\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a>, zu den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23102#h13\">Anmerkungen von Orlando Pascheit und Albrecht M&uuml;ller<\/a> und zu dem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23115\">Leserbrief<\/a> auf diesen Artikel in den NachDenkSeiten gingen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/140905_Leserbriefe-Warum-heute-keine-Revolution-moeglich-ist.pdf%20.pdf\">eine Reihe von interessanten Diskussionsbeitr&auml;ge [PDF]<\/a> ein, die wir unseren Leserinnen  und Lesern nicht vorenthalten wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>(<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23102#h13\">Der NDS-Beitrag hier<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>Liebe Macher der Nachdenkseiten<\/p>\n<p>Mit Interesse bemerke ich, dass der Artikel der S&uuml;ddeutschen in den Nachdenkseiten unterschiedliche Wertungen erf&auml;hrt. Gestatten Sie mir deshalb, mich mit meiner Wortmeldung diesem Beitrag zu n&auml;hern.<\/p>\n<p>Im Zeitalter der Globalisierung ist Neoliberalismus weltumspannend. Um diesen zu bewerten, ist also Betrachtung der ganzen Welt n&ouml;tig. 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