{"id":23118,"date":"2014-09-04T09:42:25","date_gmt":"2014-09-04T07:42:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23118"},"modified":"2024-09-24T23:30:20","modified_gmt":"2024-09-24T21:30:20","slug":"lese-rechtschreibschwaeche-ist-keine-krankheit-sondern-das-produkt-schulischer-selektion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23118","title":{"rendered":"Lese-Rechtschreibschw\u00e4che ist keine Krankheit, sondern das Produkt schulischer Selektion"},"content":{"rendered":"<p>Kinder&auml;rzte in Deutschland behandeln einer aktuellen <a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/55865\/Umfrage-Kinderaerzte-behandeln-zunehmend-psychische-Probleme\">Umfrage<\/a> zufolge immer mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Auff&auml;lligkeiten. 96 Prozent der befragten Mediziner berichten &uuml;ber steigende Zahlen in den vergangenen zehn Jahren. &Auml;hnliches vermeldete vor einiger Zeit bereits das Landesinstitut f&uuml;r Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen in einem Bericht: &ldquo;Die kontinuierliche Zunahme von psychischen Erkrankungen und Verhaltensst&ouml;rungen bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren ist besorgniserregend&rdquo;, <a href=\"http:\/\/www.aerztezeitung.de\/politik_gesellschaft\/article\/614560\/zahl-psychischen-erkrankungen-steigt-jugendlichen-deutlich-staerker-erwachsenen.html\">hie&szlig;<\/a> es dort. Bei den ambulanten Behandlungsraten fiel die Zunahme bei Kindern und Jugendlichen mit 14,3 Prozent dabei fast doppelt so hoch aus wie in der Gesamtbev&ouml;lkerung. Der weitaus &uuml;berwiegende Teil der Behandlungsf&auml;lle war dabei auf &ldquo;Entwicklungsst&ouml;rungen (F80 bis F89)&rdquo; und &ldquo;Verhaltens- sowie emotionale St&ouml;rungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90 bis F98)&rdquo; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Was aber liegt wirklich &bdquo;am Kind&ldquo; &ndash; und was vielmehr an den <a href=\"http:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/downloads\/04PraeventionstagungLeidl.pdf\">Bedingungen [PDF &ndash; 152 KB]<\/a>, denen dieses ausgesetzt wird? <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit <strong>Ulrich Schulte<\/strong>, der als Ausbilder und Wissenschaftler seit Jahren zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Legasthenie\">Legasthenie<\/a>, einer der wichtigsten &bdquo;Entwicklungsst&ouml;rungen&ldquo;, arbeitet und forscht.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Schulte, Sie haben zuletzt mehrere Jahre f&uuml;r das Centre de psychologie et d&rsquo;orientation scolaire, das nationale Ministerium f&uuml;r Erziehung und Berufsausbildung in Luxemburg, gearbeitet und sich aus dieser Position heraus unl&auml;ngst in einem <a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/wp-content\/uploads\/LRS_Interview.pdf\">Interview mit dem Tagblatt [PDF &ndash; 75,6 KB]<\/a> deutlich gegen einen um sich greifenden &bdquo;Sortierungswahn&ldquo; gewandt. Dieser und nicht etwa eine Zunahme der &bdquo;Krankheit Legasthenie&ldquo; sei verantwortlich f&uuml;r die Zunahme an Kindern mit Lese- und Rechtschreibproblemen. Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Na ja, vielleicht habe ich mit dem &bdquo;Sortierungswahn&rdquo; den Nagel noch nicht recht auf den Kopf getroffen. Denn der Begriff legt das Missverst&auml;ndnis nahe, die Kritik richte sich nur gegen den Ausbau der an und durch Schule praktizierten Selektion. <\/p><p>Tats&auml;chlich gibt jedoch schon der ganz normale, st&auml;ndig stattfindende Leistungsvergleich mit den daraus gezogenen Schlussfolgerungen ziemlich gut Auskunft &uuml;ber den Zweck der schulischen Wissensvermittlung: Nicht optimale F&ouml;rderung f&uuml;r alle &ndash; mit dem daf&uuml;r n&ouml;tigen Aufwand an Know-how und Zeit &ndash; sind da angesagt, sondern das <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/pisa_chancenungerechtigkeit.php\">Herstellen von Unterschieden bei Sch&uuml;lern<\/a> steht auf dem Programm, wodurch schlie&szlig;lich die Mehrheit der Sch&uuml;ler von den M&ouml;glichkeiten einer weiterf&uuml;hrenden Bildung ausgeschlossen wird.<\/p><p><strong>&hellip;das &bdquo;Herstellen von Unterschieden&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Nehmen Sie beispielsweise eine Klassenarbeit: Da wird ein bestimmtes Thema im Unterricht durchgenommen und soll gelernt werden. Ab und zu l&auml;sst der Lehrer oder die Lehrerin Klassenarbeiten schreiben, in denen er &ldquo;das Gelernte abfragen&rdquo; will. An der Klassenarbeit ist zu sehen, wie die schulische Lernerfolgskontrolle funktioniert und um welchen &ldquo;Lernerfolg&rdquo; es &uuml;berhaupt geht, der da gemessen werden soll. Denn der oder die Lehrende ist sich ja gar nicht unsicher, ob ihm der eine oder andere Mangel bei den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern entgangen ist, sondern hat vielmehr die Gewissheit, dass in der Klasse nach dem Durchnehmen des Stoffs noch eine ganze Menge Unkenntnis besteht. <\/p><p>Es ist jedoch schulischer Usus, ein Thema nicht dann abzuschlie&szlig;en, wenn es jeder und jede verstanden hat, sondern die Behandlung des Stoffs vorher abzubrechen: V&ouml;llig unabh&auml;ngig vom Kenntnisstand, vom Lerntempo, von den unterschiedlichen Interessen, den besonderen Lernproblemen und Schwierigkeiten der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler ist im Lehrplan, der den Lehrenden vom Staat vorgeschrieben wird, festgelegt, dass in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Stoffmenge &ldquo;durchgenommen&rdquo; werden muss. <\/p><p>Auf diese Weise wird Wissen zu einem ihm v&ouml;llig &auml;u&szlig;erlichen Kriterium ins Verh&auml;ltnis gesetzt: n&auml;mlich, der <em>Zeit<\/em>. Denn: Wenn nach dem Schreiben der Klassenarbeiten das Thema beziehungsweise die Lernphase bewusst ab- und zu neuen Ufern aufgebrochen wird, dann interessiert Lernen nur insoweit, als dass es eine Leistungsverausgabung darstellt: <em>Lernen pro Zeit<\/em> ist dann die geforderte Leistung &ndash; nicht Lernen, Verstehen an sich. Wer wirklich wollte, dass alle Kinder lernen und verstehen, der w&uuml;rde sie nicht Bedingungen aussetzen, die per se Gewinner und Verlierer erzeugen, indem sie verschiedenartige Leistungen erzwingen. <\/p><p>Apropos: Haben Sie eine Vorstellung, was gesch&auml;he, wenn ein Lehrer wirklich einmal alle Sch&uuml;ler dazu br&auml;chte, gute Noten zu erzielen? Er bek&auml;me &Auml;rger &ndash; und zwar immensen &Auml;rger. Denn eben das will Schule nicht &ndash; sie soll &uuml;berwiegend mittelm&auml;&szlig;ige sowie diese und jene guten und schlechten Leistungen <a href=\"http:\/\/www.studis-online.de\/HoPo\/Hintergrund\/pisa_chancenungerechtigkeit.php\">mittels Benotung generieren<\/a>. <\/p><p><strong>Das haben Sie ja auch in einer Ihrer &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/\">Geschichten von Herrn Keiner<\/a>&ldquo; skizziert. &bdquo;Die Sch&uuml;ler machen die Erfahrung, dass wiederholt entdeckte Wissensl&uuml;cken von der Schule gegen sie verwendet werden. Sind ihre Noten &uuml;ber l&auml;ngere Zeit nicht ausreichend, werden sie herabgestuft und im Falle andauernder schlechter Leistung von den besseren Bildungsm&ouml;glichkeiten ausgeschlossen. Das wiederum hat bekanntlich schwerwiegende Folgen f&uuml;r den weiteren Lebensweg der Sch&uuml;ler. &sbquo;Daher ist die Angst der Sch&uuml;ler vor der Schule gut nachzuvollziehen&lsquo;, sagte Herr K. &sbquo;Doch eine Schule, die Angst vor ihr erzeugt, macht in diesen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen Sinn. Sie bereitet die Sch&uuml;ler auf ein Leben vor, in dem es Besser- und Schlechtergestellte geben muss. Die Schule hilft bei der Einsortierung in diese Welt, sie leistet einen n&uuml;tzlichen Beitrag f&uuml;r schlechte gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse.&lsquo;&ldquo;, hei&szlig;t es <a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/geschichten\/schul-angst\/\">dort<\/a>. Darum geht es, verstehe ich recht?<\/strong><\/p><p>Genau das.<\/p><p><strong>Und was hat derlei mit der Lese- und Rechtschreibproblemen beziehungsweise der Diagnose einer Legasthenie zu tun? Dieselbe f&uuml;hrt doch im Schulalltag dazu, dass den Problemen der Sch&uuml;ler endlich Rechnung getragen wird, indem ihnen mit spezieller F&ouml;rderung oder der teilweisen Aussetzung der Notengebung Unterst&uuml;tzung zuteil wird&hellip;<\/strong><\/p><p>Das stimmt, gilt aber nur vor&uuml;bergehend. Denn nach Ablauf der &ldquo;Schonfrist&rdquo; schl&auml;gt die diagnostizierte &ldquo;St&ouml;rung&rdquo; wieder voll gegen die Sch&uuml;ler aus, da ihnen die weiterhin vorhandenen M&auml;ngel im Lesen und Schreiben nun sehr wohl durch eine entsprechend schlechte Benotung angerechnet und zugeschrieben werden. Sie sind in der Sicht des Deutschunterrichts jetzt nur noch ganz normal &ldquo;schlechte Sch&uuml;ler&rdquo; &ndash; mit den bekannten negativen Folgen f&uuml;r das weitere schulische Vorankommen.<\/p><p>So ist die Zuschreibung solch veranlagungsbedingter &ldquo;Schw&auml;chen&rdquo; in Summe eben nur die pseudowissenschaftliche Fassung der L&uuml;ge, dass es an den Sch&uuml;lern selbst l&auml;ge, was aus ihnen in diesem Schulsystem wird. Denn es wird ja nicht gesagt: Es ist unser Wille, per dauerndem Leistungsvergleich zuerst sowohl gute als auch schlechte Leistungen zu erzeugen und hiernach dann die guten von den schlechten Sch&uuml;lern zu scheiden. Stattdessen wird gesagt: Mit unserer Selektion und der daraus folgenden Chancen-Zuteilung entsprechen wir ganz und gar den vorhandenen F&auml;higkeiten und Begabungen unserer Sch&uuml;ler. Wir handeln also durch und durch &lsquo;kindgerecht&rsquo;.<\/p><p>Ein sp&auml;teres Versagen derlei &bdquo;diagnostizierter&ldquo; Sch&uuml;ler trotz der vermeintlichen Unterst&uuml;tzung, die ihnen zeitweise zuteil geworden ist, ist dadurch ideologisch besser als &bdquo;wirklich im Kinde selbst begr&uuml;ndetes Problem&ldquo; abgesichert. Immerhin hat man ja vermeintlich alles Menschenm&ouml;gliche getan. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"236\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/cECB9YbuJq0?rel=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Konstantin Wecker: Absurdistan<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Aber was soll an der Feststellung, dass einige Kinder Probleme beim Lesen und Schreiben haben und also ein in der Schule sichtbar werdendes Problem haben, das mit ihnen zu tun hat, denn eine L&uuml;ge sein? Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist doch sicht- wie nachweisbar&hellip;: Das Kind ist den Anforderungen des Deutschunterrichts nicht hinreichend gewachsen!<\/strong><\/p><p>Ja, <em>welchen<\/em> Anforderungen denn? Das frage ich, um das Augenmerk auf die bemerkenswerte Tatsache zu richten, dass es ganz und gar von den jeweiligen schulischen Anforderungen abh&auml;ngig gemacht ist, ob ein Sch&uuml;ler eine solche &ldquo;St&ouml;rung&rdquo; bescheinigt bekommt oder nicht. <\/p><p>Genauer gesagt: Bei der Auswertung etwa eines Rechtschreibtests der 6. Klasse wird schulspezifisch verfahren, was wiederum hei&szlig;t, dass bei gleich gro&szlig;er Fehlerzahl im gleichen Test der Hauptsch&uuml;ler gut, der Realsch&uuml;ler m&auml;&szlig;ig und der Gymnasiast als &ldquo;Problemfall&rdquo; abschneiden wird. Letzterer f&auml;llt dann umgehend in die Kategorie &ldquo;Verdacht einer Lese-Rechtschreibschw&auml;che&rdquo;. <\/p><p>Das macht doch deutlich, dass dieser &ldquo;Verdacht&rdquo; nicht aufgrund innerer M&auml;ngel von Sch&uuml;lern ermittelt wird &ndash; denn das m&uuml;sste ja f&uuml;r alle Sch&uuml;ler aller Schularten gleicherma&szlig;en gelten &ndash;, sondern sich die festgestellte &ldquo;Schw&auml;che&rdquo; &uuml;berhaupt erst in Relation zu den spezifischen Anforderungen, die an den Sch&uuml;ler in seinem Schultyp gestellt werden und im Leistungsvergleich mit anderen ergeben, ausgemacht wird. <\/p><p><strong>Aber ist den wirklich gar nichts dran an der Theorie einer &ldquo;St&ouml;rung&rdquo; des kindlichen Lernverhaltens? Es ist doch sogar h&auml;ufig die Rede davon, dass solche M&auml;ngel vererbt w&uuml;rden; dass bei vielen betroffenen Kindern schon die V&auml;tern und M&uuml;tter vergleichbare Probleme hatten&hellip;<\/strong><\/p><p>Das mag schon so sein, doch der Vergleich mit einer vererbbaren &ldquo;Krankheit&rdquo;, die den Menschen unabh&auml;ngig von seinem Willen und dem Stand seines Bewusstseins bef&auml;llt, ist im Falle einer festgestellten Fehlerhaftigkeit des Schreibens und Lesens v&ouml;llig fehl am Platz. Denn bei Letzterem handelt es sich um eine geistige T&auml;tigkeit, bei der man Fehler machen kann, aber nicht muss. Es gibt kein Gen, das einen zum Fehlermachen determiniert und etwa zum notorischen Weglassen des Dehnungs-Hs zwingt. <\/p><p>In diesen und anderen F&auml;llen m&uuml;ssen die Regeln des Schreibens gelernt und verstanden sein, dann ist es aus und vorbei mit der sogenannten &ldquo;Krankheit&rdquo;. Ohne jede gentechnische Manipulation. Aber so einfach will man das in unserem Schulsystem nicht sehen, denn das kostete Geld f&uuml;r kleinere Klassen, andere P&auml;dagogik und zudem wohl ein wirkliches Umdenken und Hinterfragen der vorhandenen Leistungsideologie. Das eine Entwicklung in diese Richtung nicht gew&uuml;nscht ist, ist jeder wissenschaftliche Unfug willkommen, wenn dieser nur daf&uuml;r von Nutzen ist, die schulische Selektion als &ldquo;Dienst&rdquo; an den &ldquo;F&auml;higkeiten des Kindes&rdquo; umzuwidmen und diese so gegen jede Kritik immun zu machen. <\/p><p><strong>Aber Sie werden doch nicht abstreiten, dass es Kinder &ndash; und soweit ich das nachvollziehen kann: immer mehr Kinder &ndash; mit gro&szlig;en Problemen beim Lesen und Schreiben gibt? Wir m&uuml;ssen das ja nicht als &bdquo;Krankheit&ldquo; klassifizieren. Fakt ist aber doch: Es gibt ein Problem. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie Schritte wider die schulische Selektion dabei helfen sollten, den entsprechenden Kindern das Lesen oder Schreiben beizubringen&hellip;<\/strong><\/p><p>Ich habe in meiner Ver&ouml;ffentlichung <a href=\"http:\/\/www.cpos.public.lu\/publications\/LRS\/Schriftspracherwerb_und_LRS.pdf\">&ldquo;Schriftspracherwerb und LRS &ndash; Wie Sch&uuml;lern mit einer Lese-Rechtschreibschw&auml;che geholfen werden kann&rdquo; [PDF &ndash; 576 KB]<\/a> ausf&uuml;hrlich dargestellt, dass die gro&szlig;en Probleme beim richtigen Schreiben und Lesen von der Schule selbst produziert werden. <\/p><p>Die Sch&uuml;ler bekommen schlicht zu wenig Wissen &uuml;ber die Regularien der Schriftsprache an die Hand. Die Schule verl&auml;sst sich in der Regel einfach darauf, dass sich durch viel &Uuml;ben die gemachten Fehler abschleifen. Das kann durchaus funktionieren &ndash; viele Sch&uuml;ler haben keine Ahnung von den Regeln, schreiben aber trotzdem die meisten W&ouml;rter richtig -, doch bei einer stattlichen Zahl von Sch&uuml;lern funktioniert das eben nicht. <\/p><p>Die sind dann durch den erfahrenen schulischen Misserfolg gew&ouml;hnlich so sehr irritiert, dass in den meisten F&auml;llen auch das vermehrte &Uuml;ben nicht weiter hilft. Hier helfen nur &Uuml;bungen, die auf der Erkl&auml;rung der jeweiligen Schreibung beruhen. Doch darauf ist die Lehrerschaft nicht vorbereitet: Als in der Regel fr&uuml;her selbst gute Sch&uuml;ler haben sie zwar das richtige Schreiben gelernt, in ihrer Lehrer-Ausbildung aber zu wenig Wissen &uuml;ber die Regeln der Schriftsprache vermittelt bekommen. Die Kinder sollen ja das Schreiben durch viel stupides &Uuml;ben erlernen&hellip; Und das macht ja auch Sinn in Schulverh&auml;ltnissen, denen es um eine Selektion der Auszubildenden geht: Wer das mit dem &Uuml;ben in der verlangten Zeit nicht hinkriegt, der ist eben nicht geeignet, die angebotenen Aufstiegschancen erfolgreich wahrzunehmen.<\/p><p><strong>Aus Ihrer Kritik am Schulsystem und Ihrem Verst&auml;ndnis der Legasthenie folgt also was genau, wenn den betroffenen Kindern wirklich geholfen werden soll?<\/strong><\/p><p>Ich habe in der schon erw&auml;hnten Schrift f&uuml;r das Luxemburger Erziehungsministerium, die kostenlos im Netz heruntergeladen werden kann, einen Anhang mit &Uuml;bungen zum Erlernen der Rechtschreibregeln erstellt. Da ist jedem &Uuml;bungsbereich eine Erkl&auml;rung vorangestellt, welche dabei hilft, die nachfolgenden Aufgaben &ndash; mit einigem Nachdenken &ndash; weitgehend fehlerfrei zu l&ouml;sen. <\/p><p>Das lie&szlig;e sich noch erg&auml;nzen durch &Uuml;bungen zu den Konsonanten b, d, g und s, die an bestimmten Stellen im Wort wie p, t, k und &szlig; gesprochen, also auch f&auml;lschlicherweise so geschrieben werden. Mit dem Wissen um die richtige Rechtschreibung in den beiden genannten Bereichen lie&szlig;en sich schon etwa 80 Prozent der gemachten Schreibfehler vermeiden. <\/p><p>Und meine Erfahrungen im Umgang mit den sogenannten &ldquo;Problemf&auml;llen&rdquo; zeigen, dass in der Regel <em>alle<\/em> &ldquo;geheilt&rdquo; werden k&ouml;nnen. Denn im Unterschied zum schulischen Deutsch-Lernen sorgen die Fortschritte beim Begreifen der Regeln auch f&uuml;r das wachsende Interesse der Sch&uuml;ler an dem Unterricht. Die Sch&uuml;ler lernen, &uuml;ber die richtige Schreibweise nicht mehr &ldquo;aus dem Bauch heraus&rdquo; zu entscheiden, sondern sie lernen, mit Hilfe ihres Verstandes zu schreiben. Da kommt gerade bei denen, die bislang als &ldquo;Problemf&auml;lle&rdquo; angesehen wurden und als &ldquo;gest&ouml;rt&rdquo; galten, begreiflicherweise Freude auf. Sie registrieren, dass sie denken k&ouml;nnen. Ohne Problem. Das macht Laune.<\/p><p>Und da man mit dieser am besten lernt, dann also, wenn Lernen Freude bereitet und nicht der Angstabwehr weil Vermeidung schlechter Noten und von Besch&auml;mung dient, ist auch jeder Schritt weg von schulischem Druck und Besch&auml;mung ein Schritt hin zur &bdquo;Heilung&ldquo; von Legasthenie und anderen so genannten St&ouml;rungen. Wo Lernen n&auml;mlich Freude bereitet und man sich Zeit f&uuml;r das Individuum nimmt statt dieses &bdquo;zum Lernobjekt&ldquo; zu machen &ndash; da gibt es viele Probleme, die es heute noch gibt, weil Schulen eben so sind, wie sie sind, schlicht nicht mehr&hellip; <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Ulrich Schulte<\/strong> war nach Abschluss des Studiums (dipl. Theologe, Dr. phil.) zun&auml;chst als Berufsschul- und Gymnasiallehrer sowie in der Lehrerfortbildung t&auml;tig, danach als Hochschullehrer in M&uuml;nchen, Kassel (Gastprofessur) und Dortmund. Seit 1992 arbeitet er mit lese- und rechtschreibschwachen Sch&uuml;lern.<\/p><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/wp-content\/uploads\/LRS_Interview.pdf\">Luxemburger Tagblatt: &bdquo;Legasthenie ist das Ergebnis eines Sortierungswahns&ldquo; [PDF &ndash; 75,6 KB]<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/wp-content\/uploads\/LRS_Artikel.pdf\">Luxemburger Tagblatt: &bdquo;LRS: Worauf bei einer wirksamen Hilfe zu achten ist&ldquo; [PDF &ndash; 276 KB]<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/geschichten\/schul-angst\/\">Ulrich Schule: Geschichten von Herr Keiner: Schul-Angst<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.herrkeiner.com\/geschichten\/wahrnehmungs-fehler\/\">Ulrich Schule: Geschichten von Herr Keiner: Wahrnehmungs-Fehler<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinder&auml;rzte in Deutschland behandeln einer aktuellen <a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/nachrichten\/55865\/Umfrage-Kinderaerzte-behandeln-zunehmend-psychische-Probleme\">Umfrage<\/a> zufolge immer mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Auff&auml;lligkeiten. 96 Prozent der befragten Mediziner berichten &uuml;ber steigende Zahlen in den vergangenen zehn Jahren. &Auml;hnliches vermeldete vor einiger Zeit bereits das Landesinstitut f&uuml;r Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen in einem Bericht: &ldquo;Die kontinuierliche Zunahme von psychischen Erkrankungen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23118\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,206,149,209],"tags":[],"class_list":["post-23118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-chancengerechtigkeit","category-gesundheitspolitik","category-interviews"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23118"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121901,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23118\/revisions\/121901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}