{"id":23128,"date":"2014-09-05T09:15:38","date_gmt":"2014-09-05T07:15:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23128"},"modified":"2014-09-05T11:10:10","modified_gmt":"2014-09-05T09:10:10","slug":"rezension-warum-unsere-studenten-so-angepasst-sind-von-christiane-florin-vom-wir-zum-ich-ich-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23128","title":{"rendered":"Rezension: \u201eWarum unsere Studenten so angepasst sind\u201c &#8211; von Christiane Florin &#8211; Vom WIR zum ICH-ICH-ICH"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/warum-unsere-studenten-so-angepasst-sind.jpg\" alt=\"Warum unsere Studenten so angepasst sind\" title=\"Warum unsere Studenten so angepasst sind\"><\/div><p>&ldquo;Oh&ldquo;, meinte erstaunt ein mir bekannter junger Student, als ich ihm von dem B&uuml;chlein mit dem Titel &bdquo;Warum unsere Studenten so angepasst sind&ldquo; erz&auml;hlte. &bdquo;Das will ich auch lesen!&ldquo;, rief er interessiert. Das vorneweg: Diese Schrift wird ihn, ebenso wie hoffentlich zahlreiche Leser, nicht entt&auml;uschen.<br>\nAllein das Reizwort &bdquo;angepasst&ldquo; provoziert Nachdenklichkeit, pr&auml;gt es doch einen pejorativen Beigeschmack. Keiner will als angepasst gelten. Weder Studenten noch B&uuml;rger. Das ist Mitl&auml;ufertum, nach&auml;ffen wollen, willenloses Nachahmen, Vorgekautes schlucken m&uuml;ssen, blind gehorchen und, und, und&hellip; Nicht zu verwechseln mit dem Denken und Tun aus tiefster innerer &Uuml;berzeugung. Buchtipp von <strong>Harry Popow<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAngepasstsein &ndash; zwei Seiten einer Medaille. Die Machthaber, wer auch immer, als auch die Ausf&uuml;hrenden. In diesem Fall die Studenten. Christiane Florin wei&szlig;, wovon sie erz&auml;hlt. Sie ist seit &uuml;ber zehn Jahren Lehrbeauftragte am Institut f&uuml;r Politische Wissenschaft und Soziologie der Universit&auml;t Bonn. Sie lehrt Medienpolitik und Medienkultur. Bis 2010 leitete sie das Feuilleton des &bdquo;Rheinischen Merkur&ldquo;, heute ist sie die Redaktionsleiterin von &bdquo;Christ und Welt&ldquo; in der &bdquo;Zeit&ldquo;.<\/p><p>Ihr B&uuml;chlein von nur 80 Seiten explodiert nahezu von pers&ouml;nlichen Beobachtungen und Erfahrungen. Es seien Notizen, die nie f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit gedacht waren, nun aber notwendig erscheinen und den Charakter eines Protokolls einer Anpassung, einer Kommunikationsst&ouml;rung und einer Sehnsucht haben, wie die Autorin im Vorwort schreibt.<\/p><p>Der Ist-Zustand einer jungen Generation steht im Fokus. Wissenschaftler, die mit an der Zukunft basteln, die Wege zu bereiten haben f&uuml;r ein friedvolles Wachsen im Interesse aller. Sie sollten sich, so die Hoffnung der Christiane Florin, einen eigenen Standpunkt erarbeiten, sollen als Individualit&auml;ten gelten und nicht der Ich-H&auml;tschelei unterliegen. (S. 55) Ja, sie m&ouml;gen gleichzeitig Widerstand leisten. Aber wogegen? Wie gegen die &Auml;ngste vor einem Nuklearkrieg angehen, wie gegen die Alternativlosigkeit des Systems? (S. 43)<\/p><p>Die Umst&auml;nde sind es, die das Denken und Handeln der Studenten in eine Richtung lenken, die alles andere als kreativ und ver&auml;ndernd auf die Gesellschaft wirken. So liest man im Buch mit Schrecken von dem Unwillen vieler, Neues entdecken zu wollen, von dem einzigen Interesse, die Rohstoff-Menge an Lehrmaterial in der festgelegten Zeit zu bew&auml;ltigen, von der Ablehnung von Diskursen, die ja altmodisch seien, von der Anspruchslosigkeit, was Inhalte betrifft, von der Abneigung politischen Denkens, von der Ge&uuml;btheit, die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu ber&uuml;cksichtigen, geleitet von dem Motiv, zur Leistungsgesellschaft dazuzugeh&ouml;ren. Was bleibt? Die Intelligenz im Gleichschritt mit einer Macht, die wiederholt die Welt in Kriege getrieben hat und nun deren &bdquo;Neuvermessung&ldquo; anstrebt.<\/p><p>Erg&auml;nzend hierzu eine &Uuml;berlegung von Samira Manthey im Augustheft der Monatszeitschrift RotFuchs:  Politik sei unn&uuml;tz. Man m&uuml;sse sich also gar nicht informieren. Man achtet weder auf Fakten noch auf Gerechtigkeit. So werde ein Verst&auml;ndnis der aktuellen Weltlage nicht erreicht. &bdquo;Es werden die vielf&auml;ltigen Erscheinungsformen betrachtet, die man nach ihrer Meinung so oder so bewerten kann, aber die F&auml;higkeit, Zusammenh&auml;nge auf der Basis des Nicht-Gelogenen zu erkennen, geht schon in meiner Generation verloren.&ldquo;<\/p><p>Dieser Druck des Marktes, sich verkaufen zu m&uuml;ssen, der ist es, der Bl&uuml;ten der Absonderlichkeiten treibt. Mehr scheinen zu wollen als zu sein, jegliche &auml;u&szlig;ere Statements zu bedienen, an den Beruf mit dem Slogan &bdquo;Irgendwas &ndash; mit Management tun zu haben&ldquo;, das eigene Ich in den Mittelpunkt zu stellen, das Private, keine Fragen stellen zu wollen, das Bem&uuml;hen um ein eigenes Urteil als l&auml;stig zu empfinden, die &Uuml;bersch&auml;tzung der sogenannten Selbstverwirklichung, die fast min&uuml;tlich erfolgende Erkundung der eigenen Befindlichkeit, das Shoppen als das eigentlich Politische zu betrachten, die Erwartung vom Lehrk&ouml;rper, er m&ouml;ge bittesch&ouml;n eine fertige &bdquo;Welterkl&auml;rung&ldquo; liefern. Die Autorin zitiert auf Seite 40 eine Studentin mit Namen Jukiane L&ouml;ffler mit folgenden Worten: &bdquo;Die Zukunftsangst meiner Generation ist zum Motor unserer standardisierten Leistungsbereitschaft geworden&ldquo;.<\/p><p>Die Autorin schreibt als Dozentin von &bdquo;unseren Opfern&ldquo;. &bdquo;Sie tun brav das, was wir Dozenten (&hellip;) von ihnen erwarten und m&uuml;ssen sich auch noch in einem bildungsb&uuml;rgerlichen Blatt f&uuml;r ihre Anpassungsleistung kritisieren lassen.&ldquo; Einige Zeilen weiter hei&szlig;t es, man wisse &bdquo;weder an der Uni noch im Rest der Gesellschaft (&hellip;) ob sich eine Haltung &uuml;berhaupt lohnt&ldquo;. (S. 41) Ihre Studenten k&ouml;nnten wie das entspannte Gesicht des Kapitalismus sein, &bdquo;keine Systemdiskussion verzerrt ihre Z&uuml;ge&ldquo;, so die Autorin. Einige Politikstudentinnen kontern: Wo solle die Kritik ansetzen, wenn man gar nicht &uuml;ber die entscheidenden Themen spreche, sondern nur danach befragt werde, wie die bisherigen Bundeskanzler hie&szlig;en? Es sei der Eindruck entstanden, dass &bdquo;Ver&auml;nderungen heute fast unerreichbar geworden sind&ldquo;. (S. 43) Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass das Okaysein oberstes Lernziel geworden sei, wobei es wichtig sei, den eigenen Nutzen f&uuml;r sich selbst als messbar zu erkennen. (S. 22) Im Grunde genommen gehe man von einer Haltung aus, die da lautet, &bdquo;heute so, morgen so&ldquo;. Eine Haltung der Unverbindlichkeiten, des Lavierens zwischen angeblich verschiedenen Wahlm&ouml;glichkeiten, die einer sperrigen Vielfalt entsprechen. (S. 24) Der viel gelobhudelte Pluralismus l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en. Ich als Rezensent stimme der Samira Manthey (siehe weiter oben) auch hier zu: &bdquo;Kapitalistische Ideologisierung der Eliten funktioniert durch das S&auml;en von Zweifeln und Hoffnungslosigkeit, indem man ihnen eintrichtert, man k&ouml;nne alles &acute;so oder so&acute; sehen, Begriffe verl&ouml;ren ihre Eindeutigkeit, M&ouml;glichkeiten w&auml;ren sch&ouml;ner als `Festschreibungen&acute;, es g&auml;be keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen Individuen und vor allem nicht die daraus resultierende Verantwortung f&uuml;reinander.&ldquo;<\/p><p>Bleibt die Frage: Wof&uuml;r und warum sollen sich die Studenten danach strecken, Urteilsf&auml;higkeit, Selbstst&auml;ndigkeit und Kreativit&auml;t zu erlangen, wenn deren Sinn und Denken des Existenzkampfes unter ausschlie&szlig;lich Marktbedingungen getrimmt wird, mithalten zu k&ouml;nnen im Kampf um das gro&szlig;e und kleine Geld? Wer von Zeitvertrag zu Zeitvertrag stolpern muss, bleibt angepasst (S. 68). Wer stellt da noch Fragen nach dem Sinn des Lebens? Nach Inhalten? Die Ursachen liegen tiefer. So schreibt Werner Seppmann in der &bdquo;jungen welt&ldquo; vom 10.08.2012: &bdquo;Es wird ein Menschenbild negiert, das als Gegenprinzip zur Welt der Entfremdung und Verdinglichung dienen k&ouml;nnte. Die theoretische Abwertung des Menschen korrespondiert mit der Weigerung, sich &uuml;berhaupt noch mit den gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen und den von ihnen produzierten Entfremdungsformen jenseits symbolischer Beschw&ouml;rungsrituale auseinanderzusetzen.&ldquo;<\/p><p>Die Autorin vermisst nicht die Ideologien, sondern die Ideen, nicht die Meinungsst&auml;rke, sondern die Urteilskraft. Sie w&uuml;nsche sich einen &bdquo;Wissenschaftsbetrieb, der Platz l&auml;sst f&uuml;r Abseitiges, Originelles, Widerborstiges&ldquo;. (S. 79) Ist dies nicht zu eng gedacht? Worauf l&auml;uft dann dieses Nichtanpassen hinaus? Bei unver&auml;nderten kapitalistischen Produktionsverh&auml;ltnissen darauf, die Barbarei, die Machtverh&auml;ltnisse, die ja von den Studenten akzeptiert und auch kritisiert werden, zu perfektionieren. F&uuml;r wen und wof&uuml;r solle man sich kreativ verhalten?<\/p><p>Der Jurist Glenn Greenwald, er gilt als einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in den USA, wurde in der &bdquo;jungen welt&ldquo; &ndash; Beilage vom 27. August 2014 mit folgenden Worten zum Angepasstsein zitiert: Man habe (&hellip;) als mutige Journalisten zwei M&ouml;glichkeiten -, &bdquo;Anpassung an die institutionelle Autorit&auml;t oder radikalen Widerspruch dagegen&ldquo;. Nicht das Letztere sei Zeichen einer Pers&ouml;nlichkeitsst&ouml;rung, wie mitunter behauptet werde, sondern die Weigerung, Einspruch zu erheben sei Zeichen einer Charakterschw&auml;che oder moralischen Versagens. Ich meine, wenn man wei&szlig; wof&uuml;r und wogegen. Besser, man kehre die Sache um: Vom ICH zum WIR. Doch das ist eine inhaltliche Sache, ein grundlegendes politisches Anliegen, das ja verp&ouml;nt ist. Darin kein Dilemma zu sehen macht bereits blind.<\/p><p>Im letzten Satz meint die Autorin, es sei ihr noch kein Student untergekommen, der Bundeskanzler nicht nur aufz&auml;hlen, &bdquo;sondern auch einen hervorbringen kann&ldquo;. Hoppla, der politisch urteilsf&auml;hige anfangs von mir genannte Student (ihn gibt es wirklich) w&uuml;rde sich die Haare raufen, nur marktkonform und aalglatt durchs Leben zu lavieren? W&auml;re er in den Augen der Autorin der Idealstudent? (PK)<\/p><p><em>Christiane Florin: &bdquo;Warum unsere Studenten so angepasst sind&ldquo;, Rowohlt Taschenbuch Verlag, September 2014, 80 Seiten, ISBN: 978-3-499-61741-6, 4,99 Euro, Auch als E-Book erh&auml;ltlich, ISBN: 978-3-644-51831-5<\/em><\/p><p><em>Mehr &uuml;ber den Rezensenten: <a href=\"http:\/\/cleo-schreiber.blogspot.com\">cleo-schreiber.blogspot.com<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/warum-unsere-studenten-so-angepasst-sind.jpg\" alt=\"Warum unsere Studenten so angepasst sind\" title=\"Warum unsere Studenten so angepasst sind\"\/><\/div>\n<p>&ldquo;Oh&ldquo;, meinte erstaunt ein mir bekannter junger Student, als ich ihm von dem B&uuml;chlein mit dem Titel &bdquo;Warum unsere Studenten so angepasst sind&ldquo; erz&auml;hlte. &bdquo;Das will ich auch lesen!&ldquo;, rief er interessiert. 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