{"id":23149,"date":"2014-09-08T09:16:30","date_gmt":"2014-09-08T07:16:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23149"},"modified":"2024-09-24T23:29:39","modified_gmt":"2024-09-24T21:29:39","slug":"der-schlussverkauf-oeffentlicher-bildung-soll-beginnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23149","title":{"rendered":"Der Schlussverkauf \u00f6ffentlicher Bildung soll beginnen"},"content":{"rendered":"<p>Die Behauptung, dass PISA alles besser mache, ist durch die Realit&auml;t in deutschen Klassenzimmern evident widerlegt. Die Kritik am &bdquo;Besser durch Messen&ldquo; gewann daher auch zunehmend an <a href=\"http:\/\/oecdpisaletter.org\/\">Fahrt<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/schule\/2014-09\/schulsystem-effizienz\">in der ZEIT<\/a> unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Unser Schulsystem ist ineffizient. Die Pisa-Gewinner kommen mit weniger Lehrern und geringerer Bezahlung aus&ldquo; vorgestellte <a href=\"http:\/\/www.edefficiencyindex.com\/book\/\">Studie<\/a> der britischen Bildungsberatung <a href=\"http:\/\/www.gemsedsolutions.com\/\">Gems Education Solutions<\/a> heizt die Debatte nun auf neue Art an, werden ob derlei &bdquo;PISA-Analysen&ldquo; doch zunehmend Fragen laut, ob das stete Wiegen, das die sprichw&ouml;rtliche Sau, so die Kritiker, ohnehin noch nie fetter gemacht habe, nicht wom&ouml;glich von Beginn an viel mehr auf K&uuml;rzungen nationaler Bildungsbudgets denn auf reale Verbesserungen der Lernbedingungen deutscher Sch&uuml;ler ausgerichtet gewesen ist. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit dem renommierten PISA-Kritiker und stellvertretenden Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der <a href=\"http:\/\/bildung-wissen.eu\/\">Gesellschaft Bildung und Wissen<\/a>  <strong>Matthias Burchardt<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23149#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Herr Burchardt, nun ist die Katze endlich aus dem Sack. Denn Wissenschaftler haben festgestellt, dass &ndash; ich <a href=\"http:\/\/www.teachersnews.net\/mediathek\/file\/deutsch%20EFFICIENCY%20INDEX%20PRESS%20RELEASE%20GERMANY_DE_Final_(2).doc\">zitiere<\/a>:<\/strong><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Deutschland (&hellip;) im neuen internationalen Index zur Effizienz der Bildungssysteme von 30 OECD-L&auml;ndern ganz weit hinten auf Platz 25 und damit hinter allen anderen nordeurop&auml;ischen L&auml;ndern mit Ausnahme der Schweiz &ndash; und das trotz einer relativ hohen PISA-Platzierung&ldquo; liege. Unser Bildungssystem soll also &ndash; das wundert mich sehr &ndash; offensichtlich zum einen gut sein und zum anderen &ndash; das irritiert mich noch mehr &ndash; auch noch &bdquo;teurer als notwendig&ldquo;&hellip;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Na, das sind ja wirklich einmal gute Neuigkeiten! Bedenken Sie nur, wie viel Geld jetzt pl&ouml;tzlich erwiesenerma&szlig;en frei werden k&ouml;nnte f&uuml;r humanit&auml;re Destabilisierungskriege oder Bankenrettungen&hellip; Aber im Ernst: Sie verstehen das schon richtig. Beide Thesen werden von den Urhebern der Studie sehr deutlich formuliert. Und die L&ouml;sung haben sie auch gleich parat, denn zum einen seien die Klassen hierzulande zu klein und zum anderen verdienten die Lehrer zu viel. Dass sich dieser Unfug noch als Wissenschaft darzustellen vermag, sagt sicher mehr &uuml;ber den Verfall der Wissenschaft als &uuml;ber die Qualit&auml;t oder &bdquo;Effizienz&ldquo; unseres Bildungssystems aus. <\/p><p>Leider bleibt derlei Junk-Science im Dienste von Lobby-Gruppen jedoch nicht folgenlos. Ganz im Gegenteil: Immer mehr orientiert sich die Politik im Lande an &bdquo;&auml;u&szlig;eren Einflussnahmen&ldquo;, was unser Bildungssystem zunehmend bedroht. Die aktuelle Form der Meinungsmache geht dabei jedoch &uuml;ber das Bisherige noch deutlich hinaus, sodass ich meine, dass hier soeben Phase 2 des globalen Bildungsputsches eingeleitet wird: Nachdem die &Ouml;ffentlichkeit die OECD-Doktrin einer funktional-&ouml;konomistischen Transformation der Bildung geschluckt hat, soll nun offenbar mit dem finanziellen Ausweiden des Systems begonnen werden. Die Hetzjagd war erfolgreich und nun wird die Beute ausgenommen.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Ausweiden&ldquo; des Systems&hellip;?<\/strong><\/p><p>Ja, lassen Sie mich das mithilfe eines Vergleiches beschreiben: Eine Suppe wird billiger in der Produktion, wenn ich statt der urspr&uuml;nglich gehaltvollen Zutaten nur Wasser mit billigen k&uuml;nstlichen Aromen verwende. Wenn dann noch der T&uuml;tensuppenhersteller die Hoheit &uuml;ber die Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;be erh&auml;lt und alle K&ouml;che weltweit testen darf, wird zwangl&auml;ufig jeder zum Verlierer, der noch aufwendig oder gar nahrhaft kocht! Die Folgen sind dann nicht nur ein Verlust der Vielfalt regionaler Gerichte und die Verk&uuml;mmerung des Geschmackssinns, sondern ist in letzter Konsequenz auch Mangelern&auml;hrung, wenn nicht gar existenzieller Hunger! Den wird man aber nicht mehr als vorhanden anerkennen, denn: Der T&uuml;tensuppenhersteller, der nun ja selbst die &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; des Essens anhand vermeintlich objektiver Kriterien vermisst, argumentiert jetzt schlicht, unabh&auml;ngige empirische Untersuchungen h&auml;tten ergeben, dass das aktuelle Essen die Geschmacksknospen genauso stimuliere wie das fr&uuml;here, es also dieselbe Qualit&auml;t wie eh und je bes&auml;&szlig;e, nun jedoch viel billiger &ndash; das nennen die dann &bdquo;effizienter&ldquo; &ndash; sei. <\/p><p>Und eben das beobachten wir gerade im Bildungssystem: Da reduziert die OECD Bildung zuerst auf funktionale Minimal-Kompetenzen und der Mehrwert, den Lehrer trotz aller Reformen den Kindern immer noch zu bieten versuchen &ndash; damit meine ich etwa Wissenschaftlichkeit, Kultur, Demokratie, Ethik oder den notwendigen Raum zur Entfaltung der Pers&ouml;nlichkeit &ndash;, erscheint dann logischerweise als Einsparpotential. Nach dem <a href=\"http:\/\/bildung-wissen.eu\/fachbeitraege\/schule-und-unterricht\/nivellierung-der-anspruche.html\">Eulenspiegel-Experiment<\/a> von Hans-Peter Klein, das gezeigt hat, dass bereits Neuntkl&auml;ssler in gro&szlig;er Zahl eine Abituraufgabe des Leistungskurses Biologie erfolgreich l&ouml;sen k&ouml;nnen, hatten viele Kollegen noch gewitzelt: &bdquo;Die Untersuchung zeigt, dass die PISA-Reformen in Deutschland so erfolgreich waren, dass die Schulzeit ab dem 10. Schuljahr gleich ganz entfallen kann.&ldquo; Die von Ihnen zitierte Effizienzstudie macht mit diesem zynischen Gedanken nun Ernst. <\/p><p><strong>Aber <em>Gems Education Solutions<\/em> und die <em>OECD<\/em> sind doch zwei verschiedene Akteure im Bildungsbereich&hellip;?<\/strong><\/p><p>Das stimmt, das bedeutet aber noch lange nicht, dass Beide nicht auch dieselben Interessen vertreten. In der <a href=\"http:\/\/www.teachersnews.net\/mediathek\/file\/deutsch%20EFFICIENCY%20INDEX%20PRESS%20RELEASE%20GERMANY_DE_Final_%282%29.doc\">Pressemittelung zur aktuellen Studie<\/a> wird daher auch sicher nicht umsonst als einer der prominentesten Unterst&uuml;tzer der deutsche PISA-Koordinator Andreas Schleicher zitiert. <\/p><p>Und der meint: &#8232;<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Dieser Bericht bietet einen erfrischenden Einblick in internationale Vergleichsdaten zur Untersuchung der Ausgabenpolitik derjenigen L&auml;nder, die mit den wenigsten Ressourcen die besten Ergebnisse erzielen. Er bricht das Schweigen um die Effizienz von Bildungsdienstleistungen.&ldquo;<\/em><br>\n<em>Obwohl die Ausgaben pro Sch&uuml;ler in Industriel&auml;ndern in den letzten zehn Jahren um &uuml;ber 30 % gestiegen sind, bleiben die Lernergebnisse der meisten L&auml;nder unver&auml;ndert niedrig. Diejenigen L&auml;nder, die Bildungsdienstleistungen als zu wichtig erachten, um sie an ihrer Effizienz zu messen, verwehren vielen Kindern eine bessere Bildung und ein besseres Leben.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das ist wohl kaum mehr anders denn als Demagogie zu bezeichnen. Denn hier flankiert die OECD eine gegen die Menschen gerichtete Auswertung ihrer eignen Daten mit der Behauptung, es m&uuml;sse endlich um &bdquo;die Effizienz von Bildungsdienstleistungen&ldquo; &ndash; die Wortwahl hier kommt sicher nicht von ungef&auml;hr &ndash; gehen. Und dann folgt ein Absatz, dem auch gleich noch zu entnehmen ist, wie verschwommen und suggestiv hier gearbeitet wird. Denn dieser erweckt den Eindruck, dass auch er noch Aussage Schleichers sei &ndash; klar ist das aber bei weitem nicht. Jedenfalls folgt in diesem Absatz dann die Behauptung, wer sich f&uuml;r mehr Geld f&uuml;r Bildung einsetze, <em>schade<\/em> den Kindern, wer hingegen K&uuml;rzungen an dieser vornehme, verhelfe ihnen zur Chance auf ein besseres Leben. Schuld an den massiven Problemen unseres Bildungssystems sind also die Verhinderer und Kritiker weiteren Bildungsabbaus, also diejenigen, die einer Reform im neoliberalen Sinne entgegenstehen, selbst. Chapeau, wirklich brillant argumentiert!<\/p><p><strong>Also, wenn dem tats&auml;chlich so ist: Wieso gibt es dagegen dann keinen breiten Widerstand? Wie kommt es, dass nicht bereits tausende gegen die &Ouml;konomisierung von Bildung auf den Stra&szlig;en sind?<\/strong><\/p><p>Nun, wir haben es hier mit einer seit geraumer Zeit andauernden Propaganda zu tun, die fl&auml;chendeckend und zugleich punktgenau und adressatenbezogen die &Ouml;konomisierung von Bildung als alternativlos erscheinen lassen soll &ndash; und dieses Ziel leider in den meisten F&auml;llen auch erreicht. Da werden Politikern &ndash; je nach Lager &ndash; wirtschaftlicher Erfolg respektive soziale Gerechtigkeit versprochen &ndash; und zwar bei <em>gleichzeitiger<\/em> Kostenreduktion. Eltern der Mittelschicht hingegen wird mit Statusverlust gedroht und den so genannten &bdquo;bildungsfernen Schichten&ldquo; &ndash; &uuml;brigens eine &uuml;ble Diffamierung und Besch&ouml;nigung gesellschaftlich produzierter Armut! &ndash; und &bdquo;Migranten&ldquo; wird Aufstieg durch Investitionen in Bildung versprochen. Und Wissenschaftler schlie&szlig;lich werden mit Drittmitteln gek&ouml;dert oder kaltgestellt und zivilgesellschaftliche Akteure mittels des Einflusses privater Stiftungen intellektuell neutralisiert. Manche Verb&auml;nde versprechen sich auch strategische Vorteile oder gar die M&ouml;glichkeit &bdquo;konstruktiver Einflussnahme&ldquo; aus einer Kooperation mit der OECD, mit der Bertelsmann-Stiftung oder anderen und werden dadurch nolens volens zu Erf&uuml;llungsgehilfen.<\/p><p><strong>Und die Medien? <\/strong><\/p><p>Also den Journalisten fehlt es in aller Regel schlicht an der Zeit und dem Weitblick f&uuml;r die tats&auml;chlich notwendigen Recherchen, wenn sie nicht ohnehin schon f&uuml;r Organe arbeiten, auf deren Agenda die &ouml;konomistische Transformation der Gesellschaft steht. Die ZEIT und der SPIEGEL beispielsweise erwecken hier gelegentlich sehr deutlich den Eindruck, ihr journalistisches Ethos eher Konzerninteressen unterzuordnen.<\/p><p><strong>&hellip;man hat uns also allen das Gehirn gewachsen und uns &bdquo;verdummt&ldquo; &ndash; meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Erschreckend ist f&uuml;r mich in erster Linie die politische Naivit&auml;t der akademischen Eliten, die den radikalen Eingriff in das System seit dem Ende der 90-iger Jahre nicht bemerkt, geschweige denn bek&auml;mpft haben.  Denn wo war &ndash; von einzelnen Stimmen mal abgesehen &ndash; der Widerstand von Professoren und Intellektuellen gegen die Bologna-Reformen und die zerst&ouml;rerische Landesgesetzgebung, welche in Deutschland de facto Hochschulen zunehmend zu bildungsreduzierten Zertifikatausstellungsagenturen gemacht haben?<\/p><p>Angesichts dieses dramatischen Scheiterns kann man Lehrern oder Eltern gar keinen Vorwurf machen. Zumal der &Ouml;konomismus in seiner schlichten Logik ja auch zun&auml;chst eine gewisse Plausibilit&auml;t zu haben scheint: Wenn wir Bildungseinrichtungen als Unternehmen organisieren, k&ouml;nnen wir durch Management die Output-Qualit&auml;t steigern und die Mitteleffizienz erh&ouml;hen &ndash; wurde da behauptet und wird es heute noch. Und die Empirische Bildungsforschung versprach dann zus&auml;tzlich noch Wirksamkeitsnachweise, kassierte &ouml;ffentliche Gelder und wurde schlie&szlig;lich selbst zum Profiteur des funktional-&ouml;konomistischen Komplotts gegen traditionale Bildungs- und Sozialanspr&uuml;che. <\/p><p>Die notwendige Kritik an der &Ouml;konomisierung von Bildung ist inzwischen gl&uuml;cklicherweise geleistet: Wer Bildung ausschlie&szlig;lich &ouml;konomisch beschreibt, verkennt die Komplexit&auml;t der Wirklichkeit. Und wer sie dennoch derart gestaltet, begeht einen Kategorienfehler und zerst&ouml;rt dadurch ein wesentliches menschliches Selbsterkenntnis- und Entfaltungspotential. Der Mensch ist weder Produkt noch Unternehmer seiner selbst, ein Bildungsgang ist kein Produktionsprozess, die Gesellschaft kein Markt. Wer dies propagiert, greift totalit&auml;r aus einem gesellschaftlichen Feld auf ein anderes &uuml;ber &ndash; und, ja: erkl&auml;rt diesem sozusagen den Krieg. <\/p><p><strong>Und die von Ihnen erw&auml;hnte &bdquo;Propaganda&ldquo; und die Strategien der Meinungsmache &ndash; was meinen Sie da konkret?<\/strong><\/p><p>Lassen Sie mich den PISA-Coup der OECD einmal propagandatheoretisch aufrollen:<br>\nDer Kern von guter PR besteht seit Walter Lippmann und Edward Bernays in der Implantation von inneren Bildern und Konzepten, die als Grundlage von Wahrnehmung, Denken und Handeln funktionieren. Heut wird das wohl <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Framing_%28Kommunikationswissenschaft%29\">&bdquo;Framing&ldquo;<\/a>  genannt. <\/p><p>Diese inneren Bilder und Konzepte sollen den Manipulierten jedenfalls das Gef&uuml;hl von freien Entscheidungen lassen, solange sich diese im Rahmen der PR-Schablonen bewegen. Dazu m&uuml;ssen aber zwei Korrektive neutralisiert werden: 1. Die unbestechliche Urteilskraft, also das kritische Denken, das auch seine eigenen Grundlagen gegebenenfalls einer Pr&uuml;fung zu unterziehen vermag. Und 2. der Kontakt mit jenen Ph&auml;nomenen, die den Propaganda-Bildern widersprechen k&ouml;nnten. <\/p><p>Beides l&auml;sst sich aktuell gut in der Transformation der &ouml;ffentlichen Meinung in Bezug auf die Militarisierung der Au&szlig;enpolitik in den Nato-Demokratien beobachten. Da wird zum einen &bdquo;geframed&ldquo;: T&ouml;ten und Drohen gelten als Akte des Humanismus und sollen gut sowie mit dem christlichen Menschenbild zu vereinen  ein. Oder Frau von der Leyen setzt sich ganz im Sinne der &bdquo;Work-Life-Balance&ldquo; f&uuml;r die Vereinbarkeit von Familie und Tot-Geschossen-Werden ein. Wenn die Bundeswehr aber vorwiegend als &bdquo;humanistische Vereinigung&ldquo; und &bdquo;Deutschlands gr&ouml;&szlig;ter Arbeitgeber&ldquo; geframed ist, dann ist Krieg schlie&szlig;lich auch nur &bdquo;business as usual&ldquo;. Und auf der anderen Seite wird eben mittels Verschweigen und Auslassen kritisches Denken unterminiert: Da wird die vermeintliche Gegenseite als das B&ouml;se schlechthin inszeniert, ist <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/kommentar\/kommentar-krause-100.html\">kein Partner mehr, sondern Feind<\/a> etc. Unserer Wahrnehmung entzogen werden dabei die eigene Verantwortung und die Opfer &bdquo;unserer&ldquo; Kriege und Einflussnahmen. Darauf haben Sie auf den Nachdenkseiten ja auch gl&uuml;cklicherweise bereits <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22871\">mehrfach<\/a> <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22721\">hingewiesen<\/a>. <\/p><p>In Bezug auf das Bildungsthema hat hier die PISA-Studie einen erheblich Beitrag zur Umprogrammierung von Denk- und Wahrnehmungsmustern geleistet: Das Anliegen bestand dabei von Anfang an nicht etwa in der Erfassung der Vielfalt und Leistungsf&auml;higkeit der OECD-Bildungssysteme, sondern vielmehr in deren Transformation. <\/p><p>H&auml;tte man sich f&uuml;r die bestehende Wirklichkeit interessiert, h&auml;tte man die Studie n&auml;mlich g&auml;nzlich anders anlegen m&uuml;ssen: qualitativ beschreibend und kultursensibel differenziert. Stattdessen hat man einen einzigen, kulturindifferenten Ma&szlig;stab angelegt, der implizit zur Norm k&uuml;nftiger Reformen gemacht wurde. Und zugleich etablierte man durch das Testverfahren einen &ndash; durch scheinbare Wissenschaftlichkeit geadelten &ndash; &bdquo;objektiven Ma&szlig;stab&ldquo;, der gegen aufkl&auml;rerisch-theoretische sowie lebensnah-praktische Kritik immunisieren sollte &ndash; und dies leider viel zu oft tut: Wenn Eltern, Lehrkr&auml;fte, Professorinnen, die IHKs oder Personalchefs in mittelst&auml;ndischen Unternehmen nun in ihrem unmittelbaren Umfeld tats&auml;chliche konkrete und evidente Verschlechterungen in Folge der Transformationen feststellen, reichen faktische Problemlagen allein schlicht nicht mehr aus, um dem Zahlenpotpourri Andreas Schleichers, das ja st&auml;ndige &bdquo;Reformerfolge&ldquo; verk&uuml;ndet, &uuml;berhaupt ein Fragezeichen zu setzen. So m&auml;chtig wirken die PISA-Frames gegen den gesunden Menschenverstand und das Zutrauen in die eigene Wahrnehmung.<\/p><p><strong>Was also tun?<\/strong><\/p><p>Also zun&auml;chst muss die Analyse klar sein: PISA ist wissenschaftlich fragw&uuml;rdig und politisch an Partikularinteressen orientiert. Wer darauf Empfehlungen zur Vergr&ouml;&szlig;erung von Schulklassen oder zur Entlohnung von Lehrern aufbaut, handelt wider bessere Einsicht und gegen das Allgemeinwohl. Es ist mehr als absurd, aus einer derart verzerrten und interessierten Darstellung der Bildungswirklichkeit irgendwelche politischen Handlungen abzuleiten.<\/p><p>Das sollten &ndash; und ich vermute: werden &ndash; die Akteure, die jetzt Effizienzsteigerungen einfordern, auch wissen, und deshalb m&uuml;ssen wir wohl davon ausgehen, dass es sich hier um den Beginn des finalen Angriffs auf die Errungenschaft &ouml;ffentlicher Bildung als Grundlage von Kultur, Demokratie und Gerechtigkeit handelt. <\/p><p>Daher ist es h&ouml;chste Zeit, dass wir <em>unseren<\/em> Anspruch auf elementare Lebensqualit&auml;ten und Lebensgrundlagen &ndash; im w&ouml;rtlichen wie &uuml;bertragenen Sinne &ndash; in gemeinschaftlicher Verantwortung artikulieren und gegen die global agierenden Macht- und Geldeliten durchsetzen.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div style=\"text-align: center\">\n<p><a rel=\"license\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" style=\"border-width:0\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\"><\/a><br>Dieses Werk ist lizenziert unter einer <a rel=\"license\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\">Creative Commons Namensnennung &ndash; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Matthias Burchardt<\/strong> ist Akademischer Rat am Institut f&uuml;r Bildungsphilosophie an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln und entschiedener Kritiker der Bildungsreformen im Namen von PISA und Bologna.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Behauptung, dass PISA alles besser mache, ist durch die Realit&auml;t in deutschen Klassenzimmern evident widerlegt. Die Kritik am &bdquo;Besser durch Messen&ldquo; gewann daher auch zunehmend an <a href=\"http:\/\/oecdpisaletter.org\/\">Fahrt<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/schule\/2014-09\/schulsystem-effizienz\">in der ZEIT<\/a> unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Unser Schulsystem ist ineffizient. 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