{"id":232,"date":"2006-03-01T08:34:44","date_gmt":"2006-03-01T07:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=232"},"modified":"2016-02-17T11:12:45","modified_gmt":"2016-02-17T10:12:45","slug":"alle-fordern-mehr-studierende-aber-keiner-will-sie-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=232","title":{"rendered":"Alle fordern mehr Studierende, aber keiner will sie wirklich."},"content":{"rendered":"<p>Mehr Studierende fordern fast alle, aber keine Uni, kein Rektor oder Pr&auml;sident und auch nur ganz wenige Professoren wollen sie wirklich haben. Im Gegenteil, mit der Umdefinition von Lehr- in Forschungsuniversit&auml;ten, mit der Selbstauswahl der Studierenden durch die Hochschulen, mit h&ouml;heren Studiengeb&uuml;hren, versuchen sich die Hochschulen, die Studierenden fern zu halten. Ein Beitrag von Karl-Heinz Heinemann.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Warum die Bildungsrhetorik so folgenlos bleibt<\/strong><\/p><p>Im Jahr 2014 soll die H&auml;lfte eines Altersjahrgangs Abitur machen, 40 Prozent sollen studieren und schlie&szlig;lich 30 Prozent einen Studienabschluss bekommen. Dann h&auml;tten wir 2,7 Millionen Studenten, also noch mal 35 Prozent mehr als heute. Die Lehrkapazit&auml;ten, also das Personal an den Hochschulen m&uuml;sste auf 165 bis 190 Prozent des Standes von 2000 aufgestockt werden, hat der Wissenschaftsrat berechnet. Er hat Empfehlungen zum Ausbau der Hochschulen verabschiedet. Wenn dieser Ausbau unterbleibt, dann w&uuml;rden hoch qualifizierte Arbeitskr&auml;fte in den Ingenieur- und Lebenswissenschaften fehlen, Abiturienten w&uuml;rden in Warteschleifen abgedr&auml;ngt, sie verdr&auml;ngen dann auf dem Lehrstellenmarkt die Haupt- und Realsch&uuml;ler, die dann letztlich leer ausgehen werden. Die Ausbildungszeiten verl&auml;ngern sich, weniger Menschen zahlen in die Rentenkasse, und so weiter, es geht um Wachstum und Innovation, kurz: um den Standort. Das ist eine Sprache, die doch mittlerweile jeder versteht. So weit die ebenso richtige und bekannte wie folgenlose Bildungsrhetorik.<\/p><p>Die allgemein propagierten Ziele sind das eine, doch das unternehmerisch und wettbewerbsorientierte Handeln der Rektoren und Hochschulfunktion&auml;re ist das andere, und zwischen beidem tut sich ein tiefer Widerspruch auf. Mehr Studenten? Von mir aus, aber nicht an meiner Hochschule, so denken wohl viele, und einige sagen es auch. Der j&uuml;ngst wieder gew&auml;hlte Rektor der Universit&auml;t Mannheim zum Beispiel, der Jurist Hans-Wolfgang Arndt: Die Forderung der Hochschulrektorenkonferenz, Studienkapazit&auml;ten auszuweiten, h&auml;lt er f&uuml;r unsinnig und &uuml;berfl&uuml;ssig: Die Massenuniversit&auml;t war nicht erfolgreich, sie habe sich v&ouml;llig &uuml;berlebt, erkl&auml;rte er j&uuml;ngst in einem Interview. Lieber weniger Studenten, dann k&ouml;nne seine Hochschule besser werden, ist sein Credo. Und er steht nicht allein. Der Rektor einer benachbarten baden-w&uuml;rttembergischen Traditionsuniversit&auml;t spekuliert schon darauf, die gegenw&auml;rtig auf 500 Euro begrenzten Studiengeb&uuml;hren auf 3000 Euro herauf setzen zu k&ouml;nnen, so viel sei der gute Name seiner Universit&auml;t sicher wert. Im Spiel von Angebot und Nachfrage werde das die Nachfrage drosseln, und genau das ist gew&uuml;nscht. In G&ouml;ttingen setzt der Rektor Kurt von Figura seine Pl&auml;ne zur Profilierung der Uni schon um &ndash; er baut Studieng&auml;nge bei den Sozialwissenschaftlern ab, das sind fast 3000 der 24 000 G&ouml;ttinger Studienpl&auml;tze. Die Bonner Universit&auml;t erkl&auml;rt sich der Forschungsuniversit&auml;t &ndash; was will sie da noch mit 30 000 Studierenden? Ger&uuml;chte, dass das Rektorat ganz rasch die Studienpl&auml;tze drastisch reduzieren m&ouml;chte werden eifrig dementiert. Diesen Rektoren ist eines gemeinsam: Sie heben vielleicht noch die Hand, wenn in einer Resolution der notwendige Ausbau der Studienpl&auml;tze gefordert wird, aber ganz konkret an ihrer Uni tun sie genau das Gegenteil, sie bauen Studienpl&auml;tze ab. Die Hochschulen bekommen unternehmerische Freiheiten. Sie sollen sich profilieren, m&uuml;ssen Leuchtt&uuml;rme werden, die aus der Masse hervor ragen. Das wird belohnt, zum Beispiel mit Geld aus der Exzellenzinitiative. Eine Uni mit dem Ruf, eine Forschungsuniversit&auml;t zu sein, ist attraktiv f&uuml;r Drittmittelgeber, sie hat Anziehungskraft f&uuml;r die guten Wissenschaftler, sie kann Kapital akkumulieren in den W&auml;hrungen, die an der Uni z&auml;hlen: Forschungsauftr&auml;ge, Drittmittel, Patente, Ruhm und Ehre durch Ver&ouml;ffentlichungen. Warum sollte auch nur ein Rektor, ein Senat auf die verr&uuml;ckte Idee kommen, sich als Massenuniversit&auml;t profilieren zu wollen, mit besonders vielen Studienpl&auml;tzen oder gar einem Programm, mit dem die Kinder aus bildungsfernen Schichten in die akademische Welt eingef&uuml;hrt werden? Selbst eine Universit&auml;t wie Bochum versucht, den haut gout aus Beton und Malocherstudis los zu werden, indem sie einen &bdquo;Research Campus&ldquo; als Parallelstruktur zum Normalbetrieb gr&uuml;nden will.<\/p><p>K&uuml;nftig k&ouml;nnen sich die Hochschulen ja ihre Studierenden selbst ausw&auml;hlen, da kann die Uni Bonn als selbst ernannte Forschungsuniversit&auml;t, oder Aachen sowieso, all die unprofilierten Studierwilligen wegschicken. Sollen sie doch nach K&ouml;ln gehen, nach Wuppertal oder Siegen zum Beispiel.<\/p><p>Ein moderner Rektor, wie der zitierte Mannheimer Hans-Wolfgang Arndt, versteht sich als Manager eines Dienstleistungsunternehmens. Er ist allein f&uuml;r sein Unternehmen verantwortlich und nur seinem Aufsichtsrat rechenschaftspflichtig, also dem Universit&auml;tsrat, und nicht der Gesellschaft. Die Hochschulen werden autonom und bekommen mehr Macht, sich an ihrem Profil, ihren sozusagen unternehmensspezifischen Zielen zu orientieren. F&uuml;r die Umsetzung gesellschaftspolitischer Ziele, wie die Schaffung von mehr Studienpl&auml;tzen ist ein Rektor, eine Hochschule nicht zust&auml;ndig. Mehr Studierende, als allgemeine Forderung werden das noch fast alle Rektoren und Pr&auml;sidenten unterschreiben, aber keine Uni, kein Rektor oder Pr&auml;sident und auch nur ganz wenige Professoren wollen sie wirklich bei sich herum sitzen haben. Die ausgelobten 1,9 Milliarden Euro aus der Exzellenzinitiative l&ouml;sten Hektik in den Rektoraten aus. Meine Prognose: selbst die doppelte Summe als Preis f&uuml;r innovative und massenfreundliche Studienprogramme wird nicht ein Zehntel so viel Begeisterung und Ideenreichtum hervor bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr Studierende fordern fast alle, aber keine Uni, kein Rektor oder Pr&auml;sident und auch nur ganz wenige Professoren wollen sie wirklich haben. Im Gegenteil, mit der Umdefinition von Lehr- in Forschungsuniversit&auml;ten, mit der Selbstauswahl der Studierenden durch die Hochschulen, mit h&ouml;heren Studiengeb&uuml;hren, versuchen sich die Hochschulen, die Studierenden fern zu halten. Ein Beitrag von Karl-Heinz<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=232\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[235,429,621,234],"class_list":["post-232","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-drittmittel","tag-exzellenzinitiative","tag-studienanfaenger","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/232","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=232"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/232\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31339,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/232\/revisions\/31339"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}