{"id":2323,"date":"2007-05-08T08:49:59","date_gmt":"2007-05-08T06:49:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2323"},"modified":"2016-01-06T15:27:57","modified_gmt":"2016-01-06T14:27:57","slug":"zum-gedenken-an-den-8mai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2323","title":{"rendered":"Zum Gedenken an den 8.Mai"},"content":{"rendered":"<p>Heute j&auml;hrt sich zum zweiundsechzigsten Mal der Tag der Befreiung &ndash; der Tag an dem im Jahre 1945 auch tausende &Uuml;berlebende des Holocausts aus den KZs befreit wurden.<br>\nBrigitta Huhnke hat mit f&uuml;nf aus dem KZ Mauthausen befreiten polnischen und tschechischen Frauen psychologische Interviews gef&uuml;hrt und fasst deren Lebensgeschichte zusammen. In einer Vorbemerkung stellt sie fest, dass die Zeit bei den Menschen, die durch die H&ouml;llen des Holocaust getrieben wurden, nichts geheilt habe. Sie beklagt, dass bei allen Gedenkritualen bis in die heutige Zeit, &uuml;ber das Gedenken an die Opfer hinaus, die Demut vor den &Uuml;berlebenden fehle. J&uuml;ngste Ereignisse zeigten, dass in unserem Land noch immer kaum Bereitschaft zur Spurensuche und zur &Uuml;bernahme von Verantwortung f&uuml;r das Geschehene vorhanden sei.<br>\n<!--more--><br>\nAuch im 62. Jahr nach der Befreiung hat die Zeit bei den Menschen, die durch die H&ouml;llen des Holocaust getrieben worden sind, nichts geheilt. Viele der &Uuml;berlebenden, haben in den ersten Jahrzehnten geschwiegen, sie wollten ein neues Leben aufbauen, das Erlebte hinter sich lassen.  Viele von ihnen haben nie &uuml;ber die erlittenen Qualen  gesprochen. Auch die f&uuml;nf Frauen, zwei geb&uuml;rtige Polinnen aus Lodz und drei Tschechinnen aus Prag, &ndash; die ich im Herbst 2005 anfing zu interviewen und wor&uuml;ber unten eine kurze Zusammenfassung erfolgt-  wollten nach der Befreiung nur vergessen. Damals, als sie zur&uuml;ckkamen, waren sie Anfang zwanzig, hatten ihre Familien verloren und trotzdem nicht ihre Hoffnung. Wieder einigerma&szlig;en gesundheitlich zu Kr&auml;ften gekommen  lenkten sie nun alle  Kraft in ihre Bildung, ins Studium, in den Beruf. Sie haben geheiratet und Kinder bekommen, sie waren immer berufst&auml;tig.<br>\nGab es ein geschlechtsspezifisches Martyrium w&auml;hrend des Holocaust und wie wird dieses erinnert? Allein diese Frage zu stellen, galt lange Zeit als Tabubruch. Zum Einschnitt wurde das &bdquo;Holocaust Project&ldquo; der Aktionsk&uuml;nstlerin Judy Chicago, das Ende der siebziger Jahre viele &Uuml;berlebende mit Emp&ouml;rung zur Kenntnis genommen haben. Der Holocaust sei unique, also einzigartig und im Nachhinein d&uuml;rften weibliche und m&auml;nnliche Opfer nicht auseinander dividiert  werden. Eine weitere Thematisierung erfolgte im Rahmen der Konzeption des Holocaust Memorials in Washington, an der auch die Historikerin Joan Ringelheim beteiligt war. F&uuml;r Ringelheim war die weibliche Situation w&auml;hrend des Infernos nach 1945 schlicht verdr&auml;ngt worden. Sie legte die erste umfassendere Forschung zum Thema vor. Seit  Mitte  der achtziger Jahre entstehen besonders in den USA wissenschaftliche Untersuchungen zum Schicksal weiblicher &Uuml;berlebender. Hinzu kommt seit den neunziger Jahren eine wachsende Zahl ver&ouml;ffentlichter autobiographischer Berichte, zum gro&szlig;en Teil von Frauen. In der deutschsprachigen Wissenschaft und noch mehr im &ouml;ffentlichen Gedenken bleiben die anderen Erfahrungen, die weibliche &Uuml;berlebende als Frauen gemacht haben, jedoch nach wie vor weitgehend unber&uuml;cksichtigt oder aber sie werden h&auml;ufig fast rei&szlig;erisch lediglich unter der Perspektive &bdquo;sexistische Gewalt&ldquo; betrachtet.<br>\nSeit Anfang der neunziger Jahre gehen vermehrt auch in unserem Land hochbetagte Frauen in Schulen, um &uuml;ber das zu sprechen, was sie erlebt haben. Sie wollen bewusst die historische Wahrheit bezeugen. Aus der psychoanalytischen Befragung von &Uuml;berlebenden, die ma&szlig;geblich von dem US-amerikanischen Psychoanalytiker und Psychiater Dori Laub seit Anfang der achtziger Jahren entwickelt worden ist, wissen wir: &bdquo;Eine Verarbeitung eines solchen massiven Traumas ist nicht m&ouml;glich. Doch im Ablegen des Zeugnisses k&ouml;nnen &Uuml;berlebende wieder Zug&auml;nge zu ihrer Geschichte finden, auch wenn Teile davon f&uuml;r immer verkapselt bleiben werden.&ldquo;<br>\nSo k&ouml;nnen die ein Zeugnis ablegenden &Uuml;berlebenden im besten Falle Linderung erfahren, im Akt des Erz&auml;hlens vor einer empathischen Zuh&ouml;rerschaft aber vielleicht auch Teile ihrer traumatischen Erfahrungen in Erinnerungen verwandeln, mit der Chance, sie in ihrem Inneren dann besser integrieren zu k&ouml;nnen.<br>\nWas auch bei diesen f&uuml;nf Frauen sehr auff&auml;llig ist, gerade auch im Vergleich mit Frauen der T&auml;terseite: die Energie, die Klarheit, mit der sie die Wahrheit aus dem &bdquo;Inneren des Holocaust bezeugen&ldquo;(Laub). Alle f&uuml;nf Frauen waren in Auschwitz, wurden dann in einem Transport von 1000 Frauen f&uuml;r knapp sieben Monate nach Freiberg in das Zwangsarbeiterlager der &bdquo;Freia&ldquo; verbracht. Dann am 14. April 1945 von der SS in offene Kohlenwaggons gepfercht, erlebten sie eine zweiw&ouml;chige Odyssee, waren Schnee und Regen ausgesetzt, ohne Nahrung. Ziel der SS: auch im eigenen Untergang diese 1000 Frauen noch zu vernichten. Schlie&szlig;lich trieben die Schergen die verzweifelten, v&ouml;llig entkr&auml;fteten Frauen an der geifernden Bev&ouml;lkerung von Mauthausen vorbei, hoch auf die gro&szlig;e Wiese vor dem KZ oder auch durch die Tore. Doch das Zyklon B war gerade ausgegangen, das Rote Kreuz  war  bereits dabei, die Gaskammern zu schlie&szlig;en  und die zum Tode bestimmten Frauen wurden am 5. Mai befreit.<br>\nWas in den Gedenkritualen in den L&auml;ndern der T&auml;terInnen bis heute fehlt, ist zum einen nicht nur die Demut vor den Opfern sondern auch vor den &Uuml;berlebenden, Demut vor deren Kraft und W&uuml;rde &uuml;berhaupt vor uns zu stehen. Zum anderen fehlt noch immer die Bereitschaft, Verantwortung zu &uuml;bernehmen, individuell wie kollektiv. Verantwortung kann eben nicht auf Denkm&auml;ler und Feiertagsreden abgeschoben werden.<br>\nSo hat eine Mehrheit der Nachgeborenen auf der T&auml;terInnenseite es bis heute vers&auml;umt, ihren Eltern und Gro&szlig;eltern konkret zur Rechenschaft  f&uuml;r ihre konkrete Mitt&auml;terschaft abzuverlangen. Doch auch auf dieser Seite heilt die Zeit nichts. Die Nazi Introjekte schw&auml;ren weiter. Das zeigte erst k&uuml;rzlich der Fall G&uuml;nter Oettinger. In einer Kultur des Gedenkens und der Verantwortung w&auml;re nicht nur der Nazi-Richter Filbinger niemals Ministerpr&auml;sident geworden sondern auch sein Ziehsohn Oettinger h&auml;tte sich nicht mehr halten k&ouml;nnen.<br>\nEin weiteres Beispiel aus dem April 2007: Das &bdquo;nur Spielen&ldquo; mit Nazisymbolik gilt mittlerweile l&auml;ngst schon in der Mitte als schick, wie der Erfolg der Gruppe &bdquo;Rammstein&ldquo; zeigt. Am 20. April fand im Hamburger Hafen  die angeblich aufwendigste Schiffstaufe der Seefahrt statt. Anl&auml;sslich der Fertigstellung des Luxuskreuzschiffes &bdquo;Aidadiva&ldquo; war der Lichttechniker der Herrenband  &bdquo;Rammstein&ldquo; damit beauftragt worden, eine Lichtshow zu entwerfen. Bereits im Vorfeld war dabei sogar der Redaktion des konservativen &bdquo;Hamburger Abendblattes&ldquo; mulmig geworden, zu detailgetreu war schon aus den Pl&auml;nen ersichtlich, wie sehr diese Lichtspiele dem &bdquo;Lichtdom&ldquo; von Albrecht Speer nachempfunden worden waren. Das Blatt fragte: &bdquo;Lichtdom-&Auml;sthetik &ndash; und das am 20. April? Monumentale Scheinwerfer-Choreografie an Hitlers Geburtstag&hellip;&ldquo; Das Abendblatt blieb die fast einzige mahnende Stimme, das &ouml;ffentlich-rechtliche Regionalfernsehen hingegen mobilisierte und machte gar Scherzchen zur Bedeutung des 20. Aprils.  350 000 Menschen str&ouml;mten in dieser Nacht an den Hafen, um weihevoll dem martialischen Spektakel zu folgen. &bdquo;Kitsch und Tod. Der Wiederschein des Nazismus&ldquo;, bereits 1984 hat Saul Friedl&auml;nder dieses Ph&auml;nomen in seinem ber&uuml;hmten Essay beschrieben. Dagegen existiert in diesem Land keine nennenswerte kollektive Spurensuche nach der Mitt&auml;terschaft der eigenen Familien, wie das Gunter Haug in seinem neuen Buch &bdquo;Dieses eine Leben&ldquo; ergreifend geschildert hat. G&auml;be es diese Bereitschaft zur Spurensuche, w&auml;ren Hamburger und Hamburgerinnen, statt sich am Nachklatsch von Reichsparteitagsinszenierungen zu am&uuml;sieren, l&auml;ngst zum Beispiel auf die Idee gekommen, der vielen Zwangsarbeiterinnen zu gedenken, die noch in den letzten Wochen vor der Befreiung  im Hamburger Hafen  von der SS gequ&auml;lt wurden.    <\/p><p><strong>&bdquo;Die andere Zeit in uns&ldquo;  <\/strong>                                                         <\/p><p>Von Brigitta Huhnke<\/p><p>Sie k&ouml;nne an keinem Tag vergessen, sagt Lydia R. Die sch&ouml;ne Frau, 1923 in Lodz geboren, mit warmen Augen und dunklen Haaren sehr viel j&uuml;nger wirkend, feiert in diesen Tagen ihren  zweiten Geburtstag: Vor 62 Jahren ist Lydia R, mit fast 1000 anderen Frauen in Mauthausen befreit worden. Zwei Wochen zuvor hatte SS diese 1000 Frauen aus dem Zwangsarbeiterlager in Freiberg in offene Kohlenwagen gepfercht, um sie in dem noch nicht befreiten KZ zu vergasen. <\/p><p>Seit 45 Jahren lebt Frau R. in einer westdeutschen Stadt, hat zwei T&ouml;chter gro&szlig; gezogen, eine Gastwirtschaft gehabt. Fr&uuml;her f&uuml;hrte die Mutter in Lodz einen Kindersalon. Am 7. und 8. September 1939 haben Wehrmacht und SS auch in Lodz leichtes Spiel, gegen die Pferdewagen der polnischen Armee, unterst&uuml;tzt von 150 000 Volksdeutschen. Terror vom ersten Tag an: Sie fangen Juden regelrecht ein, schneiden M&auml;nnern die B&auml;rte ab, befehlen Menschen, auf Knien die Stra&szlig;e zu putzen, rauben Wohnungen aus. Wenig sp&auml;ter entsteht in der Altstadt das ber&uuml;chtigte Ghetto Lodz, dem SS und Volksdeutsche den Namen &bdquo;Litzmannstadt&ldquo; verpassen.<\/p><p>&bdquo;Wissen Sie, wie das ist, mit 17 Jahren ein Ungeziefer zu sein?&ldquo;, sagt Lydia R. vor der Haust&uuml;r der gleichaltrigen Freundin. Deren Vater besa&szlig; in der N&auml;he von Lodz eine Textilfabrik. Auch Lisa R. ist immer noch eine agile, attraktive Frau, noch bis vor einigen Jahren hat sie f&uuml;r einen gro&szlig;en deutschen Betrieb noch weltweit Projekte f&uuml;r Anlagenbau betreut. V&ouml;llig mittellos war sie 1969 mit dem Sohn ins Land der T&auml;ter gekommen, hatte Polen 1969 verlassen m&uuml;ssen, wieder auflebender Antisemitismus beendete ihre wissenschaftliche Karriere damals abrupt.   <\/p><p>Nach kurzer Zeit sind die beiden Frauen ganz da. Sich gegenseitig behutsam st&uuml;tzend, holen sie im Fluss ihrer Erz&auml;hlungen schmerzhafte Momente der Qualen zur&uuml;ck. &bdquo;Wir tragen noch die andere Zeit in uns&ldquo;, erkl&auml;rt Lisa R. Vieles bleibt f&uuml;r sie unerkl&auml;rlich: &bdquo;So ein systematisches Morden, so eine Industrie, so kaltbl&uuml;tig&ldquo; sagt Lydia R. Die Freundin wird nie den 3. M&auml;rz 1942 vergessen, als sie gezwungen wird, mit geradem Blick der &ouml;ffentlichen Hinrichtung von zehn Menschen beizuwohnen, unter Beifall vieler Volksdeutscher. Der Bruder der jungen Lydia ist zu dem Zeitpunkt schon in Lodz verhungert, die Eltern k&ouml;nnen 1942 von einem Transport fliehen. In der N&auml;he, in Chelmno wurde vergast. &bdquo;Es war eine Todesstrafe auf Raten&ldquo;. Nur wenige Monate sp&auml;ter verhungern auch die Eltern. F&uuml;nf lange Jahre leben die jungen Frauen im Terror von Lodz. <\/p><p>&bdquo;Immer kamen sie in der Nacht, dann wenn ein Mensch in der inneren Ruhe ist&ldquo;, sagt Lisa R. Beide kommen im August 1944 nach Auschwitz. Lisa R. kann ihre Verluste nur schrittweise zulassen. &bdquo;Bis heute hat bei mir das Schweigen Bestand. Jetzt bricht es manchmal wie ein Wasserfall auf, jetzt am Ende des Lebens.&ldquo; Beide Frauen finden oft in B&uuml;chern Halt, f&uuml;r ihre Erinnerungen, die Albtr&auml;ume, ihre Trauer. Nicht nur in ihren reichhaltigen Sammlungen von  Berichten anderer &Uuml;berlebender. Besonders Lydia R. sucht zudem &uuml;berall auch in der Weltliteratur nach Erkl&auml;rung, nach Linderung, damit das Erlebte sie nicht zu sehr &uuml;berflutet.<\/p><p>&bdquo;Die Polinnen haben noch mehr gelitten als wir&ldquo;, sagt Hana Reinerov&aacute;. Die Pragerin, geb.1921, hatte schon alles verloren, als sie 1942 mit ihrem Mann nach Theresienstadt kommt, den geliebten Bruder, die Eltern, Freunde. Mit ihrem Mann, dem Komponisten Karel Reiner, arbeitet sie im Kinderheim f&uuml;r Jungen. Sie organisieren erfolgreich illegalen Unterricht. Keiner von den Jungen wird &uuml;berleben. Im M&auml;dchenheim von Theresienstadt sitzt Helga Weissov&aacute;, geb.1929, stundenlang mit Papier und Stift auf der Pritsche. &bdquo;Zeichne, was du siehst&ldquo;, tr&auml;gt ihr der Vater auf. F&uuml;r seine Frau schreibt er kurz vor seinem Tod eine bittere Parabel auf den j&uuml;dischen Gott, Tochter Helga zeichnet dazu. Nicht nur die Kinderbilder aus Theresienstadt und Auschwitz haben die Malerin weltber&uuml;hmt gemacht. Bis heute sucht sie  k&uuml;nstlerisch nach dem warum. <\/p><p>Lisa Mikov&aacute;, geb. 1922, zeichnet im technischen B&uuml;ro der Theresienst&auml;dter Lagerverwaltung, Schilder wie &bdquo;Eintritt verboten&ldquo;, aber auch eine zeitlang illegale Pl&auml;ne f&uuml;r den Untergrund. Alle drei Pragerinnen stammen aus links-liberalen Elternh&auml;usern, wuchsen beh&uuml;tet auf, lernten Sprachen. Deutsch sprechen sie perfekt, dieses weiche Prager Deutsch, deren Grammatik und Wortschatz sie kunstvoll beherrschen, auch damit beim Erz&auml;hlen in Bann ziehen. Sterben, Angst, das ist auch  in Theresienstadt Alltag. <\/p><p>Die drei Pragerinnen werden ebenfalls nach Auschwitz verschleppt. Wie durch ein Wunder passiert die noch nicht f&uuml;nfzehnj&auml;hrige Helga mit der Mutter Mengeles Selektion. Die Peitsche, seine wei&szlig;en Handschuhe, die blitzblanken Schuhe verfolgen auch Lisa R. noch immer. Kinder weinen. Das Schreien, &bdquo;schnell, schnell, rechts, links. Das waren Inszenierungen wie in einem Theaterst&uuml;ck&ldquo;, sagt sie. Einen Napf Suppe am Tag, den sich mehrere Frauen ohne L&ouml;ffel teilen. Aufseherinnen mit Peitschen drangsalieren in den Baracken, beim Appellstehen. &bdquo;Manche waren bestialisch, &auml;rger als die M&auml;nner, haben die Frauen geschlagen, angebr&uuml;llt&ldquo;, erinnert Lisa Mikova, noch immer wie fast bet&auml;ubt und doch: &bdquo;Wenn man jung ist, h&auml;lt man einiges aus.&ldquo; Weinen kann sie erst viel sp&auml;ter, das unendliche Verlassensein von den Eltern, die in Auschwitz umkommen, dort noch nicht sp&uuml;ren: &bdquo;Wir waren nicht hysterisch, haben uns eigentlich ganz normal benommen.&ldquo; Anders w&auml;ren sie zerbrochen. Hygiene ist nicht m&ouml;glich, einige Frauen und M&auml;dchen haben noch die Menstruation, keine Unterw&auml;sche. Einige Tschechinnen m&uuml;ssen Blut aus ihren Adern lassen, f&uuml;r Arier an der Front. Ausziehen, wieder Selektion, Herrenmenschen weiden sich in ihrer Mordlust an den K&ouml;rpern der schutzlosen Frauen. &bdquo;Das war ekelhaft, da stand diese Reihe junger M&auml;nner, die haben gelacht, sich &uuml;ber uns am&uuml;siert.&ldquo;, erinnert Reinerov&aacute;.<br>\nWieder in Waggons. Nach ein paar Tagen treibt SS im Morgengrauen die fast 1000, halb verhungerten, durstigen Frauen, &uuml;berwiegend Polinnen und Tschechinnen durch Freiberg bei Dresden. In der &bdquo;Freia&ldquo;, einem R&uuml;stungsbetrieb, zerren &bdquo;Meister&ldquo;, findige Kerle, die sich Fronteins&auml;tzen f&uuml;r den &bdquo;Endsieg&ldquo; entzogen haben, bei Wohlgefallen die jeweilige Frau mit dem Spazierstock um den Hals aus der Reihe in ihre Hallen. Sie m&uuml;ssen Flugzeugteile zusammenbauen. &bdquo;Deutschland muss leben, selbst wenn wir sterben m&uuml;ssen&ldquo; oder &bdquo;Was nicht gute Rasse ist, ist Spreu&ldquo;, steht an den W&auml;nden. Die oft betrunkenen &bdquo;Meister&ldquo;, ganz besonders auch die Aufseherinnen, schikanieren, schlagen, werfen mit Gegenst&auml;nden, aber morden nicht. Die &bdquo;SS Weiber&ldquo; k&ouml;nnen ihnen sogar die Toilette verweigern. Sie schuften in zw&ouml;lf Stundenschichten, feilen, fr&auml;sen, bohren, heben schwer, den ganzen Tag stehend. Am Morgen schwarzes Wasser, mittags d&uuml;nne Suppe, abends Brot und R&uuml;benmarmelade. Nachts frieren sie, Wanzen bei&szlig;en sich in die Haut. Mindestens viermal am Tag treibt SS jeweils fast 500 Frauen durch die Stra&szlig;en. Doch erinnern will in Freiberg die Zwangsarbeiterinnen, die kahlgeschorenen K&ouml;pfe, die bizarre Kleidung bis heute kaum jemand. &bdquo;Wir waren zum Tode bestimmt&ldquo; sagt Lisa Mikova. Unter gleichnamigem Titel hat der Sozialwissenschaftler Michael D&uuml;sing mit arbeitslosen Freiberger Jugendlichen 2002 einen Sammelband erstellt.  Daf&uuml;r haben sie einige  Dutzend ehemalige Zwangsarbeiterinnen befragt.<br>\nDie drei Pragerinnen sind in den letzten Jahren einige Male nach Freiberg gekommen. Etwa 70 Jugendliche, aus der gymnasialen Stufe der 10. Klassen, erleben an einem Herbsttag 2005 Hana Reinerov&aacute; und Helga Weissov&aacute;-Hoskov&aacute;, zwei elegante &auml;ltere Frauen, die vom Alter ihre Gro&szlig;m&uuml;tter oder Urgro&szlig;m&uuml;tter sein k&ouml;nnten. Sie sind zun&auml;chst unsicher, ob sie die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler duzen oder &bdquo;Sie&ldquo; sagen sollen. Helga Weissova-Hoskov&aacute; erkl&auml;rt gleich am Anfang warum. Deutsch habe sie erst als 12 J&auml;hrige in Theresienstadt gelernt.<br>\n&bdquo;Aber auch Auschwitz war immer noch Grammatikunterricht f&uuml;r mich&ldquo;, erkl&auml;rt Weissov&aacute;-Hoskov&aacute; den  Jugendlichen ganz ruhig, ohne Sarkasmus. Dort h&auml;tte die SS niemanden  mit &bdquo;Sie&ldquo; angeredet, sondern nur mit &bdquo;ihr&ldquo; angeschrieen, weil sie ja &bdquo;Untermenschen&ldquo; gewesen seien. Beide erz&auml;hlen vor den Jugendlichen nicht, wie sie nicht nur geduzt wurden, sondern wie SS Schergen sie auch noch in Freiberg mit &bdquo;Schweine&ldquo; oder &bdquo;Saujuden&ldquo; t&auml;glich beschimpften, dabei oft getreten und geschlagen haben.<br>\nIn ihrem melodischen Prager Deutsch erz&auml;hlen sie weiter, ohne Anklage. Die Jugendlichen sind alle sehr ruhig, ernst, einige k&auml;mpfen bald mit den Tr&auml;nen. In dieser Form jugendlicher Ehrerbietung verharren sie anderthalb Stunden lang. Sie scheinen zu realisieren, wen sie hier vor sich haben: Angeh&ouml;rige einer t&auml;glich kleiner werdenden Gruppe der letzten Zeuginnen f&uuml;r die schlimmsten Verbrechen, die Deutsche den europ&auml;ischen J&uuml;dinnen und Juden angetan haben. &bdquo;Ich bin ein Theresienst&auml;dter Kind&ldquo;, sagt Helga Weissov&aacute;. Von dort 15 000 Kindern  haben h&ouml;chsten 150 &uuml;berlebt. Was sie nicht erz&auml;hlt: ihre eigenen Kinder und Enkelinnen beurteilen diese Reisen nach Freiberg oft skeptisch: &bdquo;Warum fahrt ihr da hin, wo ihr so grausam behandelt worden seid?&ldquo; Neu ist f&uuml;r die Jugendlichen auch die Sicht der Zwangsarbeiterinnen auf die Bombardierung Dresdens. Auch die schutzlosen  Frauen sehen damals den Himmel brennen. Auch sie, zumal in R&auml;umen eines R&uuml;stungsbetriebes eingesperrt, kann jederzeit ein Angriff treffen. Doch keine, die sich damals nicht freut, nach Jahren das erste Mal hofft: &bdquo;Wir wussten der Krieg ist nun bald vorbei&ldquo;, sagt Hana Reinerov&aacute;. <\/p><p>Doch noch geht die Pein weiter. Sie bekommen kaum noch Nahrung, manche essen Gras, die Arbeit wird im M&auml;rz 1945 eingestellt. Beide Polinnen erinnern, wie viele Tschechinnen nicht nur immer wieder Rezepte austauschen sondern einige auch verzweifelt mit den H&auml;nden gestikulierend ein gemeinsames Essen imaginieren. Mitte April 1945: wieder in einen Zug, diesmal in offene Kohlenwagen. Neben Lisa Mikov&aacute;  beschimpft die Frau eines Rabbiners in ihrem Hungerwahn die Frauen im Viehwagen, an all dem schuld zu sein, &bdquo;weil wir Gott verlassen haben&ldquo;. Nach vierzehn Tagen wieder &bdquo;raus, raus, schnell, schnell&ldquo;. SS treibt die v&ouml;llig entkr&auml;fteten fast 1000 Frauen, unter ihnen auch die beiden Polinnen aus Lodz und die drei Pragerinnen jetzt durch Mauthausen. Auch hier ist die zuschauende Bev&ouml;lkerung erbarmungslos, als einige der Frauen sich auf den Brunnen st&uuml;rzten. &bdquo;Wir waren so schrecklich durstig. Ich meine, wir haben von ihnen nicht Sympathie Bezeugung verlangt, aber dass sie ausspucken und Steine werfen, das hat ja nicht sein m&uuml;ssen&ldquo;, noch heute versp&uuml;rt Mikov&aacute; keine Wut. Sie werden &bdquo;die Stiegen hochgejagt, wir waren nur noch wankende Gestalten, uns war alles egal, so wie wir aussehen, wir gehen jetzt ins Gas&ldquo;. Nur wenige Stunden vorher hatte das rote Kreuz die Gaskammer geschlossen. Die Befreiung durch die Amerikaner am 5.\/6. Mai bekommen die Frauen kaum noch mit.<br>\nZur&uuml;ck in Prag zur&uuml;ck, versuchen sie wieder in das Leben zu kommen. Hana Reinerov&aacute; arbeitet als Dolmetscherin, bald auch als &Uuml;bersetzerin, Helga Weissov&aacute; als K&uuml;nstlerin, Lisa Mikov&aacute; lange f&uuml;r das Kulturministerium der DDR und f&uuml;r das tschechische. Alle drei heiraten, bekommen Kinder. Alle drei werden auch durch wieder aufflammenden Antisemitismus re-traumatisiert, in den f&uuml;nfziger Jahren, aber auch nach der Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings, wenn auch nicht in so bedrohlichen Formen, die Lisa R. und Lydia R. in Polen erleben. Doch Mikov&aacute; bekommt, auf Betreiben der DDR Regierung, kurz vor der Pensionierung Berufsverbot.  <\/p><p>Auch diese drei Frauen halten wie die beiden Frauen aus Lodz dem t&auml;glichen Sturm der Erinnerungen mit gegenseitiger F&uuml;rsorglichkeit und Solidarit&auml;t stand. Und sie geben Zeugnis, im In- und Ausland, sind in der Theresienst&auml;dter Initiative aktiv. Die 1000 j&uuml;dischen Zwangsarbeiterinnen, die damals aus Freiberg kamen, aber auch die Sinti und Roma Frauen oder die j&uuml;dischen Ungarinnen, die hier &uuml;berwiegend noch in den letzten Wochen vor der Befreiung umgebracht worden sind, haben auch 62 Jahre danach kaum Interesse in der historischen Forschung gefunden. Ihre Lebensgeschichten jedoch k&ouml;nnten Zeugnis geben, Zeugnis &uuml;ber gewaltsam zerst&ouml;rte Familien, &uuml;ber unvorstellbares Leid, Zeugnis &uuml;ber die speziellen Grausamkeiten, die Frauen von SS, Wehrmacht, aber auch deutscher und &ouml;sterreichischer Bev&ouml;lkerung zugef&uuml;gt worden sind.<br>\nLydia R. und Lisa R  betrachten auch in der Bundesrepublik vieles mit Skepsis, besonders den Rechtsextremismus und Rassismus. Und sie haben beide gerade in der deutschen Generation ihrer heute erwachsenen, in den f&uuml;nfziger Jahren geborenen Kinder oft mangelnde elterliche Liebe und F&uuml;rsorge, vielfach eine innere Leere in deutschen Familien beobachtet: &bdquo;Die Deutschen m&uuml;ssten eines verstehen: Es gibt keine Folgen ohne Ursachen. Und die Ursache der kranken Seele ist Auschwitz&ldquo;, sagt Lisa R. Fast jeden Tag z&uuml;ndet sie auf ihrem kleinen Schrein im Wohnzimmer eine Kerze an, nach wie vor f&uuml;r die 144 umgekommenen Mitglieder ihrer gro&szlig;en Verwandtschaft, aber mehr und mehr auch f&uuml;r Freundinnen und Bekannte, die jetzt nach und nach immer h&auml;ufiger gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute j&auml;hrt sich zum zweiundsechzigsten Mal der Tag der Befreiung &ndash; der Tag an dem im Jahre 1945 auch tausende &Uuml;berlebende des Holocausts aus den KZs befreit wurden.<br \/> Brigitta Huhnke hat mit f&uuml;nf aus dem KZ Mauthausen befreiten polnischen und tschechischen Frauen psychologische Interviews gef&uuml;hrt und fasst deren Lebensgeschichte zusammen. 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