{"id":23237,"date":"2014-09-11T09:41:48","date_gmt":"2014-09-11T07:41:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23237"},"modified":"2019-07-09T11:22:50","modified_gmt":"2019-07-09T09:22:50","slug":"ist-osama-dein-onkel-gedanken-zum-11-september","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23237","title":{"rendered":"&#8220;Ist Osama dein Onkel?&#8221; &#8211; Gedanken zum 11. September"},"content":{"rendered":"<p>Nun liegen die Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 dreizehn Jahre zur&uuml;ck. Abgesehen davon, dass mit diesem Ereignis die Kriege im vergangenen Jahrzehnt gerechtfertigt wurden, hat es auch in den K&ouml;pfen vieler Muslime ein Trauma bewirkt, das Au&szlig;enstehende nur schwer nachvollziehen k&ouml;nnen. Ein Gastartikel von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8610\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-23237-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=23237-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"149812_Osamas_Onkel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der 11.September 2001 war eine Z&auml;sur in jeglicher Hinsicht &ndash; ob nun historisch, politisch oder im pers&ouml;nlichen Leben. Die meisten Menschen wissen selbst heute noch, was sie an diesem einen Tag gemacht haben. Sie wissen es ganz genau. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vom Fu&szlig;ballspielen heimkam und mich auf mein Abendessen und meine Lieblingsserie freute. Meine Eltern starrten jedoch nur gebannt den Fernseher an. Ich sah, wie Flugzeuge in zwei Wolkenkratzer flogen. Alles explodierte und brach in sich zusammen. Man h&ouml;rte die Schreie der Menschen. Anfangs glaubte ich sogar, dass diese Szenen nur aus dem Trailer eines neuen Actionfilms &ndash; wom&ouml;glich einer dieser Endzeitfime &agrave; la Roland Emmerich &ndash; stammen k&ouml;nnten. Kein Wunder, immerhin war ich damals erst neun Jahre alt.<\/p><p>Mich k&uuml;mmerte es nicht, dass gerade einer der schlimmsten Terroranschl&auml;ge unserer Zeit stattgefunden hatte. Im Grunde genommen verstand ich es gar nicht. Vielmehr war ich w&uuml;tend dar&uuml;ber, dass meine erw&auml;hnte Lieblingsserie aufgrund einer Sondersendung zu den Anschl&auml;gen ausfiel. Und auch das Abendessen wurde erst sp&auml;t serviert. W&auml;hrend ich a&szlig;, konnte ich das erste Mal das Bild jenes Mannes bestaunen, den heutzutage jedes Kind kennt: Osama bin Laden.<\/p><p>Dass mir dieser Mann in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren noch so viele Probleme bereiten wird, war mir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht bewusst. Am n&auml;chsten Tag waren die Anschl&auml;ge das Thema schlechthin, und zwar &uuml;berall. Sogar in der Grundschule, die ich damals besuchte. In der Klasse gab es nur zwei Sch&uuml;ler mit muslimischem Hintergrund. Ein M&auml;dchen aus Bosnien und mich.<\/p><p><strong>&ldquo;Warum haben die das gemacht?&rdquo;<\/strong><\/p><p>Als die Stunde begann, fing auch die Lehrerin an, &uuml;ber die Anschl&auml;ge zu sprechen, und meinte, dass sie nicht wisse, warum &bdquo;diese Menschen&rdquo; das gemacht haben. Dann sah sie mich an. &bdquo;Emran, ihr kommt aus Afghanistan, oder? Wei&szlig;t du, warum die das gemacht haben?&rdquo;, fragte sie mich. Da war ich nun. Ein neunj&auml;hriger Junge, der zuf&auml;llig Muslim war und dessen Eltern zuf&auml;llig aus Afghanistan stammten, musste sich pl&ouml;tzlich f&uuml;r die Taten von irgendwelchen Terroristen, die Flugzeuge entf&uuml;hrt hatten, rechtfertigen. Ich brachte kein Wort heraus, doch von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass man mich wahrscheinlich immer wieder darauf ansprechen wird.<\/p><p>Genauso kam es dann auch. &bdquo;Bist du mit Osama bin Laden verwandt?&rdquo; Mit dieser Frage wurde ich damals wohl am h&auml;ufigsten aufgezogen. Durch diese Art von Mobbing k&ouml;nnen auch Kinder grausam werden. Diese Grausamkeit des Schulalltags, die ich damals voll zu sp&uuml;ren bekam, bekommen auch heute viele Erwachsene gar nicht mehr mit. Wahrscheinlich geht es zahlreichen muslimischen &bdquo;Migrantenkindern&ldquo; &auml;hnlich. <\/p><p>Nat&uuml;rlich wusste ich schon damals, dass bin Laden kein Afghane war, sondern aus Saudi-Arabien stammt. Da ich mich immer rechtfertigen musste, sah mich gezwungen, Informationen &uuml;ber diesen Mann und &uuml;ber das ganze Geschehen zu sammeln. Daf&uuml;r interessierte man sich jedoch herzlich wenig. Mir f&auml;llt auch heute noch auf, dass der Irrtum, bin Laden sei ein Afghane, weitverbreitet ist. Kein Wunder, denn nach dem 11. September wurde nicht Saudi-Arabien angegriffen, sondern Afghanistan. Da unsere Familie damals die einzig bekannte afghanische Familie in der Gegend war, wurden wir nat&uuml;rlich schnell zum Thema der Menschen in unserem Umfeld. Auf dem Hof meinten die Kinder, mit denen ich Fu&szlig;ball spielte, dass der &bdquo;Dritte Weltkrieg&ldquo; ausbrechen werde und dass &bdquo;mein Land&ldquo; daf&uuml;r verantwortlich sei.<\/p><p>Ich wusste, dass in Afghanistan seit Jahrzehnten Krieg herrschte. Ich konnte mich an jene Momente erinnern, als die Bilder des vom B&uuml;rgerkrieg zerst&ouml;rten Kabul im Fernsehen ausgestrahlt wurden und mein Vater traurig vor sich hin starrte, w&auml;hrend meine Mutter den Tr&auml;nen nahe war. Es waren depressive Momente, die mir erst sp&auml;ter klarmachten, wie sehr das afghanische Volk traumatisiert ist. Dass nun auch die Amerikaner, die den Afghanen im Kampf gegen die Sowjets einst sogar geholfen haben, ihre Bomben &uuml;ber meine Heimat regnen lassen wollten, machte mir schwer zu schaffen.<\/p><p><strong>&ldquo;Die Amerikaner machen euch fertig&rdquo;<\/strong><\/p><p>Anders ging es den Kindern aus der Nachbarschaft. Es war bizarr, doch irgendwie freuten sie sich auf die Angriffe und redeten mir ein, dass der &bdquo;Dritte Weltkrieg&ldquo; in meiner Heimat stattfinden w&uuml;rde. Als der Angriffskrieg der Amerikaner und ihrer Alliierten losging, also jene Milit&auml;raktion, die unter dem Namen &bdquo;Operation Enduring Freedom&ldquo; bekannt ist, gingen die Schikanen auf dem Schulhof weiter. &bdquo;Die Amerikaner machen euch fertig&ldquo;, riefen mir einige Kinder zu, w&auml;hrend sie von US-amerikanischen Kampfjets schw&auml;rmten. Ich hatte damals keine Meinung zum Geschehen, stand meist nur schweigend da und nahm alles hin. Manchmal w&uuml;nschte ich mir vor Wut, dass wir hoffentlich &bdquo;gewinnen&ldquo; w&uuml;rden.<\/p><p>Wir &ndash; das waren in diesem Fall haupts&auml;chlich die extremistischen Taliban. Auch sie wurden zum Gesp&ouml;tt, denn sogar unter den Schulhofkindern war bekannt, dass die Taliban uralte Waffen aus Sowjetzeiten benutzten und gegen die Amerikaner keine Chance hatten. Das dachte man zumindest damals. Heute sind die Extremisten st&auml;rker denn je, w&auml;hrend die US-Amerikaner vor ihrem Abzug stehen und ein Jahrzehnt lang gedem&uuml;tigt wurden.<\/p><p>Omar, mein Bruder, geh&ouml;rte zu jenen, die die Taliban am meisten verfluchten. Der Grund war nur allzu verst&auml;ndlich. Immerhin brachte jeder seinen Namen mit jenem des ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Taliban-F&uuml;hrers Mullah Mohammad Omar in Verbindung. Dieses Problem haben bis heute jedoch nicht nur die Omars und Osamas dieser Welt, sondern die meisten Muslime. Seit dem 11. September 2001 hat n&auml;mlich jeder, der den Namen Mohammad oder irgendeinen anderen, klar erkennbaren islamischen Namen tr&auml;gt, mehr oder weniger ein &bdquo;Problem&ldquo;. Dieses Problem wird immer wieder deutlich &ndash; ob nun w&auml;hrend eines Bewerbungsgespr&auml;chs oder bei einer Polizei- oder Flughafenkontrolle.<\/p><p><strong>Fr&uuml;her Exot, heute Terrorist <\/strong><\/p><p>Fr&uuml;her war das anders. Es gab mal eine Zeit, in der Muslime als &bdquo;exotisch&ldquo; galten. Den Nahen Osten assoziierte man mit Geschichten aus tausendundeiner Nacht. In einem alten Reisef&uuml;hrer zu Afghanistan &ndash; er stammt aus den 60er-Jahren &ndash; wird das Land am Hindukusch als Land der Dichter und Geschichtenerz&auml;hler beschrieben. Ein Land, das f&uuml;r sein einzigartiges Obst bekannt ist &ndash; ob nun saftige Granat&auml;pfel oder zuckers&uuml;&szlig;e Melonen &ndash; und in dem Gastfreundschaft die h&ouml;chste Tugend ist. Heute hat sich dies ge&auml;ndert. Ob Afghanistan, Irak, der Jemen oder Syrien &ndash; all diese L&auml;nder werden nur noch mit Terror und Blutvergie&szlig;en in Verbindung gebracht. Man assoziiert den Orient nicht mit etwas Exotischem, sondern mit Al Qaida, Guantanamo und illegalen Drohnen-Angriffen. Seit dem 11. September wird der Muslim von der westlichen Gesellschaft als etwas Fremdes, etwas Bedrohliches wahrgenommen. <\/p><p>Diese Wahrnehmung macht auch vor Kindern nicht halt. Man verlangt von muslimischen Kindern vieles. Sie m&uuml;ssen sich in der Schule mehr beweisen als andere, sie m&uuml;ssen mit Vorurteilen k&auml;mpfen, und scheinbar wird von ihnen sogar verlangt, sich f&uuml;r Dinge zu rechtfertigen, mit denen sie &uuml;berhaupt nichts zu tun haben. <\/p><p>Dies wird &uuml;brigens nicht nur von Kindern, sondern von allen Muslimen hierzulande verlangt. Sobald Menschen mit muslimischem Hintergrund irgendwo auf der Welt f&uuml;r Verbrechen verantwortlich sind, muss sich der Muslim hierzulande davon distanzieren, weil er eben auch ein Muslim ist. Dass man wom&ouml;glich noch nie im Irak oder in Afghanistan gewesen ist und sonst die selben allt&auml;glichen Probleme hat wie jeder andere B&uuml;rger, interessiert niemanden. Irgendwann f&uuml;hlt man sich fast schon dazu gen&ouml;tigt, zu jedem Christen zu laufen, um ihn zu fragen, was er von George W. Bushs &bdquo;Kreuzzug&ldquo; h&auml;lt. <\/p><p>Allerdings steht auch fest, dass der 11. September 2001 mich teilweise zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Ohne diese f&uuml;rchterlichen Anschl&auml;ge, die darauffolgenden Kriege und den Hass gegen Muslime h&auml;tte ich mich wohl nie mit gewissen Themen besch&auml;ftigt. Ich h&auml;tte mir nicht die M&uuml;he gemacht, all diese komplexen Themen &ndash; von Terrorismus bis hin zu Rassismus &ndash; immer wieder aufs Neue zu erl&auml;utern. Ich habe auch gar keine andere Wahl, denn gerade zum jetzigen Zeitpunkt ist es n&ouml;tiger denn je.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun liegen die Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 dreizehn Jahre zur&uuml;ck. Abgesehen davon, dass mit diesem Ereignis die Kriege im vergangenen Jahrzehnt gerechtfertigt wurden, hat es auch in den K&ouml;pfen vieler Muslime ein Trauma bewirkt, das Au&szlig;enstehende nur schwer nachvollziehen k&ouml;nnen. 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