{"id":23297,"date":"2014-09-16T09:43:00","date_gmt":"2014-09-16T07:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297"},"modified":"2019-07-31T12:32:36","modified_gmt":"2019-07-31T10:32:36","slug":"eurokrise-kleine-hoffnungszeichen-beim-mainstream-kein-lernfortschritt-bei-angela-merkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297","title":{"rendered":"Eurokrise: Kleine Hoffnungszeichen beim Mainstream, kein Lernfortschritt bei Angela Merkel"},"content":{"rendered":"<p>Das diesj&auml;hrige Treffen der Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger in Lindau am Bodensee in der vorletzten Augustwoche und insbesondere Angela Merkels <a href=\"http:\/\/mediatheque.lindau-nobel.org\/videos\/34024\/2014-eco-opening-ceremony-merkel\">dortige Er&ouml;ffnungsrede<\/a> haben in den deutschen Medien vergleichsweise wenig Beachtung gefunden.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das ist einerseits nicht bedauerlich, da bislang &ndash; von wenigen Ausnahmen wie etwa Joseph Stiglitz oder Paul Krugman einmal abgesehen &ndash; zumeist konservative, neoklassisch resp. monetaristisch orientierte &Ouml;konomen den Nobelpreis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften erhalten haben. Einen traurigen H&ouml;hepunkt bildete die nur als skandal&ouml;s zu bezeichnende Nominierung von Eugene Fama (University of Chicago) im letzten Jahr. Zur Erinnerung: Nur wenige Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise wurde mit Fama ein &Ouml;konom geehrt, dessen &bdquo;Hypothese effizienter M&auml;rkte&ldquo; (efficient market hypothesis) besagt, dass Finanzkrisen unm&ouml;glich sind (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/zum-wirtschaftsnobelpreis-fuer-eugene-fama\/\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/der-sogenannte-nobelpreis-fuer-wirtschaft\/\">hier<\/a>).[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Von G&uuml;nther Grunert[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nAndererseits war die Veranstaltung aus zwei Gr&uuml;nden interessant: Erstens kann sie als &bdquo;Stimmungsbarometer&ldquo; dienen: Wie steht der &ouml;konomische Mainstream &ndash; hier immerhin vertreten durch seine Elite &ndash; zur Austerit&auml;tspolitik in Europa, nachdem deren grandioses Scheitern mit jedem Tag offenkundiger wird? Von einem Stimmungsumschwung zu sprechen, w&auml;re sicherlich verfr&uuml;ht, aber &uuml;berraschend war dennoch die harsche Kritik, die in Lindau selbst von konservativen &Ouml;konomen an der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik ge&uuml;bt wurde und &uuml;ber die im ersten Abschnitt dieses Beitrags n&auml;her berichtet wird. Zweitens bot das Treffen eine der eher seltenen Gelegenheiten, nicht nur bruchst&uuml;ckhaft, sondern in zusammenh&auml;ngender und ausf&uuml;hrlicher Form etwas &uuml;ber die wirtschaftspolitische Position Angela Merkels zu erfahren, die ja h&auml;ufig genug diffus bleibt. H&ouml;rt man sich die Er&ouml;ffnungsrede der Bundeskanzlerin an, verfliegt aller vorsichtiger Optimismus sofort wieder. Denn wie im zweiten Abschnitt gezeigt wird, l&auml;sst sich bei Angela Merkel nicht der geringste wirtschaftspolitische Lernfortschritt feststellen. Abschnitt 3 beendet mit einem kurzen Fazit diesen Beitrag.<\/p><ol>\n<li><strong>&bdquo;Ein schreckliches Ergebnis&ldquo;<\/strong>\n<p>Der britische &bdquo;The Telegraph&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/finance\/economics\/11047107\/Nobel-economists-say-policy-blunders-pushing-Europe-into-depression.html\">berichtet in seiner Ausgabe vom 20. August 2014<\/a> von einem &bdquo;massiven Angriff&ldquo; einer gro&szlig;en Zahl von Nobelpreistr&auml;gern auf die Wirtschaftspolitik in der Eurozone. Zitiert wird zun&auml;chst Peter Diamond (Massachusetts Institute of Technology), der gegen&uuml;ber dem &bdquo;Telegraph&ldquo; sagte: &bdquo;Historiker werden Europas Zentralbanker teeren und federn. [&hellip;] Junge Menschen in Spanien und Italien, die in dieser Rezession auf den Arbeitsmarkt kommen, werden auf Jahrzehnte negativ betroffen sein. Es ist ein schreckliches Ergebnis und es &uuml;berrascht, wie wenig Aufruhr es gegen eine Politik gegeben hat, die so unfassbar destruktiv ist. [&hellip;] Das lie&szlig;e sich vermeiden mit einer besseren Nutzung von Konjunkturma&szlig;nahmen und Infrastrukturausgaben. Das w&uuml;rde das Wachstum ankurbeln und auch dem Schuldenstand zugutekommen.&ldquo;<\/p>\n<p>Joseph Stiglitz (Columbia University) bezeichnete &ndash; so der &bdquo;Telegraph&ldquo; &ndash; die Austerit&auml;tspolitik als einen &bdquo;katastrophalen Misserfolg&ldquo; und sehe das &bdquo;Risiko einer jahrelangen Depression, die selbst Japans verlorenes Jahrzehnt in den Schatten stellt&ldquo;. Christopher Sims (Princeton University) ging gar so weit, die Existenz der W&auml;hrungsunion in Frage zu stellen: &bdquo;Wenn ich Griechenland, Portugal oder auch Spanien beraten w&uuml;rde, w&uuml;rde ich ihnen empfehlen, Notfallpl&auml;ne f&uuml;r das Verlassen des Euro vorzubereiten. Es ist sinnlos, in der EWU zu sein, wenn das nur dazu f&uuml;hrt, dass, sobald man von einem Schock getroffen wird, der Schock noch verschlimmert wird&ldquo; (alle &Uuml;bersetzungen G.G.).<\/p>\n<p>Auch gegen&uuml;ber der konservativen &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article131538257\/Nobelpreistraeger-rechnen-mit-Merkel-ab.html\">&auml;u&szlig;erten sich einige Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger sehr kritisch<\/a>. &bdquo;Die Welt&ldquo; zitiert Eric Maskin (Harvard University) mit den Worten: &bdquo;Merkel verfolgt in Europa eine v&ouml;llig falsche Politik. Der von ihr verordnete Sparkurs wird die Euro-Zone in die Depression schicken.&ldquo; Lars Peter Hansen (University of Chicago) sprach sich laut &bdquo;Die Welt&ldquo; f&uuml;r Investitionen in Bildung oder Infrastruktur aus und warnte vor h&auml;rteren Sanktionsma&szlig;nahmen: &bdquo;Einem Land, das bereits am Boden liegt, mit weiteren Strafma&szlig;nahmen zu drohen, halte ich f&uuml;r keine so gute Idee.&ldquo; Schlie&szlig;lich wird von der Zeitung noch Edmund Phelps (Columbia University) zitiert: &bdquo;Europa ist intellektuell und in Sachen Einfallsreichtum bankrott. [&hellip;] Merkel scheint den Ernst der Lage nicht kapiert zu haben.&ldquo; <\/p>\n<p>Das alles sind klare Worte und den meisten davon kann man durchaus zustimmen. W&uuml;nschenswert w&auml;re allerdings gewesen, die &Ouml;konomen h&auml;tten sich bereits zu einem fr&uuml;heren Zeitpunkt in dieser Weise ge&auml;u&szlig;ert.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><\/li>\n<li><strong>Angela Merkels Krisenanalyse<\/strong>\n<p>Angela Merkel beginnt den Teil ihrer Rede, der sich mit Europa befasst, mit der Feststellung, dass die Politik versucht habe, &bdquo;neue Wege einzuschlagen, insbesondere in der Krise, die wir als Eurokrise bezeichnet haben. Man kann sie auch eine Staatsschuldenkrise oder eine Wettbewerbsf&auml;higkeitskrise nennen.&ldquo; So ganz genau wei&szlig; Angela Merkel offenbar nicht, um welche Art von Krise es sich im Euroraum eigentlich handelt &ndash; es k&ouml;nnte eine Staatsschuldenkrise oder auch eine Krise der Wettbewerbsf&auml;higkeit sein (oder beides?); in jedem Fall ist es irgendwie eine Eurokrise. Im Folgenden ist dann &ndash; kunterbunt gemischt &ndash; mal von zu geringer wirtschaftspolitischer Koordinierung, dann von &bdquo;Altlasten in Form von sehr hohen Staatsverschuldungen&ldquo;, dann wieder von intransparenten Bankensystemen etc. die Rede, ohne dass Angela Merkel auch nur den Versuch unternimmt, Zusammenh&auml;nge zwischen diesen Krisenursachen aufzuzeigen oder eine Gewichtung der einzelnen von ihr genannten Faktoren (Staatsschulden, Wettbewerbsf&auml;higkeitsdefizite, Banken usw.) vorzunehmen.<\/p>\n<p>Die schwammige, unklare Diagnose h&auml;lt Merkel allerdings nicht davon ab, rigorose Therapiema&szlig;nahmen vorzustellen. Eine Lehre aus der Krise ist demnach, &bdquo;dass unser Referenzpunkt nicht der Durchschnitt aller Mitgliedstaaten des Euroraums ist, wenn es um Wettbewerbsf&auml;higkeit geht, sondern dass der Referenzpunkt die Besten sein m&uuml;ssen und da auch nicht die Besten in Europa, sondern die Besten weltweit, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen&ldquo;. Offensichtlich zielt die Bundeskanzlerin immer noch (wie schon zuvor, z. B. in ihrem Beitrag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im letzten Jahr) auf die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands und ganz Europas gegen&uuml;ber dem Rest der Welt ab, d. h. auf dauerhafte Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse mit den &uuml;brigen L&auml;ndern. Sie propagiert mithin weiter unverdrossen den Wettkampf der Nationen, eine absurde Idee, die das Modell des Wettbewerbs zwischen Unternehmen umstandslos auf Staaten &uuml;bertr&auml;gt, ohne zu bedenken, dass zwar Unternehmen andere Unternehmen, nicht aber Staaten andere Staaten vom Markt verdr&auml;ngen k&ouml;nnen, ohne sich selbst zu sch&auml;digen. Der Sieger im  Wettkampf der Nationen ist n&auml;mlich immer auch ein Verlierer, da er mit seinen Konkurrenten gleichzeitig seine Kunden ausschaltet: Erobern die Unternehmen eines wettbewerbsst&auml;rkeren Landes den Markt eines schw&auml;cheren Landes, so f&uuml;hrt dies dort zu einem massiven Verlust von Arbeitspl&auml;tzen, der den Menschen die M&ouml;glichkeit nimmt, weiterhin (in gleichem Umfang) die G&uuml;ter des &bdquo;Gewinnerlandes&ldquo; zu kaufen.<\/p>\n<p>Au&szlig;erdem: Wenn ein so gro&szlig;er Wirtschaftsraum wie die Eurozone insgesamt seine Wettbewerbsf&auml;higkeit verbessert, zu wessen Lasten soll das gehen, wer soll dann also an Konkurrenzf&auml;higkeit einb&uuml;&szlig;en? Die USA vielleicht, deren Leistungsbilanz bereits seit den 1980er Jahren fast durchg&auml;ngig stark defizit&auml;r ist? Oder die Entwicklungsl&auml;nder? Und was geschieht, wenn Europa &ndash; und darunter die EWU &ndash; tats&auml;chlich zu den &bdquo;Besten weltweit&ldquo; aufsteigt, damit wachsende Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber dem Rest der Welt erzielt, der Rest der Welt das aber nicht einfach hinnimmt, sondern seine W&auml;hrungen gegen&uuml;ber dem Euro abwertet? Eine Antwort auf diese Fragen sucht man im Vortrag Merkels vergeblich.<\/p>\n<p>Stattdessen bringt sie erneut ihr Lieblingsargument von den 50 Prozent der weltweiten Sozialkosten, die Europa aus nur 25 Prozent des globalen BIP finanzieren m&uuml;sse: &bdquo;Man muss sich immer wieder vor Augen f&uuml;hren: Die Europ&auml;ische Union hat noch einen Anteil von rund sieben Prozent an der Weltbev&ouml;lkerung. Wir haben, wenn es einigerma&szlig;en l&auml;uft, einen Anteil von etwa 25 Prozent an der Wertsch&ouml;pfung der Welt. Und wir haben ann&auml;hernd 50 Prozent der Sozialausgaben der Welt. Wenn wir das auf Dauer erhalten wollen &ndash; unser Bev&ouml;lkerungsanteil nimmt ab, unser BIP-Anteil wahrscheinlich auch &ndash;, dann m&uuml;ssen wir ziemlich kreativ, ziemlich innovativ sein und k&ouml;nnen uns wirklich nicht sozusagen am Mittelma&szlig; der Welt orientieren.&ldquo;<\/p>\n<p>Gibt es eigentlich keinen Berater bzw. keine Beraterin im n&auml;heren Umfeld der Bundeskanzlerin, der oder die Angela Merkel darauf hinweist, dass sie hier eine Zahlenspielerei ohne jede Aussagekraft pr&auml;sentiert? Solange der Anteil Europas an den weltweiten Sozialkosten durch die europ&auml;ische Produktivit&auml;t gedeckt ist, ist es v&ouml;llig gleichg&uuml;ltig, ob der genaue Prozentsatz 40, 50, 60 oder sonst wieviel Prozent betr&auml;gt.<\/p>\n<p>Etwas genauer: Jedes Land erwirtschaftet mit einer bestimmten Besch&auml;ftigtenzahl ein bestimmtes Einkommen, das im Regelfall in jedem Jahr mit dem Einsatz technologischer Innovationen im Produktions- und\/oder Produktbereich ansteigt. Der technische Fortschritt f&uuml;hrt mithin zu einem h&ouml;heren realen Output je Arbeitsstunde, d.h. zu einer wachsenden Arbeitsproduktivit&auml;t. Die erwirtschaftete Produktivit&auml;t l&auml;sst sich in unterschiedlicher Weise verteilen (mit dem gleichen Effekt auf die Wettbewerbsf&auml;higkeit); sie kann beispielsweise f&uuml;r h&ouml;here Einkommen oder vorrangig f&uuml;r k&uuml;rzere Arbeitszeiten genutzt werden. Ebenso ist es m&ouml;glich, dass ein Land beginnt, im Rahmen seiner Produktivit&auml;tsentwicklung st&auml;rker als andere L&auml;nder auf soziale Ausgaben statt auf reine Lohnsteigerungen zu setzen. Unterstellt man einmal zur Verdeutlichung eine gleiche Produktivit&auml;tsentwicklung in allen Nationen (bei unver&auml;nderten W&auml;hrungsrelationen), so w&uuml;rde der Prozentanteil des gerade beispielhaft genannten Landes an den weltweiten Sozialkosten steigen, ohne dass ihm dadurch ein Nachteil in Form einer verminderten Wettbewerbsf&auml;higkeit oder irgendeiner anderen Fehlentwicklung entst&uuml;nde. Noch gr&ouml;&szlig;er w&auml;re der Spielraum des erw&auml;hnten Landes, seine Sozialausgaben (und damit seinen Anteil an den weltweiten Sozialkosten) zu erh&ouml;hen, wenn es z.B. nicht nur durchschnittliche, sondern im L&auml;ndervergleich weit &uuml;berdurchschnittliche Produktivit&auml;tszuw&auml;chse verzeichnete.<\/p>\n<p>Relevant sind immer nur die Arbeitskosten (incl. aller Lohnnebenkosten) pro Stunde im Verh&auml;ltnis zum realen Output je Arbeitsstunde, d. h. die sog. Lohnst&uuml;ckkosten (Lohnkosten je Einheit Output) eines Landes, jedenfalls gilt dies unter den Bedingungen einer W&auml;hrungsunion, innerhalb derer es keine Wechselkurse gibt. Betrachtet man den internationalen Wettbewerb von L&auml;ndern mit unterschiedlichen nationalen W&auml;hrungen, so erhalten die &bdquo;Lohnst&uuml;ckkosten in einer einheitlichen W&auml;hrung&ldquo;, die also zus&auml;tzlich Wechselkurs&auml;nderungen ber&uuml;cksichtigen, zentrale Bedeutung. Eine Senkung oder zumindest Deckelung der Sozialausgaben in Europa, die Angela Merkel mit ihrem absurden Zahlenbeispiel m&ouml;glicherweise anstrebt, br&auml;chte somit ebenso wenig wie eine allgemeine K&uuml;rzung der L&ouml;hne: Denn die &uuml;brigen L&auml;nder der Welt w&uuml;rden, wenn sie durch solche Ma&szlig;nahmen unter Druck gerieten, von der M&ouml;glichkeit Gebrauch machen, ihre W&auml;hrungen abzuwerten.<\/p>\n<p>Das obige Zitat legt obendrein nahe, dass Angela Merkel der Unterschied zwischen Produktivit&auml;t und Wettbewerbsf&auml;higkeit nach wie vor unbekannt ist. Denn mit &bdquo;kreativ&ldquo; und &bdquo;innovativ&ldquo; spricht sie ja Eigenschaften an, die zu einer hohen Produktivit&auml;t f&uuml;hren k&ouml;nnen. Dass eine hohe Produktivit&auml;t auch hohe Einkommen erm&ouml;glicht, ist richtig. Das eine kann es auf Dauer nicht ohne das andere geben. Aber &ndash; und das ist der springende Punkt, den die Berater der Bundeskanzlerin offenbar entweder selbst nicht verstehen oder zumindest ihr nicht ausreichend erkl&auml;ren k&ouml;nnen &ndash; eine hohe Produktivit&auml;t bedeutet nicht automatisch eine hohe Wettbewerbsf&auml;higkeit. Wenn etwa innerhalb einer W&auml;hrungsunion in einem Land die Produktivit&auml;t doppelt so hoch ist wie in einem anderen, dasselbe jedoch f&uuml;r die Arbeitskosten pro Stunde gilt, ergibt sich f&uuml;r das produktivere Land kein Kosten- und damit kein Wettbewerbsvorteil. Weisen hingegen z. B. zwei L&auml;nder das gleiche Produktivit&auml;tsniveau auf, sind aber in einem von beiden die st&uuml;ndlichen Arbeitskosten niedriger als im anderen, so verf&uuml;gt das Niedriglohnland &uuml;ber eine h&ouml;here preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit als das Vergleichsland. Entsprechend kann ein Land (bei hinreichender Lohnzur&uuml;ckhaltung) das Mittel der Preisunterbietung auch dann einsetzen, wenn es seine Produktivit&auml;t nur relativ wenig oder auch gar nicht steigert.<\/p>\n<p>Genau das hat ja Deutschland im ersten Jahrzehnt der EWU getan: kaum investiert, so dass die Produktivit&auml;tsentwicklung recht bescheiden verlief, aber die Preisentwicklung durch Lohnkostendumping sch&ouml;n unterhalb derjenigen der Handels- und W&auml;hrungspartner gehalten &ndash; daraus ergab sich eine unschlagbare internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit. Mit Kreativit&auml;t und Innovationen hatte diese Strategie herzlich wenig zu tun.<\/p>\n<p>Was die Berater der Kanzlerin zus&auml;tzlich zu erkl&auml;ren vergessen haben: Eine hohe Wettbewerbsf&auml;higkeit ist f&uuml;r ein Land kein speziell erstrebenswerter Zustand, denn, wie man am Beispiel Deutschlands lernen kann, f&uuml;hrt das auf Dauer nur dazu, dass das Land sehr viel Verm&ouml;gensanspr&uuml;che gegen&uuml;ber dem Ausland hat, aber vollkommen unklar ist, ob es diese Verm&ouml;gensanspr&uuml;che jemals in voller H&ouml;he durchsetzen kann, d.h. ob das bei ihm verschuldete Ausland seine Schulden jemals zur&uuml;ckzahlen wird. Anzustreben ist f&uuml;r ein Land vielmehr eine hohe Produktivit&auml;t (unter Ber&uuml;cksichtigung der langfristigen Nachhaltigkeit seiner Wirtschaftsweise) bei ausgeglichener Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen&uuml;ber den Handelspartnern, also bei ungef&auml;hr ausgeglichenem Au&szlig;enhandel.<\/p>\n<p>Doch diese logischen Zusammenh&auml;nge sind f&uuml;r Angela Merkel b&ouml;hmische D&ouml;rfer. Stattdessen reitet sie lieber wieder auf dem Schuldenthema herum. Wie schon oft in der Vergangenheit preist sie erneut Deutschland als leuchtendes Vorbild in Europa. Wohl auch mit Blick auf Frankreich und Italien stellt sie fest: &bdquo;Deutschland hat die Erfahrung gemacht, dass wir Haushaltskonsolidierung und Wachstum recht gut zusammenbekommen. Das ist ja einer der gro&szlig;en Diskussionsgegenst&auml;nde: Muss man sich f&uuml;r Wachstum eigentlich immer verschulden? Wir haben in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass man das nicht muss, sondern dass wir unseren Haushalt konsolidieren konnten &ndash; mit einer Schuldenbremse in der Verfassung arbeiten und leben &ndash; und gleichzeitig in den letzten zehn Jahren deutlich mehr Besch&auml;ftigung entstanden ist.&ldquo;<\/p>\n<p>Die Bundeskanzlerin hat offenbar immer noch nicht verstanden, dass und wie sehr auch das deutsche Wachstum in den vergangenen f&uuml;nfzehn Jahren durch Verschuldung finanziert wurde, n&auml;mlich durch laufende Verschuldung des Auslands gegen&uuml;ber Deutschland. Wie auf den NachDenkSeiten schon oft erkl&auml;rt, konkurrierte Deutschland mit seinem Lohndumping die anderen Eurol&auml;nder nieder und erzielte anhaltende Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse, denen spiegelbildlich Defizite der s&uuml;dlichen Eurol&auml;nder (incl. Frankreichs) gegen&uuml;berstanden. Deutschland trieb damit seine Partnerl&auml;nder in eine wachsende Verschuldung &ndash; und zwar entweder deren Privatsektor oder deren Staatssektor oder beide. Die auf Dauer unhaltbare Auslandsverschuldung der W&auml;hrungspartnerl&auml;nder fand in der Eurokrise ihren Niederschlag. Sich vor diesem Hintergrund hinzustellen und zu behaupten, das Beispiel Deutschlands zeige, dass man sich f&uuml;r Wachstum nicht verschulden m&uuml;sse, obgleich doch fast das gesamte Wachstum hierzulande seit Jahren auf der Verschuldung der Handelspartner beruht, offenbart eine erschreckende Ahnungslosigkeit. Man kann daraus nur schlie&szlig;en, dass Angela Merkel gar nicht wei&szlig;, dass Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse eine Verschuldung des Auslands darstellen und dass Deutschland ohne diese beispiellose dauernde Verschuldung des Auslands bei uns &ndash; seit Jahren im dreistelligen Milliardenbereich! &ndash; nicht nur kein Wachstum erzielt h&auml;tte, sondern vielmehr in eine schwere Rezession geraten w&auml;re.<\/p>\n<p>Die triumphale Feststellung der Bundeskanzlerin, dass es Deutschland &ndash; anders als anderen L&auml;ndern &ndash; gelungen sei, Haushaltskonsolidierung und Wachstum gleicherma&szlig;en zu erreichen, und die sp&auml;tere nochmalige Betonung Merkels, dass sie &bdquo;Wachstum und Haushaltskonsolidierung als zwei Seiten ein und derselben Medaille&ldquo; sehe, zeigen erneut, dass sie die Zusammenh&auml;nge zwischen den Finanzierungs&uuml;bersch&uuml;ssen und -defiziten der volkswirtschaftlichen Sektoren nicht kennt. Wie an anderer Stelle n&auml;her ausgef&uuml;hrt (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350\">hier<\/a>) addieren sich die Finanzierungssalden der drei gro&szlig;en volkswirtschaftlichen Sektoren Staat (Einnahmen minus Ausgaben des Staates), Privatsektor (Ersparnis minus Investitionen) und Ausland (entspricht der Leistungsbilanz mit umgekehrtem Vorzeichen) stets definitorisch zu Null. Daraus folgt, dass f&uuml;r Deutschland als Land mit dauerhaft hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen die Realisierung eines ausgeglichenen Staatsbudgets relativ einfach ist. Denn ein Leistungsbilanz&uuml;berschuss erlaubt dem Staatssektor eines Landes, einen ausgeglichenen Haushalt oder sogar einen Haushalts&uuml;berschuss zu erzielen und dennoch gleichzeitig dem Privatsektor (den Haushalten und Unternehmen) als Ganzes zu sparen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Oder etwas genauer: Mit dem Leistungsbilanz&uuml;berschuss eines Landes erh&auml;lt dessen Staatssektor Spielraum f&uuml;r einen Budget&uuml;berschuss, ohne dass dadurch das Wachstum beeintr&auml;chtigt wird, solange der negative Finanzierungssaldo des Auslands den positiven Finanzierungssaldo des Privatsektors mehr als ausgleicht. Eine solche Situation war beispielsweise hierzulande im letzten Jahr gegeben: Im Jahr 2013 wies Deutschland einen negativen Finanzierungssaldo des Auslands in H&ouml;he von &ndash;202 Mrd. Euro (das Minuszeichen bedeutet einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss Deutschlands) auf, dem ein positiver Finanzierungssaldo sowohl des Privatsektors (201,7 Mrd. Euro) als auch des Staates (0,3 Mrd. Euro) gegen&uuml;berstand. Die Summe der Finanzierungssalden der volkswirtschaftlichen Sektoren betrug folglich &ndash; wie dies immer der Fall ist &ndash;  Null: &ndash;202 + 201,7 + 0,3 = 0.<\/p>\n<p>V&ouml;llig anders ist die Situation bei den Euro-Krisenl&auml;ndern, die Leistungsbilanzdefizite verzeichnen. Weist ein Land ein Leistungsbilanzdefizit auf (einen positiven Finanzierungssaldo des Auslands), entsprechen diesem zwangsl&auml;ufig in der Summe ein negativer Finanzierungssaldo des Staates und des Privatsektors, d.h. der Staat und der Privatsektor k&ouml;nnen dann niemals gleichzeitig Finanzierungs&uuml;bersch&uuml;sse erzielen (mindestens einer der beiden Sektoren muss ein Defizit verzeichnen). In dieser Lage befindet sich beispielsweise Frankreich, das im vergangenen Jahr einen positiven Finanzierungssaldo des Auslands &ndash; also ein Leistungsbilanzdefizit &ndash; von +38,2 Mrd. Euro realisierte, dem ein gleich hoher negativer Finanzierungssaldo von Privatsektor und Staat zusammengenommen entgegenstand, der sich aus einem positiven Finanzierungssaldo des Privatsektors (50 Mrd. Euro) und einem entsprechend negativen Saldo (d.h. einem Haushaltsdefizit) des Staates in H&ouml;he von &ndash;88,2 Mrd. Euro zusammensetzte: 38,2 + 50 &ndash; 88,2 = 0.<\/p>\n<p>Versucht ein Leistungsbilanzdefizitland wie Frankreich, einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu realisieren (oder gar einen Budget&uuml;berschuss), so ist dies allein dann m&ouml;glich, wenn sein Privatsektor ein Finanzierungsdefizit (und damit eine steigende Verschuldung) in Kauf nimmt. Oder wiederum etwas pr&auml;ziser: Ein Land mit einem Leistungsbilanzdefizit kann nur dann einen ausgeglichenen Staatshaushalt aufweisen, wenn es ein Defizit des heimischen Privatsektors akzeptiert, das in seiner H&ouml;he exakt dem Leistungsbilanzdefizit entspricht.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p>\n<p>Das Problem mit einer solchen Konstellation ist, dass sie sich zwar einige Jahre lang aufrechterhalten l&auml;sst, aber niemals nachhaltig sein kann. Wird n&auml;mlich das Wachstum des BIP durch eine Expansion der privaten Schulden getrieben (d.h. verschuldet sich der Privatsektor immer mehr), so st&ouml;&szlig;t dieser Prozess irgendwann an eine Grenze: Erreicht die H&ouml;he des Schuldendienstes einen bestimmten Prozentsatz der Einkommen, ist der Verschuldungsspielraum des Privatsektors ausgesch&ouml;pft, da die Einkommen den Schuldendienst begrenzen. Private Haushalte und Unternehmen werden dann beginnen, ihre Bilanzen umzustrukturieren, um das Entstehen einer prek&auml;ren Finanzlage zu verhindern. Als Folge verlangsamt sich die aggregierte Nachfrage aus der Schuldenexpansion, es entsteht eine wachsende Ausgabenl&uuml;cke, die Wirtschaft kommt ins Stocken und mit der einsetzenden Rezession ger&auml;t schlie&szlig;lich &ndash; &uuml;ber die automatischen Stabilisatoren &ndash; der Staatshaushalt ins Defizit (Mitchell\/Muysken 2008, S. 222).<\/p>\n<p>Zum Triumphieren gegen&uuml;ber Partnerl&auml;ndern wie Frankreich oder Italien besteht demnach kein Anlass. Einmal ganz abgesehen davon, dass das Anstreben ausgeglichener Staatshaushalte im Euroraum in der gegenw&auml;rtigen &ouml;konomischen Situation wirtschaftspolitischer Irrsinn ist, w&auml;ren &ndash; wenn man es dennoch allgemein versuchte &ndash; die Ausgangspositionen und damit die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r das Erreichen dieses Ziels in den einzelnen Eurol&auml;ndern h&ouml;chst unterschiedlich. Es ist eben nicht so &ndash; wie Angela Merkel anscheinend immer noch glaubt (Stichwort: schw&auml;bische Hausfrau) &ndash;, dass das staatliche Budgetergebnis allein vom Spareifer und der Ausgabendisziplin eines Landes abh&auml;ngt; vielmehr wird es weitgehend durch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, d.h. endogen, bestimmt.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit<\/strong>\n<p>Heiner Flassbeck schreibt zu Angela Merkels Vortrag in Lindau v&ouml;llig zu Recht: &bdquo;Diese Rede, man muss es sagen, wird in hundert Jahren von den Historikern als bestes Beispiel daf&uuml;r genommen werden, wie weit abgehoben von der Realit&auml;t die deutsche Regierung kurz vor dem H&ouml;hepunkt der gro&szlig;en europ&auml;ischen Krise war&ldquo; (Flassbeck 2014). In der Tat sind die Ausf&uuml;hrungen Angela Merkels in Lindau, die hier nur in wenigen Ausz&uuml;gen wiedergegeben werden k&ouml;nnen, eine einzige Ansammlung von Leerphrasen, Halbwissen und schlichtem Unfug. Das l&auml;sst f&uuml;r die Zukunft wenig Gutes erahnen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist die herbe Kritik von Seiten der Mainstream-&Ouml;konomen an der Wirtschaftspolitik in Europa zwar ein kleines Zeichen der Hoffnung, mehr aber leider nicht, zumal die Nobelpreistr&auml;ger nur wenige konstruktive L&ouml;sungsvorschl&auml;ge f&uuml;r die Eurokrise anzubieten haben. Zu oft schon wurde in den vergangenen Jahren &ndash; gerade nach Beginn der globalen Finanzkrise &ndash; ein Umdenken in den Wirtschaftswissenschaften erwartet, das dann regelm&auml;&szlig;ig ausblieb[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>], selbst wenn die Realit&auml;t der Theorie noch so sehr widersprach.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Blyth, M.<\/strong> (2013): Austerity &ndash; The History of a Dangerous Idea, Oxford<\/li>\n<li><strong>Fama, E. F.<\/strong> (1970): Efficient Capital Markets: A Review of Theory and Empirical Work, in: The Journal of Finance, Vol. 25, 2, S. 383-417<\/li>\n<li><strong>Flassbeck, H.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/was-im-august-wichtig-war\/\">Was im August wichtig war<\/a>, 1. September<\/li>\n<li><strong>Minsky, H. P.<\/strong> (1982): Can &bdquo;It&ldquo; Happen Again? Essays on Instability and Finance, New York<\/li>\n<li><strong>Mitchell, W.\/Muysken, J.<\/strong> (2008): Full Employment Abandoned &ndash; Shifting Sands and Policy Failures, Cheltenham<\/li>\n<li><strong>Skidelsky, R.<\/strong> (2009): Keynes &ndash; The Return of the Master, New York <\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Grunert, G&uuml;nther, Dr., geb. 1955, ist an den Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabr&uuml;ck am Pottgraben vor allem im Bereich Berufs- und Fachoberschule Wirtschaft t&auml;tig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Makro&ouml;konomie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] F&uuml;r wertvolle Anmerkungen zu diesem Beitrag m&ouml;chte ich Friederike Spiecker sehr herzlich danken.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Nach der &bdquo;Hypothese effizienter M&auml;rkte&ldquo; neigen M&auml;rkte dazu, knappe Ressourcen effizient zu verteilen (n&auml;mlich hin zu den produktivsten &ouml;konomischen Aktivit&auml;ten) und finanzielle Risiken denjenigen &ouml;konomischen Einheiten zuzuweisen, die sie am besten tragen k&ouml;nnen. Da alle Marktanpassungen sofort erfolgen und die Preise alle relevanten Informationen (die sog. &bdquo;fundamentals&ldquo;) &uuml;ber alles, was gehandelt wird, widerspiegeln, kann es niemals Blasen (d.h. Zeiten, in denen die Preise nicht die &bdquo;fundamentals&ldquo; widerspiegeln) oder Fehlallokationen von Ressourcen geben. Somit ist auch das Auftreten von Finanzkrisen ausgeschlossen (Fama 1970).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Von dieser Kritik ausdr&uuml;cklich ausgenommen ist Joseph Stiglitz, der von Anfang an eine kritische Position zur Wirtschaftspolitik in Europa bezogen hat.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Unter &bdquo;Sparen&ldquo; ist hier die Geldverm&ouml;gensbildung als Differenz zwischen den Einnahmen in einer Zeitperiode und den Ausgaben in derselben Zeitperiode zu verstehen. Gibt ein Sektor (oder Wirtschaftssubjekt) in einer Periode weniger aus, als er einnimmt, so erzielt er einen Einnahmen&uuml;berschuss, d. h. er &bdquo;spart&ldquo;. Dieser Einnahmen&uuml;berschuss (auch Finanzierungs&uuml;berschuss genannt) erh&ouml;ht dann entweder den schon vorhandenen Geldverm&ouml;gensbestand oder er erm&ouml;glicht es, den Schuldenstand zu reduzieren.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Dies wirft die Frage auf, was geschieht, wenn in einem Land mit einem Leistungsbilanzdefizit der Staat und der Privatsektor das Unm&ouml;gliche versuchen und beide gleichzeitig Finanzierungs&uuml;bersch&uuml;sse anstreben. Nehmen wir an, der Staat beginnt also, seine Ausgaben zu k&uuml;rzen, w&auml;hrend parallel der Privatsektor als Ganzes zu sparen versucht (und deshalb seine Ausgaben reduziert). Die Folge ist dann, dass die Wirtschaft zu schrumpfen beginnt: Die aggregierte Nachfrage und mit ihr der Output, die Besch&auml;ftigung und das Volkseinkommen fallen. Das sinkende Einkommen aber verringert nicht nur die Sparf&auml;higkeit des Privatsektors, sondern verschlechtert auch &uuml;ber die automatischen Stabilisatoren den staatlichen Finanzierungssaldo. Gleichzeitig verbessert sich die Leistungsbilanz, da die Importe des Landes zur&uuml;ckgehen (die Importausgaben sind eine Funktion des inl&auml;ndischen Einkommenswachstums). Am Ende werden durch die Einkommensanpassungen die Finanzierungssalden des Staates, des Privatsektors und des Auslands wieder in Einklang gebracht, aber insgesamt bei einem niedrigeren BIP.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Es ist in h&ouml;chstem Ma&szlig;e &auml;rgerlich, dass in der &ouml;ffentlichen Debatte mit der Fokussierung auf irgendwelche willk&uuml;rlich gesetzten Defizitgrenzen, Schuldenbremsen etc. g&auml;nzlich die zentrale Rolle aus dem Blickfeld geraten ist, die der Staat bzw. staatliche Defizite f&uuml;r die Stabilisierung der Wirtschaft spielen (oder besser: spielen sollten) &ndash; von der Nachfrage nach G&uuml;tern, &uuml;ber die Aufrechterhaltung der Unternehmensgewinne (und damit von Output und Besch&auml;ftigung) bis hin zur Bereitstellung sicherer Anlagem&ouml;glichkeiten f&uuml;r den Privatsektor: &bdquo;As the government deficit now virtually explodes whenever unemployment increases business profits in the aggregate are sustained. The combined effects of big government as a demander of goods and services, as a generator &ndash; through its deficits &ndash; of business profits and as a provider to financial markets of high-grade default-free liabilities when there is a reversion from private debt means that big government is a three way stabilizer in our economy [&hellip;]&rdquo; (Minsky 1982, S. 56). <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Dazu nur ein Beispiel: Im Jahr 2009 hatte der Keynes-Biograph Robert Skidelsky &ndash; noch ganz unter dem Eindruck der &bdquo;Gro&szlig;en Rezession&ldquo;, die ein Jahr zuvor begonnen hatte, und weitgehend unwidersprochen &ndash; die Wiederentdeckung von Keynes gefeiert: &bdquo;Die R&uuml;ckkehr des Meisters&ldquo;, so der Titel seines vielbeachteten Buches (Skidelsky 2009). Tats&auml;chlich dauerte die globale R&uuml;ckkehr von Keynes dann nur ein einziges Jahr, wie Mark Blyth (Blyth 2013, S. 54ff) zeigt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das diesj&auml;hrige Treffen der Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger in Lindau am Bodensee in der vorletzten Augustwoche und insbesondere Angela Merkels <a href=\"http:\/\/mediatheque.lindau-nobel.org\/videos\/34024\/2014-eco-opening-ceremony-merkel\">dortige Er&ouml;ffnungsrede<\/a> haben in den deutschen Medien vergleichsweise wenig Beachtung gefunden.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das ist einerseits nicht bedauerlich, da bislang &ndash; von wenigen Ausnahmen wie etwa Joseph Stiglitz oder Paul Krugman einmal abgesehen &ndash; zumeist konservative, neoklassisch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23297\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,156,157,30],"tags":[423,499,319,333,315,367,487],"class_list":["post-23297","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-schulden-sparen","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-lohnstueckkosten","tag-merkel-angela","tag-nobelpreis","tag-produktivitaet"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23297","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23297"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23297\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53863,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23297\/revisions\/53863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}