{"id":233,"date":"2004-05-02T11:27:33","date_gmt":"2004-05-02T10:27:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=233"},"modified":"2016-03-31T12:14:39","modified_gmt":"2016-03-31T10:14:39","slug":"kommt-die-wirtschaftspolitische-kurskorrektur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=233","title":{"rendered":"Kommt die wirtschaftspolitische Kurskorrektur?"},"content":{"rendered":"<p>Verschiedene aktuelle Meldungen, unter anderem &Auml;u&szlig;erungen Joschka Fischers in einem Spiegel-Interview, deuten darauf hin, dass die Bundesregierung verstanden hat: ihre bisherige Reformpolitik bringt die wirtschaftliche Belebung nicht. Angeblich will sie den Kurswechsel. Die neoliberale Linie hat versagt. Die Chance, einen solchen Kurswechsel auch personell zu verankern, hat sie sich entgehen lassen. Sie h&auml;tte zum Bundesbankpr&auml;sidenten, der ja die Politik der eigenen Zentralbank und &ndash; weit wichtiger &ndash; den geldpolitischen Kurs der Europ&auml;ischen Zentralbank mitbestimmt, eine Person durchsetzen k&ouml;nnen, die ein klares Zeichen f&uuml;r einen auf Expansion der Binnennachfrage setzenden Kurs gewesen w&auml;re. Der W&uuml;rzburger Professor Peter Bofinger war im Gespr&auml;ch. Finanzminister Eichel hat dem widersprochen. So haben wir mit Axel Weber einen ziemlich unbeschriebenen Professor, dessen Nominierung der neoliberale Mainstream begeistert beklatschte, zum Bundesbankpr&auml;sidenten bekommen. Eine verpasste Chance.<br>\nMan kann der Bundesregierung zugute halten, dass sowohl die meinungsf&uuml;hrende Wissenschaft von der National&ouml;konomie als auch die Mehrheit der Medien in der wirtschaftspolitischen Debatte einen bemerkenswerten Grad an Inkompetenz erreicht hat.<br>\n<!--more--><br>\nDie Bundesregierung h&auml;tte mit der Ernennung eines Bundesbankpr&auml;sidenten, der kapiert hat, dass es in Deutschland vor allem an einer St&auml;rkung der Binnenkonjunktur mangelt, ein Zeichen setzen und ein Gegengewicht bilden k&ouml;nnen gegen die unsachgem&auml;&szlig;e Fortsetzung des Geredes vom Reformstau. Einer Reihe von &Auml;u&szlig;erungen des Bundeskanzlers war zu entnehmen, dass er verstanden hat, wie sehr es jetzt auf eine Stimmungsverbesserung ank&auml;me und dass deshalb endlich damit aufgeh&ouml;rt werden muss, davon zu reden, Deutschland habe seine Reformaufgaben nicht erledigt.<\/p><p>Gerade zu repr&auml;sentativ f&uuml;r den geb&uuml;ndelten Sach-Un-Verstand waren die Einlassungen im ZDF-Morgenmagazin vom 26.4.. Es begann mit der Nachricht, in dieser Woche m&uuml;sste die Wachstumsprognose wieder einmal nach unten korrigiert werden, auf vermutlich 1,5 Prozent, w&auml;hrend der Internationale W&auml;hrungsfonds bei der Weltwirtschaft insgesamt ein Wachstum von &uuml;ber vier Prozent real sieht. Zur Erkl&auml;rung unseres Zur&uuml;ckbleibens werden dann die gro&szlig;en &ldquo;&Ouml;konomen&rdquo; aus der Politik bem&uuml;ht: Friedrich Merz mit der Klage &uuml;ber das Reformdefizit in Deutschland, der th&uuml;ringische Landesvorsitzende Matschie von der SPD und die gr&uuml;ne Haushaltsexpertin Hermenau ebenfalls mit Hinweisen auf die Notwendigkeit von Reformen, und dann der Wirtschaftsweise Wiegard mit dem L&ouml;sungsvorschlag, noch eine Steuerreform zur L&ouml;sung des Problems obendrauf zu packen. Wie soll aus diesen Reformen die wirtschaftliche Belebung folgen?<\/p><p>H&auml;tten wir einen Bundesbankpr&auml;sidenten, der nicht Teil der kollektiven Wahnvorstellung ist, Deutschlands Problem sei der Reformstau, dann k&ouml;nnte dieser hier zu Lande wie auch als wichtiges Mitglied im Rat der Europ&auml;ischen Zentralbank seine Stimme erheben. Das w&auml;re eine Stimme der Vernunft. Denn wir leiden nicht an mangelnder Wettbewerbsf&auml;higkeit, wir haben extrem hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse mit rund 66 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr, wir haben die USA als Land mit dem h&ouml;chsten Welthandelsanteil wieder &uuml;berholt, auch unsere Leistungsbilanz im Austausch mit den neuen EU-Beitrittsl&auml;nder z. B. ist positiv. Usw. Aber es fehlt uns an Binnennachfrage. Die Konsumenten in Deutschland sind verunsichert; jede dieser Reformen, zu deren Begr&uuml;ndung die Reformer die Lage unseres Landes regelm&auml;&szlig;ig in schwarzen Farben malen m&uuml;ssen, verunsichert sie weiter. Seit zehn Jahren wird unsere Volkswirtschaft unter ihren M&ouml;glichkeiten &ldquo;gefahren&rdquo;. Die Kapazit&auml;tsauslastung liegt knapp &uuml;ber 80 Prozent. Der j&auml;hrliche Produktionsausfall betr&auml;gt mindestens 150 Milliarden Euro. Wann endlich begreift die deutsche &Ouml;ffentlichkeit diese Zusammenh&auml;nge? Wann endlich lernen dies die Medien?<\/p><p>Die Mehrheit der Medien in Deutschland hat die Nominierung des Professors der National&ouml;konomie Weber zum Bundesbankpr&auml;sidenten begr&uuml;&szlig;t, teils euphorisch begr&uuml;&szlig;t. Allerdings, das fiel auf, ohne Begr&uuml;ndung, die etwas mit seinem neuen Job und der damit verbundenen &ouml;konomischen Notwendigkeit und M&ouml;glichkeit zu tun hat. Er wurde von den Meinungsf&uuml;hrern so herzlich begr&uuml;&szlig;t, weil sie davon ausgehen k&ouml;nnen, dass er ihre neoliberalen Kreise nicht st&ouml;rt und alles so weitergehen kann wie bisher. Die Bundesregierung hatte nicht den Mut gehabt, diese Kreise zu st&ouml;ren. Sie h&auml;tte die Kreise des eigenen Bundesfinanzministers st&ouml;ren m&uuml;ssen. Eichel begr&uuml;ndete die Nominierung Webers mit den Worten: &ldquo;Dies bedeute, dass wir in der geldpolitischen Kontinuit&auml;t bleiben.&rdquo; &ndash; Das bedeutet vermutlich auch, dass die Bundesbank und unser Vertreter bei der Europ&auml;ischen Zentralbank die Gleichgewichtigkeit der beiden Ziele Preisstabilit&auml;t und Vollbesch&auml;ftigung, die im Stabilit&auml;t- und Wachstumsgesetz vorgegeben ist, auch in Zukunft missachten wird. Das wird unserem Land und auch der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung schlecht bekommen. Das Land wird weiter &ouml;konomisch unter seinen M&ouml;glichkeiten gefahren.<\/p><p>Vieles an dem vorherrschenden Elend folgt daraus, dass es eine kritische Begleitung des Geschehens in den Medien und in der Wissenschaft kaum noch gibt. Wo bleiben denn die Fragen nach dem Erfolg der bisherigen neoliberalen Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik? Wo bleibt denn die selbstverst&auml;ndliche Frage danach, wie erfolgreich die Sparpolitik eines Hans Eichel eigentlich bisher war? Und wo bleibt die Frage nach dem Erfolg der Bundesbankpolitik? Ihre Hochzinspolitik hat beginnend mit den neunziger Jahren zu der permanenten Unterauslastung unsere Volkswirtschaft gef&uuml;hrt, unter der wir bis heute leiden.<\/p><p>Statt die Reformpolitik kritisch zu hinterfragen, hat die Mehrheit der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in ihrem Fr&uuml;hjahrsgutachten in der vergangenen Woche die Fortsetzung des Spar- und Reformkurses gefordert. Diese Forderung ist schon deshalb grotesk, weil der bisherige Sparkurs ja nur ein Kurs der Absichtserkl&auml;rungen war. Tats&auml;chlich haben weder die Regierung Kohl noch die Regierung Schr&ouml;der mit Hans Eichel gespart. Sie haben die Absicht dazu erkl&auml;rt und mit ihrer Absicht den Sparerfolg immer wieder zunichte gemacht, weil sie unsere Volkswirtschaft in eine prozykliche Abw&auml;rtsbewegung getrieben haben. Man muss feststellen, dass die Mehrheit der Wissenschaft, der Medien und der Politik dem gleichen banalen Denkfehler erliegen: sie &uuml;bertragen ihre einzelwirtschaftlich g&uuml;ltige Erkenntnis, dass der Sparabsicht in der Regel der Sparerfolg folgt, auf die Volkswirtschaft, wo dies nachweisbar und logischerweise nicht gelungen ist. Mit der versch&auml;rften Stagnation schrumpfen die Steuereinnahmen und die Beitragsleistungen der Arbeitnehmer, und der Zuschussbedarf f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme, vor allem f&uuml;r die Arbeitslosen, w&auml;chst. Deshalb hat Finanzminister Eichel entgegen seinen Absichtserkl&auml;rungen immer mehr neue Schulden machen m&uuml;ssen. Auch jetzt wird der m&ouml;gliche Kurswechsel der Bundesregierung falsch erkl&auml;rt und falsch kommentiert. Es wird behauptet, die Bundesregierung wolle &bdquo;ihren bisherigen Kurs der Haushaltskonsolidierung aufgeben&ldquo; (&bdquo;Sonntag aktuell&ldquo; von heute und andere Medien wie auch Vertreter der Politik). Es war keine Haushaltskonsolidierung. Was nicht ist, kann man auch nicht aufgeben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verschiedene aktuelle Meldungen, unter anderem &Auml;u&szlig;erungen Joschka Fischers in einem Spiegel-Interview, deuten darauf hin, dass die Bundesregierung verstanden hat: ihre bisherige Reformpolitik bringt die wirtschaftliche Belebung nicht. Angeblich will sie den Kurswechsel. Die neoliberale Linie hat versagt. Die Chance, einen solchen Kurswechsel auch personell zu verankern, hat sie sich entgehen lassen. 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