{"id":2330,"date":"2007-05-10T08:29:42","date_gmt":"2007-05-10T06:29:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2330"},"modified":"2016-01-06T15:17:02","modified_gmt":"2016-01-06T14:17:02","slug":"filmtipp-der-grosse-ausverkauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2330","title":{"rendered":"Filmtipp: Der gro\u00dfe Ausverkauf"},"content":{"rendered":"<p>Hier eine Besprechung des sehr empfehlenswerten Films von Florian Opitz. Dem Autor der Besprechung, G&uuml;nter Beling, herzlichen Dank.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>G&uuml;nter Beling<\/strong><br>\nJournalist und Kommunikationsberater<\/p><p>Von der Weltbank in die Slums, von der Sonntagsrede zur Alltagswelt, von Renditeziffern zu den Menschen: Florian Opitz (34) ist mit seinem Dokumentarfilm &bdquo;Der gro&szlig;e Ausverkauf&ldquo; ein gro&szlig;es St&uuml;ck Aufkl&auml;rung &uuml;ber die Folgen der weltweiten Privatisierungspolitik gelungen. In 94 Minuten konfrontiert er uns mit zornigen und engagierten Menschen auf vier Kontinenten, die unter einem marktwirtschaftlich organisierten Verkauf von Wasser, Strom, Gesundheit und Transporten zu leiden haben &ndash; und sich auf ihre Weise dagegen wehren. Seit 2002 hat Opitz an diesem Film gearbeitet. Am 17. Mai kommt er in die Kinos, rechtzeitig zum G8-Gipfel.<\/p><p>Da ist Bongani Lubisi (32) in S&uuml;dafrika, der mit dem &bdquo;Soweto Electricity Crisis Committee&ldquo;  die &bdquo;Operation Licht an!&ldquo; startete. Bitterarme Familien, denen der private, s&uuml;dafrikanische Stromkonzern ESKOM das Stromkabel kappte, weil sie die Rechnungen oder ihre Prepaid-Karten nicht mehr zahlen k&ouml;nnen, werden von Bonganis Energie-Guerilla heimlich wieder ans Netz geschlossen. Wer kann schon fast die H&auml;lfte seines Einkommens f&uuml;r Strom ausgeben?<br>\nLokf&uuml;hrer und Gewerkschafter Simon Weller (37) schildert, wohin der von Margret Thatcher begonnene Sell-Out in England gef&uuml;hrt hat. Als die staatliche BRITISH RAIL an mehr als 150 Privatfirmen verkauft wurde, gab es erst neue Uniformen, dann weniger Pausen, Fahrplanchaos und immer wieder t&ouml;dliche Unf&auml;lle, weil das Streckennetz verrottete und Sicherheit zum Kostenfaktor verkam. Die britische Eisenbahn wird heute nach der Privatisierung mit mehr als doppelt so vielen Steuergeldern subventioniert als vor der Privatisierung, so der Bericht.<br>\nMinda Lorando (53) sieht m&uuml;de aus, sehr m&uuml;de und sehr mager: Sie bricht Tag f&uuml;r Tag aus einem Slum in Manila auf, um Geld f&uuml;r die Dialyse ihres nierenkranken Sohnes Jinky (16) zu verdienen. Arme werde auf den Philippinen nicht mehr kostenlos behandelt, die privaten Kliniken wollen Cash sehen. Irgendwann habe man ihr gesagt: &bdquo;Akzeptieren Sie, dass ihr Sohn sterben wird&ldquo;, berichtet sie &ndash; und sammelt weiter f&uuml;r ihren Jinky. Delfin Seriano jr., leitender Pfleger und Ausbilder in einem gro&szlig;en Krankenhaus Manilas, klagt &uuml;ber die Zwei-Klassen-Medizin und die Massenflucht der unterbezahlten Pflegekr&auml;fte, die sich in reicheren L&auml;ndern h&ouml;here L&ouml;hne erhoffen: Die Schulden bei der Weltbank seien ein wichtiger Grund daf&uuml;r, dass die Philippinos unter einer schlechten Krankenversorgung leiden m&uuml;ssten.<br>\nOscar Olivera (45) organisierte in Bolivien den Kampf gegen die Privatisierung des Wassers. Die Konzession f&uuml;r die drittgr&ouml;&szlig;te Stadt des Landes, Cochabamba, war dem US-Konzern BECHTEL &uuml;bertragen worden, der sich eine 16prozentige Rendite versprach. Per Gesetz wurde den Bewohnern sogar verboten, Wasser aus Fl&uuml;ssen und Seen zu entnehmen oder  Regenwasser zu sammeln. Die Proteste eskalierten, das Kriegsrecht wurde verh&auml;ngt, sieben Menschen starben. Schlie&szlig;lich aber musste die Regierung klein beigeben. Rosa de Turpo (60), Mutter von 5 Kindern und Symbolfigur des Protests, sagt: &bdquo;Wasser ist doch Leben. Man kann doch das Leben nicht privatisieren!&ldquo;<br>\nIWF und Weltbank sind die treibenden Kr&auml;fte hinter dem globalen Ausverkauf. Sie zwingen die Regierungen verschuldeter Staaten, die &ouml;ffentliche Daseinsvorsorge aufzugeben und ihre Infrastruktur der Profitmaximierung auszusetzen. Auch mit den Weltwirtschaftsf&uuml;hrern wollte Opitz sprechen, aber die Dreharbeiten in der Washingtoner Zentrale der Finanzwelt gestalteten sich schwierig und kurz: &bdquo;Wenn man nach den verantwortlichen Leuten sucht, hat man den Eindruck: Niemand treibt die Privatisierung voran&ldquo;, berichtet der Regisseur. Neben ein paar Interviewfetzen aus der Chefetage holte er schlie&szlig;lich per Download einen bonbonbunten Zeichentrick-Werbefilm des Weltw&auml;hrungsfonds in seine Dokumentation, der f&uuml;r sich spricht. <\/p><p>Den kritischen &Uuml;berbau liefert Joseph E. Stiglitz (64), einstiger Chef-&Ouml;konom der Weltbank, Professor und Nobelpreistr&auml;ger f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften. Er kommt immer wieder zwischendurch  in einem New Yorker Taxi  zu Wort und widerlegt die neoliberalen Gesundbeter, die immer noch mit Adam Smith daran glauben lassen wollen, im entfesselten Markt wirke eine &bdquo;unsichtbare Hand&ldquo; schlie&szlig;lich zum Wohle aller: &bdquo;Ich habe einmal bestimmte Aspekte der Wirtschaftspolitik mit moderner Kriegsf&uuml;hrung verglichen. In der modernen Kriegsf&uuml;hrung versucht man zu entmenschlichen, das Mitgef&uuml;hl zu beseitigen. Man wirft Bomben aus 15 000 Metern, aber man sieht nicht, wo sie landen, man sieht keine Sch&auml;den. Es ist fast wie in einem Computerspiel. Man spricht von &bdquo;body counts&ldquo;. Das entmenschlicht den Prozess. Genauso ist es in der Wirtschaft: Man redet &uuml;ber Statistiken und nicht &uuml;ber die Menschen hinter diesen Statistiken.&ldquo; Wir lernen: Nur wer reich und stark ist, kann sich einen armen und schwachen Staat leisten.<\/p><p>Viel f&uuml;r Herz und Hirn in 94 Minuten, fast zu viel. Verzweiflung und Leid werden herangezoomt bis in die Poren. Aufbau und Qualit&auml;t des Films, ein sensibler Soundtrack und gelegentlich augenzwinkernder Humor helfen aber, den schweren Stoff zu verdauen. Und die Reflexion globaler Missst&auml;nde macht das Werk weltweit f&uuml;r Kinog&auml;nger interessant. Nicht alle Aspekte sind bis zum Grund ausgeleuchtet, die feine Mechanik der Ausbeutung und Gegenwehr wird nicht &uuml;berall sichtbar, der Film schreit nach Fortsetzung und Vertiefung. Einfach sei die Recherche nicht gewesen, berichtete Opitz bei der Preview im Abaton-Kino in Hamburg. Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften geh&ouml;rten zu seinen wichtigsten Quellen, um das Ausma&szlig; der Privatisierung zu erfassen und konkrete Beispiele zu finden: Er habe sich &bdquo;gewundert, dass in den Mainstream-Medien dar&uuml;ber nicht berichtet wird&ldquo;. Empfehlenswert sei auf jeden Fall der Bericht an den Club of Rome von Ernst Ullrich von Weizs&auml;cker, die bisher umfangreichste Studie zu Privatisierungen weltweit. Einen &bdquo;globalen Film&ldquo; habe er machen wollen, erwidert Opitz auf Fragen, warum er keinen Fall aus Deutschland aufgegriffen hat. Das Ziel sei, mehr zu lernen &uuml;ber die globale Wirtschaft, aufzur&uuml;tteln und den Mut nicht zu verlieren: &bdquo;Ich glaube an die Kraft der Aufkl&auml;rung.&ldquo;<\/p><p>Weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/www.dergrosseausverkauf.de\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.dergrosseausverkauf.de\">dergrosseausverkauf.de<\/a><\/p><p>G&uuml;nter Beling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier eine Besprechung des sehr empfehlenswerten Films von Florian Opitz. 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