{"id":23305,"date":"2014-09-17T09:24:01","date_gmt":"2014-09-17T07:24:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23305"},"modified":"2014-09-17T10:37:52","modified_gmt":"2014-09-17T08:37:52","slug":"das-grosse-weiter-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23305","title":{"rendered":"Das gro\u00dfe \u201eWeiter so\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zehn Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 2013 pr&auml;sentierten CDU, CSU und SPD ihren Koalitionsvertrag. Der Titel lautete: &bdquo;Deutschlands Zukunft gestalten&ldquo;. Aber   &bdquo;Deutschlands Stillstand verwalten&ldquo; w&auml;re die passendere &Uuml;berschrift gewesen. Zwar enth&auml;lt der Vertrag einige Elemente, die aus den Konzepten des rot-rot-gr&uuml;nen Reformlagers stammen &ndash; das bekannteste Beispiel ist der fl&auml;chendeckende gesetzliche Mindestlohn, dessen Einf&uuml;hrung allerdings faktisch auf das Jahr 2017 verschoben wurde. Aber dem gro&szlig;en Reformbedarf in Deutschland wird der Text an so gut wie keiner Stelle gerecht. Von <strong>Stephan Hebel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Dieser Text ist ein gek&uuml;rzter Auszug aus dem Buch &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/stephan-hebel-deutschland-im-tiefschlaf.html#.VBk0l-cs3yh\">Deutschland im Tiefschlaf. Wie wir unsere Zukunft verspielen<\/a>&rdquo; von Stephan Hebel, das diese Woche im Westend Verlag erschienen ist &ndash; die erste Abrechnung mit der gro&szlig;en Koalition.<\/em><\/p><div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140917_hebel_deutschland_tiefschlaf_120rgb.jpeg\" alt=\"Deutschland im Tiefschlaf. Wie wir unsere Zukunft verspielen\" title=\"Deutschland im Tiefschlaf. Wie wir unsere Zukunft verspielen\"><\/div><p>Man k&ouml;nnte nun fragen: Warum &bdquo;gro&szlig;er Reformbedarf&ldquo;? Geht es uns nicht gut, wie Merkel im Wahlkampf 2013 so gern und immer wieder betonte? K&ouml;nnen wir nicht in Ruhe so weitermachen wie in den vergangenen Jahren? <\/p><p>In weiten Teilen der Politik und leider auch in vielen Medien wird so getan, als seien diese Fragen l&auml;ngst beantwortet. Deutschland wird uns pr&auml;sentiert wie eine riesige Maschine, die wie von allein immer weiter l&auml;uft, wenn man nur hier mal ein Schalterchen umlegt und da ein bisschen &ouml;lt. Im F&uuml;hrerstand Angela Merkel, die das reibungslose Geschehen mit Worten des Wohlgefallens begleitet und aufpasst, dass nicht von irgendwo drau&szlig;en Sand hineinweht und ins Getriebe ger&auml;t. Am Ende spuckt die Maschine alles aus, was der deutsche Mensch zum Leben braucht. F&uuml;r die einen mehr, f&uuml;r die anderen weniger, aber so ist das Leben ja schon immer gewesen. <\/p><p>An der Seite von Angela Merkel nahm in jenen Vorweihnachtstagen, als der Koalitionsvertrag pr&auml;sentiert wurde, Sigmar Gabriel Platz. Das war,  dem Augenschein nach, derselbe Sigmar Gabriel, der die Maschine Deutschland noch ein Vierteljahr zuvor ganz anders beschrieben hatte als die Kanzlerin: Vier Oppositionsjahre und einen Wahlkampf lang hatte Gabriels SPD den wahren Zustand des Landes einigerma&szlig;en treffend dargestellt. Und die Tatsachen gaben den sozialdemokratischen Wahlk&auml;mpfern Recht. Nur ein Beispiel: Die Reall&ouml;hne der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten &ndash; also das, was man sich von seinem Gehalt tats&auml;chlich kaufen kann &ndash; lagen trotz Steigerungen in den Jahren 2010 bis 2012 unter dem Niveau von 1992. Mit anderen Worten: Wer arbeiten geht, hat vom wachsenden Reichtum Deutschlands im Durchschnitt weniger als nichts. Entsprechend ungleich verteilt sich auch der Besitz. <\/p><p>Und noch etwas steckte in den Wahlaussagen der Sozialdemokratie: der weiterf&uuml;hrende Gedanke, dass die sogenannten Gemeing&uuml;ter &ndash; die SPD nannte &bdquo;Bildung, Gesundheit, Kultur, private und &ouml;ffentliche Sicherheit und Daseinsvorsorge&ldquo; &ndash; nicht dem Markt &uuml;berlassen werden d&uuml;rfen. Nicht, dass dieser Gedanke im Wahlkampf offensiv vertreten worden w&auml;re. Zu Ende gedacht w&auml;re das n&auml;mlich nur mit einer &Uuml;berwindung des kapitalistischen Systems in seiner heutigen Form zu verwirklichen, und so weit gehen deutsche Sozialdemokraten schon lange nicht mehr. Aber Ans&auml;tze in die richtige Richtung waren vorhanden, und in ihnen steckte ein St&uuml;ck echter Alternative zum Merkelismus.<\/p><p>Das Ergebnis war f&uuml;r die SPD bekannterma&szlig;en sehr unerfreulich: Auch wenn ein gn&auml;diges Schicksal dem Parlament eine rot-rot-gr&uuml;ne Mehrheit bescherte, war erkennbar, dass das neoliberale Lager &ndash; rechnet man die knapp gescheiterten Parteien FDP und AfD dazu &ndash; in der W&auml;hlerschaft deutlich vorne lag. <\/p><p>Angela Merkel hatte ihren Wahlkampf konsequent auf das M&auml;rchen vom segensreichen &bdquo;Weiter so, uns geht&rsquo;s doch gut&ldquo; aufgebaut. Offensichtlich hatte sie das in der W&auml;hlerschaft verbreitete Bed&uuml;rfnis, sich in Sicherheit wiegen zu lassen, richtig eingesch&auml;tzt. <\/p><p>Allerdings: Neben der erfolgreich einschl&auml;fernden Politikmethode der Kanzlerin war es im Wahlkampf 2013 das &bdquo;linke Lager&ldquo; selbst, das es vers&auml;umte, f&uuml;r eine Wechselstimmung zu k&auml;mpfen und zu sorgen. Die entscheidende Voraussetzung daf&uuml;r &ndash; neben zahlreichen &Uuml;bereinstimmungen in der Sache &ndash; hatten SPD, Gr&uuml;ne und Linke kl&auml;glich vermasselt: Sie unterlie&szlig;en es, die notwendige Mehrheits- und Machtperspektive zu er&ouml;ffnen. Dazu h&auml;tten sie sp&auml;testens von 2009 an, als sie sich gemeinsam in der Opposition befanden, die Fundamente legen m&uuml;ssen. Das aber tat keine der drei Parteien. <\/p><p>Die SPD hatte den Lafontaine-Linken die Existenz der neuen Linkspartei nie verziehen. Deshalb und in vorauseilendem Gehorsam gegen&uuml;ber einer feindseligen &ouml;ffentlichen Meinung verzichtete die F&uuml;hrung der Partei auf jeden Versuch, Rot-Rot-Gr&uuml;n zu enttabuisieren. Dem Argument, die SPD h&auml;tte sich mit einem Wahlkampf f&uuml;r Rot-Rot-Gr&uuml;n in diesem Umfeld eher geschadet, kann nur entgegengehalten werden: Die einzig belegbare Tatsache ist, dass die Aufrechterhaltung des Tabus zum zweiten kl&auml;glichen Wahlergebnis nach 2009 gef&uuml;hrt hat.<br>\nMit den vorhandenen inhaltlichen Differenzen jedenfalls war die angebliche Unm&ouml;glichkeit einer rot-rot-gr&uuml;nen Zusammenarbeit im Bund nicht &uuml;berzeugend zu erkl&auml;ren. Das l&auml;sst sich beispielhaft mit dem wichtigsten von Rot-Gr&uuml;n vorgebrachten Ausschlusskriterium belegen: der Au&szlig;enpolitik. Mit einigem Erfolg, aber nicht sehr glaubw&uuml;rdig verbreiteten SPD und Gr&uuml;ne vor allem die Parole, mit einer Partei, die den Austritt Deutschlands aus der Nato fordere, k&ouml;nne man nun mal nicht regieren. <\/p><p>Albrecht M&uuml;ller, Sozialdemokrat, ehemaliger Planungschef von Willy Brandt und Helmut Schmidt, heute Herausgeber des inzwischen unverzichtbaren Internetportals &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo;, hat sich im Gegensatz zur Mehrheit der Journalisten die M&uuml;he gemacht, nach Schnittstellen zwischen SPD und Linken in der Au&szlig;enpolitik zu suchen. Mit Blick auf Sozialdemokraten und Gr&uuml;ne schrieb M&uuml;ller zwei Tage nach der Bundestagswahl 2013: &bdquo;Jedenfalls gibt es die fundamentale Differenz, die konstruiert wird, nicht. Die SPD zum Beispiel m&uuml;sste sich nur ein bisschen ihres Berliner Grundsatzprogramms von 1989 erinnern. Zitat (&hellip;): ,Unser Ziel ist es, die Milit&auml;rb&uuml;ndnisse durch eine europ&auml;ische Friedensordnung abzul&ouml;sen.  (&hellip;) Sie m&uuml;ssen, bei Wahrung der Stabilit&auml;t, ihre Aufl&ouml;sung und den &Uuml;bergang zu einer europ&auml;ischen Friedensordnung organisieren.&lsquo;&ldquo; <\/p><p>Diese Passage verglich M&uuml;ller mit dem Wahlprogramm 2013 der Linkspartei. Zitat: &bdquo;Wir fordern die Aufl&ouml;sung der NATO. Sie soll durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands ersetzt werden, das Abr&uuml;stung als ein zentrales Ziel hat (&hellip;). DIE&nbsp;LINKE wird sich nicht an einer Regierung beteiligen, die Kriege f&uuml;hrt und Kampfeins&auml;tze der Bundeswehr im Ausland zul&auml;sst.&ldquo; M&uuml;ller weiter: &bdquo;Diese Aussagen sind zwar h&auml;rter als jene im Grundsatzprogramm der SPD von 1989. Aber Welten liegen dazwischen nicht.&ldquo; <\/p><p>Wer bei SPD und Gr&uuml;nen ernsthaft nach einer mehrheitsf&auml;higen Alternative zu Merkels Stillstandspolitik suchte, h&auml;tte sich also durchaus auf den Weg der rot-rot-gr&uuml;nen Gemeinsamkeit begeben k&ouml;nnen. Allerdings war auch die Linkspartei nicht ganz unbeteiligt am Scheitern eines solchen Projekts. Sie hatte den internen Kampf zwischen Bef&uuml;rwortern und Gegnern von Regierungsbeteiligungen und entsprechenden Kompromissen noch nicht ausgetragen. Bei den Gr&uuml;nen schlie&szlig;lich gab und gibt es eine Str&ouml;mung, die nur darauf wartet, ein anderes Tabu zu brechen: Schwarz-Gr&uuml;n. Sie setzte sich zwar programmatisch vor der Wahl von 2013 nicht durch, war und ist aber, angef&uuml;hrt vom rechtsgr&uuml;nen Winfried Kretschmann aus Baden-W&uuml;rttemberg, immer ein St&ouml;rfaktor f&uuml;r linke Politik. <\/p><p>Trotz der knappen Mehrheit der rot-rot-gr&uuml;nen Parteien im Bundestag war es zu sp&auml;t, das Vers&auml;umte nachzuholen. Zumindest in der SPD h&auml;tte der Steinmeier-Fl&uuml;gel eine Kanzlerwahl wahrscheinlich eiskalt scheitern lassen. <\/p><p>Ebenso fehlte allen drei Parteien der Mut, die parlamentarischen Mehrheitsverh&auml;ltnisse, die sich durch das knappe Scheitern von FDP und AfD ergaben, f&uuml;r ein anderes Experiment zu nutzen. Rot-Rot-Gr&uuml;n h&auml;tte die Wiederwahl Angela Merkels, die ja die mit Abstand st&auml;rkste Partei vertrat, durch Enthaltung tolerieren k&ouml;nnen. <\/p><p>Erst einmal gew&auml;hlt, h&auml;tte sich die Kanzlerin ihre parlamentarische Mehrheit dann Thema f&uuml;r Thema bei SPD, Linken und Gr&uuml;nen suchen m&uuml;ssen. Es w&auml;re ein f&uuml;r Deutschland ungewohntes Experiment gewesen. Aber die Volksvertretung, heute viel zu h&auml;ufig Vollzugsorgan einer mit festgef&uuml;gter Mehrheit ausgestatteten Regierung, w&auml;re wieder zu dem Ort geworden, an dem politische Entscheidungen nach inhaltlichen Kriterien ausgehandelt werden. <\/p><p>In der SPD herrschte jedoch die Furcht, man werde &ndash; sollte Merkel sich einer Minderheitsregierung verweigern &ndash; eine m&ouml;gliche Neuwahl erst recht und noch h&ouml;her verlieren. Diese Logik ist einerseits arm an Selbstbewusstsein, denn sie argumentiert mit der Gewissheit der eigenen Niederlage f&uuml;r den Fall, dass man bei den inhaltlichen Positionen aus dem Wahlkampf bleibt. Aber selbst wenn die Prognose realistisch gewesen sein sollte, stellt sich immer noch die Frage, ob eine Wahl mit klaren Ansagen, die in die Opposition f&uuml;hrt, nicht besser ist als die weitgehende programmatische Selbstaufgabe der gr&ouml;&szlig;ten Oppositionspartei durch Eintritt in die Regierung. Es gibt in der Politik ein gefl&uuml;geltes Wort, das auf dieses Verhalten der SPD ganz gut passt: Selbstmord aus Angst vor dem Tod. <\/p><p>Mit Schwarz-Rot im Bund und Schwarz-Gr&uuml;n in Hessen war die Entscheidung der bisherigen rot-gr&uuml;nen Opposition besiegelt: Beide entschlossen sich, auf absehbare Zeit vor allem um die Rolle des Mehrheitsbeschaffers f&uuml;r die Kanzler(innen)parteien CDU und CSU zu konkurrieren. Es ist ein solcher Verzicht auf konsequente Opposition mit alternativem Machtanspruch, der eine Demokratie in den Tiefschlaf versetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehn Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 2013 pr&auml;sentierten CDU, CSU und SPD ihren Koalitionsvertrag. Der Titel lautete: &bdquo;Deutschlands Zukunft gestalten&ldquo;. Aber &bdquo;Deutschlands Stillstand verwalten&ldquo; w&auml;re die passendere &Uuml;berschrift gewesen. Zwar enth&auml;lt der Vertrag einige Elemente, die aus den Konzepten des rot-rot-gr&uuml;nen Reformlagers stammen &ndash; das bekannteste Beispiel ist der fl&auml;chendeckende gesetzliche Mindestlohn, dessen Einf&uuml;hrung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23305\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,191,190],"tags":[401,247,246,315],"class_list":["post-23305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-spd","category-wahlen","tag-gabriel-sigmar","tag-hebel-stephan","tag-linke-mehrheit","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23305"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23307,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23305\/revisions\/23307"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}