{"id":23318,"date":"2014-09-18T09:35:37","date_gmt":"2014-09-18T07:35:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23318"},"modified":"2019-04-29T12:42:16","modified_gmt":"2019-04-29T10:42:16","slug":"freihandelsabkommen-und-arbeitszeit-ein-beispiel-fuer-die-indirekte-senkung-von-standards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23318","title":{"rendered":"Freihandelsabkommen und Arbeitszeit: Ein Beispiel f\u00fcr die indirekte Senkung von Standards"},"content":{"rendered":"<p>Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA sollen Arbeit und Wohlstand bringen, so hei&szlig;t es. Dazu sollen die Vertragspartner zwar gleichwertige Normen und Standards gegenseitig anerkennen &ndash; senken aber wolle man soziale und &ouml;kologische Standards nicht. So versprechen es jedenfalls die Bef&uuml;rworterInnen von Freihandelsabkommen. Schl&uuml;ssig und &uuml;berzeugend sind solche Beschwichtigungen nicht. Denn gerade die indirekte Senkung von Standards ist eine reale Gefahr. Dies sei nachfolgend an einem kleinen Beispiel aufgezeigt: dem deutschen Arbeitszeitgesetz. Von <strong>Patrick Schreiner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23318#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt kaum einen Bef&uuml;rworter und kaum eine Bef&uuml;rworterin von TTIP, CETA und Co., der\/die &Auml;ngste vor einer Senkung von Schutz- und Regulierungsstandards nicht regelm&auml;&szlig;ig herunterspielt. So <a href=\"http:\/\/www.bmwi.de\/DE\/Presse\/reden,did=637254.html\">sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel<\/a> (SPD) im Mai in seiner Er&ouml;ffnungsrede beim &bdquo;Dialogforum zur Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n<em>Durch ein Handelsabkommen k&ouml;nnten wir gleichwertige Standards gegenseitig anerkennen sowie doppelte Zulassungsverfahren abschaffen. Es geht also nicht darum, die Standards in einem der beiden L&auml;nder zu senken, sondern sie gegenseitig anzuerkennen [&hellip;]<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/ttip-michael-froman100.html\">Michael Froman<\/a>, der US-Chefunterh&auml;ndler f&uuml;r die Verhandlungen &uuml;ber ein EU-US-Freihandelsabkommen TTIP, will Standards setzen &ndash; nicht senken:<\/p><blockquote><p>\n<em>Mit einem Freihandelsabkommen k&ouml;nnten wir Standards setzen, gegen&uuml;ber Drittl&auml;ndern und der ganzen Welt: bei Arbeitnehmerrechten, Umweltstandards oder dem Schutz des geistigen Eigentums.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) <a href=\"http:\/\/www.wallstreet-online.de\/nachricht\/6753348-merkel-ttip-bedeutet-absenkung-standards\">will beschwichtigen<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>Es geht hier nicht, wie oft gesagt wird, um die Absenkung von Standards &ndash; im Gegenteil.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Der Pr&auml;sident des Europaparlaments und ehemalige Spitzenkandidat der europ&auml;ischen Sozialdemokratie bei den Europawahlen, <a href=\"http:\/\/www.euractiv.de\/sections\/eu-aussenpolitik\/freihandelsabkommen-ttip-es-wird-keine-geheimverhandlungen-geben-301920\">Martin Schulz, gab zum Besten<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>TTIP darf Sozialstandards, Datenschutzregeln und Umweltschutz nicht unterminieren.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das Problem ist nur: TTIP (und CETA und alle anderen Freihandelsabkommen) werden Standards unweigerlich unterminieren. Dies gilt zumindest, sofern die h&ouml;chsten Standards nicht in den Abkommen selbst festgeschrieben werden (was nicht passieren wird). Um zu verstehen, weshalb und wie sie dies tun, ist es wichtig, den Unterschied zwischen einer direkten und einer indirekten Senkung von Standards zu verstehen. Ohne dass sie es auch explizit aussprechen, scheinen Gabriel, Froman, Merkel und Schulz n&auml;mlich nur die direkte Senkung von Standards zu meinen. M&ouml;glicherweise sagen sie damit nicht einmal g&auml;nzlich die Unwahrheit: Tats&auml;chlich ist zu erwarten, dass die indirekte Senkung von Standards durch TTIP, CETA und Co. sehr viel umfangreicher ausfallen wird als die direkte. <\/p><p>Im Folgenden sei zun&auml;chst erl&auml;utert, was eine &bdquo;direkte&ldquo; von einer &bdquo;indirekten&ldquo; Senkung von Standards unterscheidet.<\/p><ul>\n<li>Eine &bdquo;direkte&ldquo; Senkung von Standards liegt vor, wenn sich in den Vertr&auml;gen &uuml;ber eine gemeinsame Freihandelszone eine oder beide Verhandlungsseiten verpflichten, das bestehende Schutzniveau oder bestehende Regulierungen abzubauen. Dies w&auml;re beispielsweise der Fall, wenn die EU vertraglich gezwungen w&uuml;rde, die ber&uuml;hmten Chlorh&auml;hnchen zuzulassen, oder wenn umgekehrt die USA gezwungen w&uuml;rden, europ&auml;ischen Rohmilchk&auml;se zu akzeptieren. Solche direkten Senkungen von Standards sind zwar mit Blick auf das EU-US-Freihandelsabkommen TTIP denkbar, aber unwahrscheinlich &ndash; nicht zuletzt wegen des enormen politischen Widerstands.<\/li>\n<li>Eine &bdquo;indirekte&ldquo; Senkung von Standards hingegen liegt vor, wenn sie nicht direkt in den Freihandels-Vertr&auml;gen selbst festgeschrieben wird, sondern sich erst im Zusammenspiel eines Freihandelsabkommens mit weiteren Gesetzen oder Abkommen ergibt. Dies w&auml;re beispielsweise der Fall, wenn die USA gezwungen w&uuml;rden, die europ&auml;ische Finanzmarktregulierung als gleichwertig anzuerkennen. Dann d&uuml;rften sie zuk&uuml;nftig europ&auml;ische Tochterbanken von US-Banken nicht mehr kontrollieren. Heute tun sie das noch &ndash; was der Finanzindustrie ein Dorn im Auge ist. Insbesondere, weil die USA bei der Regulierung von Banken in einigen Punkten strenger sind, als es die Europ&auml;ische Union ist, sieht die Bankenlobby hier Handlungsbedarf. Eine gegenseitige Anerkennung von Standards w&auml;re hier mit deren Abbau identisch. Solche indirekten Senkungen von Standards sind bei Freihandelsabkommen die Regel und nicht nur weit h&auml;ufiger, sondern oft auch gef&auml;hrlicher als direkte Senkungen.<\/li>\n<\/ul><p>Beispiele f&uuml;r die indirekte Senkung von Standards gibt es viele. Eines sei im Folgenden im Detail dargestellt. Es bezieht sich auf das Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit, wie es <a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/arbzg\/\">im deutschen Arbeitszeitgesetz<\/a> festgeschrieben ist. <\/p><p>Zweck des gesamten Gesetzes ist es gem&auml;&szlig; &sect; 1, erstens die Arbeitszeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu begrenzen, zweitens zugleich eine gewisse Flexibilit&auml;t bei den Arbeitszeiten zu gew&auml;hrleisten und drittens Sonntage sowie Feiertage bestm&ouml;glich von Arbeit freizuhalten. <\/p><p>Das Gesetz enth&auml;lt, entsprechend dieser Zielsetzung, konkretisierende Regelungen beispielsweise zur werkt&auml;glichen Arbeitszeit, zu Ruhezeiten und zu Nacht- und Schichtarbeit. Gleich in mehreren Paragraphen ist Sonn- und Feiertagsarbeit geregelt. <\/p><ul>\n<li>In &sect; 9 ist festgeschrieben, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Sonn- und Feiertagen nicht besch&auml;ftigt werden d&uuml;rfen.<\/li>\n<li>In &sect; 10 werden zahlreiche Ausnahmen festgelegt &ndash; beispielsweise f&uuml;r Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehr, f&uuml;r Messen sowie f&uuml;r Industriebetriebe, die aus technischen Gr&uuml;nden die Produktion nicht unterbrechen k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>$ 11 enth&auml;lt Regelungen zum Ausgleich von Sonn- und Feiertagsarbeit und begrenzt den Umfang von Sonntagsarbeit.<\/li>\n<li>$ 12 erlaubt unter bestimmten Bedingungen Abweichungen durch Tarifvertr&auml;ge.<\/li>\n<\/ul><p>Die hier relevante Ausnahme findet sich in &sect; 13 Abs. 5. Sie hat es mit Blick auf Freihandelsabkommen durchaus in sich:<\/p><blockquote><p>\n<em>Die Aufsichtsbeh&ouml;rde hat abweichend von &sect; 9 die Besch&auml;ftigung von Arbeitnehmern an Sonn- und Feiertagen zu bewilligen, wenn bei einer weitgehenden Ausnutzung der gesetzlich zul&auml;ssigen w&ouml;chentlichen Betriebszeiten und bei l&auml;ngeren Betriebszeiten im Ausland die Konkurrenzf&auml;higkeit unzumutbar beeintr&auml;chtigt ist und durch die Genehmigung von Sonn- und Feiertagsarbeit die Besch&auml;ftigung gesichert werden kann.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Absatz r&auml;umt Unternehmen einen Rechtsanspruch (!) auf die Besch&auml;ftigung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an Sonn- und Feiertagen ein, sofern <\/p><ul>\n<li>diese Unternehmen mit ausl&auml;ndischen Unternehmen in Konkurrenz stehen, die ihre Besch&auml;ftigten gleichfalls sonn- und feiertags arbeiten lassen,<\/li>\n<li>hierdurch die eigene &bdquo;Konkurrenzf&auml;higkeit unzumutbar beeintr&auml;chtigt&ldquo; ist und<\/li>\n<li>durch Sonn- und Feiertagsarbeit Arbeitspl&auml;tze erhalten bleiben.<\/li>\n<\/ul><p>Dieser Absatz ist alles andere als nebens&auml;chlich: Quasi t&auml;glich wird heute schon in Deutschland Sonn- und Feiertagsarbeit auf dieser Grundlage genehmigt. Zust&auml;ndig f&uuml;r die Umsetzung sind die L&auml;nder. In der Regel begn&uuml;gen sich die jeweiligen Ministerien als Genehmigungsbeh&ouml;rden mit einer mehr oder weniger umfangreichen Begr&uuml;ndung und Erl&auml;uterung seitens der antragstellenden Unternehmen. Eine intensive Pr&uuml;fung der Sachverhalte erfolgt in der Regel nicht. Ablehnungen sind Ausnahmen.<\/p><p>Und was hat das mit TTIP, CETA und Co. zu tun? Sinn und Zweck von Freihandelsabkommen ist es, den grenz&uuml;berschreitenden Handel auszuweiten. Dies hat unweigerlich zur Folge, dass die Konkurrenz zwischen Standorten und Unternehmen zunimmt. Damit wird auch die Zahl der Unternehmen zunehmen, die einen Rechtsanspruch darauf haben, ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Sonn- und Feiertagen zu besch&auml;ftigen. Dies stellt eine indirekte Senkung von Standards dar &ndash; denn das Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit wird weiter ausgehebelt, ohne dass dies in den Freihandelsabkommen selbst so festgeschrieben w&auml;re. Darunter zu leiden haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.<\/p><p>Man k&ouml;nnte dies verhindern, indem man in den Freihandelsabkommen Sonn- und Feiertagsarbeit verbietet und Ausnahmen auf ein absolut notwendiges Minimum beschr&auml;nkt (&auml;hnlich wie in &sect; 9 und 10 des deutschen Arbeitszeitgesetzes). Das aber ist weder geplant noch gew&uuml;nscht. <\/p><p>Stattdessen verk&uuml;nden Merkel, Gabriel, Froman, Schulz und Co., dass man keine Standards senken werde. Und machen anschlie&szlig;end &ndash; indirekt &ndash; doch genau das.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Patrick Schreiner lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/14b3ab3c0b9b455fb3e45b2251d85be0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA sollen Arbeit und Wohlstand bringen, so hei&szlig;t es. Dazu sollen die Vertragspartner zwar gleichwertige Normen und Standards gegenseitig anerkennen &ndash; senken aber wolle man soziale und &ouml;kologische Standards nicht. So versprechen es jedenfalls die Bef&uuml;rworterInnen von Freihandelsabkommen. Schl&uuml;ssig und &uuml;berzeugend sind solche Beschwichtigungen nicht. 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