{"id":23363,"date":"2014-09-23T09:27:15","date_gmt":"2014-09-23T07:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23363"},"modified":"2019-01-04T12:33:23","modified_gmt":"2019-01-04T11:33:23","slug":"wie-der-bund-der-steuerzahler-die-oeffentlichkeit-taeuscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23363","title":{"rendered":"Wie der Bund der Steuerzahler die \u00d6ffentlichkeit t\u00e4uscht"},"content":{"rendered":"<p>Der Pr&auml;sident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, hat dem Deutschlandfunk anl&auml;sslich der letzten Haushaltsdebatte im Bundestag ein Interview <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/haushalt-wir-brauchen-eine-steuerbremse.694.de.html?dram:article_id=297090\">gegeben<\/a>. Darin ging es um die &uuml;blichen steuerpolitischen Themen, etwa die Steuerbelastung der Bev&ouml;lkerung, die Abschaffung des Solidarit&auml;tsbeitrags oder die Beseitigung der kalten Progression. Bemerkenswert an dem Interview ist, dass es einerseits ein sehr gutes Lehrbeispiel f&uuml;r Meinungsmache und Manipulation darstellt, andererseits aber auch einen Steuerzahlerpr&auml;sidenten zeigt, der offenbar nur schlecht &uuml;ber die Funktionsweise des deutschen Steuersystems informiert ist. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23363#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nIm Interview zeichnet Holznagel einmal mehr das Bild eines gierigen und gefr&auml;&szlig;igen Steuerstaates, der immer mehr Steuergelder einnimmt, aber dennoch nicht mit seinem Geld auskommt. So sagt Holznagel beispielsweise: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der Soli hat seit 2005 bis 2019 dem Bundesfinanzminister circa 210 Milliarden Euro in die Kassen gesp&uuml;lt. Auch dieses Geld hat er nicht komplett in den Osten gesteckt. Er hat circa 50 Milliarden Euro Plus dabei gemacht. Diese Zahlen machen deutlich, dass wir seit 2005 kontinuierlich steigende Steuereinnahmen haben, aber trotzdem schafft es die Politik nicht, mit diesem Geld auszukommen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und an anderer Stelle hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wenn man so will schon, weil die Steuereinnahmen gigantisch steigen werden. Wir werden in 2018 noch mal 100 Milliarden Euro mehr Steuern eingenommen haben. Das hei&szlig;t, das werden dann insgesamt 740 Milliarden sein.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das Argument, dass die Steuereinnahmen stetig steigen, ist zwar richtig, f&uuml;r die Steuerdebatte aber dennoch nichtig. Denn in einer wachsenden Wirtschaft ist es v&ouml;llig normal, dass die Steuereinnahmen steigen. Der Grund daf&uuml;r ist, dass alle wichtigen Steuerarten positiv mit der Konjunktur korreliert sind: die Umsatzsteuer, die Einkommensteuer, die Gewerbesteuer, die K&ouml;rperschaftsteuer, usw. Nur wenige Steuerarten reagieren kaum oder gar nicht auf die Konjunktur, so etwa die Grund- und die Erbschaftssteuer. Zu einer wachsenden Wirtschaft geh&ouml;rt aber auch, dass die Staatsausgaben stetig steigen. Schlie&szlig;lich m&uuml;ssen die Ausgaben f&uuml;r Stra&szlig;en und Schulen oder die Bez&uuml;ge von Lehrern und Polizisten ja auch mit der allgemeinen Entwicklung Schritt halten. Und diese Ausgaben m&uuml;ssen eben &uuml;ber Steuern finanziert werden.<\/p><p>Daher folgen Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Steuereinnahmen einem stetigen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Steueraufkommen_(Deutschland)\">Aufw&auml;rtstrend<\/a>. Bezifferten sich die Steuereinnahmen Anfang der neunziger Jahre auf rund 370 Milliarden Euro, waren es zehn Jahre sp&auml;ter schon 440 Milliarden Euro, 2010 dann 530 Milliarden Euro, und 2018 d&uuml;rften es dann eben 740 Milliarden Euro sein, wie Holznagel prognostiziert. Im gleichen Zeitraum entwickelte sich das BIP wie folgt: Anfang der neunziger Jahre lag es bei rund 1,6 Billionen Euro, zehn Jahre sp&auml;ter bei 2,1 Billionen Euro, 2010 bei 2,5 Billionen Euro, 2013 dann bei 2,7 Billionen Euro, usw. Zu einer Delle bei den Steuereinnahmen kommt es allenfalls in einer Rezession, so etwa im Krisenjahr 2009.<\/p><p>Das von Holznagel gezeichnete Bild eines Staates, der trotz sprudelnder Steuereinnahmen nicht mit seinem Geld auskommt, ist also v&ouml;llig schief. Und so verwundert es nicht, dass der Steuerzahlerpr&auml;sident letztendlich zu v&ouml;llig falschen Schlussfolgerungen kommt. So erkl&auml;rt er beispielsweise:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir m&uuml;ssen eine Steuerbremse einf&uuml;hren. Wir m&uuml;ssen daf&uuml;r sorgen, dass die Steuerbelastung nicht immer endlos steigt.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und etwas sp&auml;ter betont er nochmals:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir werden hier weiterhin nat&uuml;rlich auch daf&uuml;r eintreten, dass Steuerbelastungen in Zukunft nicht weiter zunehmen werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Holznagel unterstellt also, dass steigende Steuereinnahmen f&uuml;r die B&uuml;rger eine steigende Belastung darstellen. Dies ist aber schlichtweg falsch. Denn wie gesehen, steigen neben den Steuereinnahmen ja auch die Einkommen, sprich das BIP. Auskunft &uuml;ber die Steuerbelastung gibt demnach nicht die absolute H&ouml;he der Steuereinnahmen, sondern die Steuerquote, also die Steuereinnahmen bezogen auf das BIP. Die Steuerquote lag 2013 bei 22,6 Prozent und damit exakt auf der H&ouml;he des langfristigen Durchschnitts. Von einer steigenden Steuerbelastung kann also gar keine Rede sein. <\/p><p>Bemerkenswert an dem Interview ist zudem, dass sich Holznagel darin auch noch im Dickicht der deutschen Steuersystematik verheddert. Dies zeigen insbesondere die folgenden S&auml;tze:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die Deutschen zahlen insgesamt pro Jahr fast 50 Milliarden Euro an verkehrsbedingten Steuern, beispielsweise &uuml;ber die Kfz-Steuer, oder die Mineral&ouml;lsteuer. An dieser Stelle zeigt sich, wir haben kein Einnahmeproblem. Die Politik hat seit Jahren dieses Geld zweckentfremdet und eben nicht in die Infrastruktur gesteckt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Hier suggeriert Holznagel, dass die 50 Milliarden Euro Einnahmen aus verkehrsbedingten Steuern doch ausreichen m&uuml;ssten, um die Verkehrsinfrastruktur zu finanzieren. Im deutschen Steuersystem gilt allerdings das Nonaffektationsprinzip, d.h. die Steuereinnahmen sind nicht zweckgebunden und flie&szlig;en in den allgemeinen Haushalt. In einem Text des Bundesfinanzministeriums hei&szlig;t es dazu: &bdquo;F&uuml;r Steuereinnahmen gilt der Grundsatz der Gesamtdeckung, d. h. alle Steuereinnahmen dienen zur Deckung aller Ausgaben (Nonaffektationsprinzip).&ldquo; Wenn die Steuereinnahmen nicht zweckgebunden sind, k&ouml;nnen sie also auch nicht zweckentfremdet werden, wie Holznagel behauptet.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus operiert Holznagel hier mit einer absoluten Zahl (50 Milliarden Euro). Die Summe soll wohl suggerieren, dass die Einnahmen aus verkehrsbedingten Steuern ausreichend hoch sind. Nur: ohne Bezugsgr&ouml;&szlig;e hat diese Zahl keinerlei Aussagekraft. Sind 50 Milliarden Euro mehr oder weniger als in den vergangenen Jahren? Was nehmen vergleichbare L&auml;nder ein? Und kommen die mit dieser Summe aus? Man wei&szlig; es nicht!<\/p><p>V&ouml;llig abstrus wird es dann aber gegen Ende des Interviews. Dort konstatiert Holznagel:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir haben eine steuerliche Einkommensbelastungsquote, also Steuern und Abgaben insgesamt von &uuml;ber 51,5 Prozent in Deutschland. Das hei&szlig;t, mehr als die H&auml;lfte unseres Einkommens m&uuml;ssen wir an &ouml;ffentliche Kassen abf&uuml;hren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Behauptung ist v&ouml;llig haneb&uuml;chen. Holznagel suggeriert hier, dass die Belastung der Einkommen bei &uuml;ber 50 Prozent liegt und erfindet dazu auch noch eine eigene Kennziffer: &bdquo;die steuerliche Einkommensbelastungsquote&ldquo;. Was er genau damit meint, bleibt unklar. Tatsache ist, dass die Steuerquote (Steuerbelastung) in Deutschland, wie oben gesehen, bei lediglich 22,6 Prozent liegt. Selbst wenn man die <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Themen\/Oeffentliche_Finanzen\/Wirtschafts_und_Finanzdaten\/Oeffentlicher_Gesamthaushalt\/entwicklung-der-steuer-und-abgabenquoten.html\">Steuer- und Abgabenquote<\/a> heranzieht, die neben den Steuern auch noch die Sozialabgaben ber&uuml;cksichtigt, liegt die Belastung der Einkommen nur bei rund 40 Prozent.<\/p><p>Was Holznagel aber gemeint haben k&ouml;nnte, ist die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.dstd.de\/2009\/07\/14\/die-falsche-quote-des-herrn-dake\/\">volkswirtschaftliche Einkommensbelastungsquote<\/a>&ldquo;. Dies ist eine Kennziffer, die der Bund der Steuerzahler selbst erfunden hat. Sie ist offensichtlich so konstruiert, dass sie eine m&ouml;glichst hohe Steuerbelastung suggeriert. Der Trick dabei ist, die Steuern und Abgaben nicht wie sonst &uuml;blich auf das BIP zu beziehen, sondern auf das niedrigere Volkseinkommen. Daher liegt die vom Steuerzahlerbund ausgewiesene &bdquo;Einkommensbelastungsquote&ldquo; deutlich &uuml;ber der volkswirtschaftlichen Steuer- und Abgabenquote.<\/p><p>Dies alles w&auml;re nicht weiter schlimm, w&uuml;rde der Bund der Steuerzahler in der &Ouml;ffentlichkeit nicht ein &auml;u&szlig;erst seri&ouml;ses Image genie&szlig;en. Der Journalist und Nachdenkseiten-Redakteur Jens Berger schreibt dazu in seinem Buch &bdquo;Stresstest Deutschland&ldquo;: &bdquo;Durch seine durchaus erfolgreiche Medienarbeit hat es der Bund der Steuerzahler geschafft, in der &Ouml;ffentlichkeit als vermeintlich neutraler und seri&ouml;ser finanzpolitischer Akteur wahrgenommen zu werden. So schafft er es auch seinen neoliberalen und unsozialen Politikvorstellungen, die letztlich vor allem auf eine Senkung des (Spitzen-)Steuersatzes und eine Reduktion des Staatsausgaben hinauslaufen, einen glaubw&uuml;rdigen Anstrich zu verpassen.&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Und weiter weist Berger daraufhin, dass der Bund der Steuerzahler h&auml;ufig sogar mit dem Bundesrechnungshof verwechselt wird. Tats&auml;chlich handelt es sich bei diesem aber um eine seri&ouml;se &ouml;ffentliche Beh&ouml;rde, die die Finanzen des Bundes kontrollieren soll. Der Bund der Steuerzahler hingegen ist eine Lobbyorganisation, die die Interessen verm&ouml;gender Steuerzahler vertritt und wirtschaftspolitisch einen &bdquo;Hardcore-Neoliberalismus&ldquo; propagiert. 60 Prozent seiner Mitglieder sind Unternehmen und gewerbliche Mittelst&auml;ndler, 15 Prozent Freiberufler. Bei dem Rest handelt es sich &uuml;berwiegend um leitende Angestellte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares hat in Mainz Volkswirtschaftslehre studiert und ist Wirtschaftsjournalist<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Jens Berger, Stresstest Deutschland, Frankfurt: Westend, 2012, S.82<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Pr&auml;sident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, hat dem Deutschlandfunk anl&auml;sslich der letzten Haushaltsdebatte im Bundestag ein Interview <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/haushalt-wir-brauchen-eine-steuerbremse.694.de.html?dram:article_id=297090\">gegeben<\/a>. Darin ging es um die &uuml;blichen steuerpolitischen Themen, etwa die Steuerbelastung der Bev&ouml;lkerung, die Abschaffung des Solidarit&auml;tsbeitrags oder die Beseitigung der kalten Progression. Bemerkenswert an dem Interview ist, dass es einerseits ein sehr gutes<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23363\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,137,11],"tags":[934],"class_list":["post-23363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-steuern-und-abgaben","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bund-der-steuerzahler"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23363"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48254,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23363\/revisions\/48254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}