{"id":23377,"date":"2014-09-24T10:21:12","date_gmt":"2014-09-24T08:21:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23377"},"modified":"2019-04-10T11:48:15","modified_gmt":"2019-04-10T09:48:15","slug":"der-lange-weg-der-eindaemmung-ein-weg-wohin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23377","title":{"rendered":"Der lange Weg der Eind\u00e4mmung \u2013 ein Weg wohin?"},"content":{"rendered":"<p>Im Konflikt um die Ukraine ist es ruhiger geworden. Was verspricht diese Ruhe, was wird, was kann sie halten? Der Russland-Kenner <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23377#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] analysiert f&uuml;r die NachDenkSeiten die j&uuml;ngsten Entwicklungen, wirft einen kritischen Blick auf deren Kommentierung in den deutschen Medien und ordnet die Politik des Westens in einen breiteren geostrategischen Kontext ein.<br>\n<!--more--><br>\nEine Waffenruhe zwischen den ukrainischen Konfliktparteien wurde vereinbart, sogar die Einrichtung eines drei&szlig;ig Kilometer breiten waffenfreien Puffers. Die streitenden Parteien ziehen ihre Einheiten hinter diesen Puffer zur&uuml;ck. Das umk&auml;mpfte Assoziierungsabkommen zwischen EU und Ukraine wurde von beiden Seiten unterschrieben, soll aber erst 2015 in Kraft treten; aus R&uuml;cksicht auf Russland, hei&szlig;t es, das sonst gezwungen w&uuml;rde, eine bisher nicht bestehende Zollgrenze gegen&uuml;ber der Ukraine zu errichten. Tats&auml;chlich gilt der Schutz eher der Ukraine, deren Handel durch Errichtung einer Zollgrenze zu Russland sonst einbr&auml;che. <\/p><p>Aber weiter: Der ukrainische Pr&auml;sident Poroschenko hat einen Plan durch das von ihm zuvor bereits aufgel&ouml;ste Parlament gebracht, demzufolge den aufst&auml;ndischen Teilen der Ukraine zun&auml;chst f&uuml;r drei Jahre besondere Autonomierechte, Selbstverwaltung und sogar das Aufstellen eigener Polizeieinheiten zugebilligt werden soll; den an K&auml;mpfen im Osten des Landes Beteiligten wird darin eine Amnestie zugesagt, sofern sie sich nicht schwerer Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung schuldig gemacht h&auml;tten. An die Stelle des B&uuml;rgerkriegs soll nach Poroschenko&lsquo;s Willen am 28.\/29. Oktober des Jahres die Neuwahl des Parlaments treten und der Wiederaufbau der zerst&ouml;rten Infrastruktur im Osten und im S&uuml;den des Landes in Angriff genommen werden. <\/p><p>Die EU schlie&szlig;lich brachte neue Sanktionen gegen Russland auf den Weg, die aber ausgesetzt wurden, um, wie es hei&szlig;t, Russland die Chance zu geben seinen Friedenswillen unter Beweis zu stellen. <\/p><p>Das alles klingt nach Friedensabsichten, zumindest nach Kriegsm&uuml;digkeit. Wie gern m&ouml;chte man solchen Meldungen vertrauen k&ouml;nnen.<\/p><p>Aber zugleich sickern durch die verschiedensten Kan&auml;le Nachrichten in diesen Friedensraum, die das pure Gegenteil beinhalten: Die Waffenruhe wird trotz Friedenspuffer gebrochen. Beide Seiten verd&auml;chtigen sich gegenseitig die Waffenruhe lediglich f&uuml;r eine Neuaufstellung ihrer Streitkr&auml;fte zu nutzen. Poroschenko bittet in den USA gar &ouml;ffentlich um Waffenlieferungen und erh&auml;lt entsprechende Zusagen. NATO-Staaten f&uuml;hren &uuml;ber das schon durchgef&uuml;hrte See-Man&ouml;ver vor Sewastopol seit Mitte September ein weiteres Man&ouml;ver in der Westukraine durch.  Parallel zur Verschiebung des Assoziierungsabkommens verspricht der scheidende Kommissionspr&auml;sident der Europ&auml;ischen Union, Jos&eacute; Baroso, wider besseres Wissen der  Ukraine eine Mitgliedschaft in der EU. Auch ohne formelle Unterschrift sind die von EU und IWF aufgestellten Privatisierungs- und Sparanforderungen schon l&auml;ngst ins Programm der Regierung Jazenjuk eingegangen. Poroschenkos Zugest&auml;ndnisse an die Aufst&auml;ndischen werden von einer Phalanx nationalistischer Hardliner kategorisch abgelehnt &ndash; angefangen bei dem nach rechts au&szlig;en ger&uuml;ckten Premier Jazenjuk, &uuml;ber Julia Timoschenko bis hin zu dem offenen Rechten Oleh Liashko und den K&auml;mpfern des &bdquo;Rechten Sektors&ldquo;. Die nationalistischen Hardliner beider Seiten, Freiwillige wie angeworbene S&ouml;ldner sind nicht gewillt, der Entspannungslinie zu folgen, gleich ob von Poroschenko oder von Putin gefordert. Sie verfolgen weiter ihre Eskalationsstrategien. Ob diese Konfrontation in einen parlamentarischen Wahlkampf und eine Stabilisierung der innenpolitischen Situation der Ukraine, zumindest eine demokratische Fassade &uuml;berf&uuml;hrt werden kann oder ob doch die Waffen entscheiden, ist vollkommen offen. <\/p><p>Und schlie&szlig;lich: trotz Meldungen, dass die &bdquo;russischen Besatzer&ldquo; &ndash; die seit Monaten als Gespenst durch die Medien marschieren &ndash; begonnen h&auml;tten sich aus der Ukraine zur&uuml;ckzuziehen, werden die soeben von der EU beschlossenen neuerlichen Sanktionen zwar aufgeschoben, ihre Anwendung und weitere zuk&uuml;nftige Versch&auml;rfung wird jedoch angedroht, falls Russland nicht von seinem &bdquo;Aggressionskurs&ldquo; Abstand nehme. Die &ouml;ffentliche Kampagne gegen die von Russland angeblich ausgehende &bdquo;Bedrohung der Zivilisation&ldquo; geht mit unverminderter Heftigkeit auf allen Ebenen weiter. <\/p><p>H&ouml;ren wir exemplarisch f&uuml;r diesen generellen Tenor die &bdquo;Frankfurter Allgemeine Zeitung&ldquo; (vom 19.09.2014) mit einem Artikel, der sich selbst als Programm eines friedlichen L&ouml;sungsweges verstanden wissen will: <\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Funktioniert die Eind&auml;mmung? Der Westen geht in der Ukraine den langen Weg des Systemwettbewerbs&ldquo; war begleitend zu den Minsker Waffenstillstandsverhandlungen und Poroschenkos allerneuestem Friedensplan, gest&uuml;tzt auf den scheidenden polnischen Au&szlig;enminister Sikorski zu lesen, Kiew und Br&uuml;ssel h&auml;tten sich &bdquo;unterworfen&ldquo;; das &bdquo;Argument der Gewalt&ldquo; habe sich durchgesetzt. Die Aussetzung des Assoziierungsabkommens, ebenso wie der &bdquo;besondere Status&ldquo; f&uuml;r die Ost-Ukraine sei eine &bdquo;schleichende Legalisierung der von Russland geschaffenen Tatsachen&ldquo;, sei ein &bdquo;doppeltes Zur&uuml;ckweichen&ldquo; der EU und der Ukraine vor der Gewalt Russlands. Nun gehe es darum aus diesen Tatsachen die Konsequenzen zu ziehen. Entsprechende Perspektiven seien auf der Konferenz  &bdquo;Yalta European Strategy&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] deutlich geworden. Dort habe Poroschenko, ausgehend von der Krim, von einer &bdquo;R&uuml;ckeroberung der verlorenen Gebiete&ldquo;, die er noch im August verfolgt habe, Abstand genommen und habe stattdessen erkl&auml;rt, dass die Ukraine die Einwohner der Krim &bdquo;auf lange Sicht&ldquo; f&uuml;r sich gewinnen k&ouml;nne, weil sie ihnen &bdquo;als europ&auml;ische Nation das bessere Leben bieten werde als Russland.&ldquo; <\/p><p>Soweit die neue Friedensperspektive. Klingt harmlos, weniger harmlos klingen die daran gekn&uuml;pften Schl&uuml;sse, die dieser Einleitung folgen:  <\/p><p>&bdquo;Damit diese Rechnung aufgeht&ldquo; schreibt die FAZ n&auml;mlich weiter, &bdquo;sind mehrere Voraussetzungen n&ouml;tig. Zun&auml;chst muss der milit&auml;rische Konflikt &sbquo;eingefroren&lsquo; werden. Dann muss die verbliebene Ukraine  mit ihrem Kurs auf Europa in den kommenden Jahren zum Erfolgsmodell werden. Deutsche Fachleute reden von einem &sbquo;Schaust&uuml;ck&lsquo;, das bis ins Donbass und auf die Krim und vielleicht bis nach Moskau strahlt. Schlie&szlig;lich muss der Westen bereit sein, Russland lange, vielleicht sehr lange, durch Wirtschaftssanktionen von neuer Aggression abzuschrecken.&ldquo; <\/p><p>Das &bdquo;Einfrieren&ldquo;, hei&szlig;t es dann weiter in der FAZ, sei schon im Gange. Der Konflikt um die &bdquo;europ&auml;ische Grundentscheidung&ldquo; scheine durch die Verschiebung des Abkommens  vorl&auml;ufig entsch&auml;rft. Bleibe noch &bdquo;der Streit ums Gas&ldquo;. Manches erinnere an Rezepte des Kalten Krieges; dann w&ouml;rtlich: &bdquo;Wo ein &sbquo;Rollback&lsquo; nicht m&ouml;glich ist, soll &sbquo;Containment&lsquo; Niederlagen abwenden.  Kompromiss und H&auml;rte sollen Hand in Hand gehen, zuletzt soll die Strahlkraft des westlichen Modells entscheiden. Fehlt am Ende nur eines: ein Plan f&uuml;r den Fall, dass Putin es nicht dazu kommen l&auml;sst und weiter auf Panzer setzt.&ldquo;<\/p><p>Damit ist klar: Nicht Russland, Putin ist also der Gegner. Zu diesem Programm passen Ver&ouml;ffentlichungen in &bdquo;Spiegel online&ldquo;, so z.B. vom Donnerstag, 11. 09.2014. Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Wenn Putin st&uuml;rzt&ldquo; wird dort offen &uuml;ber die M&ouml;glichkeit eines Regime Changes in Russland spekuliert: <\/p><p>&bdquo;Im Fr&uuml;hjahr war ich Zeuge der Unterhaltung eines ukrainischen Offiziers mit einem westlichen Diplomaten,&ldquo; schreibt Spiegel-Online-Redakteur Benjamin Bidder: &bdquo;Der Ukrainer hatte eine Bitte: Der Westen solle helfen, Putin zu st&uuml;rzen. Der Diplomat sagte: &sbquo;Wir werden es versuchen&lsquo;. Wahrscheinlich wollte er den Ukrainer nicht vor den Kopf sto&szlig;en. Die Frage stellt sich aber schon: Soll der Westen auf ein Ende der &Auml;ra Putin hoffen? K&ouml;nnte er es beschleunigen, durch Druck und Sanktionen?&ldquo;<\/p><p>Zwar beantwortet Bidder die selbst gestellte Frage mit einem &sbquo;Nein&lsquo;, dies allerdings erst, nachdem er die von Russland ausgehende Gefahr noch einmal in schw&auml;rzesten Farben ausgemalt hat: Russlands Wirtschaft zu ruinieren, erscheine nicht schwer. Putin habe selbst durch seine verfehlte Politik daf&uuml;r gesorgt. Dazu k&auml;men politische Probleme. Auf Massendemonstrationen 2011 habe Putin mit mehr Zensur und Prozessen gegen die Opposition reagiert. Jetzt herrsche Ruhe, aber die Missst&auml;nde gebe es noch immer. Zweifellos finde Putin zurzeit Zustimmung im Lande. Aber es geh&ouml;re nicht viel Fantasie dazu, sich Putins politisches Ende auszumalen. <\/p><p>Putin sei unterwegs auf einem &ldquo;Highway to hell&rdquo; zitiert Bidder die &ldquo;Welt&rdquo;. Freuen k&ouml;nne sich dar&uuml;ber aber nur, wer ignoriere, dass die gr&ouml;&szlig;te Atommacht der Welt ihren Nachbarn auch ohne Putin das Leben zur H&ouml;lle machen k&ouml;nne. Auch Revolution sei keine realistische Perspektive. Es bleibe nur die  Wahl zwischen lauter schlechten Alternativen. &bdquo;Die Nato muss &uuml;ber Aufr&uuml;stung diskutieren, allein schon, um sich zu wappnen f&uuml;r das, was nach Putin kommen k&ouml;nnte.&ldquo;<\/p><p>Nach solchen Reden folgt nur noch der Schlu&szlig;satz: Der Westen m&uuml;sse aber auch &bdquo;m&ouml;glichst bald wieder auf Moskau zugehen, reden und Kompromisse anbieten. Nicht, weil Putin das verdient h&auml;tte, sondern weil eine Isolation Russlands mehr Probleme schafft, als sie l&ouml;sen w&uuml;rde.&ldquo; <\/p><p>Visionen dieser Art, die den aktuellen Konflikt um die Ukraine durch eine Kombination von &bdquo;Eind&auml;mmung&ldquo; und Regimewechsel l&ouml;sen wollen, sind jedoch weder auf dem Mist eines FAZ-, &bdquo;Spiegel-online&ldquo;- oder &bdquo;Welt&ldquo;-Redakteurs gewachsen, noch auf dem anderer vergleichbarer Multiplikatoren, sondern &ndash; bedauerlich, es wieder und wieder sagen zu m&uuml;ssen &ndash; auf dem des US-Strategen Sbigniew Brzezinski, des ehemaligen Sicherheitsberaters des US-Pr&auml;sidenten Carter. Brzezinski ist nach wie vor Stichwortgeber f&uuml;r die Politik des Wei&szlig;en Hauses und seiner Propaganda-Apparate im Ausland, die f&uuml;r die &bdquo;Demokratisierung&ldquo; der Sowjet-Nachfolgestaaten bekanntlich j&auml;hrlich immer wieder Milliarden ausgeben. <\/p><p>Im bisher letzten seiner B&uuml;cher zur Globalstrategie der USA &bdquo;Strategic Vision. Amerika and the crisis of global power&ldquo; (Basic Books, New York) entwirft Brzezinski, unter dem f&uuml;r ihn neuen Leitgedanken, dass die USA das Gesch&auml;ft des Weltpolizisten nicht mehr allein schultern k&ouml;nnten, exakt das Muster des von FAZ, Spiegel, Welt und anderen jetzt &uuml;bernommenen Szenarios: Das Herausbrechen der Ukraine aus dem russischen Einflussbereich durch Anschluss an die EU, ihre Modernisierung im Geiste und im &ouml;konomischen Schlepptau des Westens, genauer des atlantischen B&uuml;ndnisses, mit dem Ziel &uuml;ber eine &bdquo;modernisierte&ldquo; Ukraine am Ende auch die ebenso &bdquo;modernisierten&ldquo; Kr&auml;fte Russlands als B&uuml;ndnispartner f&uuml;r die notwendige Erneuerung der westlichen Allianz zu gewinnen &ndash; gegen die &bdquo;chinesische-indische Bedrohung&ldquo;, gegen die Gefahr des &bdquo;political awakewning of people&ldquo; und aktuell zu betonen, gegen die Gefahr eines wachsenden Terrorismus &ndash; dies alles aber bitte ohne Putin. Putin steht in Brzezinskis Augen nach wie vor f&uuml;r den r&uuml;ckst&auml;ndigen Teil Russlands. Mit Russland &ndash; ja, hei&szlig;t diese Perspektive, aber mit einem schwachen Russland, das bereit ist, sich den USA als Juniorpartner zu unterwerfen. <\/p><p>Auf der letzten &bdquo;Sicherheitskonferenz&ldquo; in M&uuml;nchen im Februar 2014 forderte Brzezinski in diesem Sinne unisono mit US-Au&szlig;enminister John Kerry eine &bdquo;Renaissance des atlantischen B&uuml;ndnisses&ldquo;, wurde der Kiewer Maidan &uuml;berschw&auml;nglich als demokratische Erneuerung zum Sturz Janukowitsch&lsquo;s begr&uuml;&szlig;t und unterst&uuml;tzt, wurde die &bdquo;neue Verantwortung&ldquo; von Joachim Gauck, von Ursula von der Leyen, von Jos&eacute; Baroso und anderen Vertretern Deutschlands und der EU willig aufgenommen. <\/p><p>In &bdquo;strategic vision&ldquo; hei&szlig;t es dazu nach l&auml;ngeren Konkretisierungen zu den demokratischen Ans&auml;tzen, die Brzezinski heute in einem Russland ohne Putin sieht, schlicht und unmissverst&auml;ndlich: &bdquo;Eine Ukraine, die Russland nicht feindlich gegen&uuml;bersteht, sondern ihm in ihrem Zugang zum Westen etwas voraus ist, hilft sicherlich Russland zu ermutigen auf seinem Weg zum Westen in Richtung auf eine m&ouml;gliche lohnende Zukunft.&ldquo;<\/p><p>Dass die Rechnung einer solchen &bdquo;Demokratisierung&ldquo; der Ukraine mit &bdquo;Strahlkraft&ldquo; auf Moskau, wie sie Brzezinski beschreibt und wie sie die Parteig&auml;nger der von ihm skizzierten Politik neuerdings der deutschen &Ouml;ffentlichkeit als L&ouml;sung der Ukrainischen Krise anbieten, schon jetzt ein M&auml;rchen ist, l&auml;sst sich mit wenigen Z&uuml;gen zeigen:<\/p><p>Ein &bdquo;Einfrieren&ldquo; wird es schon deswegen nicht geben, weil &ndash; wie schon oben angedeutet &ndash; den tats&auml;chlichen Vorg&auml;ngen in der Ukraine zu entnehmen ist, dass die radikalen Kr&auml;fte in der Ukraine die &bdquo;Legitimierung&ldquo; der jetzt entstandenen Situation durch Neuwahl des Parlamentes nicht akzeptieren werden. Sie wollen die Entscheidung: Die ukrainischen Nationalisten bestehen auf R&uuml;ckgewinnung der Krim, auf Ukrainisierung der Ukraine; die Radikalen im Donbass bestehen auf Abtrennung &bdquo;Neurusslands&ldquo; als eigenst&auml;ndigem staatlichem Gebilde.<\/p><p>Ein &bdquo;Erfolgsmodell&ldquo; wird die Ukraine unter dem Diktat der Assoziierungsvereinbarungen allenfalls f&uuml;r die kleine Gruppe der Privatisierungsgewinnler werden, die von dem &ndash; ungeachtet der angeblichen Verschiebung des Abkommens &ndash; bereits jetzt in Gang gesetzten umfassenden Privatisierungsprogramm profitieren, konkret gesprochen, von dem Verkauf nationalen Eigentums an ausl&auml;ndische Geldgeber oder mit ihnen verbundener Oligarchen. Der Bev&ouml;lkerung dagegen werden die Lasten eines Sparprogramms auferlegt, das zu einschneidenden Verschlechterungen der Lebensqualit&auml;t f&uuml;hren wird, wie sie aus anderen IWF-Reforml&auml;ndern und Objekten der EU-Austerit&auml;tspolitik bekannt sind. Milliardenkredite der EU werden die zu erwartenden sozialen Verwerfungen nicht auffangen, sondern versch&auml;rfen, besten Falles verschleppen und zudem die EU an ihre Grenzen f&uuml;hren.<\/p><p>&bdquo;Nach Moskau strahlt&ldquo; auf absehbare Zeit sicher nicht etwa ein &ouml;konomischer Aufschwung, sondern sein pures Gegenteil aus. Das Modernisierungsgef&auml;lle verl&auml;uft nicht von der Ukraine nach Moskau abw&auml;rts, sondern umgekehrt von Moskau in die Ukraine hinunter. Auf der Krim ist das bereits heute erkennbar, wo sich das Lebensniveau f&uuml;r die dort lebenden Menschen &ndash; allen Anpassungsproblemen zum Trotz &ndash; durch russische F&ouml;rderungsprogramme sp&uuml;rbar verbessert, z.B. durch h&ouml;here Renten, durch Modernisierung der sozialen und sonstigen Infrastruktur, auch wenn diese F&ouml;rderung die russische F&ouml;deration aktuell stark belastet. Aus dem Donbass und dem S&uuml;den der Ukraine fl&uuml;chten die Menschen nicht nur vor den Bomben nach Russland, sondern auch vor dem aktuellen Zusammenbruch der ukrainischen Wirtschaft und vor den bedr&uuml;ckenden Perspektiven einer f&uuml;r die Zukunft zu erwartenden Verelendung durch Arbeitslosigkeit und der zu erwartenden Senkung des allgemeinen Lebensniveaus.  <\/p><p>&bdquo;Lange, vielleicht sehr lange, Wirtschaftssanktionen&ldquo; schlie&szlig;lich wird Russland vermutlich eher durchstehen als die EU. Dies zu bemerken, wird manch einen der sanktionsfreudigen Akteure gleich auf zwei falschen F&uuml;&szlig;en erwischen, weil sie sich kein Verst&auml;ndnis davon erarbeitet haben, worin sich Russland, aller bisherigen Kapitalisierung zum Trotz, von der EU oder auch den USA  unterscheidet &ndash; n&auml;mlich durch seine dreifach gestaffelte Autarkie. Das sind Natursch&auml;tze, &Ouml;l, Gas, Kohle, Erze, Land, Wasser, Wald usw. in einem gewaltigen territorialen Raum, das ist &bdquo;soziales Kapital&ldquo;, um einen  Begriff der US-&Ouml;konomin Elinor Ostrom in ihrer Theorie der Commons zu benutzen, einer nach wie vor bestehenden Tradition der in Russland so genannten erg&auml;nzenden individuellen und gemeinschaftlichen Zusatzversorgung in breiten Kreisen der Bev&ouml;lkerung und das ist drittens die Staffelung durch die Vielv&ouml;lkerkultur in einem differenziert gegliederten Raum mit angrenzenden neuen B&uuml;ndnism&ouml;glichkeiten bei den Newcomern der Globalen Ordnung, China, Indien, Zentralasien, Kaukasus und anderen. Die Herausbildung einer Eurasischen Union wird sich letztlich von niemandem aufhalten lassen. Sie bildet sich aus einem gewisserma&szlig;en nat&uuml;rlichen Raum. <\/p><p>Ihre historisch gewachsene, in Krisenzeiten auch in fr&uuml;heren Jahrhunderten immer wieder bew&auml;hrte Autarkie hat dem neuen Russland schon 1998 nicht nur &uuml;ber die Krise geholfen, sondern die Krise hat eben diese Kr&auml;fte aktiviert. Durch die Krise erhielt die heimische Produktion &ndash; die agrarische wie auch die industrielle &ndash; einen erkennbaren Schub. Russland l&ouml;ste sich vom IWF-Kredit-Tropf; von einem Monat auf den anderen gab es wieder Waren aus heimischer Produktion auf dem russischen Markt. Ein &auml;hnlicher Prozess kommt zurzeit durch die Sanktionen des Westens in noch weit gr&ouml;&szlig;erem Umfang in Gang. Das Motto: Sanktionen machen uns erst recht stark. Kapital kehrt ins Land zur&uuml;ck. Eigene Produkte statt Importware kommen auf den Markt. Neue Handels- und Wirtschaftswege werden erschlossen. <\/p><p>Das alles l&auml;uft selbstverst&auml;ndlich nicht ohne zeitweilige Einbu&szlig;en und Krisenerscheinungen, jedoch mit dem absehbaren Ende einer St&auml;rkung der Eigenst&auml;ndigkeit Russlands, das sich gegen Angriffe von au&szlig;en zusammenschlie&szlig;t wie es sich unter dem Druck &auml;u&szlig;erer Bedrohungen in der Geschichte immer wieder zusammengeschlossen hat &ndash; ganz im Gegensatz zum Westen, dessen Sanktionspolitik schon jetzt zu Differenzen zwischen der EU und den USA, sowie innerhalb der EU f&uuml;hrt und ganz zu schweigen davon, dass das &bdquo;atlantische B&uuml;ndnis&ldquo; als Ganzes und dar&uuml;ber hinaus die 28 heterogenen Staaten der EU die geforderten &bdquo;langen, vielleicht sehr langen Wirtschaftssanktionen&ldquo; unbeschadet tragen k&ouml;nnten. Im atlantischen B&uuml;ndnis f&auml;llt die Last auf die EU, in der EU f&auml;llt sie auf die schw&auml;cheren Staaten. Das muss, wenn eine solche Politik wirklich durchgef&uuml;hrt w&uuml;rde, notwendig zu Spannungen und Machtverschiebungen f&uuml;hren, zwischen den USA und der EU zum einen, innerhalb der EU zum anderen. <\/p><p>So oder so muss eine dauerhafte Sanktionspolitik aber Verengungen der politischen Bewegungsfreiheit im russischen wie im westlichen Raum nach sich ziehen. Das kann weder im Interesse Russlands, noch der EU, noch sonst eines Landes sein &ndash; besten, genauer gesagt, schlimmsten Falles liegt es im Interesse der scheidenden Weltmacht USA. <\/p><p>Aber auch auf dieser generellen globalen Ebene wird am Konflikt um die Ukraine schlie&szlig;lich Folgendes sichtbar: In einer Welt, in der die V&ouml;lker nach neuen Wegen des Zusammenlebens, nach einer neuen Organisation des Sozialen suchen, in der die zur&uuml;ckliegende Systemteilung von Staatskapitalismus oder Privatkapitalismus &uuml;berwunden werden kann; in einer Welt der nachholenden Nationenbildung, in der sich die Entkolonialisierungsprozesse des letzten Jahrhunderts im komprimierten Schnellgang noch einmal, jetzt am Erbe der Sowjetunion wiederholen, und angesichts des &Uuml;bergangs aus der unipolaren in eine multipolare Ordnung ist eine Politik der Schw&auml;chung Russlands durch &bdquo;Eind&auml;mmung&ldquo; oder gar der Versuch, in Russland einen Regimewechsel nach dem Muster der Ukraine herbeif&uuml;hren zu wollen, diametral gegen den erkennbaren Strom der Geschichte gerichtet, in dem Russland stabilisierende Rolle Eurasiens zuf&auml;llt. Solche Versuche k&ouml;nnen daher, wenn sie denn gelingen, nur zu einer Destabilisierung des eurasischen Raumes f&uuml;hren. Das w&auml;re gleichbedeutend mit Krieg.  <\/p><p>Perspektive im Sinne einer friedlichen Zukunft der globalen Gesellschaft hat allein die F&ouml;rderung kooperativer Strukturen, gewollt und getragen vom einzelnen Menschen, der sich in selbstbestimmter Gemeinschaft organisiert. Diese zuk&uuml;nftige Form der Gesellschaft deutet sich heute in der Herausbildung autonomer f&ouml;deral miteinander verbundener Regionen an, die sich zu einer Weltordnung zusammenfinden, welche die bestehenden und neu herangewachsenen Gro&szlig;regionen auf gleicher Augenh&ouml;he in gegenseitigem Nutzen verbindet und st&auml;rkt. &bdquo;Eind&auml;mmungen&ldquo; machen nur im Geiste einer solchen Gegenseitigkeit Sinn, dann sind sie aber schon keine Eind&auml;mmungen mehr, sondern R&uuml;cksichtnahmen und gegenseitige St&uuml;tzung. Alles andere l&auml;uft auf eine Selbstzerst&ouml;rung menschlicher Kultur hinaus. <\/p><p>Siehe zu den Fragen der Autarkie u.a.:<\/p><p>Kai Ehlers, Kartoffeln haben wir immer. &Uuml;berleben in Russland zwischen Supermarkt und Datscha, Verlag Horlemann, Bad Honnef, 2010<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Die Konferenz &bdquo;Yalta european Strategy&ldquo; wurde 2004 von dem Ukrainischen Oligarchen Victor Pintschuk gestiftet. Die 11. Konferenz fand vom 11. &ndash;13. September 2014 in Kiew statt. Sie ist &ndash; in kleinerem Format &ndash; der j&auml;hrlich in M&uuml;nchen stattfindenden &bdquo;Sicherheitskonferenz&ldquo; vergleichbar, wird auch von einer &auml;hnlichen Klientel besucht. Auf der Liste der Agenda finden sich au&szlig;er den Ukrainischen TeilnehmerInnen wie Pintschuk selbst, wie Petro Poroschenko, Vitali Klitschko, Julia Timoschenko bis hin zu dem Rechtsau&szlig;en Oleh Liashko und  neben einer ganzen Phalanx von westlichen Medienvertretern, Vertretern des Harvard-Zweiges des IWF und westlichen &bdquo;Sicherheitstrukturen&ldquo; solche Vertreter wie der polnische Pr&auml;sident Alexander Kwasniewski, der zusammen mit dem Erweiterungskommissar der EU, Stefan F&uuml;ledie Begr&uuml;&szlig;ungsworte sprach. Bemerkenswert au&szlig;erdem  Joschka Fischer (Fischer &amp; Company),  Wesley Clark (Ex-NATO-Kommandeur), Javier Solana (Ex-NATO-Chef), Dominique Strauss-Kahn (Ex-Direktor des IWF), Wolfgang Ischinger (Organisator M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz), Jos&eacute; Manuel Baroso (Kommissionspr&auml;sident der EU), Tony Blair (Ex-Premierminister Gro&szlig;britanniens), Timothy Snyder (Historiker, Organisator der Kiewer Konferenz &bdquo;Thinking together&ldquo; im Mai 2014), Martin Schulz, Elmar Brok, Valdis Dombrowski (EU-Parlamentarier) und andere..<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Konflikt um die Ukraine ist es ruhiger geworden. Was verspricht diese Ruhe, was wird, was kann sie halten? Der Russland-Kenner <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23377#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] analysiert f&uuml;r die NachDenkSeiten die j&uuml;ngsten Entwicklungen, wirft einen kritischen Blick auf deren Kommentierung in den deutschen Medien und ordnet die Politik des Westens in einen breiteren geostrategischen Kontext ein.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[181,20,41],"tags":[1206,915,259,260,1019],"class_list":["post-23377","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europapolitik","category-landerberichte","category-medienanalyse","tag-brzezinski-zbigniew","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23377","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23377"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23377\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50850,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23377\/revisions\/50850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}