{"id":2339,"date":"2007-05-14T11:21:49","date_gmt":"2007-05-14T09:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2339"},"modified":"2016-01-06T15:04:36","modified_gmt":"2016-01-06T14:04:36","slug":"eine-differenzierte-betrachtung-des-themas-subventionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2339","title":{"rendered":"Eine differenzierte Betrachtung des Themas Subventionen"},"content":{"rendered":"<p>Der Text zum Thema Subventionen in meinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; ist immer noch aktuell; das zeigen neuerliche &Auml;u&szlig;erungen unseres Bundespr&auml;sidenten. Deshalb hier der Text &uuml;ber Denkfehler 38: &raquo;Subventionen sind unsozial.&laquo;<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Denkfehler 38:<\/strong><br>\n&raquo;Subventionen sind unsozial.&laquo;<\/p><p>Variationen zum Thema:<br>\n&raquo;Wir leben in einem Subventionsdickicht.&laquo;<br>\n&raquo;Subventionen radikal streichen.&laquo;<\/p><p>Eine der sch&ouml;nsten Zumutungen unserer Meinungsmacher lief mir Ende 2003 &uuml;ber den Weg. Da schaute uns aus einer etwa halbseitigen Zeitungsanzeige der Markenartikelproduzent Randolf Rodenstock an &ndash; &uuml;brigens ein Kuratoriumsmitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. &raquo;Subventionen sind unsozial&laquo;, lie&szlig; uns der erfolgreiche Unternehmer aus M&uuml;nchen per Schlagzeile wissen. Im Text selbst erfuhren wir dann, dass Subventionen den Strukturwandel verz&ouml;gern, dass bei uns j&auml;hrlich 156 Milliarden Euro an Subventionen gezahlt werden und dass Rodenstock innerhalb von drei Jahren 50 Prozent davon pauschal k&uuml;rzen will, das macht 78 Milliarden gesparte Euro.<br>\nDas klingt phantastisch. Und einleuchtend. Und es ist dennoch eine kabarettreife Leistung. Ein Blick in den Entwurf zum Bundeshaushaltsplan 2004, Einzelplan 30, Bundesministerium f&uuml;r Bildung und Forschung, zeigt ein St&uuml;ck von der Narretei, die uns aus solchen Anzeigen entgegenspringt. Auf Seite 68 des Bundeshaushaltsplans findet sich der Titel 683 19-169 mit der Bezeichnung &raquo;Optische Technologien&laquo;. In diesem Titel sind jene &ouml;ffentlichen Mittel der Steuerzahler, also Subventionen, aufgef&uuml;hrt, die die optische Industrie erh&auml;lt, zu der das Unternehmen von Herrn Rodenstock geh&ouml;rt: 69,5 Millionen Euro im Jahr 2004, dazu kommen weitere Verpflichtungserm&auml;chtigungen in H&ouml;he von 58 Millionen f&uuml;r die Jahre bis 2008. Dann gibt es noch eine aufschlussreiche Fu&szlig;note: &raquo;Die optischen Technologien haben eine Schl&uuml;sselstellung zur L&ouml;sung zahlreicher gesellschaftlicher Probleme, zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit, Umwelt und industrielle Fertigung. In einem zweij&auml;hrigen Strategieprozess mit Wissenschaft und Industrie wurden die Handlungsfelder zum F&ouml;rderprogramm &rsaquo;Optische Technologien&lsaquo; zusammengef&uuml;hrt, das im Februar 2002 ver&ouml;ffentlicht worden ist.&laquo;<br>\nDiese Fakten einschlie&szlig;lich der Fu&szlig;note im Haushaltsplan sind hier nicht allein deshalb zitiert, um die Interessenlage eines deutschen Managers, dessen Unternehmen fr&uuml;her mehrmals staatliche F&ouml;rderung in Anspruch nahm, und eines Verbandsvertreters deutlich zu machen.81 Die Fu&szlig;note zum Bundeshaushaltsplan 2004 erkl&auml;rt auch, warum wir uns in Deutschland bisher einig waren, dass es Subventionen, also F&ouml;rdermittel des Staates, geben soll, um beispielsweise bestimmten Technologien zum Durchbruch auf dem Markt zu verhelfen. Der Hintergrund dieser &Uuml;berlegungen ist, dass manche Entwicklungen so unsicher sind und so viel Geld erfordern, dass es der Mithilfe des Staates, also von uns allen, bedarf, um solchen Technologien &uuml;ber die H&uuml;rde zu helfen. In anderen L&auml;ndern wie in den USA, in Gro&szlig;britannien oder Frankreich werden ebenfalls viele Mittel f&uuml;r die F&ouml;rderung von Technologien ausgegeben, unter anderem auch &uuml;ber die milit&auml;rische Forschung.<br>\n46 Prozent aller Subventionen des Bundes, der sogenannten Finanzhilfen und Steuerverg&uuml;nstigungen, gingen im Jahr 2002 an die gewerbliche Wirtschaft. Dass diese Art von Subventionen aufgegeben beziehungsweise pauschal halbiert werden sollen, habe ich aus der Anzeige von Herrn Rodenstock gelernt. Dass wir viele dieser Subventionen durchforsten m&uuml;ssen, dass manches gestrichen werden m&uuml;sste und Neues hinzukommen k&ouml;nnte, ist ohne Zweifel richtig. Aber das meint Randolf Rodenstock ja nicht. Wahrscheinlich meint er nicht einmal, dass die Subventionen f&uuml;r die optische Industrie gestrichen werden sollen.<br>\nWir sollten das Subventionsgebaren unseres Staates umsichtig und realistisch betrachten. Stellen wir in diesem Sinne doch einmal ein paar Fragen:<\/p><ul>\n<li>In den Subventionen waren im Jahr 2002 124 Millionen Euro zur F&ouml;rderung der rationellen Energieverwendung und er&not;neuerbarer Energien enthalten; dahinter verbergen sich zum Beispiel die Mittel f&uuml;r das 100 000-D&auml;cher-Solarstrom-Programm. Soll das gestrichen oder halbiert werden?<\/li>\n<li>In den Subventionen enthalten ist die Steuerbefreiung f&uuml;r &not;besonders stark schadstoffreduzierte Fahrzeuge. Soll diese Steuerbefreiung gestrichen werden?<\/li>\n<li>Als Subventionen wurden 2002 1,596 Milliarden Euro an Finanzhilfen und 1,899 Milliarden Euro an Steuerverg&uuml;nstigungen f&uuml;r die neuen Bundesl&auml;nder gezahlt. Soll das einfach halbiert werden? Warum melden sich die Ministerpr&auml;sidenten der neuen Bundesl&auml;nder auf eine so unsachliche Anzeige nicht? Wissen sie, dass solche Anzeigen nur der &ouml;ffentlichen Stimmungsmache dienen und sonst keine Konsequenzen haben?<\/li>\n<li>Will der Unternehmer aus Bayern, will die Bayerische Staats&not;regierung oder jene von Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern, dass die Subventionen f&uuml;r die Landwirtschaft gestrichen werden? &Uuml;ber einen Gro&szlig;teil ihrer Subventionen, die nur die Massenproduktion anheizen und den L&auml;ndern in der Dritten Welt die Preise verderben und ihnen damit die Lebenschance nehmen, ohne den b&auml;uerlichen Familienbetrieben bei uns wirklich zu nutzen, kann man reden. Aber muss man Subventionen f&uuml;r eine Landwirtschaft streichen, wie sie zum Beispiel in der Schweiz und auch in &Ouml;sterreich &uuml;ber Jahre und Jahrzehnte und mit beachtlichem Erfolg zur Pflege ihrer gebirgigen Kulturlandschaft gezahlt worden sind? Auch bei uns kann die Landwirtschaft zur Pflege der heimischen Landschaft beitragen und Ver&ouml;dung verhindern. Wie will man ohne &ouml;ffentliche Finanzhilfen oder Verg&uuml;nstigungen diesen Prozess steuern? Hier wie anderswo werden Subventionen auch eingesetzt, um sogenanntes Marktversagen zu korrigieren. Das wird man weder mit pauschalen K&uuml;rzungen noch mit pauschalen Erh&ouml;hungen der Subventionen schaffen.<\/li>\n<li>Wollen wir die Subventionen f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Nahverkehr (Ausgaben des Bundes f&uuml;r Verkehr: 1,25 Milliarden Euro f&uuml;r 2002) wirklich streichen? In einigen Teilen unseres Landes sind gerade in den letzten Jahren recht intakte Nahverkehrssysteme geschaffen worden, die die Mobilit&auml;t erleichtern und &ouml;kologisch vern&uuml;nftig sind. Soll diese Entwicklung gestoppt werden?<\/li>\n<li>Soll die F&ouml;rderung der Verm&ouml;gensbildung (704 Millionen Euro vom Bund f&uuml;r 2002) wegfallen?<\/li>\n<li>Sollen die Absatzhilfen f&uuml;r den Airbus gestrichen werden? Ob diese Subvention Sinn macht, kann man bezweifeln. Aber es hilft nichts, pauschal gegen Subventionen anzugehen, man muss den Einzelfall pr&uuml;fen.<\/li>\n<li>Es gibt Subventionen zur F&ouml;rderung von Bioprodukten. Auch hier geht es darum, einer neuen Entwicklung eine st&auml;rkere  Basis zu verschaffen und ihr so zum Durchbruch zu verhelfen. Soll dieses Vorhaben gestoppt werden?<\/li>\n<li>Nicht als Subventionen definiert und damit im Subventions&not;bericht der Bundesregierung nicht enthalten (aber m&ouml;glicherweise in der Berechnung von Herrn Rodenstock) sind: Steuerausf&auml;lle gro&szlig;en Ausma&szlig;es bei Geldanlagen Gutverdienender in sogenannten Kapitalanlagefonds f&uuml;r Filme, Flugzeuge oder Energieanlagen. F&uuml;r den Film Terminator zum Beispiel zahlten deutsche Anleger 150 Millionen Euro von insgesamt 212 Millionen Euro Herstellungskosten. Die deutschen Steuerzahler waren so auch an der Finanzierung des Honorars von Arnold Schwarzenegger in H&ouml;he von 30 Millionen Euro &raquo;beteiligt&laquo;. Deutsche legten seit 1997 8 Milliarden Euro in Medienfonds an. Das f&uuml;hrte zu Steuerausf&auml;llen zwischen 4 und 6 Milliarden Euro. Weitere Milliarden von Steuergeldern verschwinden in Immobilienfonds und Schiffsfonds. Dass die Unterst&uuml;tzung von Schwarzenegger-Filmen wie auch der meisten anderen Fonds durch den deutschen Steuerzahler unsinnig ist und beendet werden sollte, ist leicht einzusehen &ndash; zumal die deutsche und europ&auml;ische Filmproduktion nicht gerade bl&uuml;ht.<\/li>\n<\/ul><p>Auch &uuml;ber Steinkohlesubventionen (3,069 Milliarden Euro), die F&ouml;rderung des Wohnungswesens (fast 6 Milliarden Euro) und &uuml;ber eine Reihe der eingangs erw&auml;hnten F&ouml;rderungen f&uuml;r die Industrie kann man mit dem Ziel der Verringerung oder der Streichung dieser Subventionen sprechen. Aber man wird kein St&uuml;ckchen weiterkommen und man wird keine sachlich vern&uuml;nftigen Entscheidungen treffen, wenn man so undifferenziert vorgeht wie in der Rodenstock-Anzeige.<br>\nDas tollste St&uuml;ck jedoch ist: Die Subventionen des Bundes betrugen 2002 insgesamt 21,445 Milliarden Euro. Rechnet man auch noch die Subventionen der Bundesl&auml;nder und die Marktordnungsausgaben der Europ&auml;ischen Union sowie die sogenannten ERP-Finanzhilfen dazu, kommt man auf ein Gesamtvolumen der Subventionen in Deutschland von etwa 58 Milliarden Euro. Das ist unendlich weit von den 156 Milliarden Euro entfernt, die im Anzeigen-Interview von Herrn Rodenstock genannt wurden. In seiner dramatisch hohen Ziffer ist zus&auml;tzlich alles enthalten, was es an Steuerverg&uuml;nstigungen und anderen staatlichen T&auml;tigkeiten gibt, die man teilweise zu Recht, teilweise nur mit gro&szlig;en Verrenkungen als Subventionen bezeichnen kann: Kindersteuerfreibetr&auml;ge, Arbeitnehmerfreibetrag, Pendlerpauschale, Steuerfreiheit von Nachtarbeitszuschl&auml;gen und so weiter. Wollen jene, die sich das Thema Subventionen als Kampagne gegen &ouml;ffentliche Leistungen ausgesucht haben, all dies halbieren oder streichen? Das w&auml;re absurd.<br>\nManche dieser Verg&uuml;nstigungen sind schlicht sinnvoll. Andere sind so festgelegt, dass man mit bestem Willen nicht dar&uuml;ber verf&uuml;gen kann. &Uuml;ber die Marktordnungsausgaben der Europ&auml;ischen Union kann man in einer Anzeige frei verf&uuml;gen, aber nicht in der Realit&auml;t. Und die sogenannten ERP-Finanzhilfen enthalten neben fragw&uuml;rdigen Subventionen f&uuml;r Flugzeugexporte auch die Mittel f&uuml;r Mittelstandsf&ouml;rderung und Existenzgr&uuml;ndung. Soll das weg?<br>\nDie Subventionsdebatte, die zu f&uuml;hren sinnvoll w&auml;re, ist in ihrer aktuellen Ausformung leider nichts weiter als eine Erg&auml;nzung der allumfassenden Polemik gegen &ouml;ffentliche T&auml;tigkeit. Die Anzeige der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) mit Herrn Rodenstock ist typisch f&uuml;r den Umgang der Meinungs&not;f&uuml;hrer in Deutschland mit den Problemen unseres Landes: &Uuml;bertreibung, F&auml;lschung und eine immer wiederkehrende Staatsfeindlichkeit. Zu klugen Entscheidungen wird man mit einer solchen &ouml;ffentlichen Meinungsbildung nicht kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Text zum Thema Subventionen in meinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; ist immer noch aktuell; das zeigen neuerliche &Auml;u&szlig;erungen unseres Bundespr&auml;sidenten. 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