{"id":23403,"date":"2014-09-25T16:57:15","date_gmt":"2014-09-25T14:57:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23403"},"modified":"2019-02-04T11:14:09","modified_gmt":"2019-02-04T10:14:09","slug":"norbert-bluem-hat-mit-seinem-buch-einspruch-die-erfahrung-und-das-empfinden-vieler-menschen-meisterhaft-aufgegriffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23403","title":{"rendered":"Norbert Bl\u00fcm hat mit seinem Buch \u201eEinspruch!\u201c die Erfahrung und das Empfinden vieler Menschen meisterhaft aufgegriffen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140925_Bluem_Einspruch_neu_95RGB.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Die Namen von Ecclestone, Hoene&szlig;, Ackermann in Sachen Mannesmann stehen f&uuml;r verbreitete Zweifel in die Objektivit&auml;t und Gerechtigkeit der Justiz und f&uuml;r den Verdacht von Klassenjustiz und Willk&uuml;r. Nachdenkseitenleser\/innen berichten uns h&auml;ufig von ihren Erfahrungen im Rechtsstreit mit Versicherungen, Banken, Vermietern, Anlageberatern und Anw&auml;lten. Es rumort und Norbert Bl&uuml;m hat diesem Rumoren eine Stimme gegeben: &bdquo;Wider die Willk&uuml;r an deutschen Gerichten&ldquo; wie er meint. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nViele Menschen haben gute Erfahrungen vor Gericht gemacht, mit guten Richtern und verl&auml;sslichen Anw&auml;lten. Aber die Zweifel sind nicht zu &uuml;bersehen: Wer viel Geld und wer Beziehungen hat oder auf der Linie der M&auml;chtigen liegt, steht auch bei der Justiz besser da als das normale Volk. Wer aufmuckt, wie zum Beispiel der Whistlblower Rudolf Elmer, wird oft abgeb&uuml;rstet und verfolgt.<\/p><p>Ich habe &uuml;berlegt, ob ich das Buch von Norbert Bl&uuml;m besprechen k&ouml;nne &ndash; weil wir uns seit Jahren gut verstehen und in Sachen Privatvorsorge und Riester-Rente manche Schlacht gemeinsam geschlagen haben, und weil der Ansto&szlig; zu diesem Buch erkennbar auf eine bittere pers&ouml;nliche und famili&auml;re Erfahrung des Autors zur&uuml;ckgeht, eine Erfahrung, von der er mir gelegentlich berichtet hat.<\/p><p>Diese pers&ouml;nliche Erfahrung ist aber keineswegs ein Hinderungsgrund f&uuml;r die Glaubw&uuml;rdigkeit des Anliegens des Autors.<\/p><p>In einem ersten Teil schildert Norbert Bl&uuml;m seine Einblicke in das Innenleben des Rechtsstaates. Im zweiten Teil skizziert er den Verfall des Rechtsanwaltsberufs, wie er das nennt. Im dritten Teil kommt der Bewunderer einer lebenslangen Zweisamkeit zur Sprache. &bdquo;Ehe auf Abruf: Scheidungsrecht als Fluchthilfe&ldquo; lautet die &Uuml;berschrift dieses Teils. Viele Nachdenkseiten-Leserinnen und -Leser werden hier nicht nur nicken sondern protestieren. In einem vierten Teil mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Jagdszenen&ldquo; berichtet der Autor von Gespr&auml;chen mit hilflosen Rechtsuchenden. Von &bdquo;Rechtspflege&ldquo;, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t, k&ouml;nne in der Wirklichkeit vieler betroffener Menschen keine Rede sein.<\/p><p>Norbert Bl&uuml;m ist ein Meister der bildhaften Sprache. Weil das so ist, w&auml;re es schade, nur von diesem Buch zu berichten. Es macht Sinn und Spa&szlig;, ihn zu zitieren. Das soll hier auf der Basis des Textes des Vorworts geschehen:<\/p><p>&bdquo;Ich sage es ganz offen: Dies ist ein Buch &uuml;ber die Verlotterung der dritten Gewalt in unserem Land, und ich lasse Schonungslosigkeit walten. Auch auf die Gefahr hin, dass sich einige ihrer Vertreter auf den Schlips getreten f&uuml;hlen. M&ouml;gen sie ihn sich abrei&szlig;en und mit mir in eine Diskussion auf Augenh&ouml;he einsteigen. Ich stelle ihnen gerne eine Leiter an ihr hohes Ross, damit der Abstieg komfortabel ist &hellip;<\/p><p><strong>Rechtspflege &ndash; was ist das?<\/strong><\/p><p>Rechtspflege (ist) ein verlockend sch&ouml;nes Wort ist: &raquo;Rechtspflege&laquo;. Es kommt so harmlos und sanft daher, dass man annimmt, niemandem in ihrem Gehege k&ouml;nne je ein H&auml;rchen gekr&uuml;mmt werden. Dabei geschehen gerade hier Dinge, die ein Leben umwerfen k&ouml;nnen. &hellip;<\/p><p><strong>Gerichte: Meine Ausw&auml;rtsspiele<\/strong><\/p><p>Meine pers&ouml;nlichen Kontakte mit Gerichten sind rar, doch hinterlie&szlig;en diese wenigen Begegnungen bei mir einen umso nachhaltigeren Eindruck. &hellip; <\/p><p>Ich war mir meiner Sache &hellip; relativ sicher. Meine Zuversicht wurde nicht entt&auml;uscht, ungeschoren verlie&szlig; ich das Gericht. Dennoch hatte mich &ndash; wie ich ungern zugebe &ndash; bei meinen vier Gerichtsauftritten ein merkw&uuml;rdiges &raquo;Untertanengef&uuml;hl&laquo; beschlichen. <\/p><p>Der Einzug der Richter ins Bundesverfassungsgericht glich der Er&ouml;ffnung eines Festgottesdienstes. Die Priester der G&ouml;ttin Justitia betraten den Gerichtssaal in Talaren, die Messgew&auml;ndern &auml;hnelten, auf den K&ouml;pfen ein Barett, wie ich es von Pfarrer Jung kannte, dem Pfarrer meiner Kindheit. Das Volk erhob sich beim Einzug der Richter wie die Gl&auml;ubigen beim Einzug der Zelebranten. Der Blick zum &raquo;Hohen Gericht&laquo; entsprach in etwa dem Blickwinkel von der Kniebank zum Hochaltar, und ich f&uuml;hlte mich zur&uuml;ckversetzt in ferne Kindertage, als der Hohe Dom zu Mainz f&uuml;r mich noch der Vorhimmel war. &hellip;<\/p><p>Die Worte vor Gericht, mit dessen Hilfe im Name des Volkes Recht gesucht und gefunden werden soll, waren f&uuml;r mich eine Fremdsprache, die ich nicht gelernt habe. Die Not zwang mich zu mimen, als h&auml;tte ich verstanden, was ich nicht verstanden hatte. Ich wollte mich nicht blamieren. Dennoch paarte sich meine Unsicherheit mit einem ungebrochenen Vertrauen zu Recht und Gericht. In mir schlummerte die Vermutung, Richter seien keine Menschen wie du und ich &ndash; sie wissen es besser. Leider glauben das einige von ihnen auch von sich. &hellip;<\/p><p><strong>Mein Kinderglaube<\/strong><\/p><p>Mein juristischer Lieblingswitz ist der Witz vom Landgerichtspr&auml;sidenten. Er ist obrigkeitsfeindlich wie alle guten Witze: Herr Landgerichtspr&auml;sident wird wie immer von seiner Gemahlin freundlich und p&uuml;nktlich am t&auml;glichen Mittagstisch empfangen. Heute konfrontiert sie ihn mit einer schlechten Nachricht: &raquo;Der Nachbar behauptet, unser Hund habe ihm die Hosen zerrissen, und verlangt nun Schadenersatz.&laquo; &raquo;Mach&rsquo; nicht viel Worte. Bezahl&rsquo; das Geld!&laquo;, befiehlt der Herr Landgerichtspr&auml;sident seiner ihm treu ergebenen Gattin. &raquo;Aber wir haben doch gar keinen Hund!&laquo;, entsetzt sich die arme Frau. &raquo;Wei&szlig; man, wie die Gerichte entscheiden?&laquo;, ist die resignative Antwort des Herrn Landgerichtspr&auml;sidenten, der als Insider offenbar wusste, wovon er sprach. &hellip;<\/p><p><strong>Die Revolution der Gleichheit<\/strong><\/p><p>Die Gleichheit vor dem Gesetz ist eine der h&ouml;chsten Errungenschaften der Zivilisation, vielleicht vergleichbar mit der Erfindung des Rades. Gleichheit vor dem Gesetz gilt f&uuml;r K&ouml;nige und Knechte. F&uuml;r Bundeskanzler wie f&uuml;r B&uuml;rger. Sie ist prinzipiell und ausnahmslos. Die Demokratie bietet zudem noch die Chance, das Recht mit Hilfe von Mehrheiten zu gestalten. Die Menschheit hat lange, lange Zeiten gebraucht und viele M&uuml;hen und Leiden erduldet, um &raquo;Rechtsgleichheit&laquo; zu lernen, die alle herk&ouml;mmlichen Hierarchien relativierte (was deren Spitzen selten zu sch&auml;tzen wussten). Manche Gesellschaften haben die Gleichheit vor dem Gesetz sogar bis heute noch nicht gelernt. Wahrscheinlich lebt in diesen sogar die Mehrheit der Menschheit. Selbst in zivilisierten Gesellschaften gibt es den dunklen Fluchtweg Korruption, auf dem man sich den Zw&auml;ngen der Rechtsgleichheit zu entziehen versucht. <\/p><p><strong>Manche sind gleicher<\/strong><\/p><p>Die ersten Risse in meinem Zutrauen in die irdische Gerechtigkeit beruhen auf der traurigen Erfahrung: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Mir fiel schon in der Schule auf, dass das Kind des Sparkassendirektors anders behandelt wurde als das Kind der unehelichen Mutter, die bei dem Direktor als &raquo;Putzfrau&laquo; besch&auml;ftigt war. Heute begreife ich die sozialpsychologischen Mechanismen besser, welche die Welt abseits aller Funktionsnotwendigkeiten noch immer in oben und unten einteilen. Dass der  Feuerwehrmann den Einsatzbefehl gibt, verstehe ich. Dass sein Sohn es in der Schule besser hat als die Tochter des Mannes, der den Anweisungen des Kommandanten am Schlauch folgt, verstehe ich nicht. &hellip;<\/p><p>Ein Metzger, der schlechte Wurst verkauft, macht Bankrott und verliert alles. Ein Manager, der versagt, wird noch gem&auml;stet.<\/p><p><strong>Mein schreckliches Erwachen<\/strong><\/p><p>Es hat lange gedauert, bis es mir d&auml;mmerte, dass die hehre Justiz doch nicht der von  menschlichen Schw&auml;chen befreite Ort des &raquo;reinen Rechts&laquo; ist. Dass aber unter dem Deckmantel der Unabh&auml;ngigkeit eine Rechtspflege agiert, die mit sublimer Selbstherrlichkeit und handfesten Abh&auml;ngigkeiten ausgestattet ist, diese Erkenntnis traf mich j&auml;h wie ein Blitz&hellip;.<\/p><p><strong>Gewirr von Willk&uuml;r<\/strong><\/p><p>Den schwersten Schock erlitt mein bis dato nahezu unersch&uuml;tterlicher Glaube an das Recht durch die Erfahrungen, die mir nahestehende Personen mit der Rechtspflege machen mussten. Wehrlos sahen sie sich den Launen eines Richters und der Skrupellosigkeit eines Gegenanwalts ausgesetzt. Der Mensch, dessen Erfahrungen mir unter die Haut gingen, geriet in ein Gewirr der Willk&uuml;r, aus dem kein Notausgang erkennbar war. Willk&uuml;r bedeutet in diesem Zusammenhang Verweigerung von Anerkennung und Missachtung der W&uuml;rde derer, die Recht verlangen. Willk&uuml;r macht, was sie will. Willk&uuml;r ist es, wenn Kl&auml;ger oder Beklagte von der Laune und den Voreingenommenheiten der Richter abh&auml;ngen. Die G&ouml;tter in Talaren halten sich wie die G&ouml;tter in wei&szlig;en Kitteln f&uuml;r &raquo;einwandfrei&laquo;. <\/p><p>Ich erfuhr nach und nach, dass es noch mehr Menschen gab, denen von Rechtsanw&auml;lten und Richtern in familienrechtlichen Auseinandersetzungen &uuml;bel mitgespielt wurde. &hellip;<\/p><p>So ist es mit den &raquo;Einzelf&auml;llen&laquo; im Familienrecht: Du ziehst an einem, und prompt entspinnt sich vor deinen Augen ein ganzes System der Willk&uuml;r und Arroganz.<\/p><p><strong>Sind die Honoratioren honorabel?<\/strong><\/p><p>Am meisten ersch&uuml;tterte meinen juristischen Kinderglauben die Art und Weise, wie &raquo;Respektpersonen&laquo; der Anwaltschaft mit Wahrheit und Recht umgehen. Meine Lehrzeit als alter Mann absolvierte ich unfreiwillig als entfernter Beobachter eines familiengerichtlichen Verfahrens. Manches lernt man eben sp&auml;t und nicht aus B&uuml;chern. F&uuml;r mich st&uuml;rzten Welten der Ehrfurcht ein, als ich hilflos miterleben musste, wie ein angesehener Anwalt skrupellos das Recht drangsalierte und sich um die Wahrheit einen Dreck k&uuml;mmerte. Nie ist mir die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis eines Berufsstandes so aufgefallen. Dennoch wird der Herr Anwalt von der Bewunderung seines b&uuml;rgerlichen Milieus getragen, dem er  entstammt. Bei Gericht genie&szlig;t er seinen Honoratiorenbonus. &hellip;<\/p><p>Nicht immer bestimmt die Gesetzeslage das Urteil, sondern h&auml;ufig, wie ein Richter &raquo;drauf ist&laquo;. Noch wichtiger ist, welcher gerissene Rechtsanwalt wem gegen viel Geld, das &raquo;Honorar&laquo; genannt wird, zu dem verhilft, was der Auftraggeber f&uuml;r rechtens empfindet, ohne dass es eine gro&szlig;e Rolle spielt, was in dem Fall wirklich Recht ist.<\/p><p><strong>Der Abstieg des Anwaltsberufes<\/strong><\/p><p>Rechtsanw&auml;lte gibt es unz&auml;hlige. Doch manche tragen ihre Berufsbezeichnung zu Unrecht. Sie sind nicht Anw&auml;lte des Rechts, sondern des Geldes. &hellip;<\/p><p><strong>Nicht alle &uuml;ber einen Kamm scheren<\/strong><\/p><p>Die Behauptung besteht zu Recht: Kollektivurteile sind immer falsch. Es gibt viele anst&auml;ndige Anw&auml;lte und ehrenwerte Richter. Aber wenn die &raquo;Einzelf&auml;lle&laquo; der Fehlleistungen sich zur Vielzahl summieren, bestimmen sie einen Trend.<\/p><p>Mein Erlebnis der Willk&uuml;r erschien mir lange Zeit als singul&auml;r, doch entdeckte ich bald zu meiner &Uuml;berraschung, dass es viele &auml;hnlich gelagerte &raquo;singul&auml;re&laquo; F&auml;lle gibt. Das Problem ist: Viele Opfer k&ouml;nnen sich nicht wehren, weil sie weder Geld noch Sprache haben, andere haben sich gewehrt, sind gescheitert, an ihrem Scheitern zerbrochen und schlie&szlig;lich verstummt. Die im Dunklen sind, die sieht man nicht, sie haben keine Lobby, die &raquo;Loser&laquo;. &hellip;<\/p><p>Laufen mir neuerdings tats&auml;chlich immer mehr am Recht Verzweifelte und Gescheiterte &uuml;ber den Weg oder hatte ich fr&uuml;her nur keinen Blick f&uuml;r die Unterlegenen, weil ich f&auml;lschlicherweise annahm, die Schlachten der Gerechtigkeit w&uuml;rden nicht vor Gericht, sondern vor allem auf dem politischen Kampffeld geschlagen? Welch fataler Irrtum!<\/p><p><strong>Warum dieses Buch?<\/strong><\/p><p>Das Buch entstand aus Beleidigung. Ich gebe es zu. Meine Betroffenheit, hervorgerufen durch Dem&uuml;tigung von Menschen, die ich gut kenne, ist gr&ouml;&szlig;er als die Hemmung, mich an die Arbeit in einem Gebiet zu machen, in dem ich Dilettant bin. &hellip;<\/p><p>Meine Gespr&auml;che und Recherchen haben mich in ein mir bis dahin unbekanntes Gel&auml;nde gef&uuml;hrt, in das Familien-, Scheidungs- und Unterhaltsrecht, also dorthin, wo nach meiner Beobachtung das Recht diesen Namen nicht mehr verdient.<\/p><p>Wie soll den Frauen, die mir von ihren Erfahrungen von Familiengerichten berichten, etwas vom Sinn der Veranstaltungen klar geworden sein? Sie wurden von Rechtsprofis drangsaliert. Diese zelebrierten ihre juristische &Uuml;berlegenheit, um sich der Not der Bedr&auml;ngten durch eine unverst&auml;ndliche Sprache und ihr wichtigtuerisches Gehabe zu entledigen. Diese Frauen, die sich gedem&uuml;tigt f&uuml;hlen, sind frei von jeder Kenntnis juristischer Terminologie und unge&uuml;bt in Gepflogenheiten des juristischen Betriebes. Wie Josef K. in Kafkas Prozess verstehen sie die Welt nicht mehr. Dass ihnen Unrecht geschieht, wissen sie allerdings sehr genau und pr&auml;ziser als ihre Richter und Anw&auml;lte. Es d&auml;mmerte diesen Frauen nicht sofort, aber doch nach einiger Zeit, dass sie unentwegt &uuml;ber den Tisch der Gerichte gezogen wurden und zwar mit allen Mitteln und Tricks der Rechtspflege. Es beschlich sie die Erkenntnis, zu der Josef K. bis zum Schluss nicht gelangte: Die Willk&uuml;r hat kein System, sie ist unbegreiflich und sie ist prinzipiell ohne Rechtfertigungsbedarf. Wenn der Sinn des Rechts abhandengekommen ist, sind wir alle potentielle Angeklagte im Prozess, den Franz Kafka beschrieben hat.<\/p><p>Ich bleibe Dilettant auch in diesem Buch, und die gescheiten Rechtskundigenwerden mich mit Sicherheit vieler Fehler &uuml;berf&uuml;hren. In der Achtung f&uuml;r das Recht der Besch&auml;digten der Justiz werden mich die Rechtsprofis allerdings nicht &uuml;bertreffen. &hellip;<\/p><p>Ich habe respektable Richter und ehrenwerte Rechtsanw&auml;lte kennengelernt. Aber auch Typen, von denen ich niemals angenommen h&auml;tte, dass die es in die H&ouml;hen des Rechtswesens schaffen k&ouml;nnten und sich sogar zu Repr&auml;sentanten der Anwaltschaft aufschwingen d&uuml;rfen. &raquo;Der Fisch stinkt vom Kopf&laquo;, wei&szlig; der Volksmund. Ich meine, die &raquo;anst&auml;ndigen&laquo; Anw&auml;lte sollten mehr darauf achten, wer sie repr&auml;sentiert.<\/p><p><strong>Der Autismus der dritten Gewalt<\/strong><\/p><p>Meine Zweifel an der dritten Gewalt sind im Laufe meiner Recherchen gewachsen. Die dritte Gewalt schickt sich an, Staat im Staate zu werden. Die Jurisdiktion scheint niemandem rechenschaftspflichtig zu sein au&szlig;er sich selbst, und so schmort sie im eigenen Saft vor sich hin. Ich bezweifle nicht die unverzichtbare Funktion der Unabh&auml;ngigkeit der dritten Gewalt. Aber ich beklage ihre Selbstgef&auml;lligkeit, mit der sie jedwede Kritik als Angriff auf ihre Unabh&auml;ngigkeit abschmettert. Richter und Rechtsanw&auml;lte sind die letzten Berufe, die f&uuml;r sich eine Art Ber&uuml;hrungstabu beanspruchen. Sie sind wie Brahmanen, die in einem westlichen Exil ihr Kastensystem aufrichten und damit den demokratischen Rechtsstaat unterwandern. <\/p><p><strong>Modernes Scheidungsrecht<\/strong><\/p><p>Meine &uuml;berraschende Begegnung aus der Zuschauerperspektive mit dem Scheidungsrecht war f&uuml;r mich &uuml;beraus befremdlich. Ich fand mich in einem gro&szlig;en Gehege mit eigenem Gehabe wieder, das den &ouml;ffentlichen Blicken entweder entzogen oder von diesen unbeachtet ist. Das Familienrecht scheint mir ein extrem heruntergewirtschafteter Sektor des Rechtsstaates zu sein. &raquo;Heruntergewirtschaftet&laquo; im wahren Sinn des Wortes: Recht wird Wirtschaft. Zu guter Letzt ist alles eine monet&auml;re Frage. Das Scheidungsrecht folgt dem Trend der Zeit: Alles wird Wirtschaft, auch die Ehe wird verwirtschaftet.<\/p><p>Von der normativen Idee lebenslanger Verbindlichkeit der Ehe und Familie sind nur noch Relikte sentimentaler Treueerinnerungen &uuml;brig geblieben. Die Hauptsache der Eheabwicklung, die das Scheidungsrecht organisiert, sind Geldrechnungen. Moralische Pflichten kennt das moderne Ehe- und Familienrecht nur noch in Spurenelementen.<\/p><p>Dazu haben der Gesetzgeber und das Bundesverfassungsgericht ihre Beitr&auml;ge geleistet. Artikel 6 des Grundgesetzes, der Ehe und Familie unter den besonderen Schutz stellt und das Erziehungsrecht &raquo;zuv&ouml;rderst &laquo; den Eltern zubilligt, erf&uuml;llt nur noch die Funktion, die ein Geweih in der Jagdstube besitzt. Es dient der nostalgischen Erinnerung.<\/p><p>&raquo;Meine&laquo; Partei, die CDU, hat bei der Demontage von Ehe und Familie leider Schmiere gestanden und sich bei dieser &raquo;Modernisierung &laquo; als eine geradezu olympische Partei erwiesen: &raquo;Dabei sein ist alles.&laquo; Getrieben von einem manischen Anpassungsdruck hat die CDU zu fast allem &raquo;Hurra!&laquo; gerufen, was als modern daherkam. &hellip;<\/p><p>Das Recht und die Leute, die es managen, ihre normative Spezialsprache und vor allem die bequeme Behausung ihrer &Uuml;berheblichkeit zerst&ouml;ren mehr soziale Chancen, als wir in der Sozialpolitik er&ouml;ffnen k&ouml;nnen.<\/p><p>Ich entdeckte, dass ich meine alten sozialpolitischen K&auml;mpfe &uuml;bersch&auml;tzt und die Bedeutung von Paragraphen &uuml;berbewertet habe. Die Schlacht um die Anerkennung der &raquo;kleinen Leute&laquo; wird im Unterholz des Rechtsstaates geschlagen. Dort, wo die Gesetze angewandt werden und &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit nie oder selten hinleuchtet.&ldquo;<\/p><p>Soweit Ausz&uuml;ge aus dem Buch von Norbert Bl&uuml;m. Die letzten Passagen, die Texte zu Familie und Scheidungsrecht sind gepr&auml;gt vom pers&ouml;nlichen Erfahren des Autors. Mancher und manche werden ihm nicht folgen wollen. Aber es ist gut, dass Bl&uuml;m seine Sicht der Dinge niedergeschrieben hat. <\/p><p>Das Buch wird bei diesem Thema wie auch bei den anderen angesprochenen Schw&auml;chen des Rechts und der Rechtspflege Diskussion ausl&ouml;sen. So ist es auch gedacht. Deshalb hei&szlig;t der Untertitel &bdquo;Eine Polemik&ldquo;.<\/p><p>Wegen der anschaulichen Sprache des Autors ist das Buch leicht zu lesen. Ein paar Schwierigkeiten haben mir die vielen Zwischen&uuml;berschriften bereitet. Zu viele.<\/p><p><em>Norbert Bl&uuml;m: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/norbert-bluem-einspruch.html#.VCQtKucs3yg\">Einspruch! Wider die Willk&uuml;r an deutschen Gerichten. Eine Polemik.<\/a>&ldquo; Westend 2014. 19,99 &euro;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140925_Bluem_Einspruch_neu_95RGB.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Die Namen von Ecclestone, Hoene&szlig;, Ackermann in Sachen Mannesmann stehen f&uuml;r verbreitete Zweifel in die Objektivit&auml;t und Gerechtigkeit der Justiz und f&uuml;r den Verdacht von Klassenjustiz und Willk&uuml;r. Nachdenkseitenleser\/innen berichten uns h&auml;ufig von ihren Erfahrungen im Rechtsstreit mit Versicherungen, Banken, Vermietern, Anlageberatern und Anw&auml;lten. 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