{"id":23432,"date":"2014-09-30T09:19:05","date_gmt":"2014-09-30T07:19:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23432"},"modified":"2019-01-30T10:38:32","modified_gmt":"2019-01-30T09:38:32","slug":"die-funktion-des-feindes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23432","title":{"rendered":"Die Funktion des Feindes"},"content":{"rendered":"<p>Gespaltene und krisengesch&uuml;ttelte Gesellschaften bed&uuml;rfen eines &auml;u&szlig;eren Feindes, um sich zu einen und ein gro&szlig;es &bdquo;Wir&ldquo; &uuml;ber den inneren Zerrei&szlig;ungen entstehen zu lassen. &bdquo;Wer keinen Feind mehr hat, begegnet ihm im Spiegel&ldquo;, hat Heiner M&uuml;ller sarkastisch bemerkt. Und wer will das schon? Nach dem Untergang des &bdquo;Ostblocks&ldquo; war die Position des Feindes eine Zeit lang vakant. Sp&auml;testens seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion &bdquo;der islamistische Terror&ldquo; &uuml;bernommen. Sozialpsychologische Anmerkungen von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf einer Autofahrt durch NRW h&ouml;rte ich am Samstagnachmittag WDR 2. Man brachte unabl&auml;ssig Reportagen &uuml;ber den Kampf gegen die IS-Milizen. Unter anderem wurde von einer Frau aus den Vereinigten Emiraten berichtet, die einen Kampfjet fliegt, der auch im Kampf gegen IS zum Einsatz kommt. Sie trage unter dem Helm ein Kopftuch, hie&szlig; es. Man nenne die attraktive junge Frau inzwischen &bdquo;Lady Liberty&ldquo;. Der Umstand, dass eine Frau Bomben auf sie wirft, sei f&uuml;r die IS-Milizen ein Albtraum und die schlimmste Dem&uuml;tigung, wurde mehrfach gen&uuml;sslich wiederholt. Dann berichtete der Sprecher, dass der Einsatz der Dame in den sozialen Netzwerken weltweit begeistert gefeiert werde. Bei Twitter sei zum Beispiel gepostet worden: &bdquo;Hallo, IS-Milizen, ihr werdet gerade von einer Frau plattgemacht!&ldquo; <\/p><p>So etwas wird einfach unkommentiert gesendet, als handele es sich nicht auch bei den IS-Milizion&auml;ren um Menschen, wie fanatisch und verbohrt sie auch sein m&ouml;gen. Der Krieg findet auch sprachlich statt. Eine sprachliche Verrohung bereitet den Boden f&uuml;r unsere Bereitschaft, kriegerische L&ouml;sungen von Konflikten hinzunehmen und ihnen zuzustimmen. Aber was soll man erwarten, wenn US-Pr&auml;sident Obama von ISIS als einem &bdquo;Krebs&ldquo; spricht, &bdquo;der die ganze moslemische Welt verheert&ldquo;? <\/p><p>Adrian Kreye hat in der Wochenendausgabe der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> darauf hingewiesen, dass wir solche Metaphern aus der NS-Geschichte kennen. Sie f&uuml;hren mitten ins Grauen des V&ouml;lkermords, der dargestellt wird als ein Rettungsakt, als ein chirurgischer Eingriff, der vorgenommen werden muss, um den gesunden K&ouml;rper der V&ouml;lkergemeinschaft zu retten. <\/p><p>&bdquo;Das B&ouml;se&ldquo; nimmt von Zeit zu Zeit Gestalt an und kommt als Plage &uuml;ber uns wie Ebola oder das Erdbeben von Lissabon oder eben der Terror. Nirgends erf&auml;hrt man etwas &uuml;ber die Beweggr&uuml;nde der ISIS-K&auml;mpfer und die gesellschaftlichen Ursachen des Fundamentalismus. Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger der ISIS entsteht ein gro&szlig;es &bdquo;Wir&ldquo; &uuml;ber den krisengesch&uuml;ttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der Aushilfs-Schurke Putin und der Ukraine-Konflikt verblassen dagegen und treten in den Hintergrund. ISIS sei Dank, k&ouml;nnen &bdquo;Wir&ldquo; all die anderen Probleme vergessen. <\/p><p>Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten dieses neuerlichen Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Fl&auml;chenbrand aus. Am Sonntagabend lieferte G&uuml;nther Jauch ein Beispiel daf&uuml;r, als er die Zuschauer, die einem in die Sendung eingeladenen Imam gelegentlich Beifall spendeten, als von diesem mitgebrachte Claqueure bezeichnete. Endlich haben wir wieder einen Feind! <\/p><p>&bdquo;Nach dem Sieg hat man es mit sich selbst zu tun&ldquo;, sagte Toqueville. Man sucht verzweifelt nach einem neuen Widerpart. Die Schwierigkeit, hinter der Nebelwand diffuser Bedrohungen einen robusten politischen Feind zu verorten, ist einer der Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass Aggressionen sich mehr und mehr blind und ziellos entladen. Moderne Nationalstaaten sind immer weniger in der Lage, eine bestimmte Zentralgefahr in der Gestalt eines Feindes zu unterstellen, um im Anschluss daran legitime und illegitime &Auml;ngste zu unterscheiden und entsprechende Loyalit&auml;tsleistungen zuzumuten. Seit die Teilung zwischen Ost und West nicht mehr existiert und kein feindlicher Block mehr auszumachen ist, den wir f&uuml;r unser Ungl&uuml;ck verantwortlich machen k&ouml;nnen, hat sich der Feind fortgepflanzt in eine Vielzahl kleiner und mittlerer Satane, die in allen m&ouml;glichen Formen und Gestalten auftreten k&ouml;nnen. Der &bdquo;Weltkommunismus&ldquo; war der Feind, der h&auml;tte erfunden werden m&uuml;ssen, wenn er nicht schon vorhanden gewesen w&auml;re &ndash; ein Feind, dessen St&auml;rke die Verteidigungswirtschaft und die Mobilisierung des Volkes im nationalen Interesse rechtfertigte und es erlaubte, die innerkapitalistischen Konflikte und Spannungen zu verdr&auml;ngen. <\/p><p>Fr&uuml;her einmal stand der Feind vor allem im Osten, jetzt lauert er &uuml;berall. In der Zeit des sogenannten Kalten Krieges wurden pers&ouml;nliche &Auml;ngste vor Zerr&uuml;ttung ebenso wie famili&auml;re Dramen m&uuml;helos dem Ost-West-Konflikt aufgeb&uuml;rdet und in seinen Termini ausgedr&uuml;ckt und buchstabiert. Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die M&ouml;glichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuw&auml;lzen. Das Bild des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo;, das uns in Gestalt des jeweiligen S&uuml;ndenbocks und Feindes pr&auml;sentiert wird, ist das beste Gef&auml;&szlig; f&uuml;r alle m&ouml;glichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgef&uuml;hle. Denen w&auml;ren wir ausgeliefert, h&auml;tten wir nicht den jeweiligen &bdquo;Feind der Saison&ldquo;, der uns eine Verschiebung unserer diffusen &Auml;ngste erm&ouml;glicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. &bdquo;Wir tun etwas, um das &Uuml;bel zu beseitigen&ldquo;, ist ja die Botschaft, die Obama verk&uuml;ndet. Nun werfen wir wieder Bomben. Den ISIS-K&auml;mpfern am Boden zu begegnen, uns ihnen zu stellen und in die Augen zu sehen, sind wir zu feige. Wir l&ouml;sen solche Probleme aus der Luft, machen uns die H&auml;nde und Uniformen nicht blutig. Den Kampf am Boden &uuml;berlassen wir den kurdischen Peschmerga-Milizen, denen wir Waffen schicken. Lange Zeit waren die Kurden der Inbegriff des Schrecklichen, jetzt sind sie pl&ouml;tzlich die Repr&auml;sentanten des Guten und unsere tapfere Vorhut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespaltene und krisengesch&uuml;ttelte Gesellschaften bed&uuml;rfen eines &auml;u&szlig;eren Feindes, um sich zu einen und ein gro&szlig;es &bdquo;Wir&ldquo; &uuml;ber den inneren Zerrei&szlig;ungen entstehen zu lassen. &bdquo;Wer keinen Feind mehr hat, begegnet ihm im Spiegel&ldquo;, hat Heiner M&uuml;ller sarkastisch bemerkt. Und wer will das schon? Nach dem Untergang des &bdquo;Ostblocks&ldquo; war die Position des Feindes eine Zeit lang<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23432\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[207,171,166],"tags":[1202],"class_list":["post-23432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anti-islamismus","category-militaereinsaetzekriege","category-terrorismus","tag-isis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23432"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48840,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23432\/revisions\/48840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}