{"id":235,"date":"2006-01-19T11:25:24","date_gmt":"2006-01-19T10:25:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=235"},"modified":"2016-02-19T11:13:30","modified_gmt":"2016-02-19T10:13:30","slug":"der-zupacker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=235","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr eine Partei der Zupacker\u201c."},"content":{"rendered":"<p>So &uuml;berschrieb die &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo; einen Namensartikel des SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck.<br>\nUnsere Leserin Brigitta Huhnke hat diesen Beitrag einmal einer Sprachanalyse unterzogen und kommt dabei auf Erkenntnisse, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der &ldquo;Zupacker&rdquo;<\/strong><\/p><p>Von Brigitta Huhnke.<\/p><p>Wer sich in die Propagandaabteilungen der Medienwelt hinablocken l&auml;sst, kann sich danach nicht &uuml;ber fehlende Redigierhilfe beklagen. Mit einer Redakteurin zur Seite, die sich in den Wortarten der deutschen Sprache auskennt, Metaphern zu gebrauchen wei&szlig;, Gedanken auf ihre inneren Logiken pr&uuml;fen kann, w&auml;re der namentlich gezeichnete Text <a href=\"http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.wams.de\/data\/2006\/01\/15\/831643.html\">&bdquo;F&uuml;r eine Partei der Zupacker&ldquo;<\/a> von Matthias Platzeck nie in ein seri&ouml;ses Blatt gekommen. Das hoffen wir wenigstens.<br>\nWahrscheinlich w&auml;re sogar dem Autor schon das Drollige der &Uuml;berschrift aufgefallen, wenn er damit auch die andere H&auml;lfte der Menschen in diesem Lande h&auml;tte ansprechen wollen: &bdquo;F&uuml;r eine Partei der Zupacker und Zupackerinnen&ldquo;? Das w&auml;re doch zu komisch, oder?<\/p><p>Allerdings k&ouml;nnen wir auch den &bdquo;Zupacker&ldquo; nicht im W&ouml;rterbuch finden und unser Word-Programm reagiert mit roter Linie. Daf&uuml;r aber finden wir das Wort auf der Website des saarl&auml;ndischen Wirtschaftsministeriums: &bdquo;Jobs f&uuml;r Zupacker&ldquo;. Auf dem Bild daneben: ein Dachdecker, mit H&uuml;hnerbrust und d&uuml;nnen &Auml;rmchen, also nichts f&uuml;rs weibliche Auge.<\/p><p>Vielleicht wollte Platzeck uns Frauen aber auch bewusst vor seinen Wortsch&ouml;pfungen sch&uuml;tzen. PISA und die Lebenserfahrung dokumentieren nun einmal das ausgepr&auml;gtere weibliche Bildungsbegehren und deren besseres Verst&auml;ndnis beim Erfassen von Texten. &Uuml;bt Platzeck also H&ouml;flichkeit vor dem beleseneren Geschlecht? <\/p><p>Wir w&uuml;rden gern weiter &uuml;ber solche Sprachbl&uuml;ten kalauern, f&uuml;rchten jedoch, das Problem liegt tiefer. Au&szlig;erdem brauchen Aussagen wie diese nicht wirklich eine satirische Nachbearbeitung. Sp&auml;testens beim lauten Lesen in diesem Sprachverhau dr&auml;ngt sich der Eindruck von Realsatire auf. Logik, Sprach&auml;sthetik oder gar Grundgesetz &ndash; obwohl gegen all das in diesem Traktat Satz f&uuml;r Satz versto&szlig;en wird &ndash; helfen uns allein formal auch nur bedingt weiter. <\/p><p>Die Ausf&uuml;hrungen von Matthias Platzeck bieten uns nicht einmal einen besonderen H&ouml;hepunkt. Wir k&ouml;nnten uns auch jede X-beliebige Ver&ouml;ffentlichung der INSM oder auch einer CDU- Ortsgruppe vornehmen und w&uuml;rden auf &auml;hnliche diskursive Inszenierungen treffen. Statt von Erkenntnis und Argumentation lebt der neoliberalen Politdiskurs sp&auml;testens seit der &bdquo;Ruck-Rede&ldquo; von Roman Herzog allein vom <strong>Ressentiment<\/strong>, von der Verachtung der Bev&ouml;lkerung, die sich noch immer nicht den Wonnen der &bdquo;Globalisierung&ldquo; klaglos hingeben mag und deshalb (als Ewiggestrige, Besitzstandswahrer, Faulenzer, Sozialbetr&uuml;ger, Parasiten, Parallelgesellschaften) zu beschimpfen ist. Dieses Ressentiment wird &ndash; mittlerweile fast ohne Gegen&ouml;ffentlichkeit &ndash; endlos variiert.<\/p><p>Da das Grundgesetz aber bisher nur auf der Titelseite einer Nachrichtenillustrierten verbrannt werden durfte, k&ouml;nnen Vertreter und Vertreterinnen der politischen Eliten (noch) nicht offen mit der Zerschlagung des Sozialstaates und der Ausgrenzung und Stigmatisierung ganzer Bev&ouml;lkerungsgruppen &bdquo;argumentieren&ldquo;. Deshalb w&auml;hlen die Propagandisten die versteckte Rede: das Ressentiment.<\/p><p>Zu den Tricks dieser diskursiven Operationen geh&ouml;ren immer: die Verk&uuml;ndung von &bdquo;Weisheiten&ldquo;, Anspielungen, gefertigt aus <strong>Neologismen<\/strong> (Wortneusch&ouml;pfungen) und einer <strong>Inflation von Adjektiven<\/strong>. Und auf der symbolischen Ebene sto&szlig;en wir nicht selten auf Allmachts-, ja sogar Gewaltphantasien. <\/p><p><stong>Phraseologie der &bdquo;Binsenweisheiten&ldquo; <\/stong><\/p><p>Geradezu putzig wirkt die Vehemenz, mit der Platzeck seine &bdquo;Weisheiten&ldquo; vortr&auml;gt: <\/p><blockquote><p>Aber eine Gesellschaft ohne Kinder ist eine Gesellschaft ohne Zukunft&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Sozialdemokraten wollen eine Gesellschaft mit Lebenschancen f&uuml;r alle&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Gebraucht zu werden &ndash; das ist f&uuml;r Menschen das Entscheidende. Es schafft Lebenssinn, Zufriedenheit, sozialen Zusammenhang. In Wahrheit sind es nicht nur materieller Erwerb und Besitz, was Zufriedenheit schafft&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Die Gewinner w&auml;ren die Menschen in unserem Land&ldquo; (also nicht die Tiere!)<\/p><\/blockquote><p>Allerdings: Weniger Vision hatte die sozialdemokratische Partei wahrscheinlich noch nie. Aber die Elite der SPD m&ouml;chte auch nichts mehr mit ihrer Geschichte zu tun haben. Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit, Mitbestimmung, uneingeschr&auml;nkte soziale Sicherheit f&uuml;r alle, gerade auch f&uuml;r die Schwachen, das ist ihre Sache schon lange nicht mehr. Vielmehr hat die SPD f&uuml;r ihr &bdquo;Jahrhundertwerk&ldquo;, das &bdquo;Fordern&ldquo; von Arbeitslosen und Dem&uuml;tigen von Arbeitslosengeldbeziehern, die Verunsicherung von Arbeitsplatzbesitzern, Rentnern und Kranken, der Zerschlagung des Sozialstaates, in den letzten Jahren erfolgreich &bdquo;Pakete geschn&uuml;rt&ldquo;, die immer mal wieder &bdquo;ein- und ausgepackt&ldquo; wurden, sie hat den Lebemann Hartz daraus Module mit pseudomodernen Neuw&ouml;rtern formulieren lassen, sich damit &bdquo;gut aufgestellt&ldquo; und schlie&szlig;lich &bdquo;Reformen&ldquo; &bdquo;auf den Weg gebracht&ldquo;. Nun aber ist endg&uuml;ltig Schluss mit der alten Identit&auml;t. Platzeck will jetzt n&auml;mlich die nun im freien Fall befindliche Partei neu definieren: als &bdquo;Bildungspartei in Deutschland&ldquo;. <\/p><p><strong>Die Anspielung<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen Parteim&auml;nner f&uuml;r das Grobe so massive Br&uuml;che mit Tradition und Geschichte nie begr&uuml;nden. Intersubjektiv nachvollziehbare Gedankenoperationen, die sich in den logischen Traditionen &bdquo;Ursache-Wirkung &ndash;Evidenz&ldquo; bewegen, verp&ouml;nen alle, die einen Bruch oder einen Systemwechsel herbeif&uuml;hren wollen, grunds&auml;tzlich. Sie bevorzugen stattdessen die Technik der Anspielung, den Angriff aus dem Hinterhalt also. Platzeck verf&auml;hrt in seinem &bdquo;Zupacker&ldquo;- Pamphlet so:<br>\nZun&auml;chst einmal denunziert er Geschichte und Ursprung der &auml;ltesten, demokratischen Partei der Welt und usurpiert dann in vager Andeutung die gro&szlig;en Erfindung seines gro&szlig;en Vor-Vor-Vor-Vor-Vor-Vorsitzenden mit &bdquo;der linken Mitte&ldquo;, die &bdquo;weltoffene Politik&ldquo; betreibe. Was das f&uuml;r Platzeck bedeuten soll, erfahren wir nicht, lediglich:<br>\n&bdquo;Eine zeitgem&auml;&szlig;e Politik &hellip;. h&auml;lt nicht sozialnostalgisch an uneinl&ouml;sbar gewordenen Sicherheitsversprechen von vorgestern fest&ldquo;<\/p><p>Da fragen wir uns nat&uuml;rlich: Was sind &bdquo;Sicherheitsversprechen von vorgestern&ldquo;? Ist damit das Grundgesetzgebot der Sozialstaatlichkeit gemeint oder gar das der Gleichberechtigung der Geschlechter? Ist damit der &bdquo;demokratische Sozialismus&ldquo; eines Willy Brandt gemeint? Zum Wesen der Anspielung geh&ouml;rt immer ihr relativ unbestimmter, m&ouml;glicher Raum f&uuml;r Assoziationen, die jedoch immer einem Bed&uuml;rfnis der Verachtung, wenigstens der Ablehnung entspringen. <\/p><p>Zwischen den Punkten steht im Text noch &bdquo;soziale Demokratie&ldquo;. Dar&uuml;ber stolpern wir nat&uuml;rlich auch sofort; was w&auml;re eine &bdquo;unsoziale (asoziale) Demokratie&ldquo;? Aber auch das ist falsch gefragt, denn auch der &bdquo;wei&szlig;e Schimmel&ldquo; geh&ouml;rt immer zum Aufgebot neoliberaler Diskurse. In diesem Zusammenhang sollten wir auch Platzecks Gebrauch des Begriffes &bdquo;soziale Gerechtigkeit&ldquo; erw&auml;hnen. War es doch der Vor-Vor Generalsekret&auml;r der SPD, der semantische Operationen an der &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; vorgenommen hatte, das Soziale entfernt und damit die Bedeutung des Begriffs im Jahre 2003 v&ouml;llig ad absurdum gef&uuml;hrt hatte. <\/p><p>Nun &ndash; hinten herum- findet eine Wieder- Vereinnahmung mithilfe des &bdquo;wei&szlig;e-Schimmel- Prinzips statt: &bdquo;von sozialer Gerechtigkeit verstehen Sozialdemokraten ganz einfach mehr&ldquo;.<\/p><p>Also droht uns nun von der SPD keine &bdquo;unsoziale Gerechtigkeit&ldquo; mehr? Was will eigentlich der zurzeit amtierende Vorsitzende f&uuml;r seine Partei? Folgendes: <\/p><p>&bdquo;Deshalb muss die SPD eine Partei <strong>zupackender<\/strong> und optimistischer Menschen sein&ldquo;.<\/p><p>Nun fallen Neoliberale nie durch Kreativit&auml;t auf, wie wir tagt&auml;glich lesen, h&ouml;ren, sehen und f&uuml;hlen k&ouml;nnen. Auch Platzeck hat nur ein bisschen weiter &bdquo;angespitzt&ldquo; und k&uuml;rzer formuliert als beispielsweise auch schon vor zwei Jahren <a href=\"?p=1023\">Peer Steinbr&uuml;ck<\/a>, der wiederum sich von Olaf Scholz, und vor allem dem Sch&ouml;pfer des Jahrhundertwerks Agenda 2010 Gerhard Schr&ouml;der und dem &bdquo;Ruck&ldquo;- Rufer als Bundespr&auml;sident, Roman Herzog, hat inspirieren lassen. Steinbr&uuml;ck damals in &bdquo;Die Zeit&ldquo;: <\/p><blockquote><p>Soziale Gerechtigkeit muss k&uuml;nftig hei&szlig;en, eine Politik f&uuml;r jene zu machen, die etwas f&uuml;r die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitspl&auml;tze schaffen, kurzum, die Leistung f&uuml;r sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um die &ndash; und nur um sie &ndash; muss sich Politik k&uuml;mmern.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das ist eine der m&ouml;glichen &bdquo;gedanklichen&ldquo; Vorlagen f&uuml;r den Kurz-Schluss: &bdquo;sozialnostalgisch&ldquo;<\/p><p>In jedem Fall l&auml;sst auch Platzeck keinen Zweifel: Um die, die keine Leistung bringen, also um die Schwachen und Erwerbslosen, muss sich eine sozialdemokratische Politik nicht mehr k&uuml;mmern, sondern um die, die flei&szlig;ig lernen, t&uuml;chtig arbeiten und mehr Kinder bekommen. Da f&auml;llt kein Wort &uuml;ber Ethik oder gar gesellschaftliche Werte. <\/p><p>Leistungspflicht oder gar Leistungsnachweis f&uuml;r das eigene politische Handeln gilt nicht f&uuml;r Neoliberale, so wie das Keuschheitsgebot auch f&uuml;r evangelikale Prediger selbst immer obsolet war. Faulenzer- und Schmarotzertum wird immer nur auf die &bdquo;Anderen&ldquo;, auf &bdquo;die da unten&ldquo; projiziert.<br>\nEs ist Peer Steinbr&uuml;cks &bdquo;Verdienst&ldquo;, f&uuml;r die deutsche Sozialdemokratie die Wahlen in NRW haushoch verloren zu haben. Dies dankte ihm die Partei mit dem Posten des Bundesfinanzministers. So sehen &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; f&uuml;r die &bdquo;Globalisierung&ldquo; aus. Dagegen nehmen sich die Wahlverluste, f&uuml;r die Platzeck verantwortlich zeichnet, noch bescheiden aus. Deshalb hat er vorerst nur den &bdquo;Wanderpokal&ldquo; des SPD-Parteivorsitzes abbekommen. <\/p><p>Die politische Gegnerin taucht bei Platzeck noch ein weiteres Mal, allerdings namenlos in der Anspielung auf: <\/p><blockquote><p>ebenso wie von den vermeintlich besonders &ldquo;Linken&rdquo;, die in Wirklichkeit zutiefst konservative Verfechter vorgestriger Vorstellungen sind&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Aussage ist wirr, was sollen wir unter &bdquo;vermeintlich&ldquo;, was unter &bdquo;&rsquo;Linken&rsquo;&ldquo; in der Anf&uuml;hrung, die &bdquo;zutiefst konservative Verfechter &hellip; sind&ldquo; verstehen? Erliegen wir nicht dem freien Fall in die Projektion, kennen wir die Weite des Assoziationsraumes nicht, sehen wir in der H&auml;ufung der Anspielungen, das was sie ist: Fetzen einer Wahnvorstellung, einer in der Partei allerdings kollektiv geteilten.<br>\nWir belassen es vorerst bei diesen Belegen f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ere Einheit der Anspielungen, die sich durch das gesamte &bdquo;Zupacker&ldquo;-Traktat ziehen. Sie sind immer aus dem Hinterhalt formuliert. So kann keine Auseinandersetzung mehr stattfinden, die auf Ursache-Wirkung- Argumentationen fu&szlig;t. Schauen wir uns die Zutaten an.<\/p><p><strong>Neologismen<\/strong><\/p><p>Zu den wichtigsten &bdquo;Wortarten&ldquo; der Anspielung, des Ressentiments, geh&ouml;ren die Neologismen, die in der Regel in keinem W&ouml;rterbuch stehen. Hier ist Platzeck durchaus gewitzt, bietet uns neben dem schon etwas abgestandenen &bdquo;Reformprojekten&ldquo; (welche er komischerweise einem anderen nicht genauer genannten Gegner zuschiebt) in diesem Traktat unter anderem an: <\/p><ul>\n<li>Zupacker<\/li>\n<li>Sicherheitsversprechen<\/li>\n<li>bildungsreiche Gesellschaften<\/li>\n<li>sozialnostalgisch<\/li>\n<li>bewegungsfreudig<\/li>\n<li>Unterj&uuml;ngung<\/li>\n<\/ul><p>Womit wir nun endlich auch etwas genauer auf die vielleicht wichtigste Wortart eingehen m&uuml;ssen, ohne die sich, wie alle schon genannten Beispiele zeigen, die Kaskadeure dieser Heilswelten gar nicht mitteilen k&ouml;nnten: die Inflation der Adjektive.<\/p><p><strong>Inflation der Adjektive<\/strong><\/p><p>Grundschullehrerinnen kennen das Problem: Sie kommen mit ihrer vierten Klasse vom Ausflug zur&uuml;ck und am n&auml;chsten Tag schreibt eine kleiner Junge: &bdquo;Wir haben sch&ouml;nes Wetter gehabt, niedliche Tiere gestreichelt und ich habe mich mit einem netten M&auml;dchen unterhalten&ldquo;. Intuitiv wei&szlig; sie aus Erfahrung sofort: Das innere Erleben dieses Sch&uuml;lers ist v&ouml;llig unterentwickelt, es fehlt ihm an Phantasie und Vorstellungskraft. Sie wird sich dem Jungen besonders annehmen m&uuml;ssen, aber auch im Unterricht noch einmal sachlich &uuml;ber die Wortart &bdquo;Adjektiv&ldquo;, das &bdquo;Wie-Wort&ldquo;, aufkl&auml;ren, am besten mithilfe von Methoden des darstellenden Spiels. Dann erlebt vielleicht auch der lernschwache Junge bald, wie es ist, mit Neugierde auf die Welt und die eigenen Gef&uuml;hle zu schauen und daf&uuml;r die Sprache lustvoll zu nutzen.<br>\nIn jeder Sprache birgt das Adjektiv &auml;hnliche Gefahr: Nur bei sparsamen Gebrauch h&auml;lt es den Fluss der Gedanken im Lauf. Wir brauchen das Wie-Wort dringend, um Unterscheidungen zu treffen, also wenn wir beispielsweise das &bdquo;rote&ldquo; vom &bdquo;blauen&ldquo; Haus unterscheiden wollen oder den &bdquo;runden&ldquo; vom &bdquo;viereckigen&ldquo; Tisch. Dagegen sagen uns das &bdquo;sch&ouml;ne&ldquo; Haus oder der &bdquo;schmucke&ldquo; Tisch gar nichts. Nur wenn auch die gegenteilige Eigenschaft &bdquo;Sinn&ldquo; im Sinn der Logik macht, sind sie berechtigt. Adjektive als Ersatz f&uuml;r nicht ausgef&uuml;hrte Wertungen taugen weder f&uuml;r die Kommunikation im Alltag, noch f&uuml;r die der Politik.<br>\nDoch im neoliberalen Diskurs tauchen sie &ndash; &auml;hnlich wie in privaten Hassreden oder in Gossenbl&auml;ttern und Heftchenromanen &ndash; als eine der h&auml;ufigsten Wortarten auf. Warum? Mit diesem schlechten Sprachstil, gefertigt aus Surrogaten des Denkens, machen die Propagandisten viel Krach, Adjektive sind das Herz der Anspielung, sie drohen, jagen in ihrer Uneindeutigkeit Angst ein und helfen dem Sprecher, sich aufzuplustern. Im neoliberalen Diskurs zu sein, ist wie auf der Kirmes, immer rasanter drehen sich Rad und Geisterbahn, immer verz&uuml;ckter und rastloser beten die Prediger ihre G&ouml;tzen &bdquo;Globalisierung&ldquo; und &bdquo;demographische Entwicklung&ldquo; an. <\/p><p>Proben aus Platzecks Schreibstube: <\/p><blockquote><p><strong>bewegungsfreudige, aufgekl&auml;rte und weltoffene<\/strong> Politik der linken Mitte&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Die <strong>erneuerte<\/strong> SPD hat allen Anlass zu <strong>erneuerter<\/strong> Zuversicht. Sie besitzt eine <strong>schl&uuml;ssige<\/strong> und <strong>zuversichtliche<\/strong> Leitidee f&uuml;r unsere Zeit.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Deshalb muss die SPD eine Partei <strong>zupackender und optimistischer<\/strong> Menschen sein. Unser Bild von Deutschland ist das eines <strong>zupackenden<\/strong> Landes &ndash; eines Landes der <strong>tatkr&auml;ftigen<\/strong> Erneuerung&ldquo; (&hellip;)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Entwickelt die SPD ihren Leitgedanken vom <strong>fruchtbaren<\/strong> Wechselverh&auml;ltnis wirtschaftlicher Dynamik und <strong>erneuerter<\/strong> Sozialstaatlichkeit systematisch weiter, dann haben wir alle Chancen, zur <strong>gesellschaftlich pr&auml;genden<\/strong> Kraft der kommenden Jahrzehnte zu werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Setzen Sie einfach mal das jeweils Gegenteilige ein, dann sp&uuml;ren Sie, wer mit jedem dieser Adjektive denunziert werden soll!<\/p><p>Eines in diesem Traktat sollte uns beruhigen, vorerst. F&uuml;r Sozialdemokraten &ndash; bzw. f&uuml;r die neue &bdquo;Bildungspartei&ldquo;- haben (noch) alle Menschen ein Lebensrecht: <\/p><blockquote><p>Sozialdemokraten wollen eine Gesellschaft mit Lebenschancen f&uuml;r alle&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wie lange noch? <\/p><p>Das Ressentiment h&auml;lt zwar nie einer Pr&uuml;fung stand, die intersubjektiv nachpr&uuml;fbaren Regeln der Logik oder der Sprache folgt. Dennoch entwickelt das Ressentiment eine unheimliche Macht: Durch die fortw&auml;hrende Wiederholung im Diskurs, in Parlamenten und Medienmaschinen, besetzt es Gedanken und Seelen. Das Ressentiment wird schlie&szlig;lich als &bdquo;Wahrheit&ldquo; identifiziert und entwickelt durchaus normative Kraft.<\/p><p>Der Sozialphilosoph Walter Benjamin hatte bereits zu Beginn der Weimarer Republik die deutsche Sozialdemokratie gewarnt: &bdquo;Es gibt nichts, was die deutsche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat, wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom.&ldquo; Wie gern w&uuml;rden wir seiner messianischen Voraussage widersprechen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So &uuml;berschrieb die &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo; einen Namensartikel des SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck.<br \/> Unsere Leserin Brigitta Huhnke hat diesen Beitrag einmal einer Sprachanalyse unterzogen und kommt dabei auf Erkenntnisse, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,146,191],"tags":[1723,253],"class_list":["post-235","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-soziale-gerechtigkeit","category-spd","tag-platzeck-matthias","tag-steinbrueck-peer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=235"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31422,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/235\/revisions\/31422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}