{"id":23516,"date":"2014-10-08T12:10:41","date_gmt":"2014-10-08T10:10:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23516"},"modified":"2014-10-09T08:37:34","modified_gmt":"2014-10-09T06:37:34","slug":"mein-gott-walter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23516","title":{"rendered":"Mein Gott, Walter!"},"content":{"rendered":"<p>Walter Kr&auml;mer hat wieder zugeschlagen. Was, Sie kennen Walter Kr&auml;mer nicht? Walter Kr&auml;mer ist seines Zeichens &Ouml;konom und Professor f&uuml;r Wirtschafts- und Sozialstatistik, Mitglied der FDP, Autor und Publizist. Kr&auml;mer geh&ouml;rt zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und ist vor allem f&uuml;r seine &bdquo;forsche&ldquo; Rhetorik bekannt &ndash; so nannte er seinen Kollegen Peter Bofinger beispielsweise einmal eine <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/oekonomenstreit-kraemer-will-frieden\/6919670.html\">&bdquo;akademische Nullnummer&ldquo;<\/a>. Mit derartigen Beleidigungen sollte man jedoch vorsichtig sein, zumal sie nur all zu schnell auf einen selbst zur&uuml;ckschlagen k&ouml;nnten. Und Einfallstore f&uuml;r berechtigte Kritik bietet Kr&auml;mer en masse &ndash; dazu z&auml;hlt vor allem sein manipulativer Umgang mit der Armutsstatistik, den er in dieser Woche einmal mehr in einem Gastartikel in der Printausgabe der Frankfurter Rundschau mit der &Uuml;berschrift &bdquo;Das Gerede von der Armut&ldquo; unter Beweis stellt. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1355\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-23516-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=23516-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"141008_Mein_Gott_Walter_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Was ist Armut? <\/strong><\/p><p>Auf diese keinesfalls banale Frage haben sich Generationen von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern ihre Gedanken gemacht. Grob gesagt gibt es zwei Ans&auml;tze, Armut auch mathematisch und somit statistisch zu definieren. Man kann Armut absolut definieren. Diesen Ansatz verfolgt beispielsweise die Weltbank, die Menschen, denen kaufkraftbereinigt weniger als 1,25 US$ pro Tag zur Verf&uuml;gung steht, als &bdquo;arm&ldquo; definiert. Eine solche absolute Armut gibt es in Deutschland nur in seltenen Ausnahmef&auml;llen. Dennoch d&uuml;rfte selbst der &uuml;berzeugteste Neoliberale der Aussage nicht widersprechen, dass es auch in Deutschland Armut gibt. Um Armut auch in industrialisierten &ndash; also reichen &ndash; L&auml;ndern zu messen, bedient man sich daher der Berechnung der &bdquo;relativen Armut&ldquo;. Die darauf beruhenden Armutsgrenzen stehen in Relation zu den durchschnittlichen Einkommen im betreffenden Land. Da der mathematische Durchschnitt jedoch von den Extremwerten am oberen Ende der Einkommensskala verzerrt wird, benutzt man als Definitionsbasis stattdessen den Median des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%84quivalenzeinkommen\">Netto-&Auml;quivalenzeinkommens<\/a>. Nach g&auml;ngiger Definition gilt eine Person, der weniger als 60% dieses Basiswertes zur Verf&uuml;gung stehen, als armutsgef&auml;hrdet &ndash; in Deutschland sind dies rund 952 Euro pro Monat f&uuml;r eine alleinstehende Person. Bei Mehrpersonenhaushalten wird die Basis anhand von sogenannten &bdquo;Bedarfsgewichten&ldquo; festgestellt. Eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren gilt ab einem Haushaltseinkommen von weniger als 1.666 Euro als arm. Wenn diese Familie Hartz IV bezieht, stehen ihr laut Regelsatz 1.228 Euro zu. Armut ist in Deutschland demnach vom Gesetzgeber durchaus akzeptiert. Da kann es dann auch nicht verwundern, dass in Deutschland fast jeder sechste Haushalt als armutsgef&auml;hrdet gilt und bei den Haushalten mit Erwerbslosen sogar fast 70% als armutsgef&auml;hrdet gelten.<\/p><p><strong>Grober Unfug &ndash; wo man auch hinguckt<\/strong><\/p><p>Nach Walter Kr&auml;mers Ansicht ist diese Berechnung jedoch &bdquo;grober Unfug&ldquo;. Grober Unfug ist jedoch viel mehr, wie Kr&auml;mer dies begr&uuml;ndet: nach seiner Argumentation gilt man n&auml;mlich mit einem Einkommen, das der deutschen Armutsgrenze entspricht, in &bdquo;neun Zehnteln aller L&auml;nder als reich&ldquo;. Sicher &ndash; mit einem deutschen Hartz-IV-Regelsatz w&uuml;rde man in Indien keinen Hunger leiden und k&ouml;nnte ein f&uuml;r Landesverh&auml;ltnisse durchaus ordentliches Leben f&uuml;hren. &bdquo;Reich&ldquo; w&auml;re man damit jedoch noch nicht einmal in Indien. Der deutsche Regelsatz gilt jedoch f&uuml;r Deutschland und nur f&uuml;r Deutschland. Die deutschen Vermieter nehmen nun einmal keine indischen Mieten, die deutsche Bahn bietet keine indischen Fahrpreise an und selbst die deutschen Superm&auml;rkte sind schon ein kleines bisschen teurer als die M&auml;rkte in Mumbai oder Delhi. Daher gilt in Indien ja auch eine andere Armutsgrenze als in Deutschland. Dies scheint Walter Kr&auml;mer jedoch nicht zu st&ouml;ren. Man k&ouml;nnte den Spie&szlig; auch umdrehen und die Armutsgrenze aus einem reicheren Land auf Deutschland umrechnen. In der Schweiz liegt die <a href=\"http:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/portal\/de\/index\/themen\/20\/03\/blank\/key\/07\/01.html\">Armutsgrenze<\/a> f&uuml;r eine Familie mit zwei Kindern beispielsweise bei 4.050 Franken (3.340 Euro) und damit mehr als doppelt so hoch wie Deutschland. Freilich ist auch dieser Vergleich, der einen &bdquo;umgekehrten Kr&auml;mer&ldquo; darstellt, grober Unfug.<\/p><p>Um den Unfug weiterzutreiben, benutzt Kr&auml;mer ein weiteres Rechenbeispiel aus der Manipulationskiste. &bdquo;H&auml;tten wir im Mittel 180.000 Euro Einkommen pro Jahr, w&auml;ren alle Menschen mit weniger als 110.000 Euro j&auml;hrlich arm&ldquo;, so Kr&auml;mer. Toll! Wir haben jedoch nicht im Mittel 180.000 Euro Einkommen pro Jahr, Herr Kr&auml;mer. Derartige Sandkastenspiele haben mit der Realit&auml;t nichts zu tun und sind intellektuell unredlich. Ebenso unredlich ist Kr&auml;mers Versuch, zu belegen, dass man mit einer Umverteilung von oben nach unten nichts an der Armut &auml;ndern k&ouml;nnte. Dazu benutzt er folgendes Beispiel: Man n&auml;hme Bill Gates eine Million Euro und schenke sie ihm, Herrn Kr&auml;mer. Kr&auml;mers durchaus richtiger Schluss ist, dass dies nichts an der Armut &auml;ndern w&uuml;rde. Richtig. Dies liegt jedoch nur daran, dass Herr Kr&auml;mer mit seinem Professorenbez&uuml;gen sicherlich nicht unter der Armutsgrenze liegt. W&uuml;rde man mit der Millionen Euro von Herrn Gates jedoch dauerhaft mehrere Haushalte unterst&uuml;tzen, die unterhalb der Armutsgrenze liegen, so w&uuml;rde man tats&auml;chlich die Armut nicht nur rechnerisch verringern. Was soll also die d&uuml;mmliche Argumentation des Herrn Sozial-Statistikers aus Dortmund?<\/p><p><strong>Wenn die falschen Ergebnisse herauskommen, sollte man lieber erst gar nicht rechnen<\/strong><\/p><p>Kr&auml;mers Fazit ist simpel &ndash; die Berechnung von Armut als Relation zum mittleren Einkommen ist unpr&auml;zise, daher sollte man derartige Statistiken erst gar nicht erheben. Nat&uuml;rlich ist die Berechnung der relativen Armut unpr&auml;zise. Eine pr&auml;zisere Rechenmethode zur Bemessung der Armut in einem reichen Land gibt es jedoch nicht. Nur weil die Berechnung der Armut in der Tat einige Sch&ouml;nheitsfehler aufweist (so wird beispielsweise nicht zwischen den unterschiedlichen Lebenshaltungskosten in den Metropolen und auf dem Land unterschieden), kann die Antwort doch nicht lauten: Wir k&ouml;nnen keine 100% Ergebnisse liefern, daher stellen wir die Berechnungen ein. <\/p><p>W&uuml;rde es Walter Kr&auml;mer tats&auml;chlich um einen konstruktiven Beitrag zur Armutsdefinition gehen, dann w&uuml;rde er auch konstruktiv argumentieren. Kr&auml;mers Botschaft ist jedoch: Da man Armut nicht problemlos berechnen kann, sollte man erst gar keine Berechnungen anstellen. Punkt. So einfach kann man es sich nat&uuml;rlich machen. Mit &bdquo;Wissenschaft&ldquo; hat dies jedoch nichts zu tun. Aber ein &bdquo;Gutes&ldquo; hat der aktuelle Gastartikel von Walter Kr&auml;mer dennoch. Mittlerweile hat selbst der Herr Statistik-Professor gelernt, dass die Armutsquote sich nicht am Durchschnittseinkommen, sondern am Medianeinkommen berechnet &ndash; das wusste er <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14856\">vor zwei Jahren noch nicht<\/a>. Wenn der Lernprozess des Herrn Professor in diesem Tempo weitergeht &hellip; wer wei&szlig;, vielleicht k&ouml;nnen wir in ein oder zwei Jahrzehnten ja vielleicht doch noch auf fachlich einwandfreie Artikel aus der Feder Kr&auml;mers hoffen?<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ddd91dfd3af34afdb48a1ace9dfdb740\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter Kr&auml;mer hat wieder zugeschlagen. Was, Sie kennen Walter Kr&auml;mer nicht? Walter Kr&auml;mer ist seines Zeichens &Ouml;konom und Professor f&uuml;r Wirtschafts- und Sozialstatistik, Mitglied der FDP, Autor und Publizist. Kr&auml;mer geh&ouml;rt zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und ist vor allem f&uuml;r seine &bdquo;forsche&ldquo; Rhetorik bekannt &ndash; so nannte er seinen Kollegen Peter Bofinger beispielsweise einmal eine <a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23516\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,123,132],"tags":[1183,343,291],"class_list":["post-23516","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-kampagnentarnworteneusprech","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-exklusion","tag-luegen-mit-zahlen","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23516"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23525,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23516\/revisions\/23525"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}