{"id":23526,"date":"2014-10-09T08:41:17","date_gmt":"2014-10-09T06:41:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23526"},"modified":"2014-10-09T10:05:42","modified_gmt":"2014-10-09T08:05:42","slug":"akademisierung-in-der-wissensgesellschaft-wahn-oder-notwendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23526","title":{"rendered":"Akademisierung in der Wissensgesellschaft \u2013 Wahn oder Notwendigkeit?"},"content":{"rendered":"<p>So lautet das Thema &uuml;ber das ich heute auf der 8. Wissenschaftskonferenz der Gewerkschaft Erziehung  und Wissenschaft (GEW) mit dem ehemaligen Berliner Senator f&uuml;r Wissenschaft und Forschung, Professor George Turner,  in Haltern am See ein &bdquo;Streitgespr&auml;ch&ldquo; f&uuml;hre.<br>\nIm letzten Jahr begann erstmals mehr als die H&auml;lfte eines Altersjahrgangs ein Studium. Der sprunghafte Anstieg der Studienanf&auml;ngerquote in den letzten Jahrzehnten ging zu Lasten der betrieblichen Berufsausbildung. Seit einiger Zeit hat deshalb eine Debatte &uuml;ber einen &bdquo;Akademisierungswahn&ldquo; und &uuml;ber die Krise der beruflichen Bildung eingesetzt.<br>\nEs gibt eine hohe Plausibilit&auml;t f&uuml;r die These, dass die hohe Innovations- und Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Wirtschaft aus dem Ineinandergreifen von beruflicher und akademischer Bildung resultiert. Ist die deutsche Bildungspolitik mit der steigenden Zahl von Studierenden und dem R&uuml;ckgang der beruflichen Bildung also auf dem Holzweg?<br>\nHierzu meine Thesen, an denen ich mich in der Diskussion orientieren werde. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>I.<\/strong><\/p><p>Die These vom Akademisierungswahn betrachtet Bildung vor allem aus der Perspektive des Arbeitsmarktes, genauer des Fachkr&auml;ftebedarfs, andere wichtige Bildungsziele werden ausgeklammert. (So auch ausdr&uuml;cklich die <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/3818-14.pdf\">Empfehlungen des Wissenschaftsrats [PDF]<\/a>)<\/p><p>Solche gleichfalls wichtige Ziele sind z.B.:<\/p><p>&ndash; das in nahezu allen Landesverfassungen enthaltene Individualrecht auf eine seiner Begabung entsprechende Ausbildung oder etwa die Berufswahlfreiheit nach Art. 12 Grundgesetz,<\/p><p>&ndash; die soziale Funktion von h&ouml;herer Bildung: Ein h&ouml;herer Bildungsabschluss geht in aller Regel einher mit einem h&ouml;heren Einkommen und gr&ouml;&szlig;erer<br>\nArbeitsplatzsicherheit, h&auml;ufigerer Vollzeitbesch&auml;ftigung, l&auml;ngerer Erwerbst&auml;tigkeit, mit interessanteren T&auml;tigkeiten mehr Verantwortung und Abwechslung im Beruf, mit einem besseren Gesundheitszustand, einer l&auml;ngeren Lebenserwartung, h&ouml;herer Lebenszufriedenheit, h&ouml;herem ehrenamtlichen Engagement, st&auml;rkerem politischen Einfluss, <\/p><p>Kurz: ein hoher formaler Bildungsabschluss ist f&uuml;r alle Bereiche des &ouml;ffentlichen und sozialen Lebens von gro&szlig;er Bedeutung.<\/p><p>&ndash; In Deutschland wird viel &uuml;ber &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; als Fluchtpunkt  aus sozialer Ungerechtigkeit geredet, in kaum einem anderen vergleichbaren Land h&auml;ngt Bildung aber so stark vom sozialen Hintergrund der Familien ab. So lange viele begabte junge Menschen ihr Potential f&uuml;r h&ouml;here Bildung nicht aussch&ouml;pfen k&ouml;nnen, hat man nicht genug Bildungsangebote.<\/p><p>&ndash; Debatten &uuml;ber eine &bdquo;Akademikerschwemme&ldquo; treten periodisch immer wieder auf. Die Motive sind oft: Angst vor Statusverlust, Standes- und Elitedenken, angeblicher Niveauverlust (&bdquo;Nicht jeder geh&ouml;rt auf die Uni&ldquo;), &Uuml;berforderung der Hochschullehrer in der Massenuni.<\/p><p>&ndash; Deutschland ist im OECD-Vergleich nicht etwa ein Bildungsaufsteiger-, sondern ein Bildungsabsteigerland. Nur 19% der jungen Erwachsenen bis 34 sind h&ouml;her gebildet als ihre Eltern, ein knappes Viertel hat einen niedrigeren Abschluss.<\/p><p>&ndash; Jeder der &uuml;ber den Akademisierungswahn klagt, muss sich fragen lassen: Welchen Bildungsabschluss w&uuml;rden Sie sich f&uuml;r Ihr Kind w&uuml;nschen?<\/p><p><strong>II.<\/strong><\/p><p>Der Trend zu akademischen Ausbildungen ist kein &bdquo;Wahn&ldquo;, also keine Fehlbeurteilung der Wirklichkeit, sondern h&ouml;here formale Bildung zahlt sich in Euro und Cent aus:<\/p><p>&ndash; OECD: Akademiker verdienen in Deutschland 74% mehr als Menschen ohne Studium. (Die Schere hat sich sogar ge&ouml;ffnet <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftsrat.de\/download\/archiv\/3818-14.pdf\">(2000 lag die Differenz bei 45%) [PDF]<\/a>).<\/p><p>&ndash; Die Erwerbslosenquote von Akademikern liegt mit 2,4% nicht nur fast dreimal niedriger als die allgemeine Arbeitslosenquote, sie ist auch nur halb so hoch wie die Quote von Arbeitnehmern mit einer Sekundarausbildung (5,3%). (Bei Erwachsenen ohne einen Abschluss im Sekundarbereich = 13%). <\/p><p>&ndash; Auch der Besch&auml;ftigungsgrad von Akademikern ist deutlich h&ouml;her: 88% der Erwachsenen mit Terti&auml;rabschluss, 78% mit einem Abschluss des Sekundarbereichs und nur 57% der Erwachsenen ohne Abschluss des Sek-Bereichs waren im Erhebungsjahr 2012 besch&auml;ftigt.<br>\nHandwerk hat keineswegs nur &bdquo;goldenen Boden&ldquo; 70% der Niedriglohnbezieher haben einen beruflichen Abschluss (Bosch\/Weinkopf\/Kalina 2009, 14)<\/p><p>Von einem &bdquo;akademischen Proletariat&ldquo; kann (jedenfalls noch) keine Rede sein.<\/p><p>&ndash; Dieses Auseinanderklaffen ist umso bedenklicher, als die M&ouml;glichkeit sich hochzuarbeiten in Deutschland sehr gering ist.<\/p><p>&ndash; G&auml;be es einen Mangel an beruflich gebildeten Fachkr&auml;ften wirklich, so h&auml;tten sich nach allen Gesetzen der &Ouml;konomie die Lohnunterschiede nicht so weit auseinanderentwickeln d&uuml;rfen.<\/p><p>&ndash; So lange die Unterschiede in der Bezahlung, bei den Karrierechancen, bei der beruflichen Rangordnung  und bei der gesellschaftlichen Wertsch&auml;tzung so gro&szlig; sind, wie derzeit, ist es hohles Pathos wenn die Bundesbildungsministerin von der &bdquo;Gleichwertigkeit&ldquo; von beruflicher und akademischer Bildung redet. <\/p><p><strong>III.<\/strong><\/p><p>&ndash; Es gibt eine hohe Plausibilit&auml;t f&uuml;r die These, dass die hohe Innovations- und Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Wirtschaft aus dem Ineinandergreifen von beruflicher und akademischer Bildung resultiert. Macher, Planer und Erfinder k&ouml;nnen auf &bdquo;Augenh&ouml;he&ldquo; miteinander kommunizieren.<\/p><p>&ndash; Der Bedarf an Fachkr&auml;ften mit den jeweiligen Abschl&uuml;ssen l&auml;sst sich nur schwer voraus sch&auml;tzen. Ich erinnere mich noch gut an Debatten in den neunziger Jahren in der Kultusministerkonferenz, wonach 25% der Medizinstudienpl&auml;tze eingespart werden sollen. Nicht einmal im staatlichen Bereich der Lehrerausbildung gibt es zuverl&auml;ssige Prognosen. <\/p><p>&ndash; Laut WR hat sich der Anteil von Besch&auml;ftigten in wissensintensiven Berufen von 1993 bis 2007 von knapp 27 auf knapp 31%, um ein Siebtel erh&ouml;ht (S. 30) Das Bundesinstitut f&uuml;r Berufsbildung hat f&uuml;r 2012 auf Grundlage neuer Berufsklassifikationen einen Anteil von 40,8 % der Besch&auml;ftigten in wissensintensiven Berufen ermittelt. <\/p><p>&ndash; Selbst aus der Perspektive des Fachkr&auml;ftebedarfs ist der Anstieg der Studienanf&auml;ngerquote auf etwa die H&auml;lfte (53,2%) eines Altersjahrgangs kein Grund zur Panikmache. Entscheidend f&uuml;r den Arbeitsmarkt ist die Absolventenquote akademischer Bildung  und diese liegt derzeit (leider) bei nur 31% eines Altersjahrgangs.<br>\nBetrachtet man noch die Schwundquoten vor allem bei Akademikerinnen (u.a. Kindererziehung, Teilzeitarbeit) so ist ein &bdquo;Akademiker&uuml;berhang&ldquo; &auml;u&szlig;erst &uuml;berschaubar. <\/p><p>Im Gegenteil:  Gegenw&auml;rtig besteht in 10 der 16 von der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit festgestellten Mangelberufen ein Bedarf an Akademikern.<\/p><p>&ndash; Wer einen vermeintlichen Bildungsnotstand im Bereich der beruflichen Bildung durch einen noch gr&ouml;&szlig;eren Bildungsnotstand im Hochschulbereich beseitigen m&ouml;chte, l&auml;uft Gefahr eine totale Bildungskatastrophe auszul&ouml;sen.<\/p><p>&ndash; Wer den R&uuml;ckgang der Nachfrage nach einer beruflichen Ausbildung beklagt, sollte n&uuml;chtern die Fakten analysieren:<\/p><p>+ Es gab einen Reputationsverfall der beruflichen Bildung. (BBIB-Befragung unter Jugendlichen: &bdquo;B&auml;cker gleich dumm, ungebildet, arm, anspruchslos, gering geachtet&ldquo;, so das Image unter jungen Leuten)<\/p><p>+ Dass im letzten Jahr nur noch weniger als die H&auml;lfte eines Altersjahrgangs in der beruflichen Bildung ankommt hat auch damit  zu tun, dass von den 816.000 von der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit als &bdquo;ausbildungsreif&ldquo; eingestuften Bewerber nur 530.700 einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Jeder Dritte Jugendliche ging bei der Suche leer aus.<br>\nInsgesamt befanden sich 2013 noch 256.600 Berufsanf&auml;nger im sog. &Uuml;bergangsbereich.  <\/p><p>+ Es muss Gr&uuml;nde haben, dass ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen unbesetzten Ausbildungspl&auml;tzen und Ausbildungsabbr&uuml;chen besteht: Befragung der DGB-Jugend: Viele Betriebe sind nicht &bdquo;ausbildungsreif&ldquo;<\/p><p>+ Die Aufstiegschancen sind r&uuml;ckl&auml;ufig, der Anteil von Akademikern unter den F&uuml;hrungskr&auml;ften ist in den letzten 3 Jahrzehnten von 30,0 auf 42,8% gestiegen (IAQ)<\/p><p>&ndash; Das Jammern &uuml;ber zu wenig beruflich Auszubildende w&auml;re glaubw&uuml;rdiger, <\/p><p>+ wenn mehr Ausbildungsvertr&auml;ge angeboten w&uuml;rden und mehr Betriebe ausbilden w&uuml;rden<\/p><p>+ wenn die Ausbildungsbedingungen attraktiver w&uuml;rden  <\/p><p>+ wenn die Betreuung besser w&uuml;rde<\/p><p>+ wenn die Bezahlung besser w&uuml;rde<\/p><p>+ wenn die Chancen f&uuml;r Jugendliche mit Haupt- und Realschulabschluss verbessert w&uuml;rden (die H&auml;lfte der Ausbildungsberufe sind faktisch f&uuml;r Hauptschulabsolventen abgeschottet)<\/p><p>+ wenn sich Wirtschaft und Politik st&auml;rker um die Qualifizierung  von 2,2 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 34  (= 15% dieser Altersgruppe) ohne abgeschlossene Berufsausbildung k&uuml;mmern w&uuml;rden<\/p><p>+ wenn die Wirtschaft Angebote f&uuml;r einen Wechsel in die berufliche Ausbildung (z.B. Verk&uuml;rzung der Ausbildungsdauer) f&uuml;r die gro&szlig;e Zahl an Studienabbrechern machen w&uuml;rde<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautet das Thema &uuml;ber das ich heute auf der 8. Wissenschaftskonferenz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dem ehemaligen Berliner Senator f&uuml;r Wissenschaft und Forschung, Professor George Turner, in Haltern am See ein &bdquo;Streitgespr&auml;ch&ldquo; f&uuml;hre.<br \/> Im letzten Jahr begann erstmals mehr als die H&auml;lfte eines Altersjahrgangs ein Studium. Der sprunghafte Anstieg der Studienanf&auml;ngerquote<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23526\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,206,17],"tags":[1217,408,621],"class_list":["post-23526","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-beschaeftigtenquote","tag-soziale-herkunft","tag-studienanfaenger"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23526","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23526"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23526\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23527,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23526\/revisions\/23527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23526"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23526"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23526"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}