{"id":23587,"date":"2014-10-14T09:43:58","date_gmt":"2014-10-14T07:43:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23587"},"modified":"2019-04-29T12:41:12","modified_gmt":"2019-04-29T10:41:12","slug":"kein-mindestlohn-fuer-jugendliche-ueber-diskriminierung-und-ausgrenzung-wird-nicht-gesprochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23587","title":{"rendered":"(Kein) Mindestlohn f\u00fcr Jugendliche: \u00dcber Diskriminierung und Ausgrenzung wird nicht gesprochen"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. Januar tritt in der Deutschland ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn in Kraft &ndash; theoretisch jedenfalls. Faktisch ist er l&ouml;chrig wie ein Schweizer K&auml;se; zahlreiche Ausnahmen wurden beschlossen, einige Branchen mit Privilegien bedacht. Dass der Mindestlohn (auch) f&uuml;r Jugendliche unter 18 Jahren nicht gilt, ist schlimm genug. Dass in der Debatte hierzu &uuml;ber Diskriminierung und Ausgrenzung niemand zu sprechen bereit war, noch schlimmer. Von <strong>Patrick Schreiner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23587#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nSchon relativ fr&uuml;h hatten sich die Bundesregierung aus CDU\/CSU und SPD sowie die sozialdemokratische Arbeitsministerin Andrea Nahles festgelegt: Einen Mindestlohn f&uuml;r Jugendliche unter 18 Jahren sollte es nicht geben. Begr&uuml;ndet wurde dies damit, dass ein Mindestlohn sonst falsche Anreize setzen w&uuml;rde. Es sei dann f&uuml;r Jugendliche attraktiver, einen Nebenjob auszu&uuml;ben, statt eine Ausbildung anzufangen, die schlechter bezahlt wird. F&uuml;r Auszubildende n&auml;mlich gilt der Mindestlohn gleichfalls nicht. So lie&szlig; Nahles in die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2014-03\/mindestlohn-ausbildung-altersgrenze\">Begr&uuml;ndung des Gesetzentwurfs<\/a> schreiben:<\/p><blockquote><p>\n<em>Wir m&uuml;ssen verhindern, dass junge Menschen lieber einen besser bezahlten Aushilfsjob annehmen, statt eine Ausbildung anzufangen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Unternehmens- und Arbeitgeber-Lobbyisten <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/news2\/aktuell\/arbeitgeberpraesident-fordern-korrektur-beim-mindestlohn-2097862.html\">ging selbst diese Regelung nicht weit genug<\/a>. Arbeitgeber-Pr&auml;sident <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/ingo-kramer-wir-halten-den-mindestlohn-fuer-falsch-seite-all\/9445674-all.html\">Ingo Kramer<\/a> forderte eine Altersgrenze von 21 Jahren. Die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2014-03\/mindestlohn-ausbildung-altersgrenze\">Industrie- und Handelskammern sowie der Zentralverband des Deutschen Handwerks<\/a> sogar von 25 Jahren. Und der s&auml;chsische CDU-Abgeordnete <a href=\"http:\/\/www.lvz-online.de\/leipzig\/citynews\/fehlende-motivation-fuer-schulabgaenge-leipziger-abgeordnete-stimmten-gegen-mindestlohn\/r-citynews-a-245374.html\">Thomas Feist<\/a> hat am Ende gegen den Mindestlohn gestimmt, unter anderem, weil die Altersgrenze zu niedrig sei und damit falsche Anreize gesetzt w&uuml;rden:<\/p><blockquote><p>\n<em>Gerade f&uuml;r Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Verh&auml;ltnissen ist dies eine Gefahr, da sie eher die finanziell kurzfristig bessere Variante w&auml;hlen, um finanziell &sbquo;auf eigenen F&uuml;&szlig;en zu stehen&rsquo; oder ihre Familie zu unterst&uuml;tzen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Man k&ouml;nnte einiges schreiben &uuml;ber die von Nahles, Kramer, Feist und Co. vertretene Vorstellung, dass Menschen Ihr Verhalten an &bdquo;Anreizen&ldquo; ausrichteten. Historisch geht dieses Denken auf das 19. Jahrhundert zur&uuml;ck, als die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften &uuml;berhaupt erst entstanden und sich stark an Physik und Biologie orientierten. Die so genannte Neoklassik, seit Jahrzehnten die wohl dominierende Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre, tr&auml;gt dieses Erbe bis heute mit sich: Reiz-Reaktions-Schemata als Grundlage f&uuml;r die Analyse von Wirtschaft und Gesellschaft. Man setze einen Reiz, dann reagierten die Menschen exakt so, wie der Reiz es nahelegt &ndash; so simpel kann Gesellschaftsanalyse sein. Die Menschen erscheinen als quasi-biologisch gesteuert durch Anreize und Triebe. Moral, &Uuml;berzeugungen, gesellschaftliche Pr&auml;gung oder soziale Ausgrenzung und Teilhabe finden in diesem Denken keinen Platz.<\/p><p>&Uuml;brigens waren auch schon die Hartz-Reformen von der Annahme gepr&auml;gt, dass die Menschen Reiz-Reaktions-Schemata unterl&auml;gen: Man m&uuml;sse die Anreize zur Arbeit erh&ouml;hen, so das immer wieder wiederholte Mantra bei der Einf&uuml;hrung von Hartz IV. Insofern k&ouml;nnte man durchaus zur Schlussfolgerung kommen, dass die SPD ihrer Linie von damals mit dem Mindestlohn treu bleibt.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum Thema: Schon die nackten Arbeitsmarktzahlen wiederlegen die Vermutung, dass junge Menschen lieber arbeiten gehen, anstatt eine Ausbildung zu machen. Nicht weil &bdquo;schnelles Geld&ldquo; winkt, sondern weil sie <a href=\"https:\/\/www.mindestlohn.de\/hintergrund\/studien\/jungend-ohne-mindestlohn\/warum-es-fuer-jugendliche-keine-ausnahmen-vom-mindestlohn-geben-darf.pdf\">schlicht keine Ausbildungspl&auml;tze finden<\/a>, gehen viele junge Menschen arbeiten (etwa 15 Prozent eines Jahrgangs). Ihr Anteil blieb seit Jahren &ndash; und unabh&auml;ngig von der Konjunktur &ndash; relativ konstant. Dabei ist gerade <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/%21135264\/\">bei den Unter-20-J&auml;hrigen<\/a> der Anteil derer, die zur Schule gehen, eine Hochschule besuchen oder eine Ausbildung machen, hoch: mehr als 90 Prozent. Demgegen&uuml;ber gehen lediglich 5 Prozent aller Jugendlichen unter 20 Jahren einer Erwerbsarbeit nach. Und nur etwa ein Prozent ist sozialversicherungspflichtig besch&auml;ftigt. (Die Differenz von 4 Prozent d&uuml;rften im Wesentlichen MinijobberInnen ausmachen, und genau das ist die Krux: Schlecht bezahlte Minijobs f&uuml;r Jugendliche werden dank der Mindestlohn-Ausnahme f&uuml;r Jugendliche als Instrument f&uuml;r Billigjobs und Ausbeutung f&uuml;r Arbeitgeber noch attraktiver.)<\/p><p>Doch auch wenn ihre Zahl insgesamt weit geringer sein d&uuml;rfte, als Nahles, Kramer, Feist und Co. unterstellen: Zu fragen w&auml;re durchaus, weshalb es f&uuml;r manche Jugendliche offenbar attraktiver ist, einen bezahlten Job anzunehmen, statt eine Ausbildung zu machen. Der oben zitierte CDU-Abgeordnete Feist spricht immerhin aus, was andere stillschweigend suggerieren: Es geht ihnen um &bdquo;Jugendliche aus sozial schlechter gestellten Verh&auml;ltnissen&ldquo;. Wer aber (stillschweigend oder ausgesprochen) unterstellt, gerade diese Jugendlichen machten Ausnahmen vom Mindestlohn notwendig, der schiebt ihnen die Schuld an ausbeuterischen und prek&auml;ren Lebens- und Arbeitsverh&auml;ltnissen in die Schuhe. Zugleich wird damit die Gesellschaft freigesprochen von Verantwortung f&uuml;r diese Verh&auml;ltnisse. Nicht gesellschaftliches Versagen, nicht falsche Politik, sondern falsch gesetzte individuelle Anreize werden dann unterstellt; dumpfe Reiz-Reaktions-Schemata statt soziale Komplexit&auml;t.<\/p><p>Wer sich die M&uuml;he macht, die Intention bestimmter Jugendlicher zu verstehen, der wird sich dieser Komplexit&auml;t stellen m&uuml;ssen. Die Sozialwissenschaftlerin Diana Reiners hat in einer gelungenen Arbeit mit dem Titel &bdquo;Verinnerlichte Prekarit&auml;t&ldquo; dargelegt, dass gerade migrantische Jugendliche derart von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind, dass eine Ausbildung f&uuml;r sie eben gerade keinen Ausgang aus der eigenen prek&auml;ren Situation verspricht (S. 208-209):<\/p><blockquote><p>\n<em>F&uuml;r Jugendliche, die die Erfahrung machen, dass sie sich von ihrer Ausbildung keine stabile und existenzsichernde Besch&auml;ftigung erwarten k&ouml;nnen, treten Strukturen der langfristigen Investition in zuk&uuml;nftige Anerkennung immer mehr in den Hintergrund. [&hellip;] Auf dem Weg, zu einer &ouml;konomischen und symbolischen Unabh&auml;ngigkeit zu gelangen, f&uuml;hren die Erfahrungen vergeblicher Ausbildungsplatzsuche, Arbeitslosigkeit und einer andauernden Warteschleife prek&auml;rer Lebensbedingungen dazu, dass eine radikale Gegenwartsorientierung gegen&uuml;ber langfristigen Zukunftsplanungen ins Zentrum tritt. [&hellip;] In den prek&auml;ren Lebenssituationen der Jugendlichen ist der Glaube an einen sozialen Aufstieg und berufliche Perspektiven ersch&uuml;ttert, die durch Beharrlichkeit, Selbstdisziplin und das Hinarbeiten auf langfristige Ziele erreicht werden k&ouml;nnen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Was Reiners hier beschreibt, mag aus bildungsb&uuml;rgerlicher oder besitzb&uuml;rgerlicher Sicht (konservativer oder sozialdemokratischer Pr&auml;gung) unverst&auml;ndlich sein. Aus Sicht der betroffenen Jugendlichen ist es aber durchaus logisch und folgerichtig. Wer selbst erlebt, dass Anstrengung sich eben gerade nicht lohnt, weil trotz Ausbildung nur Niedrigl&ouml;hne und unsichere Jobs warten, wer dies vielleicht schon bei den eigenen Eltern sehen musste, f&uuml;r den sind zwei Minijobs tats&auml;chlich mehr wert als eine Ausbildung. Und zwar zu Recht.<\/p><p>Es k&auml;me darauf an, diesen Jugendlichen echte Perspektiven zu vermitteln; realistische Aussichten auf sichere und gut bezahlte Arbeitspl&auml;tze. Dann m&uuml;sste man aber &uuml;ber Ausgrenzung, Diskriminierung und (oft genug) Rassismus am Arbeitsmarkt sprechen. Und man m&uuml;sste &uuml;ber die herrschende Spaltung am Arbeitsmarkt, &uuml;ber den wachsenden Niedriglohnsektor sprechen (der durch einen Mindestlohn von 8,50 Euro keineswegs kleiner werden wird!)<\/p><p>Genau das wollen Nahles, Kramer, Feist und Co. aber nicht. Und genau deshalb sprechen sie &uuml;ber &bdquo;Anreize&ldquo; und schieben so den angeblich ach so unvern&uuml;nftigen Jugendlichen die Schuld an ihrer pers&ouml;nlichen Misere zu.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7e4f167c2bd649e29dea895c38274b87\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Patrick Schreiner lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Januar tritt in der Deutschland ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn in Kraft &ndash; theoretisch jedenfalls. Faktisch ist er l&ouml;chrig wie ein Schweizer K&auml;se; zahlreiche Ausnahmen wurden beschlossen, einige Branchen mit Privilegien bedacht. Dass der Mindestlohn (auch) f&uuml;r Jugendliche unter 18 Jahren nicht gilt, ist schlimm genug. Dass in der Debatte hierzu &uuml;ber Diskriminierung und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23587\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,153,206,132],"tags":[317,1221,288],"class_list":["post-23587","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-berufliche-bildung","category-chancengerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-mindestlohn","tag-perspektivlosigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23587","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23587"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23587\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51299,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23587\/revisions\/51299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}