{"id":23608,"date":"2014-10-16T10:01:52","date_gmt":"2014-10-16T08:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608"},"modified":"2019-07-31T12:32:07","modified_gmt":"2019-07-31T10:32:07","slug":"strukturreformen-als-mittel-zur-loesung-der-eurokrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608","title":{"rendered":"Strukturreformen als Mittel zur L\u00f6sung der Eurokrise?"},"content":{"rendered":"<p>Wann immer hierzulande in Politik, Medien und Wissenschaft &uuml;ber die Eurokrise diskutiert wird, darf ein Begriff nicht fehlen, n&auml;mlich derjenige der &bdquo;Strukturreformen&ldquo;.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das Wort &bdquo;Strukturreform&ldquo; ist f&uuml;r den Mainstream so etwas wie das Zauberwort der Krisenl&ouml;sung, klingt es doch so sch&ouml;n nach grundlegenden, ja radikalen Ma&szlig;nahmen und damit nach dem Gegenteil von nur oberfl&auml;chlichen, kosmetischen Korrekturen. Und wer wollte schon bestreiten, dass die &Uuml;berwindung der tiefen Eurokrise fundamentale Ver&auml;nderungen erfordert? Von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nUm nur wenige Beispiele aus der j&uuml;ngsten Vergangenheit zu nennen: So forderte erst k&uuml;rzlich Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble dazu auf, &bdquo;die richtigen Lehren&ldquo; aus der Krise im Euroraum zu ziehen, <a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/artikel\/schaeuble-deutschland-ist-handlungsfaehig\">die da lauten<\/a>: &bdquo;Solide Finanzen und Strukturreformen sind die Voraussetzungen f&uuml;r nachhaltiges Wachstum.&ldquo; Sch&auml;ubles Ministerium stellt in seinem aktuellen Monatsbericht vom September 2014 fest: &bdquo;Die Fortsetzung von Strukturreformen ist das wichtigste Element einer Wachstumsstrategie, die zu einer nachhaltigen &Uuml;berwindung der Eurokrise f&uuml;hren soll.&ldquo; Das Bundesfinanzministerium (BMF) beruft sich dabei auf den Pr&auml;sidenten der Europ&auml;ischen Zentralbank, Mario Draghi, <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Monatsberichte\/2014\/09\/Inhalte\/Kapitel-3-Analysen\/3-1-euroraum-reformprozess-europa.html\">nach dessen Ansicht<\/a> &bdquo;insbesondere nationale Strukturreformen zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit nicht l&auml;nger hinausgez&ouml;gert werden (d&uuml;rfen)&ldquo;. Unterst&uuml;tzung erhalten Sch&auml;uble und sein Ministerium von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der mit Blick auf die europ&auml;ischen Krisenl&auml;nder <a href=\"http:\/\/www.bmwi.de\/DE\/Mediathek\/videos,did=644288.html\">unl&auml;ngst erkl&auml;rte<\/a>: &bdquo;Aus der Strukturkrise dieser L&auml;nder herauszukommen geht nicht ohne Strukturreformen.&ldquo; Der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des &bdquo;Instituts der deutschen Wirtschaft&ldquo;, Hans-Peter Kl&ouml;s, <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/wirtschaft\/finanzen\/article132898252\/Europaeische-Wirtschaft-soll-deutscher-werden.html\">diagnostizierte<\/a> Anfang dieses Monats gar eine &bdquo;Eurosklerose&ldquo; und warnte: &bdquo;Strukturreformen f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung sind priorit&auml;r.&ldquo;<\/p><p>Aber was genau sind eigentlich Strukturreformen? Da wird es dann schon etwas schwieriger, weil es eine allgemeing&uuml;ltige Definition nicht gibt &ndash; im Internet-Lexikon Wikipedia etwa findet sich kein Eintrag unter &bdquo;Strukturreformen&ldquo;.<\/p><p>In Abschnitt 1 dieses Beitrags wird deshalb zun&auml;chst zu kl&auml;ren versucht, was unter &bdquo;Strukturreformen&ldquo; zu verstehen ist. Es wird gezeigt, dass sie sich &ndash; einem Verfahren des BMF folgend &ndash; in Reformen der Arbeitsm&auml;rkte und in Reformen der G&uuml;term&auml;rkte (incl. weiterer Reformen) unterteilen lassen. Die Wachstums- und Besch&auml;ftigungseffekte dieser zwei Arten von Strukturreformen werden anschlie&szlig;end in den Abschnitten 2 und 4 theoretisch analysiert. Abschnitt 3 pr&auml;sentiert zus&auml;tzlich einige empirische Ergebnisse zu den Auswirkungen verschiedener Arbeitsmarktinstitutionen, deren Reform nachdr&uuml;cklich gefordert wird, auf die Besch&auml;ftigung. Abschnitt 5 beendet mit einem kurzen Fazit die Untersuchung.<\/p><ol>\n<li><strong>Was sind Strukturreformen?<\/strong>\n<p>In diesem Beitrag werden als Grundlage einer m&ouml;glichst umfassenden Definition des Begriffs &bdquo;Strukturreform&ldquo; vor allem &ndash; aber nicht ausschlie&szlig;lich &ndash; zwei Berichte des BMF, die in diesem Jahr erschienen sind (Bundesministerium der Finanzen 2014a und 2014b), und erg&auml;nzend eine Studie der Europ&auml;ischen Kommission (European Commission 2012) verwendet. Danach l&auml;sst sich bei den Strukturreformen zwischen Reformen der Arbeitsm&auml;rkte und Reformen der G&uuml;term&auml;rkte unterscheiden. Erstere umfassen beispielsweise eine Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes, eine Senkung des Mindestlohns, Ma&szlig;nahmen zur Verringerung der Lohnnebenkosten, eine st&auml;rkere Verlagerung der Lohnfindung auf die betriebliche Ebene, niedrigere Abfindungszahlungen, K&uuml;rzungen bei der &Uuml;berstundenverg&uuml;tung, die Streichung von Urlaubs- und Feiertagen, die Senkung der Entlassungskosten bei unbefristet Besch&auml;ftigten, die Einf&uuml;hrung flexibler Arbeitsmodelle wie z.B. Teilzeitarbeit oder befristete Arbeitsverh&auml;ltnisse, die Reduzierung der &bdquo;Gro&szlig;z&uuml;gigkeit&ldquo; der Arbeitslosenunterst&uuml;tzung, eine geringere Besteuerung von Arbeit, eine Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters, Rentenk&uuml;rzungen etc.<\/p>\n<p>Unter Reformen auf den G&uuml;term&auml;rkten sind die Liberalisierung freiberuflicher Dienstleistungen und des Transportmarktes, Ma&szlig;nahmen zur Erleichterung von Unternehmensgr&uuml;ndungen, der Abbau b&uuml;rokratischer Hemmnisse f&uuml;r Unternehmen u.&Auml;. zu verstehen. Dazu kommen noch eine Reihe von Reformen, die sich nicht eindeutig den Arbeits- oder G&uuml;term&auml;rkten zuordnen lassen, wie z.B. ein Stellenabbau in der &ouml;ffentlichen Verwaltung oder K&uuml;rzungen im Gesundheitssystem und im Bildungswesen usw.<\/p>\n<p>Selbstverst&auml;ndlich kann nicht jedes Euroland alle der hier aufgef&uuml;hrten Ma&szlig;nahmen umsetzen (die Problemlagen sind ja auch &ndash; so das BMF &ndash; von Land zu Land unterschiedlich), aber dennoch hat nach den Berichten des BMF in vielen L&auml;ndern &bdquo;die Intensit&auml;t von Strukturreformen stark zugenommen&ldquo;. Das BMF sieht diese Entwicklung sehr positiv und zeigt sich besonders erfreut dar&uuml;ber, dass die Reformintensit&auml;t am h&ouml;chsten in den L&auml;ndern ist, die am st&auml;rksten von der Krise betroffen sind (Griechenland, Irland, Portugal, Spanien). Nach Ansicht des Ministeriums entfalten die Strukturreformen vor allem im Zusammenwirken ihre positiven Wachstums- und Besch&auml;ftigungseffekte:<\/p>\n<p>&bdquo;F&uuml;r die Wirkung von Strukturreformen ist es wichtig, dass Arbeitsmarktreformen und G&uuml;termarktreformen gemeinsam umgesetzt werden. Es sind komplement&auml;re Reformen, die im Zusammenspiel bessere Effekte erzielen. Arbeitsmarktreformen erh&ouml;hen das Arbeitsangebot und G&uuml;termarktreformen erh&ouml;hen durch Anreize f&uuml;r zus&auml;tzliche Investitionen die Arbeitsnachfrage. Zusammen f&uuml;hren sie zu h&ouml;herer Besch&auml;ftigung. Konsequente Strukturreformen sind der richtige Weg zur nachhaltigen St&auml;rkung des Wirtschaftswachstums&ldquo; (Bundesfinanzministerium 2014a, S. 2).<\/p><\/li>\n<li><strong>Reformen der Arbeitsm&auml;rkte<\/strong>\n<p>Es d&uuml;rfte unmittelbar einleuchten, dass insbesondere die aufgef&uuml;hrten Arbeitsmarktreformen (das Absenken der Mindestl&ouml;hne, die K&uuml;rzungen bei Zulagen, Abfindungen, Urlaubs- und Feiertagen, die Verlagerung der Lohnfindung auf die Betriebsebene etc.) letztendlich nichts anderes als Lohnsenkungen darstellen. Hinter diesen Ma&szlig;nahmen steht die Vorstellung, dass niedrigere L&ouml;hne die Gewinnerwartungen der Unternehmen verbessern und auf diese Weise mehr Wachstum und Besch&auml;ftigung erzeugen. Jedoch f&auml;llt der Kostensenkungseffekt bei den Unternehmen mit einem negativen Nachfrageeffekt zusammen. Nominallohnsenkungen f&uuml;hren n&auml;mlich bei (zun&auml;chst) nicht sinkenden Preisen zu fallenden Realeinkommen und damit zu einer abnehmenden realen Konsumnachfrage der betroffenen Arbeitnehmerhaushalte.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Ein R&uuml;ckgang der realen Gesamtnachfrage tritt unter diesen Umst&auml;nden nur dann nicht ein, wenn <em>unmittelbar nach jeder Lohnk&uuml;rzung<\/em> entweder der Staat in die L&uuml;cke springt und seine Ausgaben entsprechend erh&ouml;ht oder aber die Unternehmen mehr Arbeitskr&auml;fte einstellen und dadurch den Einkommensr&uuml;ckgang pro besch&auml;ftigtem Arbeitnehmer durch mehr Besch&auml;ftigte genau ausgleichen oder die Unternehmen in H&ouml;he der ausgefallenen Konsumnachfrage zus&auml;tzlich investieren oder die Unternehmerhaushalte in entsprechender Gr&ouml;&szlig;enordnung zus&auml;tzlich konsumieren.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p>\n<p>Nichts davon ist zu erwarten: Denn in allen Euro-Krisenl&auml;ndern sind die Staaten durch die ihnen auferlegten &bdquo;Anpassungsprogramme&ldquo; gezwungen, ihre Ausgaben zu reduzieren, um ihre Haushalte zu konsolidieren; ein &bdquo;Nachfrageausgleich&ldquo; durch staatliche Ausgabensteigerungen ist damit von vornherein ausgeschlossen (ganz im Gegenteil lassen die staatlichen K&uuml;rzungsprogramme die Nachfrage zus&auml;tzlich schrumpfen). Aber auch die Unternehmen eines Krisenlandes werden bei fallender Nachfrage der Arbeitnehmerhaushalte und daraus resultierender sinkender Auslastung der Kapazit&auml;ten weder sofort neue Mitarbeiter einstellen noch ihre Investitionen erh&ouml;hen, wenn doch der vorhandene Kapitalstock vollkommen ausreicht, die aktuelle (abnehmende) Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zu befriedigen. Ebenso wenig ist mit einem Konsumrausch der Unternehmerhaushalte allein aufgrund der verbesserten Kostensituation der Unternehmen zu rechnen. Folglich bleibt es bei der sinkenden Gesamtnachfrage, die nicht nur keinen positiven Besch&auml;ftigungseffekt, sondern im Allgemeinen sogar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge hat.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]  <\/p>\n<p>Zwingt schlie&szlig;lich der Wettbewerb die Unternehmen, mit Preissenkungen auf die Absatzschwierigkeiten resp. den lohnbedingten Nachfrageausfall zu reagieren, und f&auml;llt das Preisniveau dann mehr oder weniger proportional zur Nominallohnsenkung, so steigen die Reall&ouml;hne im Durchschnitt wieder auf ihr altes Niveau. Die Lohn- und Preisniveausenkung hat dann &ndash; gegen&uuml;ber der urspr&uuml;nglichen Situation &ndash; nur den Effekt, dass die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit des betreffenden Landes erh&ouml;ht wird &ndash; und auch dies nur unter der Voraussetzung, dass die Handelspartner nicht genau die gleiche Strategie fahren. Denn nat&uuml;rlich kann es nicht zu einer Verbesserung der Wettbewerbsposition der einzelnen Euro-Krisenl&auml;nder gegen&uuml;ber den anderen EWU-L&auml;ndern kommen, wenn alle gleicherma&szlig;en ihre Preise senken. Tats&auml;chlich aber wird ja allen Eurol&auml;ndern das gleiche Modell vorgeschrieben, so dass letztlich nichts erreicht wird; es sei denn, die EWU als Ganzes setzt auf dauerhafte Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber der restlichen Welt. Das aber werden die Handelspartner in anderen Regionen langfristig nicht einfach hinnehmen, sondern sich mit Abwertungen ihrer W&auml;hrungen oder mit Handelsschranken zu wehren wissen.<\/p>\n<p>Nun k&ouml;nnte man vermuten, dass, wenn die Preise schlie&szlig;lich den L&ouml;hnen in vollem Ma&szlig;e folgen, die den Krisenl&auml;ndern verordneten Lohnsenkungen zwar nichts Positives bewirken, aber zumindest auch keinen Schaden anrichten. Das ist aber falsch. Denn diese Strategie f&uuml;hrt im Ergebnis zur Gefahr einer ausgepr&auml;gten europaweiten Deflation, wie sich aktuell schon in Spanien, Estland, Griechenland, Italien, der Slowakei und Portugal beobachten l&auml;sst, in denen im August 2014 negative j&auml;hrliche Inflationsraten gemessen wurden.<\/p>\n<p>Die Gefahren einer Deflation werden h&auml;ufig untersch&auml;tzt (siehe zu <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kolumnen\/kurz-und-schmerzhaft\/whats-right-deflation-ist-der-rinderwahnsinn-der-oekonomen\/9617032.html\">einem besonders grotesken Beispiel hier<\/a>), was angesichts der historischen Erfahrungen in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und auch der japanischen Malaise seit den 1990er Jahren schon erstaunlich ist.<\/p>\n<p>Gewinnt eine einmal angesto&szlig;ene deflation&auml;re Entwicklung an Fahrt, so kann dies zu verheerenden Folgen f&uuml;r Nachfrage, Produktion und Besch&auml;ftigung f&uuml;hren. Das liegt daran, dass es einerseits in einem Deflationsprozess f&uuml;r Konsumenten rational ist, K&auml;ufe in die Zukunft zu verschieben (da die gew&uuml;nschten Produkte ja bald noch billiger werden), andererseits die Investitionsnachfrage massiv zur&uuml;ckgeht, da bei fallenden Absatzpreisen die Kalkulationsgrundlage f&uuml;r Sachinvestoren g&auml;nzlich unsicher wird. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen w&auml;hrend einer Deflation nicht nur in eine Verlustsituation, sondern auch in gravierende Liquidit&auml;ts- und Solvenzprobleme geraten, die aus der Erh&ouml;hung der realen Schuldenlast als Folge des sinkenden Preisniveaus entstehen. Bei unver&auml;nderten nominalen Verbindlichkeiten &ndash; sie k&ouml;nnen nicht kurzfristig reduziert werden, da die Schuldenbest&auml;nde der Unternehmen oft &uuml;ber Jahrzehnte aufgebaut werden und Kreditvertr&auml;ge h&auml;ufig lange Laufzeiten aufweisen &ndash; sehen sich die Unternehmen mit sinkenden nominalen Umsatzerl&ouml;sen konfrontiert. Die mit dem Anstieg der Realschulden verbundenen Liquidit&auml;ts- und Solvenzprobleme gehen mit dem Zusammenbruch einer gro&szlig;en Zahl von Unternehmen (und auch &uuml;berschuldeter Haushalte) einher, der wiederum das Bankensystem in Gefahr bringt. Die Banken ihrerseits reagieren auf die gewachsenen Risiken mit einer drastischen Einschr&auml;nkung ihrer Kreditvergabe. Im Extremfall kann die Zahlungsunf&auml;higkeit einer Vielzahl von Unternehmen und anderer Schuldner in Verbindung mit dem starken R&uuml;ckgang der G&uuml;ternachfrage einen kumulativen Zusammenbruch der gesamten Volkswirtschaft herbeif&uuml;hren (vgl. auch Heine\/Herr 2013, S.453ff).<\/p>\n<p>Aus den vorangegangenen &Uuml;berlegungen ergibt sich als Zwischenfazit, dass die Arbeitsmarktreformen, die in den Euro-Krisenl&auml;ndern unter dem Druck der Troika durchgesetzt wurden, letztendlich nichts weiter als mehr oder weniger verdeckte Lohnk&uuml;rzungen sind. Eine Senkung des allgemeinen Lohnniveaus zur Bek&auml;mpfung der Wachstums- und Besch&auml;ftigungskrise aber stellt eine dysfunktionale Ma&szlig;nahme dar, weil sie nicht nur das Problem der Arbeitslosigkeit versch&auml;rft, statt es zu l&ouml;sen, sondern auch die Gefahr einer deflation&auml;ren Entwicklung heraufbeschw&ouml;rt.<\/p>\n<p><strong>Exkurs: Was ist die &bdquo;richtige&ldquo; Lohnpolitik?<\/strong><\/p>\n<p>Die Darstellung einer verfehlten Lohnpolitik im vorigen Abschnitt k&ouml;nnte die Frage aufwerfen, wie denn eine &bdquo;richtige&ldquo; Lohnpolitik aussieht &ndash; oder (bezogen auf den Euroraum) h&auml;tte aussehen m&uuml;ssen. Die hier vertretene Position ist die der sog. &bdquo;produktivit&auml;tsorientierten Lohnpolitik&ldquo;: Da die Produktivit&auml;tsentwicklung das Tempo des realen Einkommenswachstums aller Wirtschaftssubjekte einer Volkswirtschaft bestimmt, m&uuml;ssen die Reall&ouml;hne im Durchschnitt der Volkswirtschaft und auf lange Sicht der Zuwachsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;t folgen. Wie erreicht man das, wenn doch Lohnverhandlungen stets &uuml;ber Nominall&ouml;hne und nicht &uuml;ber Reall&ouml;hne gef&uuml;hrt werden? Die Antwort lautet, dass in jedem Land die Nominall&ouml;hne im Ausma&szlig; des zu erwartenden (gesamtwirtschaftlichen) Produktivit&auml;tsfortschritts zuz&uuml;glich der Zielinflationsrate der Zentralbank steigen sollten. In diesem Fall wachsen &uuml;berall die Lohnst&uuml;ckkosten wie die Zielinflationsrate, die Reall&ouml;hne erh&ouml;hen sich im gleichen Tempo wie der Produktivit&auml;tszuwachs und die Einkommensverteilung bleibt unver&auml;ndert. Gleichzeitig kommt es so zu keinen Ver&auml;nderungen in der Wettbewerbsposition der einzelnen L&auml;nder.<\/p>\n<p>Dieser Auffassung wird von neoklassischer Seite vehement widersprochen. In neoklassischer Sicht m&uuml;ssen die Zuw&auml;chse der Reall&ouml;hne bei Arbeitslosigkeit immer so lange und so stark hinter der Produktivit&auml;tszunahme zur&uuml;ckbleiben, bis wieder Vollbesch&auml;ftigung hergestellt ist. Nur bei Vollbesch&auml;ftigung d&uuml;rfen die Reall&ouml;hne dann im Ausma&szlig; des Produktivit&auml;tsfortschritts steigen.<\/p>\n<p>Eine solche Empfehlung f&uuml;r die Lohnpolitik ist aus zwei Gr&uuml;nden problematisch: Erstens bedeutet sie im Ergebnis, dass der Anteil des Arbeitnehmerentgeltes am Volkseinkommen sinkt, solange Arbeitslosigkeit vorliegt, und, sollte die jemals abgebaut sein, der Anteil nie wieder auf sein altes Niveau steigt, d.h. dass sich die Verteilungssituation permanent zuungunsten der Arbeitnehmer ver&auml;ndert. Wenn die Lohnquote n&auml;mlich bei Arbeitslosigkeit sinkt und bei Vollbesch&auml;ftigung konstant bleibt, weist sie insgesamt einen abw&auml;rtsgerichteten Trend auf. Das ist jedoch absurd, weil die Lohnquote dann langfristig gegen Null geht.<\/p>\n<p>Zweitens aber &uuml;bersieht diese Empfehlung, dass die Reall&ouml;hne deshalb immer im gleichen Tempo wie die Produktivit&auml;t steigen m&uuml;ssen, weil nur so sichergestellt ist, dass die produzierten Konsumg&uuml;ter auch verkauft werden k&ouml;nnen. Zwar gibt es M&ouml;glichkeiten, den Zuwachs der Reall&ouml;hne unterhalb des Produktivit&auml;tszuwachses zu halten, aber diese Versuche k&ouml;nnen nicht nachhaltig sein, wie das US-amerikanische[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] und das deutsche &bdquo;Modell&ldquo; zeigen: In den USA hinkt die Entwicklung der Reall&ouml;hne bereits seit Jahrzehnten dem Produktivit&auml;tswachstum hinterher (Bibow 2014) und dennoch konnte die US-Wirtschaft in dieser Zeit wachsen.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Wie war das m&ouml;glich? Die &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; wurde in der Entwicklung und Verbreitung neuer Finanzierungstechniken (&bdquo;financial engineering&ldquo;) im Zuge der Deregulierung des Finanzsystems gefunden, mit deren Hilfe den privaten Haushalten und Unternehmen eine immer weiter wachsende Kreditlast aufgeb&uuml;rdet wurde. Niedrige Zinss&auml;tze und die aggressiven Marketing-Strategien der Finanzingenieure animierten vor allem die privaten Haushalte zu K&auml;ufen auf Kredit. Die Kreditausweitung und ein vermindertes Sparen[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] hielten die Kaufkraft der Arbeitnehmer aufrecht, obwohl das Reallohnwachstum &auml;u&szlig;erst schwach verlief. Zwar erm&ouml;glichte diese Strategie f&uuml;r einige Zeit ein fortgesetztes Konsumwachstum, aber sie war auf Dauer nicht tragf&auml;hig, da sie auf einer zunehmenden Verschuldung des Privatsektors und immer risikoreicheren Krediten basierte. Schlie&szlig;lich m&uuml;ndete die Entwicklung in die Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Jahr 2007 ihren Anfang nahm (Mitchell 2011, 2013).<\/p>\n<p>Auch in Deutschland ist die Entwicklung der Reall&ouml;hne seit Beginn der 1990er Jahre deutlich hinter dem Wachstum der Arbeitsproduktivit&auml;t zur&uuml;ckgeblieben und auch hier bestand die &bdquo;L&ouml;sung&ldquo; in einer wachsenden Verschuldung &ndash; allerdings nicht des heimischen Privatsektors, sondern des Auslands. Das hei&szlig;t, der Nachfrageausgleich zum deutschen Lohndumping wurde durch eine erh&ouml;hte Wettbewerbsf&auml;higkeit und daraus resultierende hohe Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse geschaffen, vor allem gegen&uuml;ber den W&auml;hrungspartnerl&auml;ndern. Wie die aus den au&szlig;enwirtschaftlichen Ungleichgewichten (anhaltende Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands, spiegelbildlich dazu Defizite der s&uuml;dlichen Eurol&auml;nder incl. Frankreichs) entstandene Eurokrise zeigt, ist auch die deutsche Methode der Abkoppelung des Reallohnwachstums vom Produktivit&auml;tsfortschritt hochgradig destruktiv.<\/p><\/li>\n<li><strong>Empirische Befunde zu den Effekten einiger Arbeitsmarktinstitutionen auf die Arbeitslosigkeit<\/strong>\n<p>Bevor wir uns den Reformen auf den G&uuml;term&auml;rkten zuwenden, soll noch kurz auf die Ergebnisse empirischer Analysen zu den Besch&auml;ftigungseffekten verschiedener Arbeitsmarktinstitutionen, deren Umgestaltung dringend angemahnt wird, eingegangen werden. Viele der empfohlenen Ma&szlig;nahmen zur &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; des Arbeitsmarktes &ndash; wie etwa die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes, die Reduzierung der H&ouml;he und Zahlungsdauer der Arbeitslosenunterst&uuml;tzung und die Verlagerung der Lohnverhandlungen auf die Betriebsebene &ndash; sind n&auml;mlich nicht neu, sondern stammen bereits aus den 1990er Jahren oder noch fr&uuml;heren Zeiten. Als Wegbereiter der Arbeitsmarktreformen kann eine &auml;u&szlig;erst einflussreiche Analyse der OECD aus dem Jahre 1994 gelten, die &bdquo;OECD Jobs Study&ldquo;, die f&uuml;r eine radikale Deregulierung der Arbeitsm&auml;rkte und damit f&uuml;r eine durchgreifende Reform bestehender Arbeitsmarktinstitutionen eintrat. Im Gefolge dieser OECD-Studie entstand eine gro&szlig;e Zahl an empirischen Untersuchungen, in denen der Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktinstitutionen (K&uuml;ndigungsschutzgesetzgebung, H&ouml;he und Dauer der Lohnersatzleistungen, Fl&auml;chentarifsystem) und Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich getestet wird. Diese empirischen Analysen verwenden oft komplexe sog. multivariate Modelle (h&auml;ufig Paneldatenregressionen), die die Bedeutung einzelner institutioneller Variablen unter Kontrolle einer Vielzahl weiterer Faktoren aufzudecken versuchen (vgl. dazu und zum Folgenden ausf&uuml;hrlicher Grunert 2008).<\/p>\n<p>Interessant an diesen Untersuchungen, die hier nat&uuml;rlich nicht im Einzelnen vorgestellt werden k&ouml;nnen, ist, dass sie nicht zu den von den Deregulierungs-Bef&uuml;rwortern erwarteten Ergebnissen gef&uuml;hrt haben. So stellen zahlreiche &ouml;konometrische Studien keinen signifikanten Einfluss der St&auml;rke des K&uuml;ndigungsschutzes auf die Arbeitslosenquote fest oder ermitteln sogar eine signifikant negative Beziehung zwischen den beiden Variablen (je geringer der K&uuml;ndigungsschutz, desto h&ouml;her die Arbeitslosigkeit). Was den Zusammenhang zwischen der Quote und der Dauer der Lohnersatzleistungen mit der Arbeitslosigkeit betrifft, sind die empirischen Ergebnisse uneinheitlich; zudem scheint die Wirkungsrichtung eher von der Arbeitslosigkeit zum Niveau der Lohnersatzleistungen zu laufen, d.h. nicht eine zu &bdquo;gro&szlig;z&uuml;gige&ldquo; Arbeitslosenunterst&uuml;tzung f&uuml;hrt zu mehr Arbeitslosigkeit, sondern es kommt umgekehrt &ndash; wie z.B. h&auml;ufig in den USA &ndash; zu einer Anhebung der H&ouml;he und\/oder Dauer der Unterst&uuml;tzungszahlungen als politische Reaktion auf eine Zunahme der Arbeitslosigkeit (vgl. Grunert 2008). Dessen ungeachtet wird den Euro-Krisenl&auml;ndern weiterhin munter eine Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes und eine Absenkung der Arbeitslosenunterst&uuml;tzung als Mittel zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit empfohlen.<\/p>\n<p>Vollends absurd aber ist, dass zu den geforderten Strukturreformen immer noch die st&auml;rkere Verlagerung der Lohnverhandlungen auf die betriebliche Ebene z&auml;hlt. So lobt etwa das deutsche BMF ausdr&uuml;cklich die spanische Arbeitsmarktreform, die als ein Hauptziel die &bdquo;Dezentralisierung der Lohnfindung Richtung Betriebsebene&ldquo;, also den &bdquo;Vorrang von Firmentarifvertr&auml;gen vor Fl&auml;chentarifvertr&auml;gen&ldquo; (Bundesfinanzministerium 2014a) verfolgt. Tats&auml;chlich weisen die oben erw&auml;hnten Untersuchungen zu den Auswirkungen von Arbeitsmarktinstitutionen auf die Arbeitslosigkeit, die nach Erscheinen der &bdquo;OECD Jobs Study&ldquo; durchgef&uuml;hrt wurden, genau in die entgegengesetzte Richtung. Die weit &uuml;berwiegende Zahl dieser empirischen Cross-Country-Analysen stellt n&auml;mlich einen negativen Zusammenhang zwischen dem Koordinierungsgrad der Lohnverhandlungen und der Arbeitslosenquote fest, d.h. ein h&ouml;herer Koordinationsgrad ist mit einem niedrigeren Arbeitslosigkeitsniveau verbunden, was aus theoretischer Sicht auch zu erwarten ist (dazu genauer Grunert 2004). Selbst die OECD sah sich schlie&szlig;lich nach Auswertung der ihrer Ansicht nach f&uuml;nfzehn wichtigsten empirischen Studien gen&ouml;tigt einzur&auml;umen: &bdquo;Die Mehrzahl der [&hellip;] Regressionsanalysen aus dem L&auml;ndervergleich kommt zu dem Schluss, dass ein hoher Grad des Korporatismus (d.h. eine starke Zentralisierung und\/oder Koordination der Tarifverhandlungen) mit einer geringeren Arbeitslosigkeit verbunden ist&ldquo; (OECD 2006, S. 85f).<\/p>\n<p>Dass vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse den Euro-Krisenl&auml;ndern dennoch eine st&auml;rker dezentralisierte Lohnsetzung zur Verbesserung der Arbeitsmarktsituation angeraten wird, l&auml;sst sich wohl nur noch ideologisch erkl&auml;ren.<\/p><\/li>\n<li><strong>Reformen auf den G&uuml;term&auml;rkten und weitere Reformen<\/strong>\n<p>Wie aber sieht es mit den anderen oben genannten Strukturreformen aus, also etwa der Liberalisierung freiberuflicher Dienstleistungen, der Reduzierung b&uuml;rokratischer Hemmnisse f&uuml;r Unternehmen, der F&ouml;rderung von Unternehmensgr&uuml;ndungen oder der Stellenstreichung in der &ouml;ffentlichen Verwaltung?<\/p>\n<p>Was die zuletzt genannte Ma&szlig;nahme (und ebenso die K&uuml;rzungen im Gesundheits- und Bildungswesen) betrifft, so l&auml;uft sie im Ergebnis auf nichts anderes hinaus als die Arbeitsmarktreformen, n&auml;mlich auf einen (weiteren) R&uuml;ckgang der Nachfrage unter der negativen Rahmenbedingung hoher Arbeitslosigkeit. Aber auch Reformma&szlig;nahmen wie B&uuml;rokratieabbau, Erleichterungen bei Unternehmensgr&uuml;ndungen oder Deregulierungen im Dienstleistungsbereich f&uuml;hren letztlich ins Leere, da sie nicht an der eigentlichen Krisenursache ansetzen, n&auml;mlich dem fundamentalen Nachfragemangel. Selbst wenn man einmal unterstellt, dass all diese Ma&szlig;nahmen tats&auml;chlich einen effizienzsteigernden Effekt haben, entfalten diese Effizienzgewinne ihre positive Wirkung erst dann, wenn eine effektive (zahlungsf&auml;hige) Nachfrage nach den G&uuml;tern entsteht, die nun effizienter produziert werden k&ouml;nnten als zuvor: &bdquo;Verbesserte Produktionsbedingungen steigern nur die Nachfragew&uuml;nsche aller Beteiligten, sie geben niemals den entscheidenden Ansto&szlig;, aus einer dramatischen Abw&auml;rtsentwicklung wieder aufzutauchen&ldquo; (Flassbeck\/Spiecker 2013).<\/p>\n<p>Letztendlich ignoriert die Vorstellung, man m&uuml;sse nur die Produktionsbedingungen verbessern und die zahlungsf&auml;hige Nachfrage komme dann von alleine, eine grundlegende makro&ouml;konomische Erkenntnis, nach der auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gilt: Gesamtausgaben = Gesamteinnahmen = gesamter Output (volkswirtschaftliche Gesamtproduktion), wobei der Gesamtoutput wiederum die Gesamtbesch&auml;ftigung bestimmt. Eine Volkswirtschaft kann nur wachsen, wenn die Ausgaben wachsen, d.h. die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt. Dies erfordert eine L&ouml;sung von der Nachfrageseite her, ganz unabh&auml;ngig von den Verh&auml;ltnissen auf der Angebotsseite.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p>\n<p>Ver&auml;nderte Strukturen entwickeln also niemals aus sich heraus Nachfrage. Es ist wenig plausibel anzunehmen, dass in einem krisengesch&uuml;ttelten EWU-Land irgendwelche Deregulierungsma&szlig;nahmen oder ein B&uuml;rokratieabbau dazu f&uuml;hren, dass die Unternehmen freudig ihre Investitionen ausweiten und Neueinstellungen vornehmen und gleichzeitig die privaten Haushalte begeistert ihre Konsumausgaben erh&ouml;hen, obwohl die wirtschaftliche Lage miserabel ist: Eine extrem schwache Kapazit&auml;tsauslastung, fehlende positive Signale f&uuml;r Investoren von den Absatzm&auml;rkten (allenfalls negative Signale, wenn etwa der B&uuml;rokratieabbau weitere Arbeitspl&auml;tze kostet), eine hohe Arbeitslosigkeit sowie stagnierende oder sogar sinkende Einkommen der privaten Haushalte gehen mit negativen Zukunftserwartungen einher. Alle Strukturreformen in den Krisenl&auml;ndern verpuffen wegen einer tiefen Verunsicherung von Unternehmen und Konsumenten und einer fehlenden Aussicht auf baldige Verbesserung der wirtschaftlichen Situation wirkungslos (oder richten sogar Schaden an), d.h. sie tragen nichts zur &Uuml;berwindung der eklatanten Nachfragekrise bei.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit<\/strong>\n<p>Die Eurokrise ist nicht das Ergebnis angebotsseitiger Hemmnisse, die durch Strukturreformen beseitigt werden m&uuml;ssen. Im Euroraum waren im August 2014 18,3 Millionen Menschen arbeitslos und die vorhandenen Kapazit&auml;ten vor allem in den Krisenl&auml;ndern stark unterausgelastet. Diese brachliegenden Ressourcen lassen sich nur durch steigende Ausgaben, d.h. eine Nachfrageausweitung, wieder produktiv nutzen, und solange der Privatsektor in den betroffenen L&auml;ndern dazu allein nicht in der Lage ist, muss der Staat eingreifen und seine Ausgaben erh&ouml;hen.<\/p>\n<p>Das dramatische Ausma&szlig; der Nachfragekrise in der EWU wird in der folgenden Abbildung deutlich.<\/p>\n<p><em>Abbildung 1: Entwicklung der realen Inlandsnachfrage im Euroraum<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141016_strukturreformen_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p>Quelle: Mitchell 2014 <\/p>\n<p>Danach ist von 2008 bis 2013 die reale Inlandsnachfrage in den Euro-Krisenl&auml;ndern &ndash; besonders in Griechenland und Irland &ndash; drastisch gesunken. Auch die reale Inlandsnachfrage im Euroraum insgesamt (Euro18) verzeichnet in diesem Zeitraum einen R&uuml;ckgang. Wer ernsthaft glaubt, diese massive Nachfrageschw&auml;che durch irgendwelche Arbeits- oder G&uuml;termarktreformen wie die Reduzierung des Mindestlohns oder die Liberalisierung des Transportmarktes &uuml;berwinden zu k&ouml;nnen, leidet entweder an Realit&auml;tsverlust oder aber an ideologischer Verblendung.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Bibow, J.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/abo-preview-preisniveaustabilitaet-in-amerika-totenstille-an-der-lohnfront-teil-2\/\">Preisniveaustabilit&auml;t in Amerika: Totenstille an der Lohnfront (Teil 2)<\/a>, 12. Mai 2014; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Bundesfinanzministerium<\/strong> (2014a): <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Standardartikel\/Themen\/Europa\/Stabilisierung_des_Euro\/Zahlen_und_Fakten\/lage-des-euroraums-laenderanalyse.html?view=renderPrint\">Lage des Euroraums: L&auml;nderanalyse<\/a>, 25.02.2014; letzter Zugriff: 10.10.2014<\/li>\n<li><strong>Bundesfinanzministerium<\/strong> (2014b): <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Monatsberichte\/2014\/09\/Inhalte\/Kapitel-3-Analysen\/3-1-euroraum-reformprozess-europa.html?view=renderPrint\">Aktuelle Lage im Euroraum (1): Zum Stand des Reformprozesses im Euroraum insgesamt<\/a>, 22.09.2014; letzter Zugriff: 10.10.2014<\/li>\n<li><strong>European Commisson<\/strong> (2012): <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/publications\/european_economy\/2012\/pdf\/ee-2012-5_en.pdf\">Labour Market Developments in Europe [PDF &ndash; 4.3 MB]<\/a>, 2012; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Flassbeck, H.\/Spiecker, F.<\/strong> (2013): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/angebotspolitik-als-ersatz-fur-nachfragepolitik-teil-ii\/\">Angebotspolitik als Ersatz f&uuml;r Nachfragepolitik? Teil II<\/a>, 6. Mai 2013; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Grunert, G.<\/strong> (2003): Lohnniveau und Besch&auml;ftigung, in: WSI-Mitteilungen 6\/2003, S. 353-359<\/li>\n<li><strong>Grunert, G.<\/strong> (2004): Der Fl&auml;chentarif in der Kritik, in: WSI-Mitteilungen 11\/2004, S.596-602<\/li>\n<li><strong>Grunert, G.<\/strong> (2008): Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitslosigkeit, in: WSI-Mitteilkungen 4\/2008, S. 191-197<\/li>\n<li><strong>Harcourt, G. C.<\/strong> (1972): Some Cambridge Controversies in the Theory of Capital, Cambridge<\/li>\n<li><strong>Heine, M.\/Herr, H.<\/strong> (2013): Volkswirtschaftslehre &ndash; Paradigmenorientierte Einf&uuml;hrung in die Mikro- und Makro&ouml;konomie, M&uuml;nchen<\/li>\n<li><strong>Mitchell, B.<\/strong> (2011): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=16992\">A radical redistribution of income undermined US entrepreneurship<\/a>; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Mitchell, W.<\/strong> (2013): <a href=\"http:\/\/e1.newcastle.edu.au\/coffee\/pubs\/wp\/2013\/13-02.pdf\">Full employment abandoned: the triumph of ideology over evidence, CofFEE Working Paper No. 02-13 [PDF &ndash; 301 KB]<\/a>, April 2013; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Mitchell, B.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=29029\">European Employment Strategy &ndash; barely a new job in sight<\/a>; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>Minsky, H. P.<\/strong> (1992): <a href=\"http:\/\/digitalcommons.bard.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1035&amp;context=hm_archive\">Prices in a Capital Using Capitalist Economy II, Hyman P. Minsky Archive<\/a>, Paper 36; letzter Zugriff: 08.10.2014<\/li>\n<li><strong>OECD<\/strong> (2006): OECD-Besch&auml;ftigungsausblick &ndash; Mehr Arbeitspl&auml;tze, h&ouml;here Einkommen, Paris<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Grunert, G&uuml;nther, Dr., geb. 1955, ist an den Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabr&uuml;ck am Pottgraben vor allem im Bereich Berufs- und Fachoberschule Wirtschaft t&auml;tig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Makro&ouml;konomie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ein herzlicher Dank f&uuml;r wertvolle Anmerkungen zu diesem Beitrag geht wiederum an Friederike Spiecker.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Vorausgesetzt wird hier, dass die Arbeitnehmerhaushalte ihre Sparquote nicht verringern.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Theoretisch denkbar w&auml;re zudem, dass die Nachfrage aus dem Ausland so stark anzieht, dass dadurch die gesunkene inl&auml;ndische Konsumnachfrage kompensiert wird. Da aber annahmegem&auml;&szlig; das inl&auml;ndische Preisniveau zun&auml;chst nicht sinkt, l&auml;sst sich eine steigende Auslandsnachfrage nicht schl&uuml;ssig herleiten.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Nicht n&auml;her eingegangen wird hier auf die neoklassische Arbeitsmarkttheorie, nach der bei sinkendem Reallohnsatz die Nachfrage nach Arbeit steigt, da die Unternehmen dann arbeitsintensiver produzieren. Es ist verwunderlich, dass diese genauso schlichte wie abstruse Theorie immer noch vertreten wird, obgleich bereits in den 1960er Jahren die sog. Cambridge (Engl.)-Cambridge (Mass.)-Kontroverse logisch unstrittig gezeigt hat, dass sich makro&ouml;konomisch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Reallohnh&ouml;he, Technikwahl und Besch&auml;ftigungsniveau herleiten l&auml;sst, selbst wenn man die (zweifelhaften) Modellannahmen der neoklassischen Makro&ouml;konomie ohne Wenn und Aber akzeptiert. Die Behauptung, dass sinkende Reall&ouml;hne zwingend eine Substitution von Kapital zugunsten von Arbeit und damit eine steigende Besch&auml;ftigung zum Ergebnis h&auml;tten, ist deshalb nicht aufrechtzuerhalten. Vgl. dazu genauer Harcourt 1972; Heine\/Herr 2013, S. 234-267; Grunert 2003.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Die USA sind hier nur exemplarisch gew&auml;hlt. F&uuml;r viele andere Industrienationen gilt ein &auml;hnliches &bdquo;Modell&ldquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Dies ist besonders erstaunlich in den Jahren 1998 bis 2001, in denen die USA zus&auml;tzlich staatliche Haushalts&uuml;bersch&uuml;sse verzeichneten, die einen negativen Effekt auf die Gesamtnachfrage und das Wirtschaftswachstum aus&uuml;ben. Dennoch war das BIP-Wachstum in den USA in diesem Zeitraum beachtlich (mit Ausnahme des Jahres 2001).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Die Sparquote der privaten Haushalte ist in den USA bereits seit Beginn der 1980er Jahre deutlich gesunken. Schon Anfang der 1990er Jahre hatte die Abh&auml;ngigkeit der Konsumausgaben von den Lohneinkommen der Haushalte deutlich abgenommen, auch durch die starke Zunahme der Kreditkarten und die damit verbundene gr&ouml;&szlig;ere Verf&uuml;gbarkeit von Krediten. Vgl. Minsky 1992, S. 5f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Wenn Angebotsengp&auml;sse einen Aufw&auml;rtsdruck auf die Preise aus&uuml;ben, m&ouml;gen bestimmte Strukturreformen, die mehr Flexibilit&auml;t und damit eine bessere Ressourcennutzung erlauben, sinnvoll sein. Im Euroraum besteht aber keine Inflations-, sondern ganz im Gegenteil eine Deflationstendenz. In einer solchen Situation mit deutlich unterausgelasteten Kapazit&auml;ten (vor allem in den Euro-Krisenl&auml;ndern) verst&auml;rken Strukturreformen noch den Abw&auml;rtsdruck auf die Preise, da sie weitere Produktionskapazit&auml;ten freisetzen, die nicht mehr ausgelastet werden k&ouml;nnen. Die Krise wird nicht &uuml;berwunden, sondern versch&auml;rft (vgl. <a href=\"http:\/\/norberthaering.de\/index.php\/de\/newsblog2\/27-german\/news\/131-strukturreformdiskussion#1-weiterlesen\">dazu auch hier<\/a>).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann immer hierzulande in Politik, Medien und Wissenschaft &uuml;ber die Eurokrise diskutiert wird, darf ein Begriff nicht fehlen, n&auml;mlich derjenige der &bdquo;Strukturreformen&ldquo;.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Das Wort &bdquo;Strukturreform&ldquo; ist f&uuml;r den Mainstream so etwas wie das Zauberwort der Krisenl&ouml;sung, klingt es doch so sch&ouml;n nach grundlegenden, ja radikalen Ma&szlig;nahmen und damit nach dem Gegenteil von nur<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23608\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,13,139,157],"tags":[290,284,499,319,233,312,402],"class_list":["post-23608","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-binnennachfrage","tag-deregulierung","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23608","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23608"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23608\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53862,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23608\/revisions\/53862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23608"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23608"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23608"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}