{"id":23631,"date":"2014-10-17T15:26:35","date_gmt":"2014-10-17T13:26:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23631"},"modified":"2019-07-05T10:42:46","modified_gmt":"2019-07-05T08:42:46","slug":"griechenland-regierungspolitik-als-verlogene-pr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23631","title":{"rendered":"Griechenland: Regierungspolitik als verlogene PR"},"content":{"rendered":"<p>Die Glorifizierung der eigenen Erfolge durch die Regierung Samaras gegen&uuml;ber den Griechen und gegen&uuml;ber dem Ausland scheitert zunehmend an den Realit&auml;ten. Die Regierungsparteien Nea Demokratia und Pasok st&uuml;rzen in den Umfragen ab. Die Vertrauensabstimmung im September zeigte alles andere als einen Vertrauensbeweis im Parlament. Nach dem wahrscheinlichen Scheitern der Wahl eines neuen Staatspr&auml;sidenten k&ouml;nnte es im M&auml;rz 2015 zu Neuwahlen kommen.<br>\nTrotz eines erwarteten Wachstums von 0,6% ist ein Ende der Krise nicht absehbar; keine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt, um sich greifende Armut und die staatliche Gesamtverschuldung von 177% gemessen am BIP lassen das angek&uuml;ndigte Ende der Hilfsprogramme in weite Ferne r&uuml;cken. Die Haushalte 2015\/16 sind selbst mit den noch zugesagten ESF-Mitteln nicht gedeckt. Die Steuerr&uuml;ckst&auml;nde addieren sich auf 68 Milliarden, die nicht bezahlten Steuern steigerten sich auf eine Summe von einer Milliarde monatlich! Reiche genie&szlig;en eine &bdquo;verkappte Immunit&auml;t&ldquo;. Die versteckten Defizite, etwa bei den Sozialkassen wachsen und die Privatisierungserl&ouml;se liegen weit unter den Erwartungen.<br>\nImmer mehr Experten halten einen &bdquo;echten&ldquo; Schuldenschnitt f&uuml;r unumg&auml;nglich. So auch &bdquo;Schatten-Regierungschefs&ldquo; Alexis Tsipras, dessen Oppositionspartei Syriza laut Umfragen derzeit mehr W&auml;hlerstimmen bekommen k&ouml;nnte, als beide Regierungsparteien zusammen. Aus purer Verzweiflung fl&uuml;chtet sich die Regierung in Panikmache vor einem Wahlsieg der Opposition. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nEine Karikatur vom 9. Oktober in der Zeitung Kathimerini bringt den Zustand im griechischen Parlament auf den Punkt: Ein Unschuldsengel namens &bdquo;Wahrheit&ldquo; n&auml;hert sich dem Plenarsaal, um sich an der Parlamentsdebatte zu beteiligen. Ein Bediensteter stoppt den Eindringling mit erhobenen H&auml;nden und dem Ruf: <a href=\"http:\/\/www.kathimerini.gr\/787209\/sketch\/epikairothta\/politikh\/skitso-toy-hlia-makrh\">&bdquo;Wir sind voll&ldquo;<\/a>.<\/p><p>F&uuml;r die Wahrheit ist in der griechischen &bdquo;Vouli&ldquo; kein Platz, will der Karikaturist Ilias Makris sagen. Nun gibt es in der ganzen Welt kein Parlament, in dem st&auml;ndig oder auch nur vorwiegend die Wahrheit gesagt w&uuml;rde. Und dennoch trifft Makris den Nagel auf den Kopf. Die Debatte der letzten Woche war tats&auml;chlich die verlogenste, die das Parlament am Syntagma-Platz seit Beginn der gro&szlig;en Krise im Herbst 2009 erlebt hat. Was einiges hei&szlig;en will.<\/p><p>Die Abgeordneten diskutierten zwei Tage lang &uuml;ber eine Vertrauensfrage, die die Regierung selbst gestellt hatte. Angeblich ging es also um Leben oder Sterben der Koalition aus ND und Pasok, mit der m&ouml;glichen Folge von Neuwahlen. Aber was passierte? Der Termin war so gelegt, dass Regierungschef  Samaras zum Arbeitslosigkeits-Gipfel der EU nach Mailand reisen musste und  die Begr&uuml;ndung des Antrags seinem Gesundheitsminister Voridis &uuml;berlassen konnte.  Das Plenum war w&auml;hrend der zwei Tage dauernden Debatte meist  g&auml;hnend leer. Und die griechischen W&auml;hler nahmen das verbale Getue im Parlament erst gar nicht zur Kenntnis. Den meisten war klar, dass Samaras und sein Vize Venizelos  die Vertrauensfrage gar nicht erst gestellt h&auml;tten, wenn auch nur die winzigste Chance eines Scheiterns bestanden h&auml;tte. <\/p><p>Der &bdquo;Sieg&ldquo; der Regierung im Parlament, das in der Nacht zum Samstag  mit 155 von 300 Stimmen f&uuml;r den Fortbestand der Koalition stimmte, zeigt vor allem eines:  dass sich das &bdquo;politische Leben&ldquo; in Griechenland vor allem auf der PR-Ebene abspielt. Wobei h&auml;ufig gar nicht klar ist, auf welche Adressaten die propagandistischen Botschaften zielen. Sicher ist nur, dass die PR-&Uuml;bungen der Regierung mit der gesellschaftlichen Realit&auml;t wenig zu tun, sich vom wirklichen Leben der Menschen fast v&ouml;llig verselbst&auml;ndigt haben. &bdquo;Regierung von einem anderen Planeten&ldquo; titelte die Elevtherotypia nach der Abstimmung. Das d&uuml;rfte ein Gro&szlig;teil der griechischen Bev&ouml;lkerung genau so sehen.<\/p><p><strong>Absturz der Koalitionspartner in den Umfragen und der Ruf nach einer &bdquo;nationalen Notregierung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Was also war der Zweck der &Uuml;bung? Ein Sinn erschlie&szlig;t sich nur, wenn man die missliche Lage der Regierung betrachtet, die eine schreckliche Umfrage nach der anderen serviert bekommt. Wobei man kaum sagen kann, welcher der beiden Koalitionspartner verzweifelter ist: die konservative ND, die nach den Umfragen der ersten Oktoberh&auml;lfte um 6 bis 7 Prozent Prozent hinter der oppositionellen Syriza zur&uuml;ck liegt; oder die Pasok, die nicht einmal mehr auf 5 Prozent kommt und von inneren Gegens&auml;tzen und Selbstzweifeln gemartert wird. Nach diesen Umfragen w&uuml;rden ND und Pasok zusammen auf weniger W&auml;hlerstimmen kommen als die Syriza allein. Das macht die F&uuml;hrungszirkel beider Parteien nerv&ouml;s und  mindert die Bereitschaft ihrer Gefolgschaft, weitere unpopul&auml;re Ma&szlig;nahmen zu beschlie&szlig;en. Vor allem in der Pasok-Fraktion mehren sich die Stimmen, die angesichts der schwindenden Akzeptanz der Koalition laut &uuml;ber eine &bdquo;nationale Notregierung&ldquo; nachdenken, wie sie bereits mehrere unabh&auml;ngigen Abgeordnete vorgeschlagen haben. Als Vorbild dient dabei das &Uuml;bergangskabinett unter dem Technokraten Lukas Papadimos, das Griechenland von November 2011 bis zu den Parlamentswahlen vom Mai 2012 regiert hatte. Von dieser Idee kursieren unterschiedliche Versionen, die nur einen gemeinsamen Nenner haben: die Abl&ouml;sung von Samaras und Venizelos.<\/p><p><strong>Vertrauensabstimmung ohne Vertrauensbeweis<\/strong><\/p><p>Angesichts solcher Stimmungen wollten die beiden Parteif&uuml;hrer demonstrieren, dass sie ihre Gefolgschaft noch zusammenhalten k&ouml;nnen. Doch das  &bdquo;Vertrauen&ldquo; ihrer Parlamentarier l&auml;sst sich nur einfordern, wenn es nicht durch konkrete Beschl&uuml;sse strapaziert wird. Wie schwer unpopul&auml;re Ma&szlig;nahmen den Parlamentariern zu verkaufen sind, hat sich zuletzt bei der Verabschiedung einer Neufassung des Gesetzes &uuml;ber eine &bdquo;Einheitliche Immobilienbesitzsteuer&ldquo; (ENFIA) gezeigt. Das Gesetz wurde am 11. September w&auml;hrend der Parlamentsferien durch ein Gremium beschlossen, das nur die H&auml;lfte der Abgeordneten umfasst. Kurz vor der Abstimmung hat die ND-F&uuml;hrung sechs Abgeordnete vorsichtshalber &bdquo;ausgewechselt&ldquo;, um &bdquo;unsichere Kantonisten&ldquo; fernzuhalten, die das Gesetz &ouml;ffentlich kritisiert hatten. <\/p><p>Samaras muss also bestrebt sein, den beiden Regierungsfraktionen weitere unpopul&auml;re Entscheidungen zu ersparen. Die Efimerida ton Syntakton (EfSyn, eine linke Tageszeitung, die ihren Redakteuren geh&ouml;rt) vergleicht die parlamentarische Basis der Koalition mit einem Fundament aus &bdquo;Treibsand&ldquo;, das im Grunde nicht mehr belastbar ist. Wie stabil die knappe Regierungsmehrheit derzeit noch ist, wird sich erst bei den bis Mitte Dezember f&auml;lligen Abstimmungen zeigen, zum Beispiel bei der Verabschiedung des Staatshaushalts f&uuml;r 2015. So gesehen hat sich die Regierung mit der Vertrauensabstimmung nur ein eine kleine Atempause erkauft. <\/p><p><strong>Die wirkliche Vertrauensfrage stellt sich in Br&uuml;ssel und Berlin<\/strong><\/p><p>Die eigentliche Vertrauensfrage  &ndash; wissen n&uuml;chterne Beobachter &ndash; m&uuml;ssen Samaras und Venizelos in Berlin und Br&uuml;ssel stellen. Hier sind neuerdings, wie bei anderen EU-Partnern, die Zweifel an der &Uuml;berlebensf&auml;higkeit der Regierung Samaras gewachsen. Das musste Samaras bei seinem j&uuml;ngsten Berlin-Besuch vom 23. September erfahren, wo man ihn mit ermunternden Worten bedachte, nicht aber mit den erhofften Zusagen &uuml;ber einen &bdquo;weichen Schuldenerlass&ldquo;, etwa in Form von niedrigeren Zinsen und verl&auml;ngerten Tilgungsfristen f&uuml;r die Kredite aus dem Euro- Krisenfonds ESM. Stattdessen gab es nur&bdquo; Allgemeinpl&auml;tze&ldquo;, aber &bdquo;keine handfesten Ergebnisse&ldquo;, befand die EfSyn nach dem Termin bei der deutschen Bundeskanzlerin. <\/p><p>Nach einem Bericht in der Elevtherotypia (12. Oktober) war das &bdquo;Fiasko&ldquo; von Berlin der letzte Ansto&szlig; f&uuml;r Samaras und Venizelos, die  Vertrauensfrage im Parlament zu stellen. In Athen gehen viele Beobachter ohnehin davon aus, dass diese PR-Aktion auch und vor allem an die skeptischen oder misstrauischen &bdquo;Partner&ldquo; der Samaras-Regierung im Ausland adressiert war. <\/p><p><strong>Panikmache vor der Oppositionspartei Syriza<\/strong><\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r die D&auml;monisierung,  die Samaras und seine engsten Berater gegen die linke Oppositionspartei Syriza und ihren &bdquo;Schatten-Regierungschefs&ldquo; Alexis Tsipras betreiben, und die sie in den letzten Wochen noch versch&auml;rft haben. In dieser Kampagne schlagen Samaras und seine Wadenbei&szlig;er inzwischen so schrille T&ouml;ne an, dass die Wirkung ins Gegenteil umzuschlagen droht. So t&ouml;nte Samaras im Parlamentscaf&eacute; lauthals, ein Syriza-Sieg w&uuml;rde einen &bdquo;Run auf die Banken&ldquo; ausl&ouml;sen. Der ND-Fraktionsvorsitzende Georgiadis ging noch einen Schritt weiter. In einer TV-Diskussion am 22. September gab der Rechtspopulist (der wie Voridis von der rechtsradikalen Laos-Partei zur ND &uuml;bergelaufen ist) seinen Landsleuten den patriotischen Ratschlag, ihre Konten zu pl&uuml;ndern, falls die Samaras-Regierung abgel&ouml;st werde.<\/p><p>Solche Spr&uuml;che, die selbst konservative Wirtschaftskreise bedenklich finden, sieht man inzwischen auch im EU-Ausland als Zeichen purer Verzweiflung einer vom Scheitern bedrohten Koalition. Dabei begreift man in Europas Hauptst&auml;dten sehr wohl, dass inhaltsleere PR-Aktionen wie das Vertrauensvotum vom 11. Oktober den Zeitpunkt f&uuml;r griechische Neuwahlen nicht mehr lange hinausschieben k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Neuwahlen aufgrund des Scheiterns der Wahl eines neuen Staatspr&auml;sidenten<\/strong><\/p><p>Dieser Zeitpunkt kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit im M&auml;rz 2015, im Gefolge der im Februar anstehenden Wahl eines neuen Staatspr&auml;sidenten durch das Parlament. Sollte der Kandidat der Koalition auch im dritten Wahlgang nicht drei F&uuml;nftel der Stimmen (also 180 von 300) auf sich vereinigen, w&uuml;rde das Parlament nach Artikel 32, Abs.4 binnen zehn Tagen aufgel&ouml;st &ndash; mit der unmittelbaren Folge von Neuwahlen (&uuml;ber den Wahlmodus und seine Implikationen siehe auch NDS vom 17. Januar 2014). Bis vor kurzem konnte die Regierung noch hoffen, die fehlenden 25  Stimmen aus dem Reservoir der parteilosen bzw. unabh&auml;ngigen Abgeordneten zu gewinnen. Auf diese Gruppe zielten auch die Namen, die von der Regierung als m&ouml;gliche Nachfolger des scheidenden Pr&auml;sidenten Karolos Papoulias in Umlauf gebracht wurden. Bis zur Sommerpause waren dies geachtete Pers&ouml;nlichkeit der Linken &ndash; wie der Dimar-Vorsitzende Fotis Kouveli -, der wom&ouml;glich auch f&uuml;r Syriza-Abgeordnete w&auml;hlbar w&auml;re. Doch seit August mehren sich innerhalb der ND die Stimmen f&uuml;r einen markant rechten Kandidaten (innerhalb oder au&szlig;erhalb der ND), der Stimmen aus den Reihen der nationalistisch-populistischen Partei der &bdquo;Unabh&auml;ngigen Hellenen&ldquo; (Anel) einfangen k&ouml;nnte. <\/p><p>Solche Hoffnungen auf eine &bdquo;Pr&auml;sidentenmehrheit&ldquo; wurden durch das Vertrauensvotum vom 11. Oktober allerdings weiter untergraben. Wenn diese Abstimmung (wie informierte Beobachter versichern) auch als ein Test gedacht war, ob die Regierung bei der Wahl eines neuen Staatspr&auml;sidenten Anfang 2015 im Parlament die 180 Stimmen zu organisieren und damit vorzeitige Neuwahlen zu  verhindern vermag, so ist dieser Test in die Hose gegangen. Die Koalition konnte jenseits der 155 Stimmen, &uuml;ber die sie nach der R&uuml;ckkehr des &bdquo;abtr&uuml;nnigen&ldquo; Nikos Kaklamanis in die ND-Fraktion verf&uuml;gt, keine zus&auml;tzliche Unterst&uuml;tzung gewinnen. Auch zu einer Enthaltung konnten sich nur zwei der unabh&auml;ngigen Abgeordneten durchringen, ein weiterer blieb der Abstimmung fern. Selbst wenn diese drei f&uuml;r einen Pr&auml;sidenten der Koalition stimmen sollten, w&uuml;rden zu der qualifizierten Mehrheit von 180 Abgeordneten immer noch 22 Stimmen fehlen. Und von f&uuml;nf bis sechs dieser Parlamentarier wei&szlig; man, dass sie die Samaras-Regierung auf keinen Fall an der Macht halten wollen. <\/p><p><strong>Siegt die Hoffnung &uuml;ber die Wirklichkeit?<\/strong><\/p><p>Angesichts der zunehmenden Wahrscheinlichkeit nationaler Wahlen im M&auml;rz 2015 sind alle Aktionen und Ank&uuml;ndigungen der Regierung bereits als Teil eines Wahlkampfes zu sehen, der fast schon verzweifelt aufs Ganze geht. Und dessen Hauptmerkmal darin besteht, dass die Hoffnung &uuml;ber die Wirklichkeit siegt, w&auml;hrend die Wahrheit &ndash; wie bei der Vertrauensdebatte in der Vouli &ndash; auf der Strecke bleibt.<\/p><p>Das gilt zumal f&uuml;r die Ank&uuml;ndigungen des Regierungschefs, die ein &uuml;beraus gesch&ouml;ntes Bild der griechischen Wirklichkeit zeichnen. Seit seiner programmatischen Rede bei der Er&ouml;ffnung der Messe von Thessaloniki Anfang September hat sich Samaras in ein Programm verstiegen, das auf waghalsigen Annahmen beruht, aus denen er ebenso k&uuml;hne Versprechen ableitet: Zum einen sei Griechenland bereits auf dem Weg zu stabilem Wachstum und steigenden Besch&auml;ftigungszahlen, und in naher Zukunft w&uuml;rden selbst die L&ouml;hne steigen. Zum anderen schaffe der &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt den Spielraum f&uuml;r Steuererleichterungen, die bereits im n&auml;chsten Haushalt veranschlagt w&uuml;rden. Als Highlight des Programms verk&uuml;ndete er einen Fahrplan zum vorzeitigen Ausstieg aus dem &bdquo;Memorandums&ldquo;-Regime. Griechenland stehe vor einer geregelten &bdquo;Scheidung&ldquo; von der Troika. Das Ende der von der &bdquo;Troika&ldquo; (EU-Kommission, EZB und IWF) verordneten und beaufsichtigten Sparpolitik stehe unmittelbar bevor, denn das Land sei auf weiteres Hilfspaket nicht mehr angewiesen.<\/p><p>Den letzten Punkt hat Samaras dahingehend pr&auml;zisiert, dass seine Regierung das Kreditprogramm des IWF, die eigentlich bis Ende 2016 weiterlaufen, schon zum Jahresende 2014 aufk&uuml;ndigen werde. W&auml;hrend er mit EU und EZB das schrittweise Herausschleichen aus der strengen Haushaltskontrolle aushandeln werde. Die durch den Verzicht auf die IWF-Kredite entstehende L&uuml;cke bei der Haushaltsfinanzierung soll durch die Erl&ouml;se f&uuml;r griechische Staatspapiere finanziert werden, sprich &uuml;ber eine &bdquo;R&uuml;ckkehr auf die Finanzm&auml;rkte&ldquo;. In einem Interview mit Bloomberg wurde Samaras gefragt, wie sicher er sei, dass Griechenland ohne neue Hilfspakete &uuml;berleben kann. Seine Antwort: &bdquo;absolut&ldquo;. <\/p><p><strong>Skepsis der Regierten<\/strong><\/p><p>Wie begr&uuml;ndet dieses Selbstvertrauen ist und wieviel Realit&auml;tsgehalt in diesem fabelhaft klingenden Samaras-Programm steckt, wird im Folgenden untersucht. Vorweg jedoch sei auf die gro&szlig;e Kluft zwischen der &bdquo;absoluten&ldquo; Zuversicht des Regierungschefs und der relativen Skepsis der Regierten verwiesen. Aus mehreren Umfragen der letzten Wochen (Pew Research, Metron Analysis und  Mazedonische Universit&auml;t Thessaloniki) geht hervor, dass allenfalls ein Viertel der Bev&ouml;lkerung eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erwartet, w&auml;hrend etwa die H&auml;lfte mit einer Verschlechterung rechnet. Und allenfalls ein F&uuml;nftel der Befragten h&auml;lt das Wirtschaftsprogramm der Regierung f&uuml;r glaubw&uuml;rdig. Dagegen ist f&uuml;r 98 Prozent die Arbeitslosigkeit das gr&ouml;&szlig;te Problem, das eine gro&szlig;e Mehrheit auch als ganz pers&ouml;nliche Bedrohung sieht. <\/p><p><strong>Betrachten wir jetzt der Reihe nach die wichtigsten Planken der regierungsoffiziellen Zuversicht:<\/strong>  <\/p><p><strong>1. Ende der Krise?<\/strong><\/p><p>Die Behauptung, die wirtschaftliche Depression sei bereits &uuml;berwunden, st&uuml;tzt sich auf das erwartete Wirtschaftswachstum dieses Jahres von 0,6 Prozent.  Diese Erwartung lebt vor allem von den Touristenzahlen dieses Sommers, die noch h&ouml;her lagen als die Prognosen. Auf Basis der um 16 Prozent gestiegenen Anzahl ausl&auml;ndischer Touristen in den ersten acht Monaten, rechnet die Branche f&uuml;r 2014 mit 19,5 Millionen ausl&auml;ndischer Ferieng&auml;ste gegen&uuml;ber 17,9 Millionen in der Saison 2013. Die damit erzielten Einnahmen werden allerdings nur von 13 Milliarden auf 13,5 Milliarden Euro steigen. Denn die Urlauber machten im Durchschnitt k&uuml;rzere Ferien und gaben pro Kopf weniger Geld aus (unter anderem deshalb, weil sie einen Gro&szlig;teil ihres Reisebudgets schon bei einem nichtgriechischen Tourismuskonzern abgeliefert haben). <\/p><p>Die Zahl der ausl&auml;ndischen Touristen liefert ohnehin ein gesch&ouml;ntes Bild einer Branche, die den dramatischen R&uuml;ckgang der griechischen Ferieng&auml;ste zu verkraften hat. Zudem ist die neue Rekordzahl ausl&auml;ndischer Urlauber keineswegs eine Nachhaltigkeitsgarantie: Die bef&uuml;rchtete &ouml;konomische Stagnation im EU-Raum w&uuml;rde den finanziellen Spielraum f&uuml;r Ferienreisen wieder einschr&auml;nken, und eine Rezession in Russland (mit oder ohne Ukraine-Krise) d&uuml;rfte den Strom russischer Mittelklasse-Touristen eind&auml;mmen, der schon dieses Jahr entt&auml;uschend war.<\/p><p>Noch wichtiger ist ein anderer Punkt: Die &Uuml;berbetonung des Tourismus-Sektors verdeckt, dass es ansonsten f&uuml;r die griechische Wirtschaft wenig Hoffnungszeichen gibt. Die industrielle Produktion ist in den letzten 12 Monaten um 4,4 Prozent zur&uuml;ckgegangen. Und auch die viel beschworenen Export-Offensive l&auml;sst auf sich warten: Die Ausfuhr industrieller Produkte hat nicht wie erhofft zugelegt, sondern ist leicht r&uuml;ckl&auml;ufig. Die eindrucksvolle Steigerung der Exportquote in den Sommermonaten spiegelt ausschlie&szlig;lich den touristischen Konsum der Ausl&auml;nder, der statistisch als Export von Dienstleistungen verbucht wird. Eine genauere Auswertung der neuesten Daten bei <a href=\"http:\/\/www.macropolis.gr\/?i=portal.en.economy.1516\">Macropolis<\/a> ergibt einen ern&uuml;chternden Befund: Zum einen steht die Erholung der Industrieproduktion auf h&ouml;chst unsicherer Basis; zum anderen geht die Besch&auml;ftigung in diesem Sektor weiter zur&uuml;ck. Das wird sich in absehbarer Zeit schon deshalb nicht &auml;ndern, weil eine Belebung der Nachfrage angesichts der drohenden Konjunkturschw&auml;che, vor allem im EU-Raum, kaum zu erwarten ist.<\/p><p><strong>2. Sinkende Arbeitslosigkeit?<\/strong><\/p><p>Damit sind wir bei den &bdquo;sinkenden Arbeitslosenzahlen&ldquo;, auf die Samaras beharrlich verweist. Nach den Daten von ELSTAT ist die Arbeitslosenrate im zweiten Quartal 2014 in der Tat leicht zur&uuml;ckgegangen und erstmals unter die 27-Prozent-Grenze gesunken (von 27,8 auf 26,6 Prozent). Wenn man bedenkt, dass in diesen Zeitraum bereits die erste Phase des Tourismus-Booms f&auml;llt, ist das Ergebnis allerdings eher bescheiden. Und f&uuml;r den Winter sind wieder steigende Arbeitslosenzahlen zu erwarten, wie die Daten des Arbeitsministeriums f&uuml;r den September signalisieren: Im ersten Herbstmonat wurden bereits wieder mehr Entlassungen als Neueinstellungen registriert. Und was noch wichtiger ist: Sechs von zehn der neuen Arbeitspl&auml;tze sind Teilzeit- oder rotierende Jobs (Kathimerini vom 13. Oktober). Arbeitsminister Vroutsis erkl&auml;rte dazu, der leichte Schwund an Arbeitspl&auml;tzen sei am Ende der Touristensaison &bdquo;unvermeidlich&ldquo;.<\/p><p>Ein realistischeres Bild bietet deshalb die monatliche Arbeitslosenstatistik, die im Gegensatz zu den Quartalsdaten &bdquo;saisonbereinigte&ldquo; Zahlen ausweist. Demnach lag die Arbeitslosenrate im Juni 2014 immer noch bei 27,0 Prozent &ndash;  nur um 0,1 Prozentpunkte niedriger als im Vormonat. Deutlich gefallen ist allerdings die Arbeitslosenrate bei den Jugendlichen (15-24 Jahre), und zwar um 4,7 Prozentpunkte, sie liegt jedoch noch immer bei 52 Prozent. Hingegen sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen nur minimal (um 0,3 Prozentpunkte). Der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtzahl der Arbeitslosen erreichte im Juni den Rekordwert von 74,4 Prozent, das sind 9 Prozentpunkte mehr als im Vorjahrsmonat.<\/p><p>Angesichts solcher Zahlen ist die beschworene Trendwende auf dem Arbeitsmarkt eine k&uuml;hne Behauptung (weitere Details <a href=\"http:\/\/www.macropolis.gr\/?i=portal.en.economy.1515\">hier<\/a>). Weit angemessener scheint der Begriff Stagnation, der auch durch die Zahl der Besch&auml;ftigten f&uuml;r den Juni best&auml;tigt wird: Sie ist gegen&uuml;ber dem Vorjahresmonat nur um 0,1 Prozent gestiegen.<\/p><p><strong>3. Armut und soziale Ungleichheit<\/strong><\/p><p>Die Arbeitslosenquote ist nicht der einzige Indikator f&uuml;r die Auswirkungen der Krise auf die Gesellschaft. Wie die reale wirtschaftliche Lage der griechischen Familien aussieht, zeigen die j&uuml;ngsten Zahlen der Armutsstatistik. Demnach waren 2013 mehr als 2,5 Millionen Menschen oder 23,1 Prozent der Bev&ouml;lkerung unmittelbar von Armut bedroht (ein Anstieg um drei Prozentpunkte seit 2010). In der N&auml;he der Armutsgrenze befinden sich bereits 35, 7 Prozent. Diese etwa 3, 9 Millionen Menschen sind von &bdquo;gesellschaftlicher Exklusion&ldquo; bedroht, weil sie mindestens vier von zehn sozialen &bdquo;Grundbed&uuml;rfnisse&ldquo; (z.B. eine Woche Ferien pro Jahr und eine geheizte Wohnung) nicht befriedigen k&ouml;nnen. Bei dieser Kategorie der drohenden Armut belegt Griechenland die vorletzte Stelle der EU-L&auml;nder, dahinter liegt nur noch Bulgarien mit 48 Prozent.<\/p><p>Dagegen liegt Griechenland, was die soziale Ungleichheit betrifft, an der Spitze der EU-Rangliste: Das durchschnittliche Einkommen des reichsten F&uuml;nftels der Bev&ouml;lkerung liegt 6,6 mal h&ouml;her als der Durchschnitt beim &auml;rmsten F&uuml;nftel. Das hei&szlig;t: Die Gesellschaft mit der tiefsten Krise weist zugleich die h&ouml;chste Einkommensungleichheit auf, mit steigender Tendenz. Diese Zahlen best&auml;tigen im &Uuml;brigen, was an dieser Stelle wiederholt als Hauptmerkmal der griechischen Krisenpolitik herausgestellt wurde: die fundamental ungerechte Verteilung der Lasten auf die gesellschaftlichen Gruppen.<\/p><p><strong>4. Ende der Hilfsprogramme und Finanzierung &uuml;ber die M&auml;rkte?<\/strong><\/p><p>Den ersten Kommentar zu der realit&auml;tsfernen Ank&uuml;ndigung, dass Griechenland aus dem Kreditprogramm von EU und IWF aussteigen will und seinen Finanzbedarf ab 2015 wieder &bdquo;&uuml;ber die M&auml;rkte&ldquo; finanzieren will, haben diese &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; selbst gegeben: Die Kurse an der Athener B&ouml;rse brachen im Lauf der Woche um 13 Prozent ein. Weitaus schlimmer noch: Der Zinssatz f&uuml;r griechische Staatsanleihen mit 10-j&auml;hriger Laufzeit ist gestern auf &uuml;ber 9 Prozent gestiegen, das ist der h&ouml;chste Stand seit Dezember 2013. Der Anstieg signalisiert, dass die Ank&uuml;ndigung der Regierung Samaras, Griechenland k&ouml;nne seinen Kreditbedarf k&uuml;nftig ganz &bdquo;normal&ldquo; wieder &uuml;ber &bdquo;die internationalen M&auml;rkte&ldquo; finanzieren, ein katastrophaler Fehler war.<\/p><p>Portugal muss f&uuml;r analoge Staatspapiere derzeit nur um die 3 Prozent Zinsen zahlen. Bei diesem Zinssatz  von 9  Prozent m&uuml;sste Athen rund 7 Prozent Zinsen mehr zahlen als f&uuml;r die Kredite aus dem EFS-Programm (die gro&szlig;enteils eine l&auml;ngere Laufzeit haben). Auf diese zus&auml;tzliche und unn&ouml;tige Belastung der Staatskasse haben die Finanzexperten der Syriza schon im Fr&uuml;hsommer 2014  nach dem ersten &bdquo;Probelauf&ldquo; griechischer Staatsanleihen hingewiesen (dazu mehr bei der Darstellung des wirtschaftspolitischen Programms der Opposition).<\/p><p>Die steigenden Zinsen f&uuml;r griechische Bonds zeigen an, dass die potentiellen Kreditgeber nach wie vor erhebliche Risiken sehen. Zum einen im Hinblick auf die Stabilisierung des Staatshaushalts f&uuml;r 2015 und die folgenden Jahre, in denen die Regierung Prim&auml;r&uuml;bersch&uuml;sse (Haushaltsplus ohne Ber&uuml;cksichtigung des Schuldendienstes) bis zu 4,5 Prozent des BIP erzielen will und zum anderen  hinsichtlich der geplanten R&uuml;ckf&uuml;hrung der staatlichen Gesamtverschuldung von 177 Prozent des BIP (Ende 2014) auf 110 Prozent bis zum Jahr 2022 (wie es der IWF-Plan vorsieht). Wobei diese kumulierte Staatsschuld ein noch viel gr&ouml;&szlig;eres Problem darstellt. Ein Reuters-Bericht vom 23. September zitierte einen Investitionsstrategen der ING-Bank mit der Aussage: Wenn die Investoren keine Reduzierung der Gesamtschulden sehen, sei die griechische R&uuml;ckkehr zu den M&auml;rkten &bdquo;keine gangbare L&ouml;sung&ldquo;. <\/p><p>Diese Voraussage ist drei Wochen sp&auml;ter eingetroffen. Die wirtschaftsfreundliche Kathimerini kommentierte am 15. Oktober: &bdquo;Die M&auml;rkte best&auml;rken die Ansicht der Skeptiker, dass es f&uuml;r Griechenland besser ist, die &ouml;konomische Unterst&uuml;tzung durch die offiziellen Gl&auml;ubiger zu erhalten und einer irgendwie gearteten Aufsicht zu unterliegen.&ldquo; Am 14. Oktober erkl&auml;rte der Vorsitzende der Eurogroup, der niederl&auml;ndische Finanzminister Dijssebloem, in Richtung Athen, dass die Debatte &uuml;ber einen vorzeitigen Ausstieg aus dem St&uuml;tzungsprogramm &bdquo;verfr&uuml;ht&ldquo; sei. In Athen wagte es niemand, dieser Meinung zu widersprechen.<\/p><p>Solche Einsichten verweisen auf den Grundwiderspruch der Regierungspl&auml;ne, &uuml;ber den sich Samaras und seine Minister ausschweigen: Einerseits kann die angek&uuml;ndigte &bdquo;R&uuml;ckkehr auf die Finanzm&auml;rkte&ldquo; zu annehmbaren Preisen (Zinsen) nur gelingen, wenn &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; ihre Vorstellung von Haushaltsdisziplin gew&auml;hrleistet sehen, was ein bestimmtes Ma&szlig; von Kontrolle oder Aufsicht (durch wen auch immer) voraussetzt. Auf der anderen Seite stellt die Regierung, um  ihre &Uuml;berlebenschancen zu wahren, den griechischen W&auml;hlern Erleichterungen und &bdquo;Steuergeschenke&ldquo; in Aussicht, die aus Sicht der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; die geforderte Stabilisierung der &ouml;ffentlichen Finanzen gef&auml;hrden. Die angesagte &bdquo;Scheidung von der Troika&ldquo;, also das Ende einer vier Jahre andauernden sozio&ouml;konomischen &bdquo;Fremdherrschaft&ldquo;, das Samaras als kr&ouml;nenden Erfolg seiner Krisenpolitik propagiert ,verdeutlich und versch&auml;rft also nur das Dilemma, in dem sich das Land befindet &ndash;  egal ob mit oder ohne Troika. Es sei denn , dass eine radikalere L&ouml;sung des Verschuldungsproblems durchsetzbar ist, wie sie die Wirtschaftsexperten der Syriza fordern. <\/p><p><strong>Das Problem der Haushalte 2015 und 2016<\/strong><\/p><p>Wie will die Regierung Samaras &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo;  &uuml;berzeugen, konkret K&auml;ufer f&uuml;r griechische Bonds anlocken, die die Gelder aus den aufgek&uuml;ndigten Kreditprogrammen ersetzen sollen? F&uuml;r das Haushaltsjahr 2015 rechnet der IWF mit einer Deckungsl&uuml;cke von 18, 7 Mrd. Euro, f&uuml;r 2016 mit einem weiteren Bedarf in H&ouml;he von 8,6 Mrd. Euro (Wall Street Journal vom 9. Oktober). Was im Budget 2015 nicht aus den noch ausstehenden ESF-Mitteln abgedeckt ist, will Finanzminister Chardouvelis durch den Verkauf von 7-Jahres- Bonds aufbringen, von dem er sich Einnahmen von 5 bis 7 Milliarden Euro verspricht. Zudem sieht er eine weiteres &bdquo;Sicherheitspolster&ldquo; von mehreren Milliarden Euro  in Form von Mitteln aus dem 11,4 Milliarden-Topf der ESM-Gelder, die f&uuml;r die Rekapitalisierung der griechischen Banken vorgesehen sind, aber wom&ouml;glich nicht gebraucht werden (so Finanzminister Chardouvelis gegen&uuml;ber To Vima vom 21. September). Ob dieses Mittel &uuml;berhaupt verf&uuml;gbar sind, wird jedoch erst der Bankenstresstest der EZB erweisen. Zudem gilt die Nutzung dieser Gelder zur allgemeinen Haushaltssanierung in Br&uuml;ssel als rechtlich fragw&uuml;rdige Zweckentfremdung (so ein Bericht in der FAZ  vom 11. August).<\/p><p><strong>Eine Milliarde Steuerr&uuml;ckst&auml;nde pro Monat<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber dem Haushalt 2015 schwebt ein weiteres gro&szlig;es Fragezeichen: Die Einnahmen sind nur schwer zu kalkulieren. Die gr&ouml;&szlig;te Sorge bereitet dabei die st&auml;ndig wachsende Summe der nicht bezahlten Steuern. Seit Jahresbeginn 2014 beliefen sich die R&uuml;ckst&auml;nde allein bei den diesj&auml;hrigen Steuerforderungen auf mehr als eine Milliarde Euro pro Monat. Dieser Trend wird sich 2015 eher noch verst&auml;rken. Von den zu erwartenden R&uuml;ckst&auml;nden in H&ouml;he von 15 Milliarden hofft das Finanzministerium 25 Prozent einzutreiben &ndash; ein extrem ehrgeiziges Ziel, das f&uuml;r das Haushaltsjahr 2014 bei weitem nicht erreicht wird. <\/p><p>Die horrenden Defizite bei den laufenden Steuereinnahmen haben den Turm der akkumulierten Steuerr&uuml;ckst&auml;nde der vergangenen Jahre auf 68 Milliarden Euro erh&ouml;ht (Stand August 2014). Wie Samaras angesichts dieser Bilanz den Mut aufbringt, auf mittlere Sicht Steuersenkungen zu versprechen (unter anderem eine Absenkung der h&ouml;chsten Einkommenssteuer-Stufe von 42 auf 32 Prozent und der Unternehmenssteuer von 26 auf 15 Prozent), muss man sich nicht nur in Br&uuml;ssel und in Berlin fragen. Zumal die griechische Finanzverwaltung und ihre Steuerfahnder auch bei der Verfolgung der gro&szlig;en Steuerhinterzieher, die ihre Verm&ouml;gen vor dem griechischen Fiskus in ausl&auml;ndische Banken verstecken, keine gro&szlig;en Erfolge vorweisen k&ouml;nnen (siehe dazu mein <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22468\">Beitrag vom 22. Juli 2014<\/a>).<\/p><p>Wer darin einen Zufall sieht, muss extrem arglos sein. Die meisten Griechen sind das aus Erfahrung nicht. Hier liegt ein wichtiger Grund, warum die linke Opposition mit ihrer Kritik an der Verflechtung der Regierung mit den &bdquo;megala symferonda (den &bdquo;gro&szlig;en Interessen&ldquo;) bei den W&auml;hlern punkten kann. Zum Beispiel der Syriza-Abgeordnete Dragasakis  w&auml;hrend der Vertrauensdebatte im Parlament, der &bdquo;Gef&auml;lligkeitsregelungen&ldquo; zugunsten bestimmter Interessenten anprangerte.<\/p><p><strong>Warum die Superreichen nicht erwischt werden<\/strong><\/p><p>Die Opposition kann sich auf eine prominente Zeugin berufen.  Im Gespr&auml;ch mit der <em>Financial Times<\/em> erz&auml;hlte IWF-Chefin Christine Lagarde vor kurzem von ihren speziellen Erfahrungen mit dem Athener Filz (FT vom 13. September). Der IWF fordert von der Athener Regierung seit langem  &ndash; was auch viele Linke in Griechenland und anderswo gerne &uuml;bersehen &ndash;  eine konsequente Verfolgung der gro&szlig;en Steuers&uuml;nder, auch mit drakonischen juristischen Mitteln. Lagarde selbst hatte 2010, noch als franz&ouml;sische Finanzministerin, der Regierung Papandreou eine vom franz&ouml;sischen Geheimdienst beschaffte Liste zugestellt, die verd&auml;chtige Sch&auml;tze reicher Griechen auf Schweizer Konten dokumentierte &ndash; und die anschlie&szlig;end f&uuml;r zwei Jahre in der top-secret-Schublade des Finanzministers verschwand. Gegen&uuml;ber der FT verwies Lagarde nun auf die Tatsache, dass gerade die reichsten Griechen, wie etwa die Reeder, praktisch keine Steuern zahlen. Und sie berichtete aus eigener Erfahrung: &bdquo;Als ich  mich damals &uuml;ber Griechenland und sein Steuerwesen ausgelassen habe, erhielt ich Morddrohungen und wir mussten meine Bodyguards verst&auml;rken.&ldquo;   <\/p><p>Was Lagarde nur andeutend umschreibt &ndash; und nat&uuml;rlich ohne Namen zu nennen &ndash; ist eine &bdquo;organische&ldquo; Interessenverflechtung zwischen der griechischen Plutokratie und der politischen Klasse. Genauer wurde k&uuml;rzlich Leandros Rakintzis, der als &bdquo;Generalinspekteur&ldquo; der griechischen &ouml;ffentlichen Verwaltung den Ruf eines unbestechlichen Mahners genie&szlig;t (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18073\">NDS vom 24. Juli 2013<\/a>). Er sagte vor einem parlamentarischen Ausschuss aus, wenn immer er versuche, belastende Informationen &uuml;ber &bdquo;Prominente&ldquo; weiterzuleiten, sto&szlig;e er auf &bdquo;eine Mauer&ldquo;. Und wenn einmal ein krasser Fall ans Licht komme, w&uuml;rden neue Ausnahmeklauseln oder Gerichtsentscheidungen daf&uuml;r sorgen, dass die Prominenten ungestraft davonkommen: &bdquo;Dazu braucht es nur einen Politiker, der eine Gesetzes&auml;nderung durchbringt &ndash;  und schon ist die Bestimmung praktisch unwirksam geworden.&ldquo;  Insgesamt beklagt Rakintzis, dass die Reichen und M&auml;chtigen eine &bdquo;Sonderbehandlung&ldquo; genie&szlig;en, die auf eine &bdquo;verkappte Immunit&auml;t&ldquo; hinauslaufe (die Zitate sind der Kathimerini vom 17.September und 26. August, sowie der Efimerida ton Syntakton vom 18.09. entnommen).<\/p><p>Diese &bdquo;verkappte Immunit&auml;t&ldquo; wird auch dadurch gew&auml;hrleistet, dass notwendige und l&auml;ngst versprochene Ma&szlig;nahmen &ndash; nicht nur, aber h&auml;ufig zu Lasten der Reichen &ndash; von der Regierung verschleppt wurden. Jeder Beobachter der griechischen Szene kennt das deprimierende &bdquo;d&eacute;ja vue&ldquo;-Erlebnis: Dieses Gesetz, das jetzt im Parlament debattiert wird, wollte man die nicht schon vor drei Jahren verabschieden? Und jene Ma&szlig;nahme zur Erfassung gro&szlig;er Verm&ouml;gen, die der IWF die vor f&uuml;nf Jahren angemahnt hat, ist immer noch nicht umgesetzt, weil die B&uuml;rokratie entweder &uuml;berfordert ist oder die Ma&szlig;nahme gezielt sabotiert. Und in aller Regel dauert die Umsetzung umso l&auml;nger, je m&auml;chtiger die Klientel ist, die von der Verz&ouml;gerung profitiert. <\/p><p><strong>Wachsende versteckte Defizite<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Athener Haushaltsplanung gibt es eine weitere Unsicherheit: das Defizit in den Sozialversicherungen. Dieses besteht aus zwei Komponenten: aus den Einnahmel&uuml;cken bei den laufenden Beitragszahlungen, die eine steigende Tendenz aufweisen und dar&uuml;ber hinaus aus den akkumulierten Beitragsr&uuml;ckst&auml;nden der vergangenen Jahre, die bei den drei gr&ouml;&szlig;ten Kassen die Gesamtsumme von 15,5 Mrd. Euro und allein bei der Versicherungsanstalt der Privatwirtschft (IKA) &uuml;ber 8 Mrd. Euro ausmachen (Genaueres siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22431\">NDS vom 18. Juli 2014<\/a>). Was diese mitgeschleppten Defizite betrifft, so m&uuml;ssen die Kassen einen Gro&szlig;teil davon abschreiben. Das gilt nicht nur f&uuml;r die 4,7 Mrd. Beitragsschulden der (zumeist kleinen) Unternehmen, die l&auml;ngst bankrott oder insolvent sind. Als nicht eintreibbar gelten auch die ausstehenden Zahlungen gro&szlig;er Unternehmen, voran die knapp 800 Millionen Euro, die das (2009 privatisierte) Luftfahrtunternehmen Olympic Airlines der IKA schuldet (eine Liste der gr&ouml;&szlig;ten Schuldner, zu denen eine Supermarktkette, eine medizinisch-diagnostisches Unternehmen und eine landwirtschaftliche Genossenschaft geh&ouml;ren, ist in der Kathimerini vom 5. Oktober dokumentiert). Diese Deckungsl&uuml;cke in den Sozialkassen muss entweder aus dem laufenden Haushalt finanziert oder durch Rentenk&uuml;rzungen ausgeglichen werden &ndash; die eine auf Wahlkampf gestimmte Regierung nat&uuml;rlich vermeiden will.<\/p><p>Auf der Einnahmenseite gibt es ein weiteres &bdquo;known unknown&ldquo; (um die ber&uuml;chtigte Rumsfeld&rsquo;sche Kategorie zu benutzen): die Privatisierungserl&ouml;se, deren H&ouml;he &uuml;berhaupt nicht abzusch&auml;tzen ist. F&uuml;r 2014 waren urspr&uuml;nglich Einnahmen von 3,3 Mrd. Euro eingeplant; die Erwartungen wurden bereits auf 1,5 Mrd. Euro reduziert, von denen in der ersten Jahresh&auml;lfte erst 0,5 Mrd. Euro realisiert wurden (EfSyn vom 15. Oktober). Der Trend ist offensichtlich: Auch bei den k&uuml;nftigen Transaktionen wird die &ouml;ffentliche Hand weit geringere Erl&ouml;se erzielten, als sie eingeplant hat. Das liegt zu einen an der Tatsache, dass der Staat am Ende fast immer einem einzelnen Interessenten gegen&uuml;berstand, der ihm den Preis diktieren konnte. Es liegt aber auch an dem allgemeinen Preisverfall auf dem Immobilienmarkt, der von billigen Angeboten &uuml;berschwemmt wird, weil auch viele private Objekte zum Verkauf stehen und eine Welle von Zwangsversteigerungen zu erwarten ist. Zudem sind inzwischen mehrere Gerichtsurteile ergangen, die den geplanten Verkauf von wichtigen Versorgungseinrichtungen verbieten oder erschweren.<\/p><p><strong>Das Problem der Staatsschuld<\/strong><\/p><p>Das gr&ouml;&szlig;te Problem bei der &bdquo;R&uuml;ckkehr zu den M&auml;rkten&ldquo; ist die Erblast der staatlichen Gesamtverschuldung, die Ende 2014 bei 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen wird. Diese gewaltige Summe, die schon f&uuml;r eine bl&uuml;hende und wachsende Volkswirtschaft kaum abzutragen ist, kann Griechenland auf keinen Fall stemmen &ndash; nicht einmal unter Bedingungen eines Wirtschaftswunders, das nur in den Tr&auml;umen von Samaras existiert. Und zwar auch dann nicht, wenn sich die Euro-Partner wie der IWF zu den Konzessionen bereit f&auml;nden, die  Athen als &bdquo;Belohnung&ldquo; f&uuml;r den erzielten &Uuml;berschuss des &bdquo;Prim&auml;rhaushalts&ldquo; 2014 erwartet: weitere Zinserm&auml;&szlig;igungen und verl&auml;ngerte Abzahlungsfristen, die unter dem Begriff &bdquo;weiche Umschuldung&ldquo; zusammengefasst werden. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund halten eine ganze Reihe &ouml;konomischer Experten, die aus unterschiedlichen politischen und ideologischen Lagern stammen, einen &bdquo;harten&ldquo;, d.h. einen echten Schuldenschnitt f&uuml;r unumg&auml;nglich. Zu ihnen geh&ouml;rten etwa Joseph Stiglitz, Nobelpreistr&auml;ger und ehemalige Chef&ouml;konom der Weltbank,  sein Konkurrent Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und ehemalige Chef&ouml;konom des IWF,  Martin Wolf, Chefkommentator der Financial Times, und Ex-Bundebankchef Axel Weber. Auch der IWF,  hat bis 2013 offiziell und seitdem indirekt einen OSI (official sector involvement) bef&uuml;rwortet, also eine Abwertung der griechischen Bonds, die bei den Zentralbanken und anderen &ouml;ffentlichen Institutionen liegen. Das ist eine recht illustre Gesellschaft f&uuml;r den bekanntesten Vertreter dieser &bdquo;Schule&ldquo; in Griechenland: den Oppositionsf&uuml;hrer und wom&ouml;glich n&auml;chsten Ministerpr&auml;sidenten Alexis Tsipras.<\/p><p>Wie realistisch die Forderungen der Syriza nach einem OSI und ihre weiteren Vorstellungen &uuml;ber die &Uuml;berwindung der Krise sind, werde ich im zweiten Teil meiner Analyse untersuchen. An dieser Stelle sei lediglich darauf verwiesen, dass der von Samaras propagierte Ausweg aus der Krise &uuml;ber die sofortige R&uuml;ckkehr auf die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; den Realit&auml;tstest nicht bestehen kann und im Grunde bereits durchgefallen ist. Das wird selbst von Athener Regierungskreisen zugegeben, die nach der &bdquo;Antwort der M&auml;rkte&ldquo; auf die gro&szlig;sprecherischen Ank&uuml;ndigungen ihres Chefs ziemlich kleinlaut geworden sind. Die Sprecher des Finanzministeriums vermeiden mittlerweile sogar, von einem &bdquo;endg&uuml;ltigen&ldquo; Ausstieg zu sprechen und erkl&auml;ren, dass bei den Verhandlungen mit den Euro-Partnern und dem IWF &bdquo;alle M&ouml;glichkeiten&ldquo; auf dem Tisch liegen (Kathimerini vom 14. Oktober). <\/p><p>Auch die &bdquo;Scheidung&ldquo; vom IWF wird offenbar nicht mehr ganz w&ouml;rtlich interpretiert: Die Idee einer &bdquo;prophylaktischen&ldquo; Kreditlinie, die IWF-Chefin Lagarde ins Spiel gebracht hat, wurde in Athen klugerweise nicht sofort verworfen. Das l&auml;uft auf das Eingest&auml;ndnis hinaus, dass man einen abrupten Ausstieg doch nicht wagen kann. Und dass auch ein etappenweiser Ausstieg nicht ohne Bedingungen &ndash; und  ohne eine Art von &bdquo;Aufsicht&ldquo; &ndash; zu haben sein wird. <\/p><p>Das ist schon deshalb unm&ouml;glich, weil dieses Konzept eine &bdquo;weiche&ldquo; oder &bdquo;samtene&ldquo; Umschuldung voraussetzt, zu der die Gl&auml;ubiger Griechenlands ohne die Lieferung weiterer &bdquo;Reformen&ldquo; nicht bereit sein werden.  Die Konditionen einer solchen &bdquo;Umschuldung light&ldquo; &ndash; also weitere Zinssenkungen und eine Verl&auml;ngerung der F&auml;lligkeitsfristen f&uuml;r die laufenden Kredite &ndash; werden aber erst auf die Tagesordnung kommen, wenn die Troika ihre n&auml;chste Evaluation der griechischen Reformschritte vorgenommen hat, also nicht vor Dezember 2014. Wie diese Bewertung ausfallen wird, l&auml;sst die Aussage des griechischen Finanzministers gegen&uuml;ber seinen Kollegen von der Eurogroup ahnen, wonach die Regierung Samaras im September erst 55 Prozent der zugesagten Ma&szlig;nahmen umgesetzt hat (Macropolis vom 18. September).<\/p><p>Dass die Regierung schon vorher wagen wird, die angek&uuml;ndigte Emission ihrer 7-Jahres-Anleihen durchzuf&uuml;hren, ist angesichts der ersten Marktreaktionen eher unwahrscheinlich. Auch mit dieser &bdquo;success story&ldquo; wird Samaras den griechischen W&auml;hler also nicht so schnell imponieren k&ouml;nnen. Das ist der Grund, warum der Regierungschef und seine Mitstreiter als Antwort auf ihren schwindenden W&auml;hlerr&uuml;ckhalt zu der Argumentationskeule greifen, die sie schon immer in der Hinterhand hatten: &bdquo;Wenn der gute Samaras und seine Regierung f&auml;llt, kommt der b&ouml;se Tsipras mit seiner radikalen Syriza an die Macht. Und das w&uuml;rde alle Anstrengungen und Opfer der griechischen Krisenpolitik zu Nichte machen.&ldquo;<\/p><p>Nachdem die Glorifizierung der eigenen &bdquo;Erfolge&ldquo; nicht mehr gelingt, wird die D&auml;monisierung der Syriza &ndash; gegen&uuml;ber den Griechen wie gegen&uuml;ber dem Ausland und den M&auml;rkten &ndash; f&uuml;r den herrschenden Block zur letzten m&ouml;glichen &Uuml;berlebensstrategie. In der griechischen Innenpolitik droht damit eine Polarisierung, auf die Tsipras und die Syriza eine kluge Antwort finden m&uuml;ssen, wenn sie sich bei den kommenden Neuwahlen als glaubw&uuml;rdige und realistische Alternative anbieten wollen.<\/p><p>Dazu mehr im zweiten Teil dieser Analyse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Glorifizierung der eigenen Erfolge durch die Regierung Samaras gegen&uuml;ber den Griechen und gegen&uuml;ber dem Ausland scheitert zunehmend an den Realit&auml;ten. 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