{"id":2364,"date":"2007-05-28T10:35:55","date_gmt":"2007-05-28T08:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2364"},"modified":"2019-02-15T13:14:01","modified_gmt":"2019-02-15T12:14:01","slug":"christoph-butterwegge-argumente-gegen-das-bedingungslose-grundeinkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2364","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Argumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen"},"content":{"rendered":"<p>Sowenig eine Kopfpauschale im Gesundheitssystem der unterschiedlichen finanziellen Leistungsf&auml;higkeit von Krankenversicherten gerecht w&uuml;rde, sowenig eignet sich jedoch das Grundeinkommen, um die tiefe Wohlstandskluft in der Gesellschaft zu schlie&szlig;en. Letztlich w&uuml;rde es als Kombilohn f&uuml;r alle wirken. Weil das Existenzminimum seiner Bezieher\/innen gesichert w&auml;re, k&ouml;nnten diese noch schlechter entlohnte Jobs annehmen, wodurch den Unternehmen mehr preiswerte Arbeitskr&auml;fte zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden und die Gewinne noch st&auml;rker steigen w&uuml;rden. Gleichzeitig w&auml;re die Regierung nicht nur ihrer Pflicht zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit enthoben, sondern auch die Durchsetzung weitreichender Deregulierungskonzepte m&ouml;glich.<br>\nChristoph Butterwegge hat uns eine Langfassung seines am 24. Mai 2007 in der taz erschienenen Aufsatzes zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Christoph Butterwegge<\/em><br>\n<strong>Kombilohn f&uuml;r alle?<\/strong><br>\nArgumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen<\/p><p>In j&uuml;ngster Zeit ist das bedingungslose Grundeinkommen, sei es als &bdquo;B&uuml;rger-&ldquo; bzw. &bdquo;Existenzgeld&ldquo;, als &bdquo;Sozialdividende&ldquo; oder als &bdquo;negative Einkommensteuer&ldquo;, fast zu einem politischen Modethema avanciert. Dass die unter dem Kontrolldruck ihrer ARGE (Arbeitsgemeinschaft von Bundesagentur f&uuml;r Arbeit und &ouml;rtlicher Sozialbeh&ouml;rde) bzw. ihrer Optionskommune stehenden Bezieher\/innen von Arbeitslosengeld II und ihre organisatorischen Netzwerke hierin eine Alternative zu bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;ften Transferleistungen sehen, ist wenig verwunderlich. Viele vom patriarchalischen Wohlfahrtsstaat &agrave; la Bismarck entt&auml;uschte Frauen wiederum hoffen, auf dem Weg &uuml;ber das Grundeinkommen ihre Abh&auml;ngigkeit vom (Ehe-)Partner beenden und eine l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llige eigenst&auml;ndige soziale Sicherung erlangen zu k&ouml;nnen. Dass die Forderung nach dem Grundeinkommen in unterschiedlichen politischen Lagern (von der FDP &uuml;ber die CDU und die B&uuml;ndnisgr&uuml;nen bis zur Linkspartei) Resonanz findet, liegt vermutlich daran, dass es Gerechtigkeitsvorstellungen eines utopischen Sozialismus mit b&uuml;rgerlichen Gleichheitsidealen und aus Sicht neoliberaler &Ouml;konomen bew&auml;hrten Funktionselementen der Markt&ouml;konomie verbindet.<\/p><p>Es muss darum gehen, den bestehenden Wohlfahrtsstaat durch sinnvolle Reformen weiterzuentwickeln und ihn an die ver&auml;nderten Arbeits- und Lebensbedingungen einer postindustriellen Gesellschaft mit selbst im Wirtschaftsaufschwung nur geringf&uuml;gig sinkender Massenarbeitslosigkeit, bis in die Mittelschichten reichenden Verarmungstendenzen, Millionen prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen sowie &ouml;kologischen Verwerfungen anzupassen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen w&uuml;rde den Sozialstaat aber nicht &bdquo;vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e stellen&ldquo; (Reinhard Loske, gr&uuml;ner Bundestagsabgeordneter), sondern ihm den Todessto&szlig; versetzen. Denn er k&ouml;nnte die neben der Armutsbek&auml;mpfung f&uuml;r einen Wohlfahrtsstaat konstitutiven Funktionen der Lebensstandardsicherung im Falle sozialer Existenzrisiken (z.B. Krankheit, Invalidit&auml;t und Arbeitslosigkeit) sowie des Ausgleichs zwischen Arm und Reich noch unzureichender als bisher oder &ndash; wenn die Sozialversicherungen zugunsten des Grundeinkommens entfallen, wie in den einflussreichsten Modellen vorgesehen &ndash; gar nicht mehr erf&uuml;llen.<\/p><p>Da nicht nur die Armut, sondern parallel dazu auch der Reichtum in einer fr&uuml;her unbekannten Weise w&auml;chst, ist die soziale Polarisierung neben der Prekarisierung das Kardinalproblem unserer Gesellschaft und vornehmlich mehr ausgleichende Gerechtigkeit n&ouml;tig. Sowenig eine Kopfpauschale im Gesundheitssystem der unterschiedlichen finanziellen Leistungsf&auml;higkeit von Krankenversicherten gerecht w&uuml;rde, sowenig eignet sich jedoch das Grundeinkommen, um die tiefe Wohlstandskluft in der Gesellschaft zu schlie&szlig;en. Letztlich w&uuml;rde es als Kombilohn f&uuml;r alle wirken. Weil das Existenzminimum seiner Bezieher\/innen gesichert w&auml;re, k&ouml;nnten diese noch schlechter entlohnte Jobs annehmen, wodurch den Unternehmen mehr preiswerte Arbeitskr&auml;fte zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden und die Gewinne noch st&auml;rker steigen w&uuml;rden. Gleichzeitig w&auml;re die Regierung nicht nur ihrer Pflicht zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit enthoben, sondern auch die Durchsetzung weitreichender Deregulierungskonzepte m&ouml;glich. Wenn (fast) alle bisherigen Transferleistungen in einem Grundeinkommen aufgingen, h&auml;tten Neoliberale ihr Ziel erreicht, das traditionsreiche Sozialversicherungssystem zu zerst&ouml;ren und k&ouml;nnten den Systemwechsel noch dazu als Wohltat f&uuml;r die Bed&uuml;rftigsten hinstellen.<\/p><p>Seine gr&uuml;nen Bef&uuml;rworter wie Reinhard Loske erhoffen sich von dem garantierten Mindesteinkommen paradoxerweise eine Lockerung jener Verbindung zwischen Sozialleistungen und Erwerbsarbeit, die ihre Partei z.B. durch die Kopplung von &bdquo;aktivierendem&ldquo; Leistungsbezug und Gegenleistungen (1-Euro-Jobs) bei Hartz IV erst vor kurzem in nie gekannter Rigidit&auml;t gestrafft hat. Selbst wenn die Arbeitslosen durch ein von der Erwerbsarbeit abgekoppeltes Grundeinkommen materiell besser als bisher abgesichert w&auml;ren, was im Modell des th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten Dieter Althaus (CDU) nicht der Fall ist, bliebe das Problem ihrer sozialen Ausgrenzung bestehen.<\/p><p>W&auml;hrend sich eine bedarfsorientierte soziale Grundsicherung in den Bismarck&rsquo;schen Wohlfahrtsstaat einf&uuml;gen l&auml;sst und eine solidarische B&uuml;rgerversicherung dessen sinnvolle Erweiterung bzw. logische Fortentwicklung w&auml;re, erscheint das Grundeinkommen in diesem Sicherungssystem als Fremdk&ouml;rper. Davon h&auml;tten weder Unter- noch Mittelschichten die geringsten Vorteile zu erwarten, w&uuml;rde ihnen doch mehr &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; zugemutet und die Hauptlast der Kosten aufgeb&uuml;rdet. Denn als geeignete Finanzierungsform werden fast ausnahmslos indirekte Steuern vorgeschlagen.<\/p><p>Das &uuml;ber eine drastisch erh&ouml;hte Mehrwertsteuer finanzierte Grundeinkommen dient als Hebel, um die Lohn- und Einkommen- wie auch die Unternehmensteuern schrittweise abzuschaffen. G&ouml;tz W. Werner, Gr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrender Gesellschafter der dm-Drogeriemarktkette, r&uuml;ckt die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens so stark in den Mittelpunkt, dass es fast scheint, als bezwecke er weniger die Befreiung der Menschen vom Arbeitszwang als die steuerliche Entlastung der Unternehmer. Denn an die Stelle der Einkommen- soll eine von ihm allein f&uuml;r &bdquo;sozial gerecht&ldquo; erachtete &bdquo;Ausgabensteuer&ldquo; treten, wodurch das Grundeinkommen, als blo&szlig;e &bdquo;R&uuml;ck&uuml;berweisung des Grundfreibetrages&ldquo; (Werner) interpretiert, zum Abfallprodukt seiner steuerpolitischen Reformkonzeption degeneriert. Folgt man nicht der Standortlogik, wonach die Mehrwertsteuer im Unterschied zu den gesetzlichen Lohnnebenkosten (Sozialversicherungsbeitr&auml;gen) auch die ausl&auml;ndischen Unternehmen trifft, sondern der sozialen Gerechtigkeit als Richtschnur, scheidet die Mehrwertsteuer als Finanzierungsquelle aus, weil sie keine R&uuml;cksicht auf die unterschiedliche Leistungsf&auml;higkeit der ihr unterworfenen B&uuml;rger\/innen nimmt und besonders kinderreiche Familien trifft, die in Relation zu ihrem niedrigen Einkommen einen relativ hohen Konsumg&uuml;terbedarf haben.<\/p><p>Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen sinnvoll, finanzierbar und realisierbar ist, erscheint fraglich. Es d&uuml;rfte kaum die Zustimmung einer Mehrheit der Bev&ouml;lkerung finden, weil f&uuml;r sie die Bed&uuml;rftigkeit seiner Empf&auml;nger\/innen und die Frage eine Schl&uuml;sselrolle spielen, warum jemand in eine Notsituation geraten ist. Das nicht auf Erwerbsarbeit gegr&uuml;ndete und &bdquo;leistungslose&ldquo; Einkommen bleibt deshalb wohl eine Utopie, die nur von wirtschafts- und sozialpolitischen Nahzielen wie einem gesetzlichen Mindestlohn, Arbeitszeitverk&uuml;rzungen und einer Grundsicherung ablenkt, die ihren Namen verdient.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge, lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Zuletzt erschien sein Buch &bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo; in 3. Aufl. mit einer Kritik an derPolitik der Gro&szlig;en Koalition.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sowenig eine Kopfpauschale im Gesundheitssystem der unterschiedlichen finanziellen Leistungsf&auml;higkeit von Krankenversicherten gerecht w&uuml;rde, sowenig eignet sich jedoch das Grundeinkommen, um die tiefe Wohlstandskluft in der Gesellschaft zu schlie&szlig;en. Letztlich w&uuml;rde es als Kombilohn f&uuml;r alle wirken. 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