{"id":23694,"date":"2014-10-23T17:01:40","date_gmt":"2014-10-23T15:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23694"},"modified":"2014-10-24T10:00:15","modified_gmt":"2014-10-24T08:00:15","slug":"was-ist-die-amerikanische-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23694","title":{"rendered":"Was ist die amerikanische Linke?"},"content":{"rendered":"<p>Ein neuer Bericht von <strong>Norman Birnbaum<\/strong>. Wie immer interessant und danke vielmals dem Autor und <strong>Carsten Weikamp<\/strong>, der den Text &uuml;bersetzt hat. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Das englische Original und die &Uuml;bersetzung als PDF finden sie <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/141024_birnbaum_what_is_the_american_left-final.pdf\">hier [PDF &ndash; 106 KB]<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Was ist die amerikanische Linke?<\/strong><br>\nvon <em>Norman Birnbaum<\/em><\/p><p>Europ&auml;er haben keine Anfangsschwierigkeiten, die Abstammungslinien der europ&auml;ischen Linken zur&uuml;ckzuverfolgen, selbst wenn diese verwoben sind. Die franz&ouml;sische Revolution mit dem Beharren darauf, dass die Nation aus B&uuml;rgern, nicht Subjekten besteht &ndash; eine Perspektive, die Cromwell und die puritanischen Revolution&auml;re eineinhalb Jahrhunderte zuvor schon vorausgedacht hatten &ndash; ist ein Ausgangspunkt. Der christliche Glaube an den Wert des Menschen und die moralische Notwendigkeit sozialen Zusammenhalts ist ein anderer. Widerstand gegen die f&uuml;rchterlichen Erfahrungen von Ausbeutung, Verarmung und Ausgrenzung, wie sie die Arbeiter der fr&uuml;hen Jahre der Industrialisierung machen mussten, ist ein weiterer. Das Verlangen nach Freiheit und Selbstentfaltung f&uuml;r Frauen und Kinder, die Weigerung gegen den Einbezug in chauvinistische und imperialistische Abenteuer und die Erm&ouml;glichung eines gleichberechtigten Zugangs zur Kultur machen die Genealogie schon fast vollst&auml;ndig. Die Verpflichtung auf die kontinuierliche Existenz des Planeten, in der Umweltbewegung, ist ein Motiv, das erst zuletzt, aber in verst&auml;rktem Ma&szlig;e in die Tradition mit aufgenommen wird.<\/p><p>Das Verm&auml;chtnis muss nat&uuml;rlich gegen entschlossene Feinde verteidigt werden, die von der Institutionalisierung des Wohlfahrtsstaats verbittert sind. Das Propagieren eines mythischen Bildes der Vereinigten Staaten als einer Gesellschaft, die das Gl&uuml;ck hat, keine Linke &ndash; oder vergleichbares &ndash; zu kennen, ist dabei nicht der kleinste Betrug, den die europ&auml;ische Partei des Markts in dieser Sache begeht. Ein kleines bisschen historische Bildung w&uuml;rde ihre Fehler korrigieren, aber sie tun sich zusammen mit Gruppen in den USA, die darauf bedacht sind, unsere Vergangenheit und Gegenwart zu f&auml;lschen. Die Bildungspolitik ist eines der am meisten umworbenen Gebiete der amerikanischen Politik, wo geistig beschr&auml;nkte Hyperpatrioten den Versuch machen, die Amerikanische Geschichte ohne die Erw&auml;hnung von Klassen-, Geschlechts- und Rassenkonflikten umzuschreiben. Intellektuelle, und Gebildete schlechthin, werden dagegen gef&uuml;rchtet wegen ihrer Weigerung, den amerikanischen Weg zu glorifizieren.<\/p><p>Dieser Weg beinhaltet am Ende aber doch gro&szlig;e Anteile, die aus der europ&auml;ischen Linken &uuml;bernommen sind. Die koloniale Revolte gegen die britische Monarchie nutzte Ideen und Rhetorik britischer Gruppen, die danach strebten, die k&ouml;nigliche Macht weitgehend zu beschr&auml;nken. Die franz&ouml;sische Revolution, die anfangs in der jungen Republik als Beweis f&uuml;r die historische und philosophische Legitimit&auml;t der amerikanischen Revolution angef&uuml;hrt wurde, ver&auml;ngstigte die amerikanischen Eliten dann in seiner jakobinischen Phase: man f&uuml;rchtete einen Sklavenaufstand.&#8232;<br>\nDie Einzigartigkeit der amerikanischen Linken gr&uuml;ndet in drei Eigent&uuml;mlichkeiten der amerikanischen Geschichte. Sklaverei, der Kampf dagegen und der Rassismus, der nach dem B&uuml;rgerkrieg fortbestand, pr&auml;gen unsere Geschichte bis heute. Die kontinentale Expansion bedeutete die Verf&uuml;gbarkeit billigen Bodens (und die Ausrottung der Ureinwohner) und das Aufkommen einer Klasse landwirtschaftlicher Grundbesitzer. Und schlie&szlig;lich gab es kontinuierliche und kulturell, ethnisch und religi&ouml;s unterschiedliche Einwandererstr&ouml;me aus Europa. Gedanken von &ouml;konomischer und sozialer Gleichheit brachten fr&uuml;he englische und schottische Gewerkschafter mit, deutsche, die mit den Ideen von 1848 getr&auml;nkt waren, sp&auml;ter Juden, die aus Russland und &Ouml;sterreich-Ungarn flohen. Irische, italienische und slawische Einwanderer (und viele deutsche) akzeptierten die F&uuml;hrung der katholischen Kirche; protestantische Ideen sozialer Gerechtigkeit und s&auml;kularisierter j&uuml;discher Messianismus bewegte andere. Die Herausbildung einer Arbeiterklasse, homogenisiert durch gemeinsame Fabrikerfahrungen, fand nie statt. Systematische Verzerrungen des Bewusstseins, die fortdauernde Unwahrheit &uuml;ber Individualismus, die vermeintliche &Uuml;berlegenheit &auml;rmlichsten wei&szlig;en Lebens &uuml;ber das der Afro-Amerikaner (und Latinos), illusorischer Stolz, zur &ldquo;gro&szlig;artigsten Nation der Erde&rdquo; zu geh&ouml;ren, sind essentielle Bestandteile unserer Nationalkultur. Diese werden nun noch verst&auml;rkt durch die akkumulierte Macht und Durchdringung der elektronischen Medien, die eine sehr effektive Gegen-Bildung erzeugen, indem sie die Menschen blind machen f&uuml;r ihre permanente Unterdr&uuml;ckung. Die Einkommen durchschnittlicher Amerikaner stagnieren seit vier Jahrzehnten, oder sind r&uuml;ckl&auml;ufig. Unsere B&uuml;rger sind nicht zu blind oder dumm, um das mitzubekommen, aber sie k&ouml;nnen die Situation nicht erkl&auml;ren und reagieren oft mit sinnlosen Ressentiments. Gro&szlig;e Teile der &Ouml;ffentlichkeit haben im Moment eine negative Sicht auf den Pr&auml;sidenten, den Kongress, die beiden gro&szlig;en politischen Parteien, Gouverneure, Staatsparlamente, B&uuml;rgermeister. Niedrige Wahlbeteiligungen (60% bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen, und deutlich weniger, ca. 40%, bei Kongresswahlen und Wahlen in den einzelnen Staaten) sprechen f&uuml;r ein hohes Ma&szlig; an Entpolitisierung. Dennoch, es gibt eine amerikanische Linke &ndash; wenn auch oft mit einer unverst&auml;ndlich ausgedr&uuml;ckten Ideologie, mit zusammenhanglosen Themen, die von einem verwirrenden Spektrum langlebiger und unbest&auml;ndiger Organisationen in die &ouml;ffentliche Wahrnehmung und in die Wahlk&auml;mpfe getragen werden. Diese Themen konzentrieren sich auf vier Bereiche: Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, internationale Angelegenheiten und Umweltprobleme. Es gibt kein ausdr&uuml;cklich gemeinsames Projekt, und taktische Vereinbarungen &uuml;ber Priorit&auml;ten fallen meistens durch ihr Nichtvorhandensein auf.&#8232;<br>\nIn wirtschaftlichen Dingen gibt es ein bemerkenswertes &ouml;ffentliches Misstrauen, sogar Feindseligkeit gegen die Finanz- und Industrieunternehmen, die die Wirtschaft beherrschen. Die &Ouml;ffentlichkeit sieht allerdings keine m&ouml;glichen Alternativen &ndash; und ist deswegen seit Jahrzehnten unabl&auml;ssigen Angriffen auf das europ&auml;ische Sozialmodell und &bdquo;den Staat&ldquo; ausgesetzt. Pragmatische Programme f&uuml;r ein effizienteres und gerechteres Steuersystem, Investitionen in Bildung, eine massive Erneuerung unserer zusammenbrechenden Infrastruktur sind reichlich vorhanden: aber es gibt genauso viele erfolgreiche Anstrengungen der Partei des Markts, diese zu verhindern, indem sie den einfachsten aller Marktmechanismen anwenden: die Gesetzgeber im Bund und in den Staaten zu kaufen. Erstaunlicherweise ist die Chefin der Notenbank, Professor Janet Yellan, eine Keynesianerin, die sich wegen der Ungleichheit sorgt, und auch die stellvertretende Finanzministerin, Sara Raskin. Sie gewinnen die Unterst&uuml;tzung der &Ouml;ffentlichkeit, die ihre Namen nicht kennt, dort, wo sie die bestehenden ordnungspolitischen Strukturen verteidigen &ndash; und indem sie K&uuml;rzungen entgegentreten bei den extrem popul&auml;ren Sozialprogrammen, die aus dem New Deal (soziale Absicherung, allgemeine Rente) und Johnson&rsquo;s Great Society (Medicare, Krankenversicherung f&uuml;r Senioren) stammen. Die Markt-Partei betreibt eine fortdauernde Kampagne, um diese Programme als unbezahlbar darzustellen. Die Republikaner haben Obama keine Chance gegeben, dagegen anzugehen, denn sie verweigern jede Verhandlung dar&uuml;ber. Seine Gesundheitsreform, die denen staatliche Unterst&uuml;tzung leistet, die die Pflichtversicherung von privaten Anbietern kauft, wird wahrscheinlich als eine weitere Komponente des amerikanischen Wohlfahrtsstaats &uuml;berleben. In Sachen Bildung, Armutsbek&auml;mpfung, &ouml;ffentlichem Verkehr haben wir einen gro&szlig;en und sogar wirksamen Wohlfahrtsstaat. Er wird so verteidigt, wie er eingef&uuml;hrt wurde, Abschnitt f&uuml;r Abschnitt. Es w&auml;re absurd, zu behaupten, dass unsere Schw&auml;chen vorwiegend Schw&auml;chen des Bewusstseins, der politischen Bildung seien. Es sind m&auml;chtige Interessen im Spiel, und deswegen ist die Politik ein wesentlicher amerikanischer Industriezweig geworden. Die Staaten, die am durchg&auml;ngigsten Republikaner w&auml;hlen und wo die Rhetorik unabl&auml;ssig ist in den Angriffen auf den Staat im speziellen und soziale Solidarit&auml;t im allgemeinen, sind genau die, die in sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit deutlich mehr von der Regierung bekommen als sie an Steuern abf&uuml;hren.&#8232;<br>\nEine amerikanische Linke als die Partei der Gleichheit und Aufkl&auml;rung steckt in permanentem Kampf an anderen Fronten. Der &auml;lteste, der Kampf gegen Rassismus, ist noch immer der am meisten mit unkontrollierbarer Leidenschaft belastete &ndash; oft manipuliert zum Nachteil von Projekten wirtschaftlicher Solidarit&auml;t. Programme zur sozialen Unterst&uuml;tzung beg&uuml;nstigen immer mehr Wei&szlig;e als Afro-Amerikaner, werden aber dargestellt als unverdiente Geschenke an eine tr&auml;ge Bev&ouml;lkerung, unter erfolgreicher Ausnutzung eines wei&szlig;en Rassismus. Die Wahl eines Pr&auml;sidenten, dessen Vater Afrikaner war, durch eine Koalition, die das afro-amerikanische W&auml;hlerpotential mobilisiert hat, hat in einem bedeutenden Teil der &Ouml;ffentlichkeit einen best&auml;ndigen krampfartigen Rassenhass hervorgerufen. Dazu gesellt sich ein ganzer Komplex von Fragen rund um die Rechte der Frau: wirtschaftliche Gleichstellung, freie Wahl der Empf&auml;ngnisverh&uuml;tung, gleicher Zugang zu voller Staatsb&uuml;rgerschaft. Ein weiterer Teil des Komplexes, in dem soziale Identit&auml;t wichtig ist, betrifft Rechte f&uuml;r Homosexuelle, eingeschlossen das Recht zu heiraten. Verfechter einer breiteren und einschlie&szlig;enderen amerikanischen Identit&auml;t haben au&szlig;erdem zu k&auml;mpfen mit der Pr&auml;senz etwa elf Millionen Einwanderer ohne legalen Status innerhalb unserer Grenzen, von denen eine betr&auml;chtliche Zahl aus Lateinamerika stammt. In jedem dieser sehr unterschiedlichen Felder hat die amerikanische Linke sich auf eine weitgefasste Vorstellung von B&uuml;rgerschaft gest&uuml;tzt, in der ethnische, religi&ouml;se, rassische Kriterien hinter einem moralischen Universalismus zur&uuml;ckstehen. Das ist jedoch denen schwierig zu vermitteln, deren wirtschaftliches und soziales Leben aus anderen Gr&uuml;nden zu Schaupl&auml;tzen von Schwierigkeit und Entbehrung geworden sind.<\/p><p>Seit die USA aus Vietnam herausgedr&auml;ngt worden sind, aber erst nach tiefgreifenden inneren gesellschaftlichen Unruhen und Meutereien in den Streitkr&auml;ften hat die Spaltung zwischen einer imperialistischen Partei und Gegenspielern, die eine Fokussierung auf den inneren Wiederaufbau (oder &uuml;berhaupt Aufbau) bevorzugen, eine Debatte &uuml;ber die Au&szlig;enpolitik in Gang gesetzt. Die anti-imperialistische Partei hat sich &ndash; mit guten Gr&uuml;nden &ndash; &uuml;ber die undemokratische Art der Konzentration der Kriegsgewalt in Staatshand Sorgen gemacht, &uuml;ber die Gefahren f&uuml;r die B&uuml;rgerrechte, die aus &Uuml;berwachungsprogrammen und dem &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; erwachsen, und &uuml;ber die autorit&auml;re Militarisierung, die die amerikanische Demokratie betr&auml;chtlich eingeschr&auml;nkt hat. Selbst w&auml;hrend des kalten Krieges haben einige der redegewandtesten Amerikaner (George Kennan, der in anderen Dingen ziemlich konservativ war) die totale ideologische Mobilmachung beklagt und f&uuml;r ein Ende der D&auml;monisierung des &bdquo;Kommunismus&ldquo; geworben. John Kennedys Rede vom 10. Juni 1963 war ein starker Ausdruck der &Uuml;berzeugung, dass die moralischen wie &ouml;konomischen Kosten einer amerikanischen Hegemonie zu hoch seien. Weder Kennan noch Kennedy h&auml;tten sich vorstellen k&ouml;nnen, dass ein Pr&auml;sident, der wie sie denkt, sich in der Position wiederfinden w&uuml;rde, das Land in einen grenzenlosen Krieg in einem Teil der Welt, dem Nahen Osten, zu f&uuml;hren, von dem eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit unserer Bev&ouml;lkerung &uuml;berhaupt keine Ahnung, d. h. Kenntnisse hat, worum es geht. Das Misstrauen der B&uuml;rger dem Staat gegen&uuml;ber erstreckt sich nur unvollst&auml;ndig auf die Aggressivit&auml;t der Nation nach au&szlig;en hin und Milit&auml;r- und &bdquo;Sicherheits&ldquo;-Ausgaben, die so hoch sind wie die aller anderen Staaten zusammen. Genau wie bei der Beherrschung des amerikanischen &ouml;konomischen und politischen Lebens durch das Kapital werden diese resignierend akzeptiert mit der Begr&uuml;ndung, es gebe keine Alternative. Eine ganze akademische und intellektuelle Industrie, unterst&uuml;tzt von einer B&uuml;rokratie, die die Au&szlig;enpolitik steuert, und den Interessenvertretern, die davon profitieren, stellt das eine amerikanische Waffensystem her, das immun ist gegen jede etatm&auml;&szlig;ige oder andere Kontrolle: den absurden Glauben, dass der Rest der Welt unsere &bdquo;F&uuml;hrung&ldquo; verlangt und ben&ouml;tigt. Indem sie aber seit Jahrzehnten auf der amerikanischen Pflicht beharrt, politische Demokratie und &ouml;konomische Entwicklung in anderen L&auml;ndern zu unterst&uuml;tzen, hat die anti-imperialistische Partei schlussendlich genau den moralischen Imperialismus unterst&uuml;tzt, der ein rationales &Uuml;berdenken unserer Au&szlig;enpolitik extrem schwierig macht.<\/p><p>Zusammen mit ihren europ&auml;ischen Pendants haben kritische und gebildete Gruppen in den USA seit langem positive Vorstellungen von den sozialen M&ouml;glichkeiten, die Naturwissenschaften und deren technologische Ableitungen bieten. Sie waren der erste Teil der &Ouml;ffentlichkeit, der positiv auf die Warnungen der Umweltschutz-Wissenschaftler vor bevorstehenden Katastrophen antwortete. Ihnen stehen die Bibeltreuen entgegentreten, die viel zur Senkung des geistigen Niveaus der Nation beigetragen haben, indem sie darauf bestehen, dass Schulen &bdquo;Kreationismus&ldquo; genau wie Biologie, Geologie und Physik lehren. Inzwischen f&uuml;hren wichtige Bereiche des amerikanischen Kapitals, deren Religion der Profit ist, unabl&auml;ssige Kampagnen gegen die Umweltsch&uuml;tzer. Umweltschutz bietet einen Ausgangspunkt f&uuml;r die Einf&uuml;hrung langfristiger Planung, f&uuml;r die Auferlegung &ouml;ffentlicher Kontrolle auf das Kapital, die Errichtung eines Ethos qualitativen &ouml;konomischen Denkens. Er k&ouml;nnte als Amerikas linke Br&uuml;cke in die Zukunft dienen &ndash; weswegen er frenetische Opposition durch die Partei des Marktes anzieht. Die Sorge um die Umwelt (siehe die Energie, die Pr&auml;sident Obama in diese Frage investiert) wird aktuell von gro&szlig;en Teilen der technokratischen Elite geteilt. Die Frage ist, ob sie von der Partei des Markts weggezogen werden oder wie zuvor danach trachten, sie von innen her zu beeinflussen.<\/p><p>Ich komme zur Frage der Vertreter. Wer sind die F&uuml;hrer und Anh&auml;nger, die kulturellen und politischen Stimmen der amerikanischen Linken? Die Demokratische Partei ist keine Partei im europ&auml;ischen Sinne mit gro&szlig;er Mitgliederschaft, sondern eher eine B&uuml;ndnis von politischen Organisationen und Berufspolitikern aus den Bundesstaaten. Gouverneure, B&uuml;rgermeister, Abgeordneten und Senatoren sind viel wichtiger als die nationale F&uuml;hrung, und sie handeln oft autonom. Ein Demokratischer Pr&auml;sident ist der nominelle F&uuml;hrer der Partei &ndash; aber im aktuellen Wahlkampf halten viele Kandidaten der Demokraten den Pr&auml;sidenten lieber auf Abstand. Es gibt keine starke ikonische Figur, die landesweit strahlt, wie der verstorbene Senator Kennedy. Den Clintons, sowohl dem ehemaligen Pr&auml;sidenten als auch der Aspirantin, fehlt der Draht zu wichtigen Segmenten der Partei wegen ihrer Verbindungen zur Finanzwelt und zum R&uuml;stungs- und Kriegf&uuml;hrungsapparat. Der Black Congressional Caucus und der Progressive Caucus und eine Handvoll alter und neuer Senatoren (Warren aus Massachusetts und Sanders aus Vermont) stehen f&uuml;r Kontinuit&auml;t in der Heraushebung der Traditionen des New Deal und der Great Society. So auch eine Zahl von Gouverneuren (Brown in Kalifornien, O&rsquo;Malley in Maryland). Die Demokratische Partei ist auf lange Frist recht empf&auml;nglich f&uuml;r Meinungs- und Empfindungsstr&ouml;mungen, aber kurzfristig oft fixiert auf den Wahlzyklus und die dauernde und grenzenlose Einwerbung von Mitteln, die das amerikanische System erfordert. Es gab zum Beispiel fast keine Unterst&uuml;tzung des Kongresses f&uuml;r die Occupy-Bewegung. Zwar gibt es in den Bereichen Besch&auml;ftigung, Bildung, Gesundheit, Umwelt viele lokale Aktivit&auml;ten selbstorganisierter B&uuml;rgergruppen; diese sind aber oft nicht von Dauer und oft nicht an nationale Bewegungen angeschlossen.<\/p><p>Die dauerhafte Organisation der amerikanischen Linken liegt woanders. Vor f&uuml;nfzig Jahren umfassten die Gewerkschaften drei&szlig;ig Prozent der Erwerbst&auml;tigen, jetzt sind es etwa zw&ouml;lf (mit einem betonten Schwerpunkt bei den &ouml;ffentlichen Angestellten). Deindustrialisierung und Entpolitisierung sind die Gr&uuml;nde f&uuml;r dieses Schrumpfen. Die Gewerkschaften waren und sind in kleinem Ma&szlig;stab Orte politischer P&auml;dagogik, sozialer Mobilisation, unverzichtbare Elemente gr&ouml;&szlig;erer Koalitionen. Mit wem jedoch koalieren sie? Amerikanische Politik besteht auch aus einer F&uuml;lle von Gruppen, die auf einzelne Themen und einzelne Wahlbezirke konzentriert sind. Es gibt Organisationen, die sich mit Rassismus besch&auml;ftigen, mit dem Status der Frauen, mit generellen Fragen &ouml;konomischer Gerechtigkeit, mit der Umwelt, der Au&szlig;enpolitik und der sie begleitenden Probleme der Militarisierung, mit Gesundheit, Bildung, Stadtplanung. Eine ihrer Art und Weisen der Einflussnahme ist die Bewegung zwischen den Themengruppen und der Mitarbeiterschaft des Kongresses. Ein amerikanischer Pr&auml;sident hat ungef&auml;hr f&uuml;nftausend Regierungspositionen zu besetzen, und seine Beamten kommen h&auml;ufig aus den Washingtoner B&uuml;ros der Gruppen mit Anliegen. Sie funktionieren oft von oben nach unten, nationale Mitgliedschaften tragen Geldmittel bei und erhalten den Anschluss &ndash; oft allerdings nicht besonders vernehmbar oder ersichtlich au&szlig;erhalb Washingtons. Aktive Gouverneure und B&uuml;rgermeister haben die M&ouml;glichkeiten und dienen als Multiplikatoren, au&szlig;erhalb Washingtons die Debatten und Projekte aus der Hauptstadt zu vervielf&auml;ltigen &ndash; sind aber komischerweise regional und lokal dann am erfolgreichsten, wenn gro&szlig;e soziale Bewegungen die nationale Tagesordnung bestimmen. Im Moment haben wir verblassende Erinnerungen an die Vergangenheit und lebendige Hoffnungen f&uuml;r die Zukunft &ndash; aber nicht viel, mit dem wir uns in der Zwischenzeit besch&auml;ftigen k&ouml;nnen.&#8232;<br>\nDie Kultur der amerikanischen Linken ist wirklich modern, pluralistisch, s&auml;kular. Sie ist jedoch nicht ganz unumschr&auml;nkt. Die amerikanischen Kirchen haben lange Zeit Gleichheit und soziale Gerechtigkeit innerhalb unserer Grenzen und &uuml;ber sie hinaus zu Hauptfragen ihrer Lehre gemacht &ndash; und die Kirchen wiederum bestehen nat&uuml;rlich aus zehntausenden lokalen Zusammenschl&uuml;ssen. W&auml;hrend des Kampf gegen den Vietnam-Krieg und im Namen der B&uuml;rgerrechte waren sie Zentren der kommunalen Organisation. Viel Aufmerksamkeit kam den sektiererischen kulturellen Kreuzfahrern der primitiveren Protestanten zu und ihren Alliierten in der katholischen Kirche, bei denen es scheint, dass ihre zwanghafte Faszination f&uuml;r Abtreibung und Homosexualit&auml;t ihnen die spirituellen Energien ausgehen l&auml;sst. Es bleibt eine gro&szlig;e Zahl von Theologen, Pastoren, Priestern und Gl&auml;ubigen, die das Feld nicht den Sektierern &uuml;berlassen haben. Die Mehrheit der amerikanischen Christen ist, entweder tats&auml;chlich oder wenigstens potentiell, verf&uuml;gbar, um Koalitionen f&uuml;r soziale Reformen einzugehen. Sie sind unverzichtbar f&uuml;r die momentane Verteidigung des amerikanischen Wohlfahrtsstaats, f&uuml;r die Zur&uuml;ckweisung der imperialistischen Mission, die Washingtons zivile Militaristen der Nation verschrieben haben, und f&uuml;r jede zuk&uuml;nftige Koalition zugunsten einer wirtschaftlichen und sozialen Erneuerung der amerikanischen Demokratie.<\/p><p>Im amerikanischen Fernsehen kann man chinesische und russische Programme sehen, Al Jazeera, die BBC und franz&ouml;sische Sender genauso wie die Deutsche Welle. Es ist aber nicht m&ouml;glich, viel Amerikanisches zu empfangen, das sich kritisch auseinandersetzt mit der Verteilung von Reichtum und Macht in den USA und den Institutionen, die diese aufrecht erhalten. Es gibt gelegentlich Auftritte im &ouml;ffentlichen Fernsehen, sorgf&auml;ltig kontrolliert, und wenige Kommentatoren, die f&uuml;r ihre Unabh&auml;ngigkeit bekannt sind. Ein Sender (MSNBC) macht aus seiner kritischen Betrachtung ein Verkaufsargument. Der gr&ouml;&szlig;ere Teil des Mediensystems, Printmedien und Fernsehen, funktioniert allerdings in Kommentar und Berichterstattung, als ob Kritik zu &uuml;ben exzentrisch sei, wenn nicht pathologisch. Es gibt einige Publikationen, die gelegentlich offen sind, wie die New York Times, aber die werden von einer gebildeten Elite gelesen. Im Internet gesellen sich neue Online-Publikationen (Salon, Truth Dig) und verschiedene linke Blogger zu den etablierten Zeitungen der Linken, wie der Wochenzeitung The Nation. Selbst wenn eine Mehrheit der Amerikaner sich w&uuml;nscht, das, was wir an Wohlfahrtsstaat haben,  zu bewahren oder gar auszuweiten &ndash; viele Amerikaner bekommen keine intellektuelle Best&auml;rkung in ihren Ansichten. Bildung ist in den USA eine einzelstaatliche oder lokale Angelegenheit, und Schulb&uuml;cher und Lehrpl&auml;ne unterliegen oft der Zensur.&#8232;<br>\nDie fortgesetzte Produktion neuer politischer Ideen, empirischer und historischer Studien &uuml;ber die Fehlfunktionen des amerikanischen Kapitalismus ist normalerweise die Arbeit universit&auml;rer Lehrer. Ziemlich viele von ihnen streben auch danach, die B&uuml;rgerschaft anzusprechen und nicht nur die geschlossenen Zirkel ihrer akademischen Kollegen. In Jahrzehnten, die noch in Erinnerung sind, schrieben W. E. DuBois, John Kenneth Galbraith, Michael Harrington, Mary McCarthy, Herbert Marcuse, C. Wright Mills, Edward Said, William Appleman Williams f&uuml;r ein breiteres Publikum. Es gibt viele ehrenwerte Nachfolger, aber ohne die breite Leserschaft. Einige unabh&auml;ngige Institute (Demos, The Economic Policy Institute, The Institute for Policy Studies, The Nation Institute) machen seri&ouml;se Arbeit, und verschiedene junge Schriftsteller sind Kritiker des Systems. Eine gebildete &Ouml;ffentlichkeit nimmt die Diskussion wahr, aber sie hat keine breitere &ouml;ffentliche Wahrnehmung erlangt. Man kann sagen, dass die amerikanische Linke keine Schwierigkeiten hat, sich zu erhalten, dass aber Durchbr&uuml;che und Risse, die das &ouml;ffentliche Bewusstsein in gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig;e ver&auml;ndern, Riesenaufgaben f&uuml;r die Zukunft darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neuer Bericht von <strong>Norman Birnbaum<\/strong>. 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