{"id":23729,"date":"2014-10-27T12:26:38","date_gmt":"2014-10-27T11:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23729"},"modified":"2014-10-27T15:29:28","modified_gmt":"2014-10-27T14:29:28","slug":"stresstest-eine-farce-aus-der-dann-auch-noch-die-falschen-schluesse-gezogen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23729","title":{"rendered":"Stresstest \u2013 eine Farce, aus der dann auch noch die falschen Schl\u00fcsse gezogen werden"},"content":{"rendered":"<p>Glaubt man dem an diesem Wochenende durchgef&uuml;hrten Banken-Stresstest der EZB, haben 25 der 130 Gro&szlig;banken der Eurozone im Krisenfall ein ernstes Problem. Doch dieses &ndash; keinesfalls schmeichelhafte &ndash; Ergebnis ist kaum mehr als eine Beruhigungspille. Wichtige Parameter, wie beispielsweise die krisenbedingte Wechselwirkungen zwischen den Banken, wurden im Stresstest erst gar nicht implementiert. So &uuml;berrascht es auch nicht, dass die EZB die Kapitall&uuml;cke im europ&auml;ischen Bankensystem lediglich mit l&auml;cherlichen zehn Milliarden Euro bemisst. Realistischere Rechenmodelle beziffern hingegen die Kapitall&uuml;cke mit 487 Milliarden Euro. Und ganz vorne dabei ist wieder einmal die Deutsche Bank, die den EZB-Stresstest selbstverst&auml;ndlich problemlos gemeistert hat. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuch wenn sehr viel &uuml;ber den Stresstest geschrieben und gesendet wird, nehmen sich nur die allerwenigsten Autoren einmal die Zeit, zumindest im Ansatz zu erkl&auml;ren, wie dieser Stresstest &uuml;berhaupt funktioniert. Um es vereinfacht auszudr&uuml;cken, stellen die Banken bei einem solchen Test ihre s&auml;mtlichen Aktivit&auml;ten in einer Datenbank zusammen, in der auch zus&auml;tzliche Parameter abgespeichert werden, die zuvor von der EZB festgelegt wurden. Dann simuliert die EZB eine &bdquo;Krise&ldquo; und gibt den Banken Vorgaben, wie sie ihre Datenbank dem Krisenszenario anpassen sollen. Ein solches Szenario kann z.B. folgenderma&szlig;en aussehen: Die Wirtschaft in Land XZY bricht um 10% ein, dadurch fallen im Laufe eines Quartals 20% aller Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen mit hoher Risikobewertung aus. Die Banken m&uuml;ssen also Abschreibungen vornehmen und wenn am Ende des Test die sogenannte Kernkapitalquote der Bank einen vorher festgelegten Wert unterschreitet, die Verluste also nicht mehr ausreichend durch das Eigenkapital gedeckt sind, ist die Bank durch den Stresstest durchgefallen. Reicht der Kapitalpuffer aus, hat sie bestanden.<\/p><p>An diesem Prozedere sind gleich mehrere Punkte zu kritisieren:<\/p><ol>\n<li>Der Test findet auf &bdquo;Einzelbankbasis&ldquo; statt und nicht als Simulation im gesamten Bankensystem. Daher kann der Test auch keine Aussagen zu Abh&auml;ngigkeiten, Interdependenzen, R&uuml;ckkoppelungen und dynamischen Prozessen geben. Was passiert beispielsweise, wenn gleich mehrere Banken bestimmten Wertpapiere verkaufen m&uuml;ssen, um Verluste zu kompensieren? In diesem Fall w&uuml;rde es auf den M&auml;rkten zu einem rapiden Kurssturz kommen, da es zahlreiche Akteure gibt, die gezwungen sind zu verkaufen, aber aufgrund der Krise die K&auml;ufer ausfallen. Solche dynamischen Prozesse waren hauptverantwortlich f&uuml;r die Krise 2007\/2008. Ein Stresstest h&auml;tte im Sommer 2007 jedoch kein Risiko angezeigt.<\/li>\n<li>Die Banken d&uuml;rfen ihre Risiken selbst einsch&auml;tzen und diese Kategorisierung wird von der EZB nicht n&auml;her &uuml;berpr&uuml;ft. Bei Bilanzposten, deren Rating von Ratingagenturen festgelegt wurde, sieht die Sache kaum besser aus. Vor der Eurokrise hatten auch griechische, italienische und spanische Staatsanleihen beste Risikobewertungen und vor der Subprimekrise wurden sogar geb&uuml;ndelte Hypothekenverbriefungen mit der Topnote AAA versehen. Eine realistische Risikobewertung ist auf Basis dieser Angaben in einer &bdquo;echten Krise&ldquo; kaum m&ouml;glich. Auch in diesem Punkt h&auml;tte ein Stresstest im Sommer 2007 versagt.<\/li>\n<li>Entscheidendes Kriterium des Stresstest ist die sogenannte Kernkapitalquote. Doch diese Quote ist &ndash; anders als beispielsweise die echte Eigenkapitalquote &ndash; gewichtet am Risiko der Aktiva. Vereinfacht gesagt muss eine Bank f&uuml;r einen riskanten Kredit (wie beispielsweise dem Dispo auf dem Girokonto oder einen nicht abgesicherten Konsumkredit) mehr Eigenkapital vorhalten wie f&uuml;r einen vermeintlich sicheren Kredit. Gerade in der Krise kommt es jedoch auch hier zu einer Eigendynamik, die aus vermeintlich sicheren Forderungen (z.B. die AAA-Hypothekenbriefe oder griechische Staatsanleihen) riskante Forderungen macht. Die Kernkapitalquote ist somit abh&auml;ngig von der momentanen Risikobewertung und daher als Indikator f&uuml;r die Krisensicherheit einer Bank komplett ungeeignet.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Risiko Nummer Eins: Die Deutsche Bank<\/strong><\/p><p>Um die Risiken im europ&auml;ischen Bankensystem realistischer als die EZB einzuordnen, bietet sich die <a href=\"http:\/\/www.crml.ch\/index.php?id=4\">Risikobewertung<\/a> des &bdquo;Center for Risk Management Lausanne&ldquo; an. Die Schweizer benutzen zur Bewertung ein Modell der New York University, das sich vor allem auf die Beobachtungen w&auml;hrend der letzten Finanzkrise st&uuml;tzt. Beim diesem Risikomodell sieht die Risikoverteilung diametral anders aus als beim EZB-Stresstest. Hier liegt die Deutsche Bank mit einem &bdquo;systemischen Risiko&ldquo; von 75,4 Mrd. Euro an erster Stelle. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_01_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Ein zeitlicher &Uuml;berblick des systemischen Risikos der Deutschen Bank zeigt, dass s&auml;mtliche Forderungen der Politik offenbar ungeh&ouml;rt blieben. Heute ist das Risiko zwar etwas geringer als zum H&ouml;hepunkt der Finanzkrise, jedoch immer noch rund drei mal so hoch wie in den Jahren vor 2006. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_02_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Ganz &auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit dem &bdquo;Hebel&ldquo;, also dem &ndash; nicht risikogewichteten &ndash; Verh&auml;ltnis zwischen Eigen- und Fremdkapital. Bereits im Jahre 2011 verfasste der ehemalige IWF-Chef&ouml;konom Simon Johnson <a href=\"http:\/\/www.bloombergview.com\/articles\/2011-11-21\/johnson-deutsche-bank-could-transfer-contagion\">eine Brandrede<\/a>, in der er die Deutsche Bank wegen ihres Hebels von 1:44 als gef&auml;hrlichste Bank der Welt einstufte. Ein Hebel von 1:44 bedeutet, dass die Deutsche Bank f&uuml;r jeden Euro Eigenkapital 44 Euro Fremdkapital in ihren B&uuml;chern stehen hat. Verluste werden immer mit dem Eigenkapitalanteil verrechnet. Die Deutsche Bank m&uuml;sste also technisch in Konkurs gehen, wenn sie die von ihr gehaltenen Papiere und vergebenen Kredite nur um durchschnittlich 2,27% abschreiben m&uuml;sste[<a href=\"#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>]. Wenn die Bank ihre Papiere also beispielsweise um 3% abschreiben w&uuml;rde, m&uuml;sste sie einen Verlust ausweisen, der gr&ouml;&szlig;er ist als ihr gesamtes Eigenkapital &ndash; dann h&auml;tte sie ein &bdquo;negatives Eigenkapital&ldquo;, die Schulden w&auml;ren also gr&ouml;&szlig;er als das Verm&ouml;gen. Bei den Risikopositionen der Deutschbanker erscheint ein solches Szenario keinesfalls ausgeschlossen. Problematisch sind in diesem Kontext auch die zu erwartenden Strafen, die der Deutschen Bank wegen diverser Manipulationsf&auml;lle <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/banken\/skandal-um-zinsmanipulation-deutsche-bank-stellt-sich-auf-satte-strafen-ein\/10892258.html\">drohen<\/a>.<\/p><p>Heute liegt der Hebel der Deutschen Bank nicht mehr bei 1:44, sondern bei 1:50 &ndash; also noch schlechter als vor drei Jahren, als Simon Johnson seine Brandrede verfasst hatte. Der Hebel der Deutschen Bank ist &uuml;brigens viermal so hoch, wie <a href=\"http:\/\/vlab.stern.nyu.edu\/welcome\/risk\/\">der Hebel der gro&szlig;en amerikanischen Banken<\/a> &ndash; so viel zum Thema &bdquo;amerikanische Zocker&ldquo; und &bdquo;deutsche Sauberm&auml;nner&ldquo;.<\/p><p><strong>Verlierer Italien?<\/strong><\/p><p>Wenn man den Stresstest dennoch ernst nimmt, k&ouml;nnte man sich zumindest in Deutschland beruhigt zur&uuml;cklehnen. Von den 24 getesteten Gro&szlig;banken fiel lediglich eine einzige, die M&uuml;nchner Hypothekenbank, durch &ndash; doch deren von der EZB bem&auml;ngelte Kapitall&uuml;cke sei, so berichten es einhellig die Bundesbank und die BaFin, bereits geschlossen worden. Ganz anders sieht es s&uuml;dlich der Alpen aus &ndash; der &bdquo;Verlierer [des Stresstest] hei&szlig;t Italien&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/stresstest-der-ezb-banken-aus-italien-werden-zum-sorgenfall-a-999369.html\">raunt<\/a> beispielsweise SPIEGEL Online und macht Italien dabei auch gleich zum &bdquo;Epizentrum der Eurokrise&ldquo;. Die italienischen Banken sind selbstverst&auml;ndlich durch die andauernde Wirtschaftskrise angeschlagen. Da gibt es nichts sch&ouml;n zu reden. Es w&auml;re jedoch fatal, mit dem Finger auf Italien zu zeigen, wie ein Blick auf die Risikobewertung des &bdquo;Center for Risk Management Lausanne&ldquo; zeigt.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_03.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Neben der Deutschen Bank sind es vor allem franz&ouml;sische Banken, in deren Bilanzen die gr&ouml;&szlig;ten Risiken schlummern. In der Summe w&uuml;rde der Kapitalbedarf der franz&ouml;sischen Banken im Krisenfall mehr als 10% des nationalen BIPs ausmachen. Deutschland steht mit rund 4% nur sehr knapp hinter dem &bdquo;Epizentrum&ldquo; Italien, Belgien und den Niederlanden an f&uuml;nfter Stelle, w&auml;hrend die Banken der Krisenl&auml;nder Spanien, Griechenland, Portugal, Irland und Zypern ein wesentlich geringeres Risiko aufweisen. Man sollte also nicht mit dem Finger gen S&uuml;den zeigen. Die eigentlichen Risiken des europ&auml;ischen Bankensystems sind neben Italien vor allem in Frankreich, Benelux und Deutschland zu verorten.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141027_04.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Falsche Schlussfolgerungen<\/strong><\/p><p>Wer falsch misst, kommt nat&uuml;rlich auch zu falschen Ergebnissen. Noch dramatischer als diese falschen Ergebnisse sind jedoch die falschen Schlussfolgerungen, die aus der gesamten Farce gezogen werden. So lautet das Stresstest-Fazit des Bundesbankvorstands Andreas Dombret <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/topNews\/idDEKBN0IF0M020141026\">allen Ernstes<\/a>, dass deutsche Banken fusionieren sollten, um k&uuml;nftige Stresstests besser bew&auml;ltigen zu k&ouml;nnen. Dabei lautete doch eine der Kernbotschaften der Finanzkrise, dass es k&uuml;nftig keine Banken mehr geben sollte, die &bdquo;too big to fail&ldquo; sind. Offenbar wurden die Lehren aus der Krise nicht nur vergessen, sondern sogar in ihr Gegenteil umgekehrt. Nach der Krise ist vor der Krise.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/95809d0cfb8a4b068ee001ef057a147c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] 2,27% ist 1\/44 von 100 und damit der Eigenkapitalanteil an der gesamten Bilanzsumme.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glaubt man dem an diesem Wochenende durchgef&uuml;hrten Banken-Stresstest der EZB, haben 25 der 130 Gro&szlig;banken der Eurozone im Krisenfall ein ernstes Problem. Doch dieses &ndash; keinesfalls schmeichelhafte &ndash; Ergebnis ist kaum mehr als eine Beruhigungspille. Wichtige Parameter, wie beispielsweise die krisenbedingte Wechselwirkungen zwischen den Banken, wurden im Stresstest erst gar nicht implementiert. So &uuml;berrascht es<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23729\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,139],"tags":[266,507,283,473,695],"class_list":["post-23729","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-euro-und-eurokrise","tag-deutsche-bank","tag-ezb","tag-finanzmaerkte","tag-ratingagenturen","tag-stresstest"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23729","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23729"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23729\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23732,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23729\/revisions\/23732"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23729"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23729"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23729"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}