{"id":23742,"date":"2014-10-28T12:09:45","date_gmt":"2014-10-28T11:09:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23742"},"modified":"2014-10-28T13:29:55","modified_gmt":"2014-10-28T12:29:55","slug":"minijobs-30-jahre-falsche-beschaeftigungspolitik-und-eine-fatale-weichenstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23742","title":{"rendered":"Minijobs: 30 Jahre falsche Besch\u00e4ftigungspolitik und eine fatale Weichenstellung"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Zahl der Minijobber hat sich verdoppelt&ldquo;, so titelte <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/arbeitsmarkt-immer-mehr-minijobs-zahl-der-minijobber-hat-sich-verdoppelt\/10888506.html\"><em>Der Tagesspiegel<\/em><\/a> und mit ihm eine Reihe anderer Zeitungen am vergangenen Freitag. Gemeint war, das Ende 2013 rund 2,35 Millionen Menschen einem Minijob als zus&auml;tzlichem Nebenjob nachgegangen waren, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die Zahl der insgesamt geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten habe im Dezember 2013 bei knapp 7,65 Millionen gelegen. Die vorab ver&ouml;ffentlichten Zahlen stammen aus einer noch nicht allgemein zug&auml;nglichen Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Gr&uuml;nen zur Entwicklung der geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigung.<\/p><p>Was f&uuml;r ein Aufreger. Als w&auml;ren die Minijobs pl&ouml;tzlich wie Pilze aus dem Boden geschossen. Dabei ist die geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigung nicht erst seit heute die nach der Teilzeitbesch&auml;ftigung am weitesten verbreitete &bdquo;atypische&ldquo; Besch&auml;ftigungsform in Deutschland. Von <strong>Markus Kr&uuml;semann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSchon seit 2011 gehen mehr als 7,4 Millionen Menschen einer geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigung nach, f&uuml;r &uuml;ber 2,5 Millionen von ihnen ist der Minijob ein Zweitjob, Tendenz steigend. Das ist zwar lange bekannt, aber das Thema ist in der an Amnesie leidenden Presse ein medialer Wiederg&auml;nger ersten Ranges, auch wenn der Neuigkeitswert gegen Null tendiert &ndash; meldete doch zum Beispiel die Saarbr&uuml;cker Zeitung online bereits am <a href=\"http:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/aufmacher\/Berlin-Wirtschaft-Minijob;art27856,4462917\">05.10.2012<\/a> und auch k&uuml;rzlich (<a href=\"http:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/nachrichten\/wirtschaft\/Neuer-Rekord-bei-Nebenjobs;art2819,5193150\">25.03.2014<\/a>) erst, dass die Zahl der Besch&auml;ftigten mit einem Minijob als Nebenjob sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt habe.<\/p><p>Solche regelm&auml;&szlig;ig wiederkehrenden Rekordmeldungen sorgen allenfalls kurzfristig f&uuml;r Emp&ouml;rung. Der eigentliche Skandal wird indes nicht thematisiert. Er liegt darin, dass die st&auml;ndig steigende Zahl der Minijobber die Folge einer seit mehr als drei&szlig;ig Jahren verfehlten Besch&auml;ftigungspolitik&ndash; und, ganz besonders, das Resultat einer fatalen Weichenstellung im Jahr 2003 ist.<\/p><p>Die Geschichte der geringf&uuml;gig entlohnten Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse beginnt im Jahr 1977. Mit Einf&uuml;hrung des Sozialgesetzbuches SGB IV wurde die M&ouml;glichkeit geschaffen, einer abgabenbeg&uuml;nstigten geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigung nachzugehen: wer weniger als 15 Stunden pro Woche arbeitete, der wurde von der Zahlung von Sozialversicherungsbeitr&auml;gen befreit. Auf die schnell wachsende Nachfrage nach solchen Jobs wie auch auf die bald einsetzende Kritik an dieser Besch&auml;ftigungsform reagierte die Politik in den 1980er und 90er Jahren mit einer Reihe von Gesetzesinitiativen. 1981 etwa wollte die damalige sozialliberale Regierungskoalition die Minijobs gleich ganz abschaffen, scheiterte damit jedoch am Widerstand der Verb&auml;nde-Lobby und konnte am Ende nur eine Verdienstobergrenze von 390 DM durchsetzen. Erst 1999 brachte die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung die n&auml;chste, wieder nur halbherzige Reform mit dem Ziel durch, eine zu gro&szlig;e Ausweitung der Minijobs mit einer Reihe von Auflagen zu begrenzen. So wurde u.a. die Aus&uuml;bung eines Minijobs als Nebenjob unterbunden, und neben die prinzipiell weiterbestehende Sozialversicherungsfreiheit trat die Erhebung einer Pauschalsozialabgabe. Die Politik der zaghaften Eind&auml;mmung war allerdings kaum erfolgreich, die Zahl der Minijobber stieg. Wurden 1987 noch ca. 2,8 Mio. geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse registriert, so &uuml;berschritt ihre Zahl im Sommer des Jahres 2000 erstmals die Vier-Millionen-Marke.<\/p><p>Eine ebenso gravierende wie fatale &Auml;nderung trat 2003 ein, als die damalige rot-gr&uuml;ne Bundesregierung meinte, die Probleme auf dem Arbeitsmarkt durch Besch&auml;ftigungsausweitung im Niedriglohnbereich &bdquo;l&ouml;sen&ldquo; zu k&ouml;nnen. Das Agenda-Vorhaben, mehr Menschen um jeden Preis in irgendeine Form von Job zu bringen, f&uuml;hrte zu einem radikalen Politikwechsel. An die Stelle der Eind&auml;mmungspolitik trat die offensive F&ouml;rderung geringf&uuml;giger Besch&auml;ftigung. Mit dem 2. <em>Gesetz f&uuml;r Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt<\/em> wurde die sozialversicherungsrechtliche und steuerliche Behandlung der Minijobs ab dem 01.04.2003 weitgehend liberalisiert. So wurde nicht nur die Verdienstobergrenze von 325 auf 400 Euro angehoben, auch die nach altem Recht geltende Beschr&auml;nkung der w&ouml;chentlichen Arbeitszeit auf maximal 15 Stunden wurde abgeschafft. Zudem wurde auch wieder die Aus&uuml;bung einer geringf&uuml;gig entlohnten Besch&auml;ftigung neben einer versicherungspflichtigen Hauptbesch&auml;ftigung erm&ouml;glicht. <\/p><p>Rot-Gr&uuml;n hatte damit einen bis heute anhaltenden Boom bei den Minijobs ausgel&ouml;st. Bereits im ersten Jahr nach der weitrechenden Deregulierung stieg die Zahl der Minijobber im Haupt- und Nebenerwerb von ca. 4,83 Mio. im M&auml;rz 2003 um etwa. 1,37 Mio. bzw. 28 Prozent auf 6,21 Mio. im M&auml;rz 2004. Mittlerweile gibt es mehr als 7,5 Millionen Minijobber, und das Ende des Wachstums ist noch nicht erreicht. <\/p><p>Eine politische Kehrtwende der Gro&szlig;en Koalition ist nicht in Sicht, obwohl l&auml;ngst nicht mehr nur den Kritikern klar geworden sein d&uuml;rfte, dass Minijobs zu Fehlentwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zulasten der Besch&auml;ftigten f&uuml;hren, dass sie falsche Besch&auml;ftigungsanreize setzen, dass sie die Ausweitung von Niedriglohnbesch&auml;ftigung bef&ouml;rdern, und dass sie, vor allem f&uuml;r Frauen, eine besch&auml;ftigungspolitische Sackgasse darstellen.<\/p><p>Dass sich jetzt ausgerechnet die Gr&uuml;nen in Gestalt ihrer arbeitsmarktpolitischen Sprecherin, Brigitte Pothmer, f&uuml;r eine &bdquo;Reform&ldquo; (nicht Abschaffung) der Minijobs stark machen, das ist selbst ein starkes St&uuml;ck, hat die &Ouml;kopartei doch zusammen mit der SPD die heute kritisierte Misere erst verursacht. <\/p><p>Frau Pothmer selbst kann kein Wendehals-Vorwurf gemacht werden. 2003 sa&szlig; sie noch f&uuml;r die Gr&uuml;nen im nieders&auml;chsischen Landtag. Erst mit der Wahl <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundestagswahl_2005\">2005<\/a>, bei der die Gr&uuml;nen in die Opposition geschickt wurden, ist sie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mitglied_des_Deutschen_Bundestages\">Mitglied des Bundestages<\/a> und zugleich Sprecherin f&uuml;r Arbeitsmarktpolitik der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fraktion_%28Bundestag%29\">Bundestagsfraktion<\/a> geworden. Als solche h&auml;lt sie jetzt eine Reform der Minijobs f&uuml;r dringend erforderlich. Ihre staatliche F&ouml;rderung, die den Trend zu immer mehr Kleinst-Jobs unterst&uuml;tzt, m&uuml;sse beendet werden. Auch im eingangs erw&auml;hnten Tagesspiegel-Artikel warnt sie vor einer &bdquo;Niedriglohnfalle&ldquo; bei den Minijobs und fordert eine &bdquo;umfassende Reform&ldquo;.<\/p><p>&Uuml;ber die Fehlentwicklung bei den Minijobs hat Frau Pothmer lange Zeit geschwiegen. Erst im Januar 2010, als vielen wohl nicht mehr so pr&auml;sent war, wer f&uuml;r die Deregulierung der Minijobs verantwortlich ist, bezieht sie erstmals Stellung: Minijobs geh&ouml;ren abgeschafft, jede weitere Lockerung der Grenzen f&uuml;r Minijobs sei Wahnsinn, sagt sie. Was man von ihr aber auch gerne geh&ouml;rt h&auml;tte, das w&auml;re ein Statement, in dem die Gr&uuml;nen sich selbstkritisch zu ihrer Verantwortung bekennen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Quellen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/arbeitsmarkt-immer-mehr-minijobs-zahl-der-minijobber-hat-sich-verdoppelt\/10888506.html\">Der Tagesspiegel online vom 25.10.2014<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/aufmacher\/Berlin-Wirtschaft-Minijob;art27856,4462917\">Saarbr&uuml;cker Zeitung online vom 05.10.2012<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/nachrichten\/wirtschaft\/Neuer-Rekord-bei-Nebenjobs;art2819,5193150\">Saarbr&uuml;cker Zeitung online vom 25.03.2014<\/a><\/li>\n<li>Geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigung. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Brigitte Pothmer, Beate M&uuml;ller-Gemmeke, Markus Kurth, Corinna R&uuml;ffer, Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn, Kerstin Andreae, Ekin Delig&ouml;z, Britta Ha&szlig;elmann, Sven-Christian Kindler und der Fraktion B&Uuml;NDNIS 90\/DIE GR&Uuml;NEN, BT-Drucksache 18\/2949 (Okt. 2014) [noch nicht ver&ouml;ffentlicht].<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.pothmer.de\/presse-3001066\/pressemitteilungen\/lockerung-bei-mini-jobs-von-der-leyen-von-allen-guten-geistern-verlassen.html\">Pressemeldung von Brigitte Pothmer vom 14.01.2010<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Zahl der Minijobber hat sich verdoppelt&ldquo;, so titelte <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/arbeitsmarkt-immer-mehr-minijobs-zahl-der-minijobber-hat-sich-verdoppelt\/10888506.html\"><em>Der Tagesspiegel<\/em><\/a> und mit ihm eine Reihe anderer Zeitungen am vergangenen Freitag. Gemeint war, das Ende 2013 rund 2,35 Millionen Menschen einem Minijob als zus&auml;tzlichem Nebenjob nachgegangen waren, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die Zahl der insgesamt geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten habe im Dezember 2013 bei<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23742\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,141,146],"tags":[284,288,312],"class_list":["post-23742","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-soziale-gerechtigkeit","tag-deregulierung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23742"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23742\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23743,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23742\/revisions\/23743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}