{"id":23764,"date":"2014-10-30T09:06:52","date_gmt":"2014-10-30T08:06:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764"},"modified":"2019-07-05T10:42:19","modified_gmt":"2019-07-05T08:42:19","slug":"griechenland-es-riecht-nach-wahlen-ueber-die-chancen-der-syriza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764","title":{"rendered":"Griechenland: Es riecht nach Wahlen \u2013 \u00dcber die Chancen der Syriza"},"content":{"rendered":"<p>Der griechische Ministerpr&auml;sident Samaras hat mit seiner v&ouml;llig unglaubw&uuml;rdigen Ank&uuml;ndigung eines Ausstiegs aus dem Regime des von der Troika auferlegten &bdquo;Memorandums&ldquo; politisch wie auch auf dem Kapitalmarkt eine b&ouml;se Bauchlandung erlitten. Nach aller Wahrscheinlichkeit ben&ouml;tigt Griechenland in Zukunft eine weitere &bdquo;vorsorgliche Finanzhilfe&ldquo; aus dem ESM-Stabilisierungsfonds, die sicherlich gleichfalls wieder mit Auflagen, also einem neuen &bdquo;Memorandum&ldquo; verbunden w&auml;re.<br>\nNicht nur die Griechen, sondern auch das Ausland fragen sich mehr und mehr, wozu diese Regierung aus den &bdquo;Systemparteien&ldquo; Nea Dimokratia und Pasok noch nutze ist. Dass sich noch die n&ouml;tige drei-F&uuml;nftel-Mehrheit f&uuml;r die im kommenden M&auml;rz anstehende Pr&auml;sidentenwahl finden wird, ist &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich. Bei den zu erwartenden Neuwahlen k&ouml;nnte die linke Syriza von Parteichef Alexis Tsipras st&auml;rker werden, als die derzeitigen Regierungsparteien zusammen. Syriza d&uuml;rfte jedoch einen Koalitionspartner f&uuml;r einen Regierungswechsel ben&ouml;tigen und das ist nicht einfach. Wie k&ouml;nnte ein linkes Programm f&uuml;r umfassende Reformen aussehen? <strong>Niels Kadritzke<\/strong> gibt einen weiteren aktuellen Lagebericht und er&ouml;rtert die Chancen und Perspektiven einer linken Reformpolitik f&uuml;r Griechenland.<br>\n<!--more--><br>\nPressekonferenz in Br&uuml;ssel am letzten Freitag. Der griechische Ministerpr&auml;sident Samaras r&auml;umt ein, dass es gewisse &bdquo;Vorbehalte&ldquo; gebe, ob Griechenland &bdquo;es ohne bailout-Programme schaffen kann&ldquo;.  Grund f&uuml;r solche Zweifel seien die schw&auml;chelnde Konjunktur in der Eurozone, aber auch &bdquo;geopolitische Gefahren&ldquo; in anderen Teilen der Welt. Das Eingest&auml;ndnis ging einher mit der Mitteilung, bei seinen vielseitigen Kontakten in Br&uuml;ssel sei &uuml;ber die Zukunft des griechischen Bailout-Programms &bdquo;noch nichts entschieden&ldquo; worden. Aber seine Gespr&auml;chspartner, zu denen seine Kollegen aus Frankreich, Italien und den Niederlanden, aber auch EZB-Chef  Mario Draghi geh&ouml;rten, h&auml;tten allesamt &bdquo;Sympathie f&uuml;r unser Anliegen&ldquo; erkennen lassen. <\/p><p>Die Haltung von Samaras war in gewisser Weise bewundernswert. Auf Englisch w&uuml;rde man sagen; &bdquo;He kept a stiff upper lipp&ldquo;, was in etwa bedeutet: Er lie&szlig; sich nichts anmerken, dass er in der Tinte sitzt. <\/p><p>Mit der Br&uuml;sseler Szene endete f&uuml;r den griechischen Regierungschef eine Phase des hektischen Aktionismus mit fatalen Folgen. F&uuml;r seine Ank&uuml;ndigungen &uuml;ber einen Ausstieg aus dem &bdquo;Memorandums-Regime&ldquo;, also den Finanzhilfeprogrammen von EU und IMF, wurde er von der Realit&auml;t hart abgestraft. Der Zinssatz f&uuml;r griechische Staatsanleihen mit 10-j&auml;hriger Laufzeit kletterte auf &uuml;ber 9 Prozent &ndash; der h&ouml;chste Stand seit Dezember 2013. Es war die Antwort auf Samaras&lsquo; gro&szlig;m&auml;ulige Behauptung, er sei sich &bdquo;absolut&ldquo; sicher, dass Griechenland seinen Kreditbedarf wieder ganz &bdquo;normal&ldquo; &uuml;ber die internationalen M&auml;rkte finanzieren k&ouml;nne (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23631\">Nachdenkseiten vom 17. Oktober<\/a>).<\/p><p>&bdquo;Daran glaubt kein Mensch innerhalb wie au&szlig;erhalb des Landes&ldquo;, schrieb der wirtschaftspolitische Kommentator der linken Zeitung Efimerida ton Syntakon (EfSyn). Auch die regierungsfreundliche Wirtschaftszeitung Imerisia zitierte Einsch&auml;tzungen aus Bankerkreisen, wonach die Regierung nach der Reaktion der M&auml;rkte die von ihr selbst angek&uuml;ndigte Platzierung neuer 7-j&auml;hriger Anleihen vergessen k&ouml;nne. Zudem sei die Position der Regierung Samaras gegen&uuml;ber der EU und dem IWF in den angek&uuml;ndigten Verhandlungen &uuml;ber die laufenden Sparprogramme und einen &bdquo;neuen Rahmen&ldquo; der Unterst&uuml;tzung noch schwieriger geworden.<\/p><p><strong>Der Ausweg aus dem Memorandum f&uuml;hrt in ein neues Memorandum<\/strong><\/p><p>Dieser neue Rahmen hat inzwischen einen Namen, hinter dem sich nichts anderes verbirgt als ein &bdquo;neues Memorandum&ldquo;. Was die Regierung Samaras &ndash; nach dem Fiasko &ndash; erkl&auml;rterma&szlig;en anstrebt, ist eine &bdquo;vorsorgliche Finanzhilfe&ldquo; aus dem Europ&auml;ischen Stabilisierungsfonds ESM, deren Konditionen in Artikel 14 des ESM-Statuts festgelegt sind. Die Hilfe &bdquo;in Form einer vorsorglichen bedingten Kreditlinie&ldquo; w&auml;re an Auflagen gebunden, die ganz &auml;hnlich aussehen w&uuml;rden wie im Fall der bisher gew&auml;hrte ESM-Finanzhilfefazilit&auml;t (nach Artikel 13 des Statuts). Diese Bedingungen sind in Art. 14 explizit &bdquo;gem&auml;&szlig; Artikel 13 Absatz 3&ldquo; konstruiert, also in Form eines detaillierten MoU (Memorandum of Understanding), das mit den EU-Partnern auszuhandeln ist. Auch &uuml;ber die Weiterf&uuml;hrung der Kreditlinie entscheidet der ESM &bdquo;nach Erhalt eines Berichts der Europ&auml;ischen Kommission gem&auml;&szlig; Artikel&nbsp;13 Absatz&nbsp;7&ldquo; (also wiederum wie bei regul&auml;ren ESM-Fazilit&auml;ten). Der Unterschied besteht lediglich darin, dass das MoU &uuml;ber die &bdquo;vorsorgliche Finanzhilfe&ldquo; auf EU-Seite vom Gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Direktor des ESM zu unterzeichnen ist (derzeit der Deutsche Klaus Regling) und dass die &bdquo;ausf&uuml;hrlichen Leitlinien f&uuml;r die Durchf&uuml;hrungsmodalit&auml;ten&ldquo; vom ESM-Direktorium erlassen werden.<\/p><p><strong>Auch eine weitere Kreditlinie des IWF w&auml;re an Bedingungen gekn&uuml;pft<\/strong><\/p><p>Auch was die Beziehung zum IWF betrifft,  ist in Athen noch keineswegs gekl&auml;rt, ob man selbst nach Aufk&uuml;ndigung des IWF-Kreditprogramms (das noch bis Mai 2016 laufen w&uuml;rde) eine weitere &bdquo;vorsorgliche Kreditlinie&ldquo; in Anspruch nehmen muss &ndash; wie es IWF-Chefin Christine Lagarde f&uuml;r notwendig h&auml;lt. Auch der IWF w&uuml;rde in diesem Fall auf ausgehandelten &bdquo;Bedingungen&ldquo; und &bdquo;Inspektionen&ldquo; bestehen. Darauf weist die Kathimerini in einem Bericht aus Washington (26. Oktober) hin, der eine weitere interessante Information enth&auml;lt: Finanzminister Chardouvelis hat bei seinem Treffen mit Lagarde am 10. Oktober davon abgesehen, einen vorzeitigen Ausstieg aus dem IWF-Programm &bdquo;eindeutig&ldquo; anzuk&uuml;ndigen. Dieses Gespr&auml;ch habe die Aussichten auf einen raschen Ausstieg eher &bdquo;zurechtgestutzt&ldquo;, und zwar &bdquo;im Gegensatz zu dem Eindruck, der in Athen erweckt wird&ldquo;.<\/p><p><strong>Die EZB besteht auf weiterer Aufsicht<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Regierung Samaras gibt es ein weiteres Problem, das sie lieber verschweigt: Auch EZB-Chef Mario Draghi und die Notenbanker der Eurozone bestehen weiterhin auf einer Aufsichtsrolle der EU. Das geht bereits aus einem Bloomberg-Bericht vom 3. Oktober &uuml;ber die Konferenz der EU-Notenbanker und der EZB in Neapel hervor. Bei diesem Treffen bekam EZB-Chef Draghi gr&uuml;nes Licht f&uuml;r den (umstrittenen) Aufkauf von Covered Bonds und ABS-Papieren (forderungsbesicherte Staatsanleihen bzw. Wertpapiere). Der Bericht zitiert einen Insider  mit der Auskunft: Da griechische Banken auf weitere Liquidit&auml;tshilfe der EZB (durch Ankauf von Covered Bonds) angewiesen sind, m&uuml;sse das Land &bdquo;unter &ouml;konomischer Aufsicht&ldquo; verbleiben.: &bdquo;Die Botschaft war eindeutig: &bdquo;Die Aussage Draghis, &lsquo;kein Programm, keine K&auml;ufe&rsquo;, ist eine direkte Warnung an Samaras, kein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Hilfsprogramm zu betreiben&rdquo;, zitiert Bloomberg einen Investmentmanager (<a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/news\/2014-10-02\/greek-ambition-to-exit-bailout-meets-draghi-roadblock.html\">ausf&uuml;hrlich hier<\/a>)<\/p><p>Trotz all dieser Zweifel und Hindernisse will die Regierung Samaras ihren Antrag auf &bdquo;vorsorgliche Finanzhilfe&ldquo; beim ESM immer noch als &bdquo;Befreiung von den Memoranden&ldquo; verkaufen. Damit bleibt sie auf der Linie der bewussten T&auml;uschung. Das wird ihr selbst in konservativen Zeitungen vorgehalten. &bdquo;Der Austritt,  der zur R&uuml;ckkehr wurde&ldquo;, lautet der Titel des Kommentars von Pantelis Boukalas in der Kathimerini vom 21. Oktober. Nach Boukalas war der &bdquo;heroische Abschied von den Bailout-Programmen&ldquo; ein verzweifelter Versuch der Regierung, etwas gegen ihre inneren Probleme und ihre sinkende Popularit&auml;t zu tun. Das aber sei voll danebengegangen. Mit ihrem von den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; enttarnten PR-Coup habe es die Regierung geschafft, zur &bdquo;besten Opposition gegen sich selbst zu werden&ldquo;. Schon deshalb sei ihr Versuch, die Schuld an dem Fiasko der oppositionellen Syriza in die Schuhe zu schieben, zum Scheitern verurteilt sei. Boukalas kommt zu dem Fazit:  &bdquo;Der Hauptfaktor, der die gegenw&auml;rtigen Instabilit&auml;t und die neuen Sorgen (um Griechenland, NK) ausgel&ouml;st hat, ist die Regierung selbst.&ldquo; <\/p><p>Dieses Fiasko sollte auch die EU-Partner Griechenlands ins Gr&uuml;beln bringen, zumal das politische Verfallsdatum der ND-Pasok-Koalition unerbittlich n&auml;her r&uuml;ckt. Die j&uuml;ngsten Fehler dieser Regierung werfen allerdings eine noch grunds&auml;tzlichere Frage auf, und die zielt nicht nur auf ihre Haltbarkeit, sondern auf ihre Brauchbarkeit f&uuml;r jedwede Art von Krisenpolitik.<\/p><p><strong>Wozu ist die Regierung Samaras noch nutze?<\/strong><\/p><p>Ist eine Truppe, die nur noch auf das eigene &Uuml;berleben bedacht ist, zu einer durchdachten und berechenbaren Politik &uuml;berhaupt noch imstande? Und k&ouml;nnen sich die EU-Partner eine hohle Selbstrechtfertigung nach dem Motto &bdquo;besser eine unf&auml;hige rechte als eine linke Regierung&ldquo; noch weiter bieten lassen? T&auml;ten diese Partner nicht besser daran, mit einer neuen, gesellschaftlich repr&auml;sentativeren politischen Kraft einen neuen Vertrag auszuhandeln? Was zwar schwierig w&auml;re, aber wenigstens in die Zukunft weisen w&uuml;rde.<\/p><p>Wie dringlich solche Fragen sind, k&ouml;nnen wir uns an einem Beispiel klar machen. Wie im ersten Teil dieses Berichts aufgezeigt (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23631\">NDS vom 17. Oktober<\/a>), ist einer der &bdquo;known unknowns&ldquo; in Bezug auf den Staatshaushalt der n&auml;chsten Jahre die Gr&ouml;&szlig;e des Defizits bei den Steuereinnahmen bzw. bei den Beitr&auml;gen zu den Sozial- und Rentenkassen. In der Kathimerini war dazu letzte Woche (am 22. Oktober) folgender Bericht zu lesen: <\/p><p>&bdquo;In dem Moment, da die aufgelaufenen Schulden die astronomische Summe von 70,1 Milliarden Euro erreicht haben, verz&ouml;gert sich die seit langem erwartete Abzahlungsregelungen&ldquo; f&uuml;r r&uuml;ckst&auml;ndige Steuerzahlungen und Beitr&auml;ge zu den Sozialkassen. Als Hauptgrund nannte die Zeitung &bdquo;die Unf&auml;higkeit der zust&auml;ndigen Ministerien, sich auf einen gemeinsamen Vorschlag zu einigen&ldquo;. Erst nach Intervention von Samaras sei es am 21. Oktober zu &bdquo;fieberhaften Verhandlungen&ldquo; zwischen den Vertretern von Finanz-, Wirtschafts-, Arbeits- und Justizministerium gekommen, die sich dann endlich auf gemeinsame Eckpunkte geeinigt haben. Diese Regelung wurde am 24. Oktober ohne Diskussion vom Parlament verabschiedet.<\/p><p>Der wichtigste Streitpunkt zwischen den Ministerien &ndash; und mit der Troika &ndash; waren die Modalit&auml;ten f&uuml;r die Abzahlung, also das &bdquo;Abstottern&ldquo; r&uuml;ckst&auml;ndiger Steuern bzw. Versicherungsbeitr&auml;ge (insbesondere was die Zahl der Abzahlungsraten und die Rabatte betrifft). Die Folgen f&uuml;r die Budgets der n&auml;chsten Jahre sind, wie das Finanzministerium selbst einr&auml;umt, noch nicht bezifferbar, werden aber mit Sicherheit negativ sein: Bei den Steuerschulden geht das Ministerium davon aus, dass h&ouml;chstens 5 Prozent der 70 Milliarden eintreibbar sind; bei den Beitr&auml;gen zu den Sozialkassen k&ouml;nnte der Prozentsatz etwas h&ouml;her liegen. In jedem Fall ergibt sich f&uuml;r den Haushalt 2015 ein zus&auml;tzliches und riesiges Loch, das die Troika in ihrem anstehenden Bericht nat&uuml;rlich registrieren wird (Details nach Kathimerini vom 25. Oktober).<\/p><p>Wichtiger und interessanter ist jedoch, zu welchem Zeitpunkt diese wichtige Regelung verabschiedet wurde. Es zeigt sich, dass die Regierung ihren heroischen Abschied von den Memorandums-Programmen verk&uuml;ndet hat, bevor sie einen der wichtigsten Paramater ihrer Einnahmen intern gekl&auml;rt hatte. Die Einigung zwischen den Ministerien &ndash; unter der &bdquo;Peitsche&ldquo; von Samaras &ndash; kam erst zustande, nachdem &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; die Ank&uuml;ndigung der Regierung und damit die griechischen Haushaltszahlen radikal in Frage gestellt hatten. Die Versp&auml;tung bedeutete zugleich, dass die Vouli diese Regelung nur noch abnicken konnte &ndash; ein neuerliches Beispiel daf&uuml;r, dass die Vers&auml;umnisse der Regierung und die Unf&auml;higkeit der B&uuml;rokratie die faktische Entmachtung des Parlaments bedeuten. <\/p><p><strong>R&uuml;ckkehr auf die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; im Blindflug<\/strong><\/p><p>Der geschilderte Fall ist ein weiterer Beleg daf&uuml;r, dass die Ank&uuml;ndigung eines Ausstieg aus dem Memorandum zum damaligen Zeitpunkt  einem abenteuerlichen Blindflug gleichkam, weil die wichtigsten Konturen auf einem Radarbild nicht vor Ende des Jahres ermittelt sein werden. Von einem realistischen sozio&ouml;konomischen Szenario f&uuml;r Griechenland kann man erst dann sprechen, wenn folgende Daten vorliegen:<\/p><ul>\n<li>der abschlie&szlig;ende Bericht der Troika, der nicht vor Mitte November vorliegen wird und Voraussetzung f&uuml;r die &bdquo;Freigabe&ldquo; der letzten FSM-Tranche ist; <\/li>\n<li>die Zahlen des Budgetentwurfs f&uuml;r 2015, der auch erst im November verabschiedet wird, und dessen Realit&auml;tsgehalt &ndash; unter anderem im Hinblick auf den f&uuml;r 2015 anvisierten Prim&auml;r&uuml;berschuss &ndash; ebenfalls von der Troika begutachtet wird;<\/li>\n<li>aktualisierte Rahmendaten f&uuml;r die gesamteurop&auml;ische Konjunkturentwicklung, die ein zentraler Parameter f&uuml;r die Perspektiven der griechischen Realwirtschaft sind.<\/li>\n<\/ul><p><em>(Eine Anmerkung in Paranthese: Ein wichtiges Datum liegt inzwischen vor: Die Ergebnisse des Stresstests f&uuml;r die Banken der Eurozone, die von der EZB am Sonntag in Frankfurt publiziert wurde, haben die griechischen Institute weitgehend &bdquo;entlastet&ldquo;. Das d&uuml;rfte den Ehrgeiz der Regierung Samaras anstacheln, die f&uuml;r eine Rekapitalisierung der Banken vorgemerkte Summe von ca. 11 Mrd. Euro in eine vorsorgliche Kreditlinie umzudefinieren, was allerdings der Zustimmung von  EZB und EU-Kommission bedarf. Zudem weisen Kommentatoren darauf hin, dass diese Summe nicht ausreichen w&uuml;rde, die Deckungsl&uuml;cke zu f&uuml;llen, die durch einen Verzicht auf die IMF-Kredite entstehen w&uuml;rde. Dimitris Kontoyiannis (Kathimerini vom 26. Oktober) beziffert den griechischen Finanzbedarf f&uuml;r diesen Fall auf etwa 16 Milliarden Euro.)<\/em><\/p><p>Der Regierungschef eines Krisenlandes, der die entscheidenden Daten nicht abwartet, hat wie ein Hasardeur gehandelt. Wobei der  Gipfel der Unverantwortlichkeit in der Tatsache liegt, dass offenbar niemand in der Regierung sich daf&uuml;r &bdquo;verantwortlich&ldquo; f&uuml;hlte, auf die Kosten eines m&ouml;glichen Scheiterns hinzuweisen. Fast alle griechischen Wirtschaftszeitungen waren sich mit der internationalen Finanzpresse darin einig, dass eine &bdquo;Bruchlandung&ldquo; bei der R&uuml;ckkehr zu den &bdquo;M&auml;rkten&ldquo; das Land um Jahre zur&uuml;ckgeworfen h&auml;tte. Einige Analysten reanimierten sogar wieder das Gespenst eines &bdquo;Grexit&ldquo; aus dem Euro, das sie schon auf dem H&ouml;hepunkt der griechischen Krise (2011\/2012) beschworen hatten.<br>\nLetzteres ist wiederum weit &uuml;bertrieben und in jedem Fall unverantwortlich. Aber mit ihrer schlecht fundierten, falsch &bdquo;getimten&ldquo; und unzureichend abgestimmten Ank&uuml;ndigung eines &bdquo;Grexit&ldquo; aus den St&uuml;tzungsprogrammen hat es die Samaras- Regierung geschafft, vor aller Welt den Unterschied zu Spanien und Portugal blo&szlig;zulegen. Beide EU-S&uuml;dl&auml;nder sind seit Ende 2013 bzw. seit Mitte Mai 2014 nicht mehr auf den ESM-Rettungsschirm angewiesen. Und beide L&auml;nder k&ouml;nnen ihre Bonds seitdem zu annehmbaren Konditionen platzieren: Die spanischen 10-Jahres-Papiere sind derzeit mit einem Zinssatz von 2,2 %, die portugiesischen mit 3,3 % absetzbar. Athen hat also mit dem selbst ausgel&ouml;sten Anstieg der griechischen Renditen auf bis zu 9 % (am heutigen Donnerstag immer noch bei 7,6 Prozent, der Kurs <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/quote\/GGGB10YR:IND\">abzulesen hier<\/a>) die Diskussion &uuml;ber die &bdquo;Singularit&auml;t&ldquo; des griechischen Falls zu einem denkbar ungl&uuml;cklichen Zeitpunkt erneut losgetreten.<\/p><p><strong>Der versprochene &bdquo;weiche Schuldenschnitt&ldquo; ist ausgeblieben<\/strong><\/p><p>Wie kann man nur so bl&ouml;d sein? Das fragen sich nicht nur die griechischen W&auml;hler. Um der Gerechtigkeit willen muss an dieser Stelle ein entlastendes Argument angef&uuml;hrt werden. Die Regierung Samaras-Venizelos hat, inspiriert vom fr&uuml;heren Finanzminister Stournaras, ihre Entschuldungsstrategie seit 2012 auf folgender optimistischen Hypothese errichtet: Sobald das Land einen &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt &ndash; also mehr Einnahmen als Ausgaben ohne Zinszahlungen &ndash; ausweisen kann, werden die Troika-Partner die Konditionen ihrer Kreditprogramme merklich verbessern. Ein solcher &bdquo;weicher Schuldenschnitt&ldquo; war keine griechische Wunschphantasie, sondern eine inoffizielle Zusage der Gl&auml;ubiger, die allerdings nie offen ausgesprochen oder gar verbrieft wurde. Bereits im Wahlkampf des Sommers 2012 geh&ouml;rte die Aussicht auf einen &bdquo;haircut light&ldquo; zum propagandistischen Reportoire der ND und insbesondere der Pasok (N&auml;heres dazu auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14288\">Nachdenkseiten vom 30. August 2012<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942\">vom 11. Juli 2013<\/a>).<\/p><p>Warum wurde dieses informelle Versprechen, f&uuml;r das sich insbesondere der IWF stark machte, bis heute nicht eingel&ouml;st? In der Antwort auf diese Frage sind sich die meisten Beobachter einig: Die Troika fordert als Gegenleistung die raschere und konsequentere Umsetzung zugesagter Reformen. Das Ausbleiben der &bdquo;Belohnung&ldquo; f&uuml;r den erzielten Prim&auml;r&uuml;berschuss h&auml;ngt demnach unmittelbar mit der Reformresistenz einer Regierung zusammen, die Fleisch vom Fleische jenes Klientelsystems ist, aus dem die Regierungsparteien jahrzehntelang ihre Macht erneuert haben.<\/p><p><strong>Die Systemparteien stehen f&uuml;r das &bdquo;Klientelsystem&ldquo;<\/strong><\/p><p>So gesehen ist es ein bitterb&ouml;ser Witz, dass sich heute eine Regierung, bestehend aus den alten &bdquo;Systemparteien&ldquo; ND und Pasok, gegen&uuml;ber ihren Gl&auml;ubigern und europ&auml;ischen Partnern als Garantin der Stabilit&auml;t und der Kontinuit&auml;t anpreist, die allein die griechische success story zu ihrem gl&uuml;cklichen Ende bringen k&ouml;nne. Was diese Regierung tats&auml;chlich garantiert, ist die Kontinuit&auml;t des Klientelsystems und die Stabilit&auml;t einer Ordnung, die Griechenlands Wirtschaft und Gesellschaft an den Rand des Abgrunds gef&uuml;hrt hat. <\/p><p>An dieser Stelle ist einem Missverst&auml;ndnis vorzubeugen: Beim Zusammenhang zwischen Klientelismus und Reformversagen geht es nicht um die Frage, ob bestimmte Reformen f&uuml;r Staat und Gesellschaft in Griechenland richtig und n&uuml;tzlich sind, oder ob sie derart unzumutbar oder unproduktiv sind, dass eine demokratische Regierung sie mit guten Gr&uuml;nden verweigern kann oder muss (als Beispiel habe ich an anderer Stelle auf bestimmte Privatisierungsvorhaben verwiesen, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9602\">siehe NachdenkSeiten vom 30. Mai 2011<\/a>). Auf diese Frage werde ich sp&auml;ter zur&uuml;ckkommen, wenn ich die Regierungsf&auml;higkeit der Syriza er&ouml;rtere.<\/p><p>An dieser Stelle geht es vielmehr darum, ob vereinbarte Reformen &uuml;berhaupt in Gesetzesform gegossen und wann sie praktisch umgesetzt werden. Was in schwierigen und kontroversen F&auml;llen voraussetzt, dass eine Regierung den Staats- und Steuerb&uuml;rgern eine als &bdquo;notwendig&ldquo; erachtete Reform offen darlegt und m&ouml;glichst ehrlich begr&uuml;ndet. Das ist in Griechenland in aller Regel nicht der Fall. Dies wiederum verst&auml;rkt die Zweifel, ob eine Athener Regierung bereit und imstande ist, ein als notwendig erkanntes Programm von &bdquo;Zukunftsreformen&ldquo; von sich aus &ndash; und nicht auf Druck einer Troika oder anderer &bdquo;&auml;u&szlig;erer M&auml;chte&ldquo; &ndash; auszuarbeiten, daf&uuml;r zu werben und schlie&szlig;lich auch umzusetzen. Eine solche gesellschaftlich vermittelte Reformpolitik stie&szlig;e allerdings &ndash; unabh&auml;ngig vom Willen und der Zusammensetzung der Regierung &ndash; auf ein weiteres Hindernis in Gestalt der staatlichen B&uuml;rokratie, die ebenfalls ein Produkt des politischen Klientelsystems ist und schon deshalb wenig Lust auf Ver&auml;nderungen entwickelt.<\/p><p><strong>Ohne Reformen kein Ausweg aus der Krise<\/strong><\/p><p>Die meisten Beobachter der griechischen Krise sind sich, ungeachtet ihrer politischen Couleur, in einem Punkt einig: Ohne eine durchdachte, langfristig angelegte und von der Gesellschaft nicht nur tolerierte, sondern getragene Reformpolitik wird es niemals einen Grexit im Sinne eines Auswegs aus der tiefsten Krise der j&uuml;ngeren griechischen Geschichte geben. Deshalb lautet &ndash; angesichts der politischen Verh&auml;ltnisse im Herbst 2014 &ndash; eine Schl&uuml;sselfrage f&uuml;r die Zukunft des Landes: Wie h&auml;lt es die heutige Opposition und potentiell n&auml;chste Regierung mit den Reformen? <\/p><p>Noch vor f&uuml;nf Monaten, nach dem Resultat der Europawahlen im Mai, war es eine k&uuml;hne Prognose,  der Syriza innerhalb eines Jahres eine ernsthafte Chance auf Abl&ouml;sung der Regierung Samaras\/Venizelos zuzutrauen. Das sieht heute, nachdem die Regierung ihr Tischfeuerwerk von &bdquo;success stories&ldquo; abgebrannt hat, entschieden anders aus. Dies ist das Resultat von Entwicklungen auf drei Ebenen:<\/p><ol>\n<li>Neuwahlen zum Parlament im Fr&uuml;hjahr 2015 sind viel wahrscheinlicher geworden.<\/li>\n<li>Der Vorsprung der Syriza in den demoskopischen Umfragen hat sich stabilisiert und noch ausgeweitet.<\/li>\n<li>Die Oppositionspartei und ihr Vorsitzender haben im Zuge innerparteilicher Kl&auml;rungsprozesse und in Konfrontation mit der Realit&auml;t mehr politische Bodenhaftung entwickelt und ihr Profil als regierungsf&auml;hige Kraft gest&auml;rkt.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Frage der Neuwahlen<\/strong><\/p><p>Zum ersten ist die M&ouml;glichkeit vorzeitiger Neuwahlen (wie im ersten Teil dieser Sachstandsberichts am 17. Oktober aufgezeigt) zu einer hohen Wahrscheinlichkeit geworden. Die Aussichten der Regierung Samaras, bei den f&auml;lligen Pr&auml;sidentenwahlen Anfang n&auml;chsten Jahres die n&ouml;tige drei-F&uuml;nftel-Mehrheit im Parlament f&uuml;r ihren Kandidaten zu organisieren, sind drastisch gesunken. Damit d&uuml;rften Neuwahlen im kommenden M&auml;rz f&auml;llig sein. Darauf beginnt sich auch die &ouml;ffentliche Meinung einzustellen: Die Umfragen im Oktober zeigen, dass erstmals eine Mehrheit daf&uuml;r ist, den n&auml;chsten Pr&auml;sidenten erst durch ein neu gew&auml;hltes Parlament bestimmen zu lassen.<\/p><p>Diese Entwicklung hat auch die politische Klasse l&auml;ngst in einen &bdquo;Vorwahlmodus&ldquo; versetzt. Das schildert uns der Parlamentsreporter der Kathimerini, der sich unter den Abgeordneten umgeh&ouml;rt hat: &bdquo;Zwar schlagen alle drei Kreuze, wenn die M&ouml;glichkeit vorzeitiger Wahlen erw&auml;hnt wird, aber auf der politischen Piazza ist es ein offenes Geheimnis, dass die Parlamentarier nur noch &uuml;ber eines diskutieren &ndash; wie es um die Aussichten ihrer Wiederwahl steht.&ldquo; Der Reporter berichtet von allerlei hektischen Aktivit&auml;ten, vom st&auml;ndigen Dr&auml;ngen in die Radio- und Fernsehprogramme, von Auftr&auml;gen an demoskopische Institute, von kleinlichen Streitereien &bdquo;unter Genossen&ldquo;, die sich um denselben Wahlkreis bewerben &ndash; alles Dinge, die &bdquo;nach Neuwahlen riechen&ldquo;.(Kathimerini vom 26. Oktober)<\/p><p><strong>Die Umfragen<\/strong><\/p><p>Die demoskopischen Umfragen zeigen , dass die Syriza ihren R&uuml;ckhalt bei den W&auml;hlern seit dem Sommer weiter verst&auml;rkt hat. Das Institut f&uuml;r Public Opinion-Studien der Mazedonischen Universit&auml;t Thessaloniki ermittelt in ihrer j&uuml;ngsten Umfrage (publiziert in der Kathimerini vom 19. Oktober) f&uuml;r die Syriza einen Vorsprung von 7,5 Prozentpunkte gegen&uuml;ber der ND. Wichtiger noch: Mit 27,5 Prozent k&auml;me die Oppositionspartei derzeit auf 3,5 Prozent mehr als die Regierungsparteien ND (20 Prozent) und Pasok (4 Prozent) zusammen. Und noch interessanter: Unter Ber&uuml;cksichtigung der noch &bdquo;unentschiedenen&ldquo; W&auml;hlern (17 Prozent) spricht alles daf&uuml;r, dass die Syriza bei vorzeitigen Neuwahlen die 30-Prozent-Schwelle klar &uuml;berschreiten kann.<\/p><p>Die Studie des Thessaloniki-Teams untersucht auch, aus welcher Richtung sich die potentiellen W&auml;hler auf die Syriza zu  bewegen. Dass viele aus der ehemaligen Gefolgschaft der linkssozialdemokratischen Dimar stammen, ist kaum erstaunlich. Die linke Opposition hat aber auch rund 30 Prozent der W&auml;hler aufgesaugt, die bei den letzten Parlamentswahlen (im Juni 2012) f&uuml;r die rechtspopulistische Anel (Unabh&auml;ngige Hellenen) gestimmt haben; desgleichen 13 Prozent der fr&uuml;heren W&auml;hler der neonazistischen Chrysi Avgi und 12 Prozent der orthodoxen Kommunisten (KKE). Bei aller Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber solchen W&auml;hlerwanderungsanalysen d&uuml;rfte es zutreffen, dass die Syriza zum zentralen Sammelbecken von W&auml;hlern geworden, deren Hauptmotiv die Ablehnung der Memorandums-Politik war und ist. Auf der anderen Seite zieht die linke Opposition auch &bdquo;entt&auml;uschte und erboste W&auml;hler der beiden Regierungsparteien&ldquo; an. Nach der Umfrage w&uuml;rde jeder f&uuml;nfte Pasok-W&auml;hler von 2012 heute Syriza w&auml;hlen. Dieselbe Bereitschaft &auml;u&szlig;ern &uuml;berraschenderweise auch 10 Prozent der ND-W&auml;hler von 2012 (was die Demoskopen als Hauptgrund f&uuml;r &bdquo;die wachsende Differenz zwischen den beiden gro&szlig;en Parteien&ldquo; sehen).<\/p><p><strong>Die Syriza und m&ouml;gliche Koalitionspartner<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend die Erfolge der Syriza bei den ehemaligen ND- und Pasok-Anh&auml;ngern ihre politischen Hauptgegner direkt schw&auml;chen, ist der W&auml;hlerzufluss aus den kleineren Oppositionsparteien f&uuml;r die Partei eine zwiesp&auml;ltige Sache: Er legt das W&auml;hlerreservoir genau der Parteien trocken, die als Koalitionspartner f&uuml;r eine Regierung Tsipras in Frage k&auml;men, falls die Syriza keine absolute Parlamentsmehrheit erzielen w&uuml;rde (wovon die meisten Beobachter ausgehen). Die Dimar als logischer Wunschpartner f&uuml;r eine linke Koalition liegt bei den Umfragen im Promille-Bereich und wird die n&auml;chsten Wahlen nicht &uuml;berstehen. Auch die Anel, ein m&ouml;glicher aber nicht wahrscheinlicher Koalitionspartner, rutschte in den letzten Umfragen unter der 3 Prozent-Grenze, womit sie im Parlament nicht mehr vertreten w&auml;re. Die KKE ist ohnehin ein Fall f&uuml;r sich: Sie lehnt jede Mitarbeit in einer &bdquo;b&uuml;rgerlichen&ldquo; Regierung und sieht in der Syriza nur eine &bdquo;linke Reserve&ldquo; des Kapitalismus und eine &bdquo;neue Pasok&ldquo;. <\/p><p>Damit bleiben f&uuml;r die Syriza nur zwei potentielle Koalitionspartner &uuml;brig. Das ist zum einen die erst seit M&auml;rz 2014 bestehende Partei To Potami (der Fluss), die von den Medien im politischen Spektrum links der Mitte verortet wird, also dort, wo die Pasok eine klaffende L&uuml;cke hinterlassen hat. Der Gr&uuml;nder und Kopf von Potami, der Journalist Stavros Theodorakis, hat eine Richtungsaussage lange vermieden, definiert seine Partei neuerdings aber als &bdquo;radikales Zentrum&ldquo;. Potami erzielte bei den Europawahlen im Mai mit 6, 6 Prozent einen &Uuml;berraschungserfolg, war aber danach in den Umfragen leicht abgeschmiert. Nach der neuen Umfrage der Uni Thessaloniki liegt die Partei jetzt wieder bei 7 Prozent, weil sie es geschafft hat, sowohl rechts als auch links der Mitte zu fischen: Sie vermochte ein Viertel der fr&uuml;heren Dimar-Anh&auml;nger wie auch ehemalige Pasok- und Syriza-W&auml;hlern zu gewinnen; zugleich aber auch liberale Mitterechts-W&auml;hlern zu binden, denen die ND unter Samaras zu rechtslastig geworden ist. Ob To Potami mit der Syriza koalieren w&uuml;rde, ist eine v&ouml;llig offene Frage. In jedem Fall w&auml;re die Partei von Theodorakis aus Sicht der Sozialisten ein schwer berechenbarer Partner &ndash; wenn auch vielleicht der einzige, der nach den Wahlen noch zur Verf&uuml;gung steht.<\/p><p>Als zweiten B&uuml;ndniskandidaten die Pasok zu nennen, w&auml;re bis vor einem halben Jahr nicht einmal als schlechter Witz durchgegangen. Aber falls es die Partei &ndash; unter dem Namen Elia (Olivenbaum) &ndash; &uuml;berhaupt noch ins Parlament schafft, sind auch Koalitionsverhandlungen mit dem letzten Aufgebot der ehemals stolzen Papandreou-Truppe nicht v&ouml;llig ausgeschlossen. Aber zweifellos w&uuml;rde die Syriza-F&uuml;hrung es vorziehen, die &Uuml;berreste der Pasok in Form von W&auml;hlern einzusammeln. Im &Uuml;brigen wird sie alles tun, eine vorzeitige Diskussion &uuml;ber m&ouml;gliche Koalitionspartner zu unterbinden, weil dies zu heftigen innerparteilichen Kontroversen f&uuml;hren w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Absolute Mehrheit durch doppelte Neuwahlen?<\/strong><\/p><p>Vorerst gelingt es der Parteif&uuml;hrung, die heikle K(oalitions)-Frage dadurch ersticken, dass sie als Wahlziel eine &bdquo;autonome Mehrheit&ldquo;, sprich eine Alleinregierung verk&uuml;ndet. Das klingt angesichts der aktuellen Umfragen ziemlich vermessen. Um an die Schwelle einer absoluten Mehrheit von 150 Sitzen heranzukommen, braucht die Syriza &ndash; trotz der 50 Extrasitze, die der st&auml;rksten Partei als Bonus zustehen &ndash; etwa 35 Prozent der W&auml;hlerstimmen. Die sind jedoch nach wie vor ziemlich unwahrscheinlich, wie man auch in der Parteizentrale einr&auml;umt. Deshalb spielt man mit einem Szenario, das ziemlich abenteuerlich klingt: Sollten Wahlen im M&auml;rz keine absolute Syriza-Mehrheit erbringen, aber auch keine Konstellation f&uuml;r eine andere Regierung, w&auml;ren ohnehin Neuwahlen f&auml;llig. Und die w&uuml;rde man triumphal gewinnen, weil die Griechen dann unbedingt eine handlungsf&auml;hige Regierung wollen.<\/p><p>Die unterstellte W&auml;hlerdynamik erscheint durchaus denkbar. Aber wie das Land nach zwei erbitterten W&auml;hlk&auml;mpfen aussehen w&uuml;rde (und das nach einer gescheiterten Pr&auml;sidentenwahl, die ja Voraussetzung des ganzen Szenarios ist), m&ouml;chte man sich lieber nicht vorstellen. In einem klientelistischen System, wo der &ouml;ffentliche Dienst zu Wahlkampfzeiten praktisch zum Stillstand kommt, d&uuml;rfte die neue Regierung f&uuml;r den geplanten Neubeginn jedenfalls keine angenehmen Startbedingungen vorfinden. <\/p><p><strong>Das Hauptproblem der Syriza<\/strong><\/p><p>Damit sind wir beim Hauptproblem der Syriza-Strategie. Und das liegt nicht in der Frage, wie und nach wie vielen Wahlen und mit welchem Wahlrecht eine Alleinregierung m&ouml;glich w&auml;re. Es ist vielmehr die Frage, wie eine linke Partei in einer so tiefgehenden &ouml;konomischen Krise eine gesellschaftliche Mehrheit gegen die alten, diskreditierten Kr&auml;fte organisieren kann, ohne mit falschen Versprechungen zu operieren. In einer solchen Situation ist es von entscheidender Bedeutung, dass man von der Realit&auml;t ausgeht, also Lage des Landes und der Gesellschaft so beschreibt, wie sie ist, und nicht, wie man sie sich w&uuml;nscht. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil die Syriza die ND-Pasok-Koalition &ndash; v&ouml;llig zu Recht &ndash; als Regierung der leichtsinnigen Versprechen und gezinkten Erfolgsgeschichten darstellt. Ein linkes Gegenprogramm, das auf ehrlichen Ausk&uuml;nften und n&uuml;chterner Bestandsaufnahme der Realit&auml;t basiert, ist auch und vor allem wichtig, um Entt&auml;uschungen vorzubeugen. Ehrlich w&auml;hrt am l&auml;ngsten. Und unehrlich r&auml;cht sich ziemlich schnell. Sollte die Politik einer Syriza-gef&uuml;hrten Regierung daran scheitern, dass ihre Versprechen mit der Realit&auml;t unvereinbar sind, w&auml;re jedwede Perspektive der demokratischen Linken in Griechenland f&uuml;r lange Zeit zerst&ouml;rt. <\/p><p>Ehe wir nach dem Verh&auml;ltnis von Realit&auml;tssinn und Ehrlichkeit bei der Syriza fragen, m&uuml;ssen wir uns klarmachen, wie es um ihre Vertrauensw&uuml;rdigkeit in den Augen der W&auml;hler steht. In dieser Hinsicht vermitteln die Umfragen, die der Opposition einen klaren Vorsprung vor der Regierung bescheinigen, zugleich eine entschiedene Warnung.<\/p><p>Die aktuelle Umfrage der Uni Thessaloniki zeigt, dass gro&szlig;e Teile der Gesellschaft der Syriza genauso misstrauen wie der Regierung. Und zwar speziell in der zentralen Frage, mit der Tsipras im Wahlkampf punkten will: W&auml;hrend 64 Prozent der Befragten nicht an den von der Regierung verk&uuml;ndeten &bdquo;Ausstieg aus den Memoranden&ldquo; glauben, gehen 69 Prozent davon aus, dass auch eine Syriza-Regierung den von ihr versprochenen Ausstieg nicht schaffen kann. Noch eindeutiger sind folgende Zahlen: Nur 10 Prozent sind sich &bdquo;ganz sicher&ldquo;, dass Samaras sein Versprechen einl&ouml;sen kann, aber bei Tsipras sind es sogar nur 5 Prozent.<\/p><p><strong>Das Misstrauen der W&auml;hler als Chance<\/strong><\/p><p>Diese Glaubw&uuml;rdigkeitsl&uuml;cke ist ein katastrophaler Befund, den man allerdings auch positiv interpretieren kann: Ein Gro&szlig;teil der griechischen W&auml;hler hat die Regierung der success stories satt, weil sie die Realit&auml;t viel klarer sehen als die politische Klasse. Aber mit derselben Skepsis werden auch die Grenzen der realen M&ouml;glichkeiten einer Syriza-Regierung gesehen. <\/p><p>Die deprimierenden Zahlen enth&uuml;llen im Grunde ein gro&szlig;es Potential, das die Opposition f&uuml;r sich nutzen k&ouml;nnte. Aber nur, wenn sie den W&auml;hlern statt unglaubw&uuml;rdiger Versprechen ein schlichtes Angebot machen w&uuml;rde: &bdquo;Versucht es mit uns, weil wir euch ehrlich kommen.&ldquo;<\/p><p>Das klingt utopisch. Hat man irgendwo auf dieser Welt von einer demokratischen Wahl geh&ouml;rt, die auf dem Tauschakt &bdquo;Vertrauen&ldquo; (der W&auml;hler) gegen &bdquo;Ehrlichkeit&ldquo; (der Wahlbewerber) beruhte? Und das ausgerechnet in einem politischen System gehen, das sich jahrzehntelang &uuml;ber den klientelistischen Tauschakt &bdquo;Stimme gegen P&ouml;stchen&ldquo; reproduziert hat?<\/p><p>Dem w&auml;re entgegen zu halten: Die griechische Gesellschaft ist an den Punkt gelangt, an dem sich die Fehler des alten System derart akkumuliert haben, dass es sich eben nicht mehr reproduzieren kann. Wann wenn nicht jetzt w&auml;re die Zeit f&uuml;r eine Opposition gekommen, die das Ganze in Frage stellt? Und zwar nicht, indem sie &bdquo;linke&ldquo; Errungenschaften verspricht, f&uuml;r die eine materielle Basis erst zu schaffen w&auml;re, sondern indem sie den Kern des alten Modell, also den Klientelismus attackiert. <\/p><p><strong>Die Syriza als bessere Sozialdemokratie?<\/strong><\/p><p>Klingt das nicht ziemlich sozialdemokratisch? Sicher doch, aber was soll schlecht daran sein? Eine wirkliche und solide Sozialdemokratie, die gegen populistische Demagogie und klientelistische  Versuchungen gefeit ist, w&auml;re ziemlich genau das Projekt, das die griechische Gesellschaft nach dem j&auml;mmerlich gescheiterten Projekt namens Pasok n&ouml;tig h&auml;tte . Und das nach dem gro&szlig;en Krisenschock sogar eine Mehrheit finden k&ouml;nnte. <\/p><p>F&uuml;r viele Syriza-Mitglieder, vor allem auf dem linken Fl&uuml;gel (der sich als &bdquo;Linke Plattform&ldquo; organisiert hat) ist diese Vorstellung nat&uuml;rlich ein Horror. Sie setzen nach wie vor (offen) auf einen &bdquo;Grexit&ldquo; aus der Eurozone und (weniger offen) aus der Europ&auml;ischen Union. Die Argumente gegen solche linken &bdquo;Kinderkrankheiten&ldquo;  hat der Slavoj Zizek zusammengefasst, der mit der griechischen Gesellschaft seit langem vertraut ist. Der prominente slowenische Philosoph, der enge Kontakte mit Alexis Tsipras hat und sich auch ganz gern als dessen intellektueller Guru bezeichnen l&auml;sst, sprach  Ende Juni in einem Interview mit der Efimerida ton Syntaktion ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die potentielle Rolle der Syriza in der griechischen Krise. Ich zitiere die wichtigsten Passagen im Wortlaut:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Etwas erreichen kann man in Griechenland nicht etwa, indem man eine bekloppte linksradikale Revolution ausprobiert und damit scheitert, um hinterher eine nette historische Erinnerung zu haben, im Sinne von: Ach wie sch&ouml;n es damals war. &ndash; Nein. In Griechenland haben wir einen korrupten und klientelistischen Staat. Ich wei&szlig;, das sich das, was ich sagen werden, verr&uuml;ckt anh&ouml;rt, und das mich gewisse Marxisten daf&uuml;r kreuzigen werden. Ich glaube aber, dass die Syriza einige wirklich produzierende Kapitalisten finden muss, die diesen Zustand &ndash; diesen klientelistischen und parasit&auml;ren Staat &ndash; ebenfalls satt habe. Wir m&uuml;ssen absolute Pragmatiker sein. Vielleicht m&uuml;sste die Syriza sogar eine glaubw&uuml;rdige b&uuml;rgerliche Partei bilden, die Griechenland endlich zu einem stinknormalen Staat machen w&uuml;rde, zu einem Staat, der irgendwie einem normalen liberalen demokratischen Staat &auml;hnelt. Das (Fehlen dieses Staates) stellt f&uuml;r die Syriza ein Hindernis dar, aber es ist zugleich auch eine einmalige Chance. Um es auf gut marxistisch auszudr&uuml;cken: Die b&uuml;rgerlichen Parteien sind bekloppt, dass sie dieses Terrain nicht besetzen, und die B&uuml;rger wissen das. Nat&uuml;rlich sind nicht alle Syriza-W&auml;hler Linke, das ist mir klar, aber sie sind von den bestehenden (b&uuml;rgerlichen) Parteien angewidert. Und sie hoffen, dass endlich effektiv regiert wird.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>An dieser Stelle wirft Zizek den EU-Partnern Griechenlands eine heuchlerische Haltung vor: Sie halten Griechenland immer wieder vor, ein korruptes Land zu sein, aber bei Wahlen unterst&uuml;tzen sie dann doch immer die Nea Dimokratia, die nichts anderes ist als die &bdquo;Inkarnation&ldquo; der beklagten Korruption. Deshalb, so Zizek, sollten die Europ&auml;er nicht auf die griechischen Stimmen h&ouml;ren, die ihnen mit der Behauptung Angst machen, Tsipras w&uuml;rde auf einen &bdquo;totalit&auml;ren Polizeistaat&ldquo; zusteuern. In Europa m&uuml;sse man vielmehr begreifen, dass die Realit&auml;t der  Syriza im Grunde nur eine Politik erlaubt: eine Politik der &bdquo;M&auml;&szlig;igung&ldquo;. <\/p><p><strong>Tsipras und seine Partei sind keine Parias mehr<\/strong><\/p><p>Diese Argumentation ist, abgesehen von ihrer inneren Stringenz, auch deshalb von Belang,  weil Zizek sie ganz sicher auch Alexis Tsipras vorgetragen hat. Wie sich der Syriza-Vorsitzende mit der Position seines intellektuellen &bdquo;Mentors&ldquo; auseinandersetzt, k&ouml;nnen wir nicht wissen. Aber es gibt eine Menge Anzeichen daf&uuml;r, dass solche realpolitischen &Uuml;berlegungen in der Parteif&uuml;hrung aufmerksame Zuh&ouml;rer finden. Das gilt erkennbar auch f&uuml;r die Einsch&auml;tzungen und Informationen, die Tsipras und seine engeren Berater aus ihren Kontaktgespr&auml;chen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern auf internationaler Ebene gewinnen. <\/p><p>Diese Kontakte haben sich seit l&auml;ngerem erheblich verdichtet. Das zeigt zugleich an, dass die Syriza mittlerweile &ndash; vor allem im EU-Bereich &ndash; als ernstzunehmende politische Gr&ouml;&szlig;e und Tsipras  als potentieller griechischer Regierungschef wahrgenommen wird. Seit seinem ersten Gespr&auml;ch mit Finanzminister Sch&auml;uble und seinen Auftritten beim IWF und der Brookings Institution im Januar 2013 hat der Syriza-Chef seine internationalen Reputation und Akzeptanz kontinuierlich ausgebaut. Mit Sicherheit geh&ouml;rt er heute zu den am besten &bdquo;vernetzten&ldquo; Politikern der europ&auml;ischen Linken .<\/p><p>Dies gilt auch f&uuml;r die Syriza-connections mit der deutschen Politik. Schon aus Anlass der Europa-Wahlen im Mai dieses Jahres schrieb Jens Bastian, einer der kundigsten Griechenland-Beobachter, in dem blog Macropolis: Anders als noch bei den doppelten (Parlamentswahlen vom Sommer 2012 werde Tsipras und die Syriza in Berlin inzwischen viel gelassener gesehen: &bdquo;Im Lauf der letzten beiden Jahre wurde zwischen Syriza-Vertretern und deutschen Bundesministerien eine st&auml;ndige Kommunikationsverbindung etabliert und offen gehalten, h&auml;ufig unter Vermittlung der deutschen Schwesterpartei der Syriza, der Linken.&ldquo; Dank solcher Kontakte ist es laut Bastian gelungen,  &bdquo;Missverst&auml;ndnisse  auszur&auml;umen, zum Beispiel &uuml;ber Schuldenerm&auml;&szlig;igungen, und bestimmte politische Positionen zu kl&auml;ren, zum Beispiel &uuml;ber Griechenlands Euro-Zugeh&ouml;rigkeit&ldquo;. Zudem seien damit &bdquo;beide Seiten auf eine m&ouml;gliche Zusammenarbeit vorbereitet, wenn dies n&ouml;tig werden sollte&ldquo;. <\/p><p>Sollte dieser &bdquo;Ernstfall&ldquo; einer von der  Syriza gef&uuml;hrte Regierung eintreten, wird Tsipras &bdquo;f&uuml;r das Berliner politische Establishment keine unbekannte Gr&ouml;&szlig;e&ldquo; mehr sein. Das gilt auch f&uuml;r die wichtigsten Wirtschaftsexperten der Partei (wie den Abgeordneten und &bdquo;Schatten-Wirtschaftsminister&ldquo; Giorgos Stathakis), die fast schon eine st&auml;ndige Arbeitsbeziehung bis hinein in die Berliner Regierung haben.<\/p><p><strong>Die Syriza und Europa<\/strong><\/p><p>Was die &bdquo;europ&auml;ische Orientierung&ldquo;  betrifft, so hat die Syriza-F&uuml;hrung in den beiden von Bastian erw&auml;hnten Punkten fr&uuml;here Unklarheiten restlos beseitigt. Griechenlands Zugeh&ouml;rigkeit zur Euro-Zone wird von keinem Parteisprecher mehr in Zweifel gezogen, selbst die Linke Plattform hat sich zu diesem Thema seit l&auml;ngerem nicht mehr ge&auml;u&szlig;ert. Und in der Frage der EU-Mitgliedschaft hat Tsipras  seine Partei sp&auml;testens mit seiner offiziellen &bdquo;Kandidatur&ldquo; f&uuml;r den EU-Kommissionspr&auml;sidenten auf Linie gebracht. Wie er  schon letztes Jahr bei einer Veranstaltung der &ouml;sterreichischen Sozialdemokraten erkl&auml;rte, erstrebt die Syriza Partei ein &bdquo;offenes, demokratisches und koh&auml;rentes Europa&ldquo;, wobei der erste Schritt zu diesem Ziel &bdquo;die Stabilisierung der Eurozone&ldquo; sei. <\/p><p>Was bedeuten solche europ&auml;ischen Bekenntnisse f&uuml;r die Vorstellungen &uuml;ber eine L&ouml;sung der griechische Schuldenkrise? Aussagen des Typs, dass eine Syriza-Regierung am ersten Tag das &bdquo;Memorandum&ldquo; aufk&uuml;ndigen und alle Zahlungen einstellen werde, geh&ouml;ren der Vergangenheit an und werden auch im n&auml;chsten Wahlkampf nicht wieder auftauchen. &bdquo;Harte&ldquo; Verhandlungen ja, aber keine Ultimaten, lautet die Botschaft von Tsipras inzwischen,  wobei er als Verhandlungsforum eine gesamteurop&auml;ische Schuldenkonferenz vorschl&auml;gt. Man muss immerhin anerkennen, dass diese Idee von der Einsicht ausgeht, dass Athen seinen Gl&auml;ubigern substantielle Konzessionen nur mit Hilfe europ&auml;ischer Verb&uuml;ndeter abringen kann, zu denen Tsipras auch sozialdemokratische Kr&auml;fte z&auml;hlt. Dennoch ist das Konzept aus heutiger Sicht nicht besonders realistisch.<\/p><p><strong>Forderung nach einem Schuldenschnitt &ndash; realistisch und irreal zugleich <\/strong><\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r die Frage aller Fragen:  eine tragf&auml;hige L&ouml;sung f&uuml;r die gigantische griechische Staatsverschuldung. In diesem Punkt sind die Vorstellungen der Syriza zwar &ouml;konomisch realistisch, aber politisch irreal. Die offizielle Position der Partei ist nach wie vor, dass ein Gro&szlig;teil der aktuellen Staatsverschuldung( in H&ouml;he von 177 Prozent des BIP) abgeschrieben werden m&uuml;sse, um diese auf etwa 100 Prozent des BIP zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. <\/p><p>Die &Uuml;berzeugung, dass dies die Voraussetzung f&uuml;r eine &bdquo;tragf&auml;higen&ldquo; Schuldenlast ist, teilt die Syriza mit prominente &Ouml;konomen (auch innerhalb des IWF), aber auch mit Analysten gro&szlig;er Finanzinstitute wie der Citigroup (siehe EfSyn vom 20. Oktober). Die Operation w&uuml;rde allerdings auf einen &bdquo;haircut&ldquo; bei den griechischen Staatspapieren, die inzwischen &uuml;berwiegend bei staatlichen und &ouml;ffentlichen Institutionen liegen (daher spricht man von &bdquo;Official Sector Involvement&ldquo; oder OSI). Das w&uuml;rde bedeuten, dass z.B. die EZB und nationale Zentralbanken zig Milliarden abschreiben m&uuml;ssten. Das macht  OSI zu einem hochpolitischen Projekt der explosiven Art, das keine Regierung freiwillig anfassen w&uuml;rde (ob sozialdemokratisch oder nicht). <\/p><p><strong>Ein linkes Programm f&uuml;r umfassende Reformen<\/strong><\/p><p>Aus diesem Dilemma gibt es f&uuml;r eine Partei, die mit dem Anspruch auftritt, nicht nur die alte Regierung, sondern auch das alte System abzul&ouml;sen, nur einen Ausweg. Sie muss ein eigenes Programm f&uuml;r umfassende Reformen entwickeln und sich in hartn&auml;ckigen Verhandlungen mit den EU-Partnern bem&uuml;hen, m&ouml;glichst viel von diesem Erneuerungsprogramm durchzusetzen &ndash;  und zugleich m&ouml;glichst viele der &bdquo;Reformen&ldquo; zu verhindern, die nicht zur &Uuml;berwindung der Krise beitragen oder unzumutbare soziale Folgen haben. Aber die griechische Position in solchen Verhandlungen wird umso besser sein, je deutlicher sie ihre Bereitschaft zu eigenen, &uuml;berf&auml;lligen Reformen demonstriert.<\/p><p>Da solche Reformen vor allem den Klientelstaat bek&auml;mpfen und damit den &ouml;ffentlichen Sektor betreffen m&uuml;ssen, werden sich innerparteiliche Konflikte nicht vermeiden lassen. Zum Beispiel mit bestimmten &bdquo;Gewerkschaften&ldquo;, die im Lauf der Zeit zum organischen Bestandteil des korrupten Klientelstaats geworden sind. Deren Repr&auml;sentanten, von denen viele seit Beginn der Krise von der Pasok zur Syriza &uuml;bergelaufen sind, werden jede ihren Besitzstand bedrohende Reform zu torpedieren versuchen. <\/p><p>Es gibt klare Anzeichen daf&uuml;r, dass Tsipras und seine Berater das Problem erkannt haben. Vor drei Wochen hielt der Syriza-Vorsitzende eine Rede, in der er den &bdquo;traurigen Zustand des Staates&ldquo; auf &bdquo;Ph&auml;nomene wie Korruption,  Rechtlosigkeit, Schmuggelhandel und Erpressung&ldquo; zur&uuml;ckf&uuml;hrte: &bdquo;Der heutige nicht funktionierende und verb&uuml;rokratisierte Staat ist kein Zufall. Er ist politisch gewollt, weil er Seilschaften und krumme Gesch&auml;fte beg&uuml;nstigt.&ldquo; Das Publikum, dem Tsipras diese Kritik des Klientelstaates vortrug, war der griechische Unternehmerverband. Es bleibt abzuwarten, ob  er &auml;hnlich klare Worte auch gegen&uuml;ber bestimmten Branchensyndikaten findet.<\/p><p>Postscriptum 1: In der zitierten Rede war Tsipras bem&uuml;ht, den griechischen Unternehmern klarzumachen, dass eine Syriza-Regierung nicht die von Samaras beschworene Katastrophe w&auml;re. Dabei pr&auml;sentierte er seinem Publikum ein leicht naives Idealbild des &bdquo;neuen Unternehmers&ldquo;, der innovativ ist, Herausforderungen annimmt und seine gesellschaftliche Verantwortung erf&uuml;llt. Solche Unternehmer seien f&uuml;r ihn &bdquo;Mitstreiter&ldquo; f&uuml;r &bdquo;die Neubegr&uuml;ndung, Neuordnung und Entwicklung des Landes&ldquo;. <\/p><p>Postscriptum 2: Diese Rede von Tsipras wurde nur in der linken Efimerida ton Syntakton dokumentiert. In den Wirtschaftszeitungen war sie nicht nachzulesen, auf der Wirtschaftsseite der Kathimerini fand sich nur eine winzige Notiz. 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