{"id":23849,"date":"2014-11-06T13:14:13","date_gmt":"2014-11-06T12:14:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849"},"modified":"2014-11-07T12:33:22","modified_gmt":"2014-11-07T11:33:22","slug":"bahnstreik-aus-den-zeilen-tropft-hass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849","title":{"rendered":"Bahnstreik &#8211; Aus den Zeilen tropft Hass"},"content":{"rendered":"<p>Was hat Claus Weselsky den Medien eigentlich getan? Die BILD nennt ihn den &bdquo;Gr&ouml;&szlig;en-Bahnsinnigen&ldquo; und fordert ihre Leser auf, dem &bdquo;Gewerkschafts-Boss&ldquo; unter der auf der Titelseite gedruckten B&uuml;ronummer &bdquo;die Meinung zu geigen&ldquo;. Der Focus k&uuml;rt ihn gar zum &bdquo;meistgehassten Deutschen&ldquo; und pr&auml;sentiert seinen Lesern Fotos vom Wohnhaus der Familie Weselsky samt genauer Ortsangabe. Selten tropfte so viel Hass aus den Zeilen. Und dieser Hass tropft offenbar auf fruchtbaren Boden, wie die von Medien eingesammelten O-T&ouml;ne belegen. Die Wut der vom Streik betroffenen Bahn-Kunden ist freilich verst&auml;ndlich. Absolut unverst&auml;ndlich ist jedoch, dass aus dieser Wut auf den Streik ein kanalisierter Hass auf die Lokf&uuml;hrer, die GDL oder gar Herrn Weselsky wird. Hier werden Opfer und T&auml;ter verwechselt. Lassen Sie sich bitte nicht ins Bockshorn jagen! Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4656\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-23849-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=23849-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"141106_Aus_Zeilen_tropft_Hass_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es ist ja vollkommen richtig, dass es wohl niemanden gibt, der gerne auf einen z&uuml;gigen Bahnsteig steht und erfahren muss, dass er seinen Termin aufgrund des Streiks nicht erreicht oder gar fern der Heimat nicht wei&szlig;, wie er zur&uuml;ckkommt. Es geh&ouml;rt nun einmal zum Wesen eines Streiks, dass er stets auch die Falschen trifft. Das ist unvermeidlich. Ansonsten k&ouml;nnten Lehrer, Krankenschwestern, M&uuml;llwerker oder Kinderg&auml;rtnerinnen von ihrem von der Verfassung garantierten Streikrecht keinen Gebrauch machen. Zum Wesen eines Streiks geh&ouml;rt es auch, dass er nicht nur das bestreikte Unternehmen trifft, sondern auch die &ouml;ffentliche Meinung mobilisiert. Das schmeckt nat&uuml;rlich nicht jedem, aber einen Streik ohne &bdquo;Opfer&ldquo; gibt es nun einmal nicht. Sollen die Lokf&uuml;hrer denn wirklich nur dann streiken, wenn m&ouml;glichst wenige Bahn-Kunden davon betroffen sind? Dann m&uuml;ssten Lehrer ja auch in den Ferien, M&uuml;llerwerker am Wochenende und Kinderg&auml;rtnerinnen nachts streiken und Krankenschwestern k&ouml;nnten ihr Streikrecht &uuml;berhaupt nicht wahrnehmen. Ein Streik, den keiner merkt, ist kein Streik. Einen wirklich beliebten Streik hat es wohl in der langen Geschichte des Arbeitskampfes noch nie gegeben. Darum sind Streiks von gewerkschaftlicher Seite auch die ultima ratio, wenn s&auml;mtliche anderen Anstrengungen, die Interessen der Arbeitnehmer wahrzunehmen, gescheitert sind. Dies ist beim Streik der GDL <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/lokfuehrer-streik-die-duerfen-das.720.de.html?dram:article_id=302364\">zweifelsohne der Fall<\/a>.<\/p><p>Jeder Streik kann aber nur dann Erfolg haben, wenn er in der &Ouml;ffentlichkeit zumindest im Ansatz R&uuml;ckhalt genie&szlig;t. Und eben dies ist die Achillesferse des GDL-Streiks. Wir sollten uns hier keinen Illusionen hingeben &ndash; wenn die Massenmedien mit geballter Kampagnenmacht auf die Lokf&uuml;hrer einpr&uuml;geln, so bleibt dies in unserer Gesellschaft nicht ohne Folgen. Nach dem gleichen Strickmuster wurde und wird gegen Hartz-IV-Empf&auml;nger, Migranten und Rentner polemisiert. In was f&uuml;r einer Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn sich massenhaft &bdquo;normale&ldquo; Menschen nicht mit den Schwachen solidarisieren, sondern durch einige, wenige Meinungsf&uuml;hrer gegen die Schwachen aufgehetzt werden k&ouml;nnen? Haben wir nichts aus unserer Geschichte gelernt? <\/p><p><strong>Hetze und Hass<\/strong><\/p><p>W&auml;re man selbst zynisch, k&ouml;nnte man sagen, dass der offene Zynismus, mit dem in den letzten Wochen und Tagen gegen die Lokf&uuml;hrer gehetzt wird, traurige Normalit&auml;t ist. Soll man sich wirklich aufregen, dass Franz Josef Wagner in der BILD &bdquo;T&ouml;chter, die ins Hospiz zu ihren alten V&auml;tern wollen&ldquo; ins Spiel bringt, um gegen Claus Weselky zu hetzen? Ja, man muss sich dar&uuml;ber aufregen, auch wenn man von Wagner nichts anderes erwartet. Man muss sich auch &uuml;ber den Focus aufregen, der mit &Uuml;berschriften wie &bdquo;Seit 1992 sitzt Weselsky im warmen B&uuml;ro&ldquo; aufmacht und es offenbar f&uuml;r ungerechtfertigt h&auml;lt, dass der &bdquo;Streikf&uuml;hrer&ldquo; ein Grundgehalt von &bdquo;5389 bis 6836 Euro&ldquo; bezieht und in mit seiner Familie in einer ehemalige Altstadt-Remise auf 61 Quadratmeter lebt. Soll ein Gewerkschafter etwa in einer unbeheizten Wellblechbaracke arbeiten und im Plattenbau leben? F&uuml;r das Jahresgehalt des &bdquo;Gewerkschafts-Boss&ldquo; muss Bahn-Chef R&uuml;diger Grube ganze 11 Tage arbeiten und &ndash; verzeihen Sie mir bitte die Polemik &ndash; 61 Quadratmeter reichen bei Dax-Vorst&auml;nden oft noch nicht einmal f&uuml;r die Eingangshalle ihrer Villa. Kritik, dass Herr Grube, der immerhin ein Angestellter eines Unternehmens ist, dass zu 100% dem Bund geh&ouml;rt, ein Jahressal&auml;r von 2,7 Millionen Euro bezieht, habe zumindest ich in BILD und Focus noch nie vernommen.<\/p><p>Der Hass ist ges&auml;t. Wenn es denn nur BILD und Focus w&auml;ren, die ja schon traditionell die Seite der Arbeitgeber, der M&auml;chtigen und Reichen einnehmen. Die selbsternannten Qualit&auml;tszeitungen und die &ouml;ffentlich rechtlichen Medien sind in ihrer Einseitigkeit jedoch um kein Jota besser. Das geht so weit, dass sich nun bereits der Deutsche Journalisten-Verband DJV gezwungen sieht, eine &bdquo;faire Berichterstattung&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.djv.de\/startseite\/profil\/der-djv\/pressebereich-download\/pressemitteilungen\/detail\/article\/fairness-angemahnt-1.html\">anzumahnen<\/a> und an die Einhaltung &bdquo;journalistischer Spielregeln&ldquo; zu appellieren. Es ist ein Trauerspiel; doch dieses Trauerspiel wirkt! Wenn nicht nur Herr Weselky, sondern auch ganz normale Lokf&uuml;hrer bereits in der &Ouml;ffentlichkeit von der aufgebrachten Meute beschimpft und verunglimpft werden, ist eine Grenze &uuml;berschritten. Der gr&ouml;&szlig;te Feind der Lokf&uuml;hrer sind nicht die Tarifpartner der Deutsche Bahn, sondern die Teile der &Ouml;ffentlichkeit, die sich von den Medien ins Bockshorn jagen und ihre Wut in Hass auf die Falschen kanalisieren lassen.<\/p><p><strong>Wenn das Opfer zum T&auml;ter wird<\/strong><\/p><p>Wer ist denn hier T&auml;ter und wer das Opfer? Die GDL nimmt, das kann niemand ernsthaft bestreiten, lediglich ihre verfassungsgem&auml;&szlig; garantierten Rechte in Anspruch. Die Deutsche Bahn stellt auf stur und weigert sich, diese Rechte zumindest anzuerkennen. Wenn Bahnreisende denn nun wirklich Wut empfinden, dann sollte sich diese Wut doch eigentlich nicht auf den Lokf&uuml;hrern, sondern auf dem Management der Deutschen Bahn entladen. Aber haben Sie in den letzten Wochen nur ein einziges Mal mitbekommen, dass ein Vorstand der Deutschen Bahn AG von den Medien gegrillt wurde? Haben Sie mitbekommen, dass die Medien der Deutschen Bahn AG zumindest einen Teil der Verantwortung f&uuml;r den Streik in die Schuhe geschoben haben? <\/p><p>Stattdessen wird oft hoch emotional argumentiert, dass die Sache der Arbeiter hinter den Interessen der Allgemeinheit zur&uuml;ckstecken muss. Nun kann man durchaus die Position vertreten, dass der &ouml;ffentliche Nahverkehr eine so elementar wichtige Rolle f&uuml;r die Gesellschaft darstellt, dass er nicht &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum bestreikt werden darf. Wer &bdquo;a&ldquo; sagt, muss dann aber auch &bdquo;b&ldquo; sagen. Wenn die Deutsche Bahn zur &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge geh&ouml;rt, dann muss die Privatisierung r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht und dann m&uuml;ssen die Lokf&uuml;hrer wieder wie fr&uuml;her verbeamtet werden &ndash; mit allen Vor- und Nachteilen, allen Rechten und Pflichten. Man kann die Deutsche Bahn nicht privatisieren und damit den Lokf&uuml;hrern das verfassungsgem&auml;&szlig;e Streikrecht zusprechen, um es ihnen im Ernstfall in Abrede zu stellen. <\/p><p>Eben dies fordern &ndash; mal direkt mal indirekt &ndash; die Vertreter der SPD. Was meint denn der SPD-Vorsitzende Gabriel genau, wenn er den GDL-Streik als &bdquo;Missbrauch des Streikrechts&ldquo; verunglimpft? Warum sagt SPD-Fraktionschef Oppermann, dass die GDL seiner Meinung nach &bdquo;ganz Deutschland nerve&ldquo;? Statt sich auf ihre sozialdemokratischen Wurzeln zu besinnen und ausnahmsweise auch einmal die Interessen der Arbeitnehmer zumindest wahrzunehmen, holt die SPD sogar zum Frontalangriff aus und will unter Federf&uuml;hrung von Arbeitsministerin Andrea Nahles nun sogar &uuml;ber das Tarifeinheitsgesetz das Streikreicht nicht nur f&uuml;r die Lokf&uuml;hrer, sondern f&uuml;r generell einschr&auml;nken. Die Medienkampagne gegen die GDL ist f&uuml;r dieses Ansinnen sicher nicht von Nachteil. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt. <\/p><p><strong>Die Bahn als Vorreiter f&uuml;r einen Generalangriff auf das Streikrecht?<\/strong><\/p><p>Warum stellt die Deutsche Bahn sich bei den Verhandlungen mit der GDL eigentlich  derart stur? Nur um einen Arbeitskampf anzuzetteln, den sie nach realistischer Einsch&auml;tzung gar nicht gewinnen kann? Oder k&ouml;nnte es vielmehr so sein, dass die Deutsche Bahn von Seiten der Arbeitgeber als &bdquo;Agent Provocateur&ldquo; dient, um Seit&acute; an Seit&acute; mit den Medien und der Gro&szlig;en Koalition die &ouml;ffentliche Meinung zugunsten einer gesetzlichen Beschneidung der Arbeitnehmerrechte zu drehen? Wenn dieser Gedanke nicht all zu abwegig sein sollte, dann wird der Michel seinen &bdquo;gerechten Zorn&ldquo; auf die Lokf&uuml;hrer noch teuer bezahlen. Ein Grund mehr, sich solidarisch mit dem Arbeitskampf der GDL zu erkl&auml;ren und der Hetzkampagne der Medien zu widerstehen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a170edde378a49879c4ed066faf0b2a9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hat Claus Weselsky den Medien eigentlich getan? Die BILD nennt ihn den &bdquo;Gr&ouml;&szlig;en-Bahnsinnigen&ldquo; und fordert ihre Leser auf, dem &bdquo;Gewerkschafts-Boss&ldquo; unter der auf der Titelseite gedruckten B&uuml;ronummer &bdquo;die Meinung zu geigen&ldquo;. Der Focus k&uuml;rt ihn gar zum &bdquo;meistgehassten Deutschen&ldquo; und pr&auml;sentiert seinen Lesern Fotos vom Wohnhaus der Familie Weselsky samt genauer Ortsangabe. Selten tropfte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,109,123,183,28],"tags":[459,268,840,1071,1544,1176,1232],"class_list":["post-23849","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-gewerkschaften","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-privatisierung","tag-bild","tag-deutsche-bahn","tag-focus","tag-gdl","tag-kampagnenjournalismus","tag-streik","tag-weselsky-claus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23849"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23849\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23861,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23849\/revisions\/23861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}