{"id":23856,"date":"2014-11-06T14:57:43","date_gmt":"2014-11-06T13:57:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23856"},"modified":"2014-11-07T12:34:02","modified_gmt":"2014-11-07T11:34:02","slug":"die-us-wahlen-2014-erste-gedanken-von-norman-birnbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23856","title":{"rendered":"Die US-Wahlen 2014 \u2013 Erste Gedanken von Norman Birnbaum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Professor Birnbaum<\/strong> aus Washington hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einige interessante Gedanken zum Thema aufgeschrieben. <strong>Carsten Weikamp<\/strong> hat den Text &uuml;bersetzt, wie &uuml;blich und vom Autor besonders respektiert wegen seiner &Uuml;bersetzungen.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Das englische Original und die &Uuml;bersetzung als PDF <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/20141105-birnbaum-the_2014_election_firt_thoughts-draft1.pdf\">finden sie hier [PDF &ndash; 78 KB]<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Die Wahlen 2014 &ndash; Erste Gedanken<\/strong><\/p><p><em>von Norman Birnbaum, 05.11.2014<\/em><\/p><p>Die Wahlergebnisse sind noch nicht ganz vollst&auml;ndig, aber die wesentlichen Linien sind bereits klar zu erkennen. Die Republikaner haben ihre Mehrheit im Repr&auml;sentantenhaus vergr&ouml;&szlig;ert und dort jetzt die gr&ouml;&szlig;te Mehrheit seit 1928, was die Chancen der R&uuml;ckeroberung durch die Demokraten bei den Wahlen 2016 verkleinert, unabh&auml;ngig davon, wie die Pr&auml;sidentschaftswahl dann ausgeht. Die Wahlbezirke werden von den einzelnen Staaten definiert, und die Republikaner haben auch einige bedeutende Gouverneursposten gewonnen, einige von den Demokraten hinzugewonnen und einige gehalten. Gouverneure mit Mehrheiten in der Legislative ihrer jeweiligen Staaten sind in der Lage, die Meinungsbildung in ihrem Staat zu beeinflussen und die Anwendung von Bundesgesetzen, -verordnungen und -programmen zu behindern. Die Republikaner haben die Gouverneursposten normalerweise Demokratischer Staaten wie Massachusetts, Maryland, Michigan, Illinois und Arizona gewonnen und gleichzeitig die in Florida, Ohio, Texas und Wisconsin gehalten. Am entscheidendsten aber ist, dass sie die Mehrheit im Senat &uuml;bernommen haben und dort mindestens 52 der 100 Sitze haben werden. Der Senat muss Vertr&auml;ge mit anderen L&auml;ndern ratifizieren und kann Nominierungen des Pr&auml;sidenten f&uuml;r hohe &Auml;mter in Regierung und Justiz ablehnen. Repr&auml;sentantenhaus und Senat steuern den Bundeshaushalt, und der Pr&auml;sident kann die Regierung nicht anweisen, Geldmittel auszugeben, denen der Kongress nicht zugestimmt hat. Der Pr&auml;sident wiederum kann ein Veto gegen Haushalte und Gesetze einlegen, die beide H&auml;user passiert haben, und im Kongress fehlt den Republikanern die Zweidrittel-Mehrheit, die erforderlich w&auml;re, um das pr&auml;sidentielle Veto zu &uuml;berstimmen. Es gibt also gute Gr&uuml;nde, erbitterten Widerstreit und Pattsituationen zwischen dem Wei&szlig;en Haus und dem Kongress vorauszusehen, was immer die Parteien auch &auml;u&szlig;ern m&ouml;gen, um die &Ouml;ffentlichkeit zu beschwichtigen. Der Pr&auml;sident kann zur n&auml;chsten Wahl nicht mehr antreten, hat noch achthundert Tage im Amt (ungef&auml;hr so viele, wie John F. Kennedy, bevor er ermordet wurde) und keine besonders ausgepr&auml;gte Solidarit&auml;t seiner Partei und der Pr&auml;sidentschaftsanw&auml;rter oder der Anw&auml;rter, die jetzt ihre Nominierungskampagnen starten. Er wird seine exekutiven und amtlichen Befugnisse deshalb wahrscheinlich ohne durchg&auml;ngige und enge Kooperation mit den Demokraten im Kongress und in den einzelnen Staaten aus&uuml;ben.<\/p><p>Das wird umso wahrscheinlicher der Fall sein, als die Demokraten, die sich zur Wahl stellen, sich bereits sehr stark und offensichtlich bem&uuml;ht haben, auf Abstand zu ihm zu gehen. Historiker werden eines Tages &uuml;berzeugende Erkl&auml;rungen hervorbringen, warum das amerikanische Wahlvolk und im besonderen die Meinungsmacher den Pr&auml;sidenten so systematisch verunglimpft haben. In den vergangenen Wochen wurde er verantwortlich gemacht f&uuml;r die angeblich unsteten und nicht &uuml;berzeugenden Ma&szlig;nahmen gegen Ebola in den USA. Dieser Vorwurf beruht zum gr&ouml;&szlig;ten Teil auf magischem Denken (die USA sollen irgendwie ausgenommen sein von Krankheiten, die andere befallen). Es gibt auch erstaunliche Beispiele von Heuchelei, die oft von Politikern stammen, die sich gegen die nationalen Verordnungen zur Gesundheitsf&uuml;rsorge und damit zusammenh&auml;ngende Angelegenheiten gerichtet haben. Ihm wird auch die Schuld zugeschrieben f&uuml;r das Erstarken der neuen dschihadistischen Bedrohung, den ISIS &ndash; mit der grotesken These, dass diese neue dschihadistische Gei&szlig;el gar nicht aufgekommen w&auml;re, wenn die USA die Truppen aus dem Irak nicht abgezogen oder die sogenannten moderaten Gruppen in Syrien unterst&uuml;tzt h&auml;tten. Diese Behauptung zeugt von totaler Unkenntnis des Nahen Ostens (welche viele Vertreter in Regierung, Kongress und den Medien kennzeichnet) und auch vom primitiven Glauben an die Omnipotenz der USA. Obama hat mehr an Wahrheit &uuml;ber die Welt ausgesprochen als alle seine Vorg&auml;nger seit Kennedy &ndash; und ist daf&uuml;r lauthals verdammt worden von vielen in seiner Partei und im Regierungsapparat, die nicht f&uuml;r unsere zunehmend chaotischen und zerst&ouml;rerischen imperialistischen Abenteuer leben, sondern wohl eher davon.<\/p><p>Fakt ist, dass es einen verh&auml;rteten Kern von Obama-Hassern in der Bev&ouml;lkerung gibt, die gewaltig an seiner afrikanischen Abstammung und an seiner (f&uuml;r sie) einsch&uuml;chternden Intelligenz Ansto&szlig; nehmen. Die summieren sich auf nicht weniger als zwanzig Prozent der B&uuml;rger &ndash; und die Medien, anstatt deren Hass als krankhaft zu kennzeichnen, haben mit ihrer Pseudo-Objektivit&auml;t diesen Obsessionen auch noch Seriosit&auml;t verliehen durch ihre eigenen Kampagnen gegen den Pr&auml;sidenten.<\/p><p>Es w&auml;re f&uuml;r die Demokraten vern&uuml;nftig gewesen, sich um ihren Pr&auml;sidenten zu scharen, anstatt panisch von ihm wegzurennen, ihn zu bitten, im Wahlkampf nicht in ihren Bezirken aufzutreten, und sich zu benehmen, als seien die republikanischen Angriffe auf ihn (die oft in hohem Grad aus Falschheiten und Vorurteilen bestehen) plausibel. Indem sie sich von Obama distanziert haben, haben sie im Endeffekt der sch&auml;bigen Taktik der Republikaner den Anschein von Legitimit&auml;t verliehen. Und die Koalition derer, die Obama 2008 und 2012 gew&auml;hlt haben (Afro-Amerikaner, junge W&auml;hler, gut Ausgebildete, Frauen), f&auml;llt inzwischen vor allem durch ihre schwindende Gr&ouml;&szlig;e auf. Die gesamte Wahlbeteiligung war eine der kleinsten in der neueren Vergangenheit, nur ca. 37 Prozent. Die elektronische Mobilisierung der Demokraten war ein offensichtlicher Fehlschlag&hellip; Die demokratische Partei w&uuml;rde gut daran tun, sich zu fragen, warum sie so wehrlos war, warum die W&auml;hler, auf die sie sich verlassen muss, sich in Apathie und Gleichg&uuml;ltigkeit zur&uuml;ckgezogen haben.<\/p><p>Die Wirtschaft hat doch Stabilit&auml;t gezeigt, die Arbeitslosigkeit ist zur&uuml;ckgegangen, das Haushaltsdefizit des Bundes vermindert (das in vielen Wirtschaftsdiskussionen wie ein Fetisch hochgehalten wird). Wenn man Zeitung gelesen oder ferngesehen hat, hatte man aber den Eindruck, dass das Nachrichten aus einer anderen, weit entfernten Welt sind.<\/p><p>Der Pr&auml;sident selbst tr&auml;gt aber nat&uuml;rlich auch eine nicht unwesentliche Verantwortung f&uuml;r die fehlgeschlagene W&auml;hlermobilisierung, trotz seines sp&auml;ten und wiederholten Flehens, die Bev&ouml;lkerung solle w&auml;hlen gehen. Anstatt das Bild einer anderen und solidarischeren Gesellschaft zu entwickeln, hat er Allgemeinpl&auml;tze von sich gegeben &uuml;ber die Notwendigkeit, den B&uuml;rgern der Mittelschicht den Wohlstand zur&uuml;ckzubringen, den sie einst hatte, aber dabei die Tatsache nicht offen ausgesprochen, dass die Einkommen schon seit Jahrzehnten stagnieren. Die Erfahrung tiefgreifender Ungleichheit und des Systems, das diese hervorbringt, ist die zentrale Realit&auml;t der amerikanischen Gesellschaft. Die Hinweise des Pr&auml;sidenten darauf waren &uuml;bertrieben zaghaft, zur&uuml;ckhaltend, und viele Demokraten haben sich gef&uuml;rchtet, davon &uuml;berhaupt zu sprechen.<\/p><p>Die Programmatik und Rhetorik des Wahlkampfs lie&szlig;en einen Grad intellektueller Verarmung und geistiger Armseligkeit erkennen, der nahelegt, dass man gro&szlig;e Teile der USA mal einer jener demokratiebildenden Missionen unterziehen sollte, von der unser au&szlig;enpolitischer Apparat so schw&auml;rmt. Fast vier Milliarden Dollar wurden f&uuml;r den Wahlkampf aufgewendet, viel davon f&uuml;r primitive wie kurzlebige Fernsehwerbung. Vielleicht war der weitverbreitete Wahlverzicht eine Form des Protests, aber wenn das der Fall war, dann haben sich die Protestler bemerkenswert undeutlich ausgedr&uuml;ckt.<\/p><p>Was nun? Sowohl die Republikaner als auch der Pr&auml;sident haben gro&szlig;z&uuml;gige Versprechen zur Zusammenarbeit abgegeben, um einige der Probleme des Landes zu l&ouml;sen: Bildung, Gesundheitsf&uuml;rsorge, Infrastruktur, Einwanderungsreform. Der Pr&auml;sident und die Demokraten sind vom Ausma&szlig; ihrer Niederlage &uuml;berrascht worden und scheinen keinen vereinten Plan zu haben, damit umzugehen. Die inneren Spaltungen der Republikaner zwischen provinziellen Primitiven und nationalen Republikanern mit einem Gef&uuml;hl f&uuml;r die globalen Verh&auml;ltnisse liegen offen zu Tage. Die Republikaner haben einige Kandidaten f&uuml;r den Pr&auml;sidentschaftswahlkampf 2016, Romney eingeschlossen.<br>\nHillary Clinton dominiert im Moment das Feld bei den Demokraten, aber ihre Nominierung ist keineswegs gewiss.<\/p><p>Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es eine Welt au&szlig;erhalb unserer Grenzen gibt. Der Pr&auml;sident hat Verhandlungen mit dem Iran gef&uuml;hrt, die Israel zu sabotieren versucht und dabei mit einiger Unterst&uuml;tzung aus beiden Parteien rechnen kann. Die Republikaner haben laut nach mehr Engagement im Kampf gegen den ISIS gerufen, aber es ist unklar, ob sie f&uuml;r einen voll ausgepr&auml;gten Krieg stimmen w&uuml;rden. Freihandelsabkommen mit Europa und Asien sind vorrangige Themen f&uuml;r die amerikanischen Gro&szlig;unternehmen und werden sowohl von Republikanern als auch von Demokraten gest&uuml;tzt (ausgenommen die gewerkschaftsnahen Demokraten). Die weitere Senkung unserer bereits niedrigen Steuern auf Banken und Industrie- und Dienstleistungsunternehmen wird f&uuml;r die neue Mehrheit eine dringende Frage sein. Der Pr&auml;sident hat eine realistische Politik gegen den Klimawandel aufzubauen versucht, aber der neue Vorsitzende des Senatsausschusses, der sich damit besch&auml;ftigt, hat die Warnung vor globaler Erw&auml;rmung als eine Falschmeldung bezeichnet. Am Freitag trifft sich der Pr&auml;sident mit der neuen Kongressf&uuml;hrung, und n&auml;chste Woche fliegt er nach China. Ohne Zweifel werden ihm die Gastgeber dort ihren unnachahmlich langen Blick zur&uuml;ck auf die Geschichte vermitteln. Der Pr&auml;sident wird sie sicher darum beneiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Professor Birnbaum<\/strong> aus Washington hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einige interessante Gedanken zum Thema aufgeschrieben. <strong>Carsten Weikamp<\/strong> hat den Text &uuml;bersetzt, wie &uuml;blich und vom Autor besonders respektiert wegen seiner &Uuml;bersetzungen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,174,190],"tags":[1008,1227,366,1236,255],"class_list":["post-23856","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-usa","category-wahlen","tag-birnbaum-norman","tag-demokraten","tag-obama-barack","tag-republikaner","tag-wahlanalyse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23856"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23856\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23877,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23856\/revisions\/23877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}