{"id":23873,"date":"2014-11-07T11:41:01","date_gmt":"2014-11-07T10:41:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23873"},"modified":"2014-11-07T12:57:51","modified_gmt":"2014-11-07T11:57:51","slug":"worum-geht-es-im-gdl-streik-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23873","title":{"rendered":"Worum geht es im GDL-Streik eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p>Einige Leser haben uns gestern geschrieben, dass sie trotz der beiden Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23772\">&bdquo;Ich bin ein GDL-Versteher!&ldquo;<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849\">&bdquo;Aus den Zeilen tropft Hass&ldquo;<\/a> immer noch nicht richtig verstanden haben, f&uuml;r was die GDL eigentlich streikt. In einigen F&auml;llen kam dabei auch der aus den Medien bekannte Begriff &bdquo;Machtkampf&ldquo; vor. Um hier ein wenig mehr Klarheit zu schaffen, versuche ich zun&auml;chst mit eigenen Worten noch einmal den Hintergrund zu erl&auml;utern. Als Anhang ver&ouml;ffentlichen wir dazu noch eine Zuschrift unseres Lesers <strong>Erik Jochem<\/strong>, in der das komplexe Thema allgemeinverst&auml;ndlich erkl&auml;rt wird. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nUm den Hintergrund des GDL-Streiks zu verstehen, ist es zun&auml;chst wichtig, die Begriffe Tarifeinheit und Tarifpluralit&auml;t zu definieren. Die Tarifeinheit wird im Kern durch den Satz &bdquo;Ein Betrieb, ein Tarif&ldquo; beschrieben. Der Grundsatz der Tarifeinheit wird vor allem dann bem&uuml;ht, wenn es aus verschiedenen Gr&uuml;nden innerhalb eines Betriebes mehrere g&uuml;ltige Tarife gibt. In einem solchen Fall wurde bis 2010 von den Arbeitsgerichten der Fall nach dem Grundsatz der &bdquo;Spezialit&auml;t&ldquo; behandelt: Danach gilt der Tarifvertrag, der dem Betrieb r&auml;umlich und fachlich am n&auml;chsten steht. Diesen Zwang zur Tarifeinheit hat das Bundesarbeitsgericht jedoch im Jahre 2010 unter Berufung auf die im Grundgesetz zugesicherte Koalitionsfreiheit abgeschafft. Heute gilt stattdessen der Grundsatz der Tarifpluralit&auml;t, nach dem in einem Betrieb verschiedene Tarifvertr&auml;ge gestattet sind. Ein Arzt kann also z.B. nach dem Tarifvertrag von ver.di oder nach dem Tarifvertrag des Marburger Bundes entlohnt werden &ndash; je nachdem, in welcher Gewerkschaft er ist.<\/p><p>Das Gleiche gilt f&uuml;r Lokf&uuml;hrer, die entweder in der GDL oder in der EVG organisiert sein k&ouml;nnen. Nun will die GDL erstmals diesen Grundsatz auch auf die in der GDL organisierten Mitarbeiter des Zugpersonals geltend machen. Dazu z&auml;hlen unter anderem Zugbegleiter (also Schaffner) und Mitarbeiter in der Bordgastronomie. Die Deutsche Bahn besch&auml;ftigt in diesem Bereich <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aktionstag-der-gdl-lokfuehrer-hoffen-auf-einlenken-der-bahn.766.de.html?dram:article_id=295803\">37.000 Mitarbeiter<\/a>, von denen 10.000 keiner Gewerkschaft angeh&ouml;ren und 8.000 Mitglied der EVG sind. Die GDL will nun f&uuml;r die ihre 19.000 Mitarbeiter in diesem Bereich (die 51%, von denen seitens der GDL immer die Rede ist) Tarifverhandlungen f&uuml;hren. Der Grundsatz der Tarifpluralit&auml;t, der sich auf die Koalitionsfreiheit im Grundgesetz beruft, gestattet dies ausdr&uuml;cklich. Warum soll die GDL nicht auch f&uuml;r ihre Zugbegleiter verhandeln d&uuml;rfen, wenn diese doch mehr als die H&auml;lfte des Gesamtpersonals in diesem Bereich stellen und sie in diesem Bereich mehr als doppelt so viele Mitglieder wie die EVG hat?<\/p><p>Es geht daher auch nicht um einen &bdquo;Machtkampf&ldquo; zwischen zwei Gewerkschaften. Die GDL beruft sich auf die Koalitionsfreiheit und damit auf das Grundgesetz und liegt damit auch auf der Linie des Bundesarbeitsgerichts. Die Deutsche Bahn besteht jedoch darauf, dass die GDL als Vorbedingung f&uuml;r Schlichtungsverhandlungen auf eben dieses Recht verzichtet und auf den Vertretungsanspruch f&uuml;r das in der GDL organisierte Zugpersonal (au&szlig;er den Lokf&uuml;hrern) verzichtet, bevor es &uuml;berhaupt zu einer Schlichtung kommt. Bei dieser Frage kann es jedoch keinen Kompromiss geben. Es gibt nur &bdquo;ja&ldquo; oder &bdquo;nein&ldquo; &ndash; eine Kompromissformel ist alleine aufgrund der Fragestellung nicht m&ouml;glich. W&uuml;rde die GDL diesem Diktat zustimmen, w&uuml;rde sie freiwillig darauf verzichten, das Grundrecht ihrer eigenen Mitglieder auf Koalitionsfreiheit wahrzunehmen. Zu einem Verzicht auf ein Grundrecht kann jedoch in einem Rechtsstaat niemand gezwungen werden.<\/p><p><strong>Anhang 1: Leserbrief von Erik Jochem zum Thema:<\/strong><\/p><p>Im aktuellen Tarifkonflikt der GDL mit der Deutschen Bahn AG geht es bekanntlich vorrangig um den in der Presse so genannten &ldquo;Vertretungsanspruch&rdquo; der GDL f&uuml;r das anderweitige Zugpersonal, also diejenigen Besch&auml;ftigten, die neben den Lokf&uuml;hrern auf Z&uuml;gen t&auml;tig sind. Das sind z.B. die Zugbegleiter und die Mitarbeiter in der Bordgastronomie. Der aktuelle viert&auml;gige Streik findet ma&szlig;geblich deswegen statt, weil das Angebot der Deutschen Bahn, einen Schlichter anzurufen &ndash; wie schon die zuvor gemachten Angebote &ndash; ausdr&uuml;cklich die Einschr&auml;nkung enthielt, es k&ouml;nne ausschlie&szlig;lich &uuml;ber Lokf&uuml;hrerarbeitsvertr&auml;ge verhandelt werden. Diese Einschr&auml;nkung ihres Mandats als Einstiegsbedingung f&uuml;r ein Schlichtungsverfahren lehnt die GDL ab.<\/p><p>Was genau verbirgt sich nun hinter dem sogenannten &ldquo;Vertretungsanspruch&rdquo; der GDL und der demgegen&uuml;ber ablehnenden Haltung der Deutschen Bahn? Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Tarifvertr&auml;ge nicht automatisch f&uuml;r alle Besch&auml;ftigten eines Betriebes gelten, sondern nur f&uuml;r die, die Mitglied derjenigen Gewerkschaft sind, die den betreffenden Tarifvertrag ausgehandelt hat. F&uuml;r alle anderen Besch&auml;ftigten gilt das, was sie einzelvertraglich mit ihrem Arbeitgeber ausgehandelt haben. Einen Sonderfall stellt die &bdquo;Allgemeinverbindlichkeit&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] dar.<\/p><p>F&uuml;r die Arbeitnehmer der Deutschen Bahn, die in der EVG organisiert sind, gelten somit (&uuml;ber ihren individuellen Arbeitsvertrag hinaus) die dort ausgehandelten Arbeits- und Verg&uuml;tungsbedingungen, f&uuml;r alle anderen nur das, was in ihrem jeweiligen Arbeitsvertrag steht. Der &ldquo;Vertretungsanspruch&rdquo; der GDL bezieht sich nun genau auf diejenigen Arbeitnehmer der Deutschen Bahn, die bei ihr organsiert sind. Das k&ouml;nnen wegen des Ausschlusses der M&ouml;glichkeit einer Doppelmitgliedschaft ausschlie&szlig;lich solche Arbeitnehmer sein, f&uuml;r die der von der EVG abgeschlossene Tarifvertrag nicht gilt, also Arbeitnehmer ohne aktuell g&uuml;ltigen Tarifvertrag. Die GDL vertritt mit anderen Worten nur die Interessen ihrer Mitglieder &ndash; nicht mehr und nicht weniger.<\/p><p>Wenn also von einem &ldquo;Vertretungsanspruch&rdquo; der GDL &ldquo;f&uuml;r das gesamte Zugpersonal&rdquo; (im Sinne einer unzul&auml;ssigen Anma&szlig;ung seitens der Gewerkschaft) die Rede ist, soll dadurch offenbar die legitime Vertretung ihrer Mitglieder durch die GDL diskreditiert werden. Denn was kann man ernsthaft dagegen einwenden, dass die GDL ihre Mitglieder vertritt? Ist das nicht ihre einzige Aufgabe und Daseinsberechtigung?<\/p><p>Was ist nun von der Position der Deutschen Bahn zu halten, es k&ouml;nne innerhalb desselben Betriebs nicht zwei Tarifvertr&auml;ge f&uuml;r dieselbe Berufsgruppe geben? Auch hier ergibt sich die Antwort aus dem Grundsatz des Tarifvertragsrechts, dass nur die Mitglieder der vertragschlie&szlig;enden Verb&auml;nde in den Geltungsbereich des jeweiligen Tarifvertrags fallen. Mit anderen Worten: Auf der praktischen Ebene gibt es &uuml;berhaupt kein Problem. Die Mitglieder der EVG haben Anspruch auf Anwendung des EVG-Tarifvertrags, die GDL-Mitglieder Anspruch auf Anwendung des GDL-Tarifvertrages und f&uuml;r die nichtorgansierten Mitarbeiter bleibt es bei ihrem individuellen Arbeitsvertrag. Dass die Bahn bef&uuml;rchtet, die GDL k&ouml;nne mit der Durchsetzung besserer Bedingungen f&uuml;r das &uuml;brige Zugpersonal innerbetrieblich Furore machen und zunehmend Mitglieder auf ihre Seite ziehen, ist pekuni&auml;r verst&auml;ndlich. Aber dazu genau dient ja das Streikrecht: Bessere Bedingungen f&uuml;r die eine Seite zu Lasten der anderen zu erstreiten.<\/p><p>Auf den Punkt gebracht bedeutet die Position der Deutschen Bahn, nicht &uuml;ber einen Tarifvertrag f&uuml;r das &uuml;brige Zugpersonal verhandeln zu wollen, nichts anderes, als dass auch f&uuml;r die nicht bei der EVG organsierten Arbeitnehmer maximal die im<br>\nEVG-Tarifvertrag verhandelten Ergebnisse gelten sollen. Damit aber w&uuml;rde die Mitgliedschaft in der GDL f&uuml;r das &uuml;brige Zugpersonal praktisch wertlos &ndash; und es kommt noch besser. Weil die betreffenden Arbeitnehmer ja nicht gleichzeitig in der GDL und der EVG organsiert sein k&ouml;nnen, haben die GDL-Mitglieder nicht einmal Anspruch auf den EVG-Standard, es sei denn, sie treten aus der GDL aus und in die EVG ein.<\/p><p>Damit k&auml;me das Recht, sich z.B. als Zugbegleiter in der GDL zu organisieren, dem Recht gleich, sich selbst ins Knie zu schie&szlig;en. Dass dies &ndash; offenbar auch nach den Vorstellungen von Frau Nahles &ndash; der Inhalt der grundgesetzlich gesch&uuml;tzten Koalitionsfreiheit in Deutschland sein soll, k&ouml;nnen wirklich nur die deutschen Gro&szlig;maulmedien meinen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Es gibt zwei F&auml;lle, in denen ein&nbsp; abgeschlossener Tarifvertrag f&uuml;r alle Arbeitnehmer, deren Arbeitsbereich angesprochen ist, gilt. Das ist einmal die Allgemeinverbindlichkeitserkl&auml;rung durch das Bundesarbeitsministerium (die dann aber nicht nur einen Betrieb insgesamt, sondern alle Betriebe insgesamt betrifft).<br>\nDer zweite Fall ist eine individualvertragliche Verweisklausel auf den jeweils g&uuml;ltigen Tarifvertrag, mit der der jeweilige Arbeitgeber den nicht organsierten Arbeitnehmern eine Gleichbehandlung mit den organisierten Arbeitsnehmern zusichert. Im konkreten Fall spielt dies jedoch keine Rolle.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/3a73609fcbf64888907cbbe312df7e3b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige Leser haben uns gestern geschrieben, dass sie trotz der beiden Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23772\">&bdquo;Ich bin ein GDL-Versteher!&ldquo;<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23849\">&bdquo;Aus den Zeilen tropft Hass&ldquo;<\/a> immer noch nicht richtig verstanden haben, f&uuml;r was die GDL eigentlich streikt. In einigen F&auml;llen kam dabei auch der aus den Medien bekannte Begriff &bdquo;Machtkampf&ldquo; vor. Um hier ein wenig mehr<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23873\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,141,126,109],"tags":[268,1071,1176,324],"class_list":["post-23873","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-erosion-der-demokratie","category-gewerkschaften","tag-deutsche-bahn","tag-gdl","tag-streik","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23873","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23873"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23873\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23878,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23873\/revisions\/23878"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23873"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}