{"id":23920,"date":"2014-11-12T10:08:23","date_gmt":"2014-11-12T09:08:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23920"},"modified":"2020-11-18T16:26:57","modified_gmt":"2020-11-18T15:26:57","slug":"das-dilemma-mit-der-pflege-im-alter-und-der-finanzierung-der-pflegedienste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23920","title":{"rendered":"Das Dilemma mit der Pflege im Alter und der Finanzierung der Pflegedienste"},"content":{"rendered":"<p>Der Klassiker: Die Oma st&uuml;rzt und bricht sich dabei den Oberschenkelhals. Ein Vorfall, wie er jedes Jahr tausendfach &uuml;ber Familien hereinbricht, die mit Beruf und Ausbildung der Kinder schon bis an die Grenzen ihrer Leistungsf&auml;higkeit belastet sind. Wer jetzt nicht kurzen Prozess machen kann oder will und die Oma ins Heim verfrachtet, steht vor dem Problem, dass eine h&auml;usliche Pflege von den Familienmitgliedern allein auch bei bestem Willen praktisch nicht zu leisten ist. Dies gilt erst recht, wenn zur k&ouml;rperlichen Gebrechlichkeit noch der geistige Verfall durch Demenz hinzu kommt. In dem Augenblick kommt dann ganz schnell der Wunsch nach einem ambulanten Pflegedienst, der hier helfen k&ouml;nnte. Am Besten sofort oder zumindest noch am gleichen Tag. Es sollte doch m&ouml;glich sein, dass die h&auml;usliche Pflege kurzfristig von einem Pflegedienst &uuml;bernommen wird. Und dann wundert man sich, dass es nicht so schnell geht, weil keiner der Pflegedienste ad-hoc &uuml;ber freie Kr&auml;fte verf&uuml;gt. Dies hat viel mit &auml;u&szlig;erst knappen Budgets, steigenden Kosten und somit fehlenden Spielr&auml;umen zu tun. Von <strong>Christoph Jehle<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23920#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nVon den ambulanten Pflegediensten sieht man in der &Ouml;ffentlichkeit meist nur die smarten Personentransporter in Minimalausf&uuml;hrung. Weitgehende Anonymit&auml;t herrscht inzwischen dort, wo fr&uuml;her die Gemeindeschwester in ihrer Ordenstracht f&uuml;r jeden als solche erkennbar war. Und viele ambulante Pflegekr&auml;fte f&uuml;hlen sich heute als reine L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er im sozialen System. Und dieses System erweist sich in der Praxis eines f&ouml;deralen Staatswesens als extrem komplex, wenig transparent und in jedem Bundesland unterschiedlich geregelt. <\/p><p>&Auml;hnlich wie im Falle der Hebammen, welchen die drastisch steigenden Kosten f&uuml;r die vorgeschriebene Haftpflichtversicherung bei gleichbleibenden Verg&uuml;tungen die M&ouml;glichkeit kostendeckend zu arbeiten nimmt, wird auch die h&auml;usliche Pflege zwischen steigenden Kosten und fehlender Refinanzierung durch die Kassen in die Enge getrieben. Abgerechnet wird die Grundpflege mit der jeweiligen Pflegekasse und die medizinische Pflege mit der zust&auml;ndigen Krankenkasse. Bei den vom Arzt verordneten Leistungen wird jedoch h&auml;ufig unabh&auml;ngig von der Anzahl der verordneten Leistungen nur eine einzige bezahlt und zwar die, welche in die h&ouml;chste Leistungskategorie f&auml;llt und mit etwa 9 Euro zu Buche schl&auml;gt, Dokumentation und Fahrtkosten meist inklusive. Alle anderen Leistungen k&ouml;nnen nicht abgerechnet werden. Dass die Dokumentation der Pflege und der sonstige b&uuml;rokratische Aufwand inzwischen mit etwa 40 % einen beachtlichen Teil der Zeit verschlingt, ist einerseits &auml;rgerlich, zeigt auf der anderen Seite aber auch, dass sich dieser Aufwand mit standardisierten digitalen L&ouml;sungen mit Sicherheit reduzieren l&auml;sst. Eine Effizienzsteigerung im verwaltungstechnischen Ablauf k&ouml;nnte durchaus wieder ein wenig mehr Luft f&uuml;r die Pflege der Patienten schaffen.<\/p><p>Nun hat sich die Bundespolitik inzwischen dem Problem der steigenden Kosten im station&auml;ren Bereich und bei der von der Pflegeversicherung bezahlten Grundpflege mit den <a href=\"http:\/\/www.bmg.bund.de\/pflege\/pflegestaerkungsgesetze\/pflegestaerkungsgesetz-ii.html\">Pflegest&auml;rkungsgesetzen<\/a> angenommen. Mit dem am 17.10.2014 verabschiedeten 1. Pflegest&auml;rkungsgesetz wird festgeschrieben, dass eine Entlohnung der Pflegekr&auml;fte nach Tarif von den Pflegekassen nicht als unwirtschaftlich abgelehnt werden kann. Eine Modellrechnung zur Entwicklung der Unterfinanzierung im Bereich der ambulanten Pflege findet sich auf der <a href=\"http:\/\/www.der-paritaetische.de\/uploads\/media\/140508_expertise_unterfinanzierung.pdf\">Seite des Deutschen Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands [PDF &ndash; 2.2 MB]<\/a>.<\/p><p>Die ambulante, h&auml;usliche Krankenpflege l&auml;uft inzwischen jedoch weitgehend ungebremst vor die Wand. Die ambulante Krankenpflege zeigt sich heute wie eine viel zu kleine Tischdecke: zieht man auf der einen Seite, liegt auf der anderen der Tisch blank. So klagt man schon seit Jahren &uuml;ber einen Mangel an qualifizierten Pflegekr&auml;ften und eine hohe Fluktuation unter den Besch&auml;ftigten. Zudem w&auml;chst der Bedarf, weil auch in den Krankenh&auml;usern der Kostendruck steigt, nach Fallpauschalen abgerechnet wird und somit die Patienten so schnell wie m&ouml;glich aus den Krankenh&auml;usern entlassen werden und in den Aufgabenbereich der ambulanten Pflege fallen. Daraus ergibt sich eine steigende Nachfrage, welche durch das heutige System der Finanzierung nicht gedeckt werden kann, denn bislang flie&szlig;t nur so viel Geld zus&auml;tzlich ins System, wie die Lohnsumme steigt. Mit dieser Begrenzung k&ouml;nnen die Kassenbeitr&auml;ge stabil gehalten werden<\/p><p>Um den Fachkr&auml;ftemangel zu reduzieren hatte die Politik vor wenigen Jahren die Idee, die Mitarbeiterinnen einer gescheiterten Drogeriemarktkette zu Pflegekr&auml;ften umzuschulen. Leider dauert die Pflegeausbildung drei Jahre und die Arbeitsagentur darf nur zwei Jahre f&ouml;rdern. Mit einer Transfergesellschaft f&uuml;r die Entlassenen h&auml;tte man diese Klippe umschiffen k&ouml;nnen. Die war damals am Widerstand der FDP gescheitert. <\/p><p><strong>Wenn in der Pflege die Pflegekr&auml;fte fehlen, k&ouml;nnte man die L&ouml;hne erh&ouml;hen<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich eine gute Idee, wenn da nicht die Budgetgrenzen w&auml;ren. W&auml;hrend sich die Tarifl&ouml;hne im vergangenen Jahrzehnt um gut 17 % erh&ouml;hten, stiegen die Leistungen der Kranken- und Pflegekassen nur um 8 %. Beitragsstabilit&auml;t lautet das Zauberwort der Kassen. Dabei sind die Kosten f&uuml;r die ambulante Krankenpflege gerade einmal im niedrigen einstelligen Prozentbereich am Gesamtbudget der Krankenkassen beteiligt. Erh&ouml;hungen sind bislang nur im Rahmen der Steigerung der Grundlohnsumme m&ouml;glich, aus der sich die beitragspflichtigen Einnahmen der Kassen berechnen. Seltsamerweise war die Beitragsstabilit&auml;t bei der Erh&ouml;hung der &auml;rztlichen Verg&uuml;tungen nicht gef&auml;hrdet. Die ambulanten Pflegedienste haben offensichtlich nicht die passende Lobby. Und &bdquo;ambulant&ldquo; klingt in vielen Ohren noch irgendwie nach Jahrmarkt. Und so manche Stimme fordert jetzt, dass eher die trarifgebundenen Pflegedienste eingeschr&auml;nkt oder abgeschafft werden sollen, als an der Kostenschraube zu drehen. Zudem solle jemand, der einen sozialen Beruf w&auml;hle, nicht f&uuml;r Geld arbeiten, sondern aus Berufung. <\/p><p>Die Pflegedienste haben in der Praxis nur wenig M&ouml;glichkeiten dem steigenden Kostendruck auszuweichen. Sie k&ouml;nnen sich zusammenschlie&szlig;en und dabei Verwaltungsaufgaben an eine zentrale Stelle auslagern. Sie verdichten zumeist die Arbeitsabl&auml;ufe auf das technisch erreichbare Minimum, was den Kontakt zu den Patienten auch auf ein Minimum reduziert. Eine Pflegekraft kommt somit auf 20 bis 30 Patienten pro Schicht. Ein weiteres Mittel, mit den von den Kassen erstatteten Geldern auszukommen, besteht darin, keine Tarifl&ouml;hne zu bezahlen. In manchen F&auml;llen hat man offensichtlich trotz festem Arbeitsvertrag die Stundenl&ouml;hne der Pflegekr&auml;fte variabel gehalten. Dabei wurde f&uuml;r eine weniger qualifizierte Arbeit zeitanteilig nur ein reduzierter Stundenlohn bezahlt, womit das unternehmerische Risiko auf den Arbeitnehmer abgew&auml;lzt wurde. &Auml;hnliche Modelle soll es auch hinsichtlich der Bezahlung der Fahrzeiten geben. Es ist nicht &uuml;berraschend, dass sich die bezahlten L&ouml;hne teilweise sehr nah am k&uuml;nftigen Mindestlohn befinden. Eine Folge ist die schon erw&auml;hnte hohe Fluktuation bei den Pflegekr&auml;ften, welche vielfach auch in L&auml;nder wie die Schweiz abwanderten, die k&uuml;nftig jedoch auch mit Fallpauschalen arbeiten wird. Mit den Fallpauschalen steigt das Risiko, dass der pers&ouml;nliche Kontakt zu den Patienten verloren geht und diese zum anonymen Fall reduziert werden, der abzuarbeiten ist. <\/p><p>Die Politik wollte in der h&auml;uslichen Pflege einen Wettbewerbsmarkt etablieren und stellt jetzt fest, dass private Pflegedienste die Annahme von Patienten ablehnen, deren Pflege aufgrund der Anfahrtswege nicht kostendeckend ist und es als Konsequenz in d&uuml;nn besiedelten Landstrichen keine privaten Pflegedienste gibt. Die Sozialstationen der beiden gro&szlig;en Konfessionen, die Tarifl&ouml;hne bezahlen m&uuml;ssen und sich nach vorliegenden Informationen inzwischen mehrheitlich in den roten Zahlen befinden, konnten bislang noch durch Spenden oder Quersubventionierungen ihre Finanzierungsl&uuml;cken &uuml;berbr&uuml;cken. Eine Dauerl&ouml;sung kann und darf dies jedoch nicht sein. <\/p><p>Das ganze Dilemma mit der Finanzierung der h&auml;uslichen Pflege ist mitnichten ein neues Problem. Es geistert schon seit mehreren Jahren durch die Fachwelt, ohne dass sich etwas gebessert h&auml;tte. Und so fordern manche <a href=\"http:\/\/www.caritas-paderborn.de\/90580.html\">jetzt plakativ eine Pflegewende<\/a> und will sich die Energiewende zum Vorbild, die selbst ja noch lange nicht erfolgreich umgesetzt ist.<\/p><p>Um wenigstens einen kleinen Schritt in die Richtung einer Besserung im Bereich der h&auml;uslichen Krankenpflege nach &sect; 37 SGB V zu erreichen, also der Leistung, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird, l&auml;uft derzeit eine Petition an den Deutschen Bundestag unter dem Titel: &bdquo; Gesundheitsfachberufe &ndash; Angemessene Verg&uuml;tung f&uuml;r Pflegekr&auml;fte&ldquo; mit folgendem Wortlaut: <\/p><p>&bdquo;Der Deutsche Bundestag m&ouml;ge beschlie&szlig;en, in &sect; 132a Absatz II SGB V nach Satz 5 neu einzuf&uuml;gen:&#8232;Die Verg&uuml;tung muss einem Pflegedienst bei wirtschaftlicher Betriebsf&uuml;hrung erm&ouml;glichen, seine Aufwendungen zu finanzieren und seinen Versorgungsauftrag zu erf&uuml;llen. Die Bezahlung tarifvertraglich vereinbarter Verg&uuml;tungen sowie entsprechender Verg&uuml;tungen nach kirchlichen Arbeitsrechtsregelungen kann dabei nicht als unwirtschaftlich abgelehnt werden.&ldquo;<br>\nDie Petition ist auf der Seite des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages, die unter dem <a href=\"https:\/\/epetitionen.bundestag.de\/epet\/petuebersicht\/mz.$$$.SSI.true.batchsize.10.page.3.html\">folgenden Link zu finden ist<\/a>.<\/p><p>Die Petition l&auml;uft noch bis zum 4. Dezember 2014 und ist noch sehr weit vom Quorum von 50.000 Mitzeichnern entfernt. Die h&auml;usliche Krankenpflege scheint in der &Ouml;ffentlichkeit ein Thema zu sein, mit dem man sich m&ouml;glichst nicht konfrontieren lassen will, bis man selbst eine solche ben&ouml;tigt. Wenn der politisch gew&uuml;nschte Wettbewerbsmarkt dann daf&uuml;r gesorgt hat, dass eine patientennahe h&auml;usliche Krankenpflege nicht mehr angeboten wird, ist es f&uuml;r Rettungsaktionen zu sp&auml;t, weil qualifizierte Pflegekr&auml;fte nicht auf B&auml;umen wachsen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/66e07e3b19b24739a03fac77a96d811a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. Christoph Jehle arbeitet in der Recherche zu historischen und aktuellen, meist technischen Entwicklungen und schreibt als freier Autor f&uuml;r Online- und Printmedien in Europa, darunter Telepolis.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Klassiker: Die Oma st&uuml;rzt und bricht sich dabei den Oberschenkelhals. 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Wer jetzt nicht kurzen Prozess machen kann oder will und die Oma ins Heim verfrachtet, steht vor dem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23920\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,35,92,148],"tags":[319,1216,1164,288],"class_list":["post-23920","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-fachkraftemangel","category-pflegeversicherung","tag-lohnentwicklung","tag-petitionen","tag-pflegekraefte","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23920"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":67040,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23920\/revisions\/67040"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}