{"id":2394,"date":"2007-06-06T15:13:43","date_gmt":"2007-06-06T13:13:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2394"},"modified":"2016-01-05T10:49:32","modified_gmt":"2016-01-05T09:49:32","slug":"deutsche-spitzenpolitiker-und-manager-schon-einige-zeit-in-diensten-der-internationalen-finanzwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2394","title":{"rendered":"Deutsche Spitzenpolitiker und -Manager schon einige Zeit in Diensten der internationalen Finanzwirtschaft."},"content":{"rendered":"<p>In den Hinweisen vom 5.6. wiesen wir auf <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/koepfe\/208090.html?mode=print\">einen Beitrag der FTD<\/a> mit dem Titel &bdquo;Hedge-Fonds heuert fr&uuml;here Spitzenpolitiker an&ldquo;. Dort stand zu lesen: &bdquo;Aznar und Clarke sind die ersten fr&uuml;heren Spitzenpolitiker in Europa, die f&uuml;r einen Hedge-Fonds arbeiten.&ldquo; Das ist leider falsch. Auch ehemalige deutsche Spitzenpolitiker und Manager sind in diesem Milieu t&auml;tig. Zum Beispiel Friedrich Merz, der ehemalige Kanzleramtsminister Burry, Wolfgang Clement, Otmar Issing, Ron Sommer. Sie alle arbeiten f&uuml;r ausl&auml;ndische Finanzunternehmen und verdienen so am Ausverkauf der so genannten Deutschland AG.  In einer Rede beim Lions Club Pforzheim habe ich am 12.5.2007 diesen auff&auml;lligen Vorgang in den dazugeh&ouml;rigen Kontext gestellt. Der entsprechende Rede-Auszug folgt.<br>\n<!--more--><br>\nAlbrecht M&uuml;ller<br>\nRedeauszug vom 12.5.2007:<\/p><p><strong>Die Dominanz der Finanzwirtschaft. Oder: Kapitaltransferunternehmer versus Wertsch&ouml;pfungsunternehmer.<\/strong><\/p><p>Die Deutsche Bank meldete in den letzten Tagen einen gewaltigen Gewinnsprung und eine Kapitalrendite von &uuml;ber 40%. Von einem Fondsverwalter in den USA h&ouml;rten wir, er habe sich ein Jahresgehalt von &uuml;ber einer Milliarde ausgesch&uuml;ttet. Die Investmentbanker Londons kassieren hunderte von Millionen. Das sind Dimensionen nicht nur jenseits jener, die ein Arbeitnehmer begreifen kann, die Dimensionen &uuml;berschreiten h&auml;ufig auch das Vorstellungsverm&ouml;gen von hart arbeitenden Unternehmern und Freiberuflern, von Oberb&uuml;rgermeisterinnen\/en und Abgeordneten. Ich nenne diese einmal die Wertsch&ouml;pfungs-Unternehmer &ndash; wozu ich auch die normale Bank oder Sparkasse z&auml;hle, die die notwendige Kredittransformation zwischen Sparern und den Krediten f&uuml;r Unternehmen und Private betreibt.<\/p><p>Bei diesen Unternehmen werden manchmal auch ganz gute Renditen erzielt. Die hohen Gewinne jedoch werden heute beim Transfer von Verm&ouml;genswerten erreicht, beim Verkauf und Kauf von Unternehmen, bei Fusionen und &Uuml;bernahmen, beim in weitem Ma&szlig;e spekulativen Gesch&auml;ft auf dem Kapitalm&auml;rkten. Sie setzen inzwischen die Ma&szlig;st&auml;be, sie bestimmen im &uuml;brigen auch weitgehend schon die Wirtschaftsteile unserer Zeitungen. Letzthin habe ich in einer einzigen Ausgabe 12 gr&ouml;&szlig;ere Artikel und Meldungen &uuml;ber Unternehmensverk&auml;ufe, &Uuml;bernahmen, B&ouml;rseng&auml;nge und dergleichen gelesen, das waren mehr Meldungen als &uuml;ber das Geschen in den Betrieben, &uuml;ber besondere Innovationen oder organisatorische Ver&auml;nderungen im Wertsch&ouml;pfungsbereich.<br>\nAus meiner Sicht haben Kapitalm&auml;rkte eine dienende Funktion in einer Volkswirtschaft wie zum Beispiel auch das Transportgewerbe. In meinungspr&auml;genden Wirtschaftskreisen jedoch und bei Politikern wird dieses Segment unserer &Ouml;konomie inzwischen zu einem g&ouml;ttlichem Wundert&auml;ter hochgespielt. Weil in Londons Investmentbankerstuben besonders viel verdient wird, meinen deutsche Politiker offenbar, dieser Sektor sei volkswirtschaftlich betrachtet besonders wichtig. Hier wird eine Stimmung f&uuml;r einen Wirtschaftszweig gemacht, der seiner Bedeutung im Vergleich zu den normalen wertsch&ouml;pfenden Unternehmen unserer Volkswirtschaft nicht entspricht. <\/p><p>Und viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger schauen auch schon mit Bewunderung auf die Kapitalm&auml;rkte und die dortigen Akteure. Sie sind dabei in guter Gesellschaft. Wir hatten ja einmal einen Bundeskanzler, der wirklich meinte, wenn die Aktienkurse an der B&ouml;rse steigen, dann w&uuml;rden Werte geschaffen, und wenn sie sinken, dann w&uuml;rden Werte vernichtet.<br>\nDie seltsam verquere Sicht unserer Politiker hatte und hat politische Konsequenzen: die scheinbar Gewinn bringenden Verm&ouml;genstransfers werden in vielf&auml;ltiger Weise beg&uuml;nstigt. So sind die Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne bei Unternehmenstransfers seit 1.1.2002 steuerfrei. Kanzler Schr&ouml;der hat das damit begr&uuml;ndet, es sei vorteilhaft, die so genannte Deutschland AG aufzul&ouml;sen. Damit konnte &ndash; wie Capital am 17.11.2006 berichtete &ndash; zum Beispiel die Allianz AG im Jahr 2003 ihren 40-prozentigen Beiersdorf-Anteil f&uuml;r 4,4 Milliarden Euro an Tchibo und die Stadt Hamburg verkaufen, ohne Steuern auf den realisierten Gewinn zahlen zu m&uuml;ssen. Und Sie, meine Damen und Herren, zahlen brav und bieder weiter Steuern auf Gewinne, Einkommen und Geh&auml;lter.<br>\nWas an der Aufl&ouml;sung der Deutschland AG f&ouml;rderungsw&uuml;rdig sein soll, habe ich &ndash; anders als die Mehrheit der ver&ouml;ffentlichten Meinung &ndash; nie begriffen. Zumindest ein anderer auch nicht. Der Vorstandsvorsitzende von Porsche, Wendelin Wiedeking hat sich bei der Einf&uuml;hrung der Steuerbefreiung auch dar&uuml;ber gewundert, was unsere Volkswirtschaft gewinnen soll, wenn ein Investor ein Unternehmen an einen andern Investor verkauft. Sind die Anteile an Beiersdorf oder die Anteile an Grohe in den neuen H&auml;nden produktiver, volkswirtschaftlich produktiver? Das kann so sein. Das muss nicht so sein. Es kann das Gegenteil eintreten.<br>\nDie fr&uuml;here rot-gr&uuml;ne Bundesregierung hat mit Unterst&uuml;tzung der damaligen Opposition und heutigen Kanzlerpartei diesen Ausverkauf politisch gef&ouml;rdert und steuerlich beg&uuml;nstigt, weil sie ganz wesentlich in ihrer Meinungsbildung beeinflusst sind von jenem Teil der Finanzwirtschaft, die an diesen Gesch&auml;ften verdient.<br>\nIch f&uuml;rchte, dass hier Strukturen zerst&ouml;rt werden, ohne &uuml;berhaupt nur erahnt zu haben, ob die neuen Strukturen besser sind. Das ist eine &auml;hnliche Konstellation wie bei der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente.<br>\nAufl&ouml;sung der Deutschland AG klingt ja auch ganz gut, weil da Seilschaften von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern gekappt werden k&ouml;nnten. Man muss sich aber mal anschauen, wo entscheidende Personen inzwischen gelandet sind oder schon immer gelandet waren. Es ist ja nicht so, dass diese Art der Aufl&ouml;sung fester Strukturen zwangsl&auml;ufig zu freieren Strukturen und mehr Wettbewerb f&uuml;hren w&uuml;rden. Das durchaus kritisierenswerte Geflecht von Vorst&auml;nden und Aufsichtsr&auml;ten der fr&uuml;heren Deutschland AG ist inzwischen aber abgel&ouml;st durch eine nicht mehr kontrollierbare Seilschaft &ndash; &uuml;brigens bestehend teilweise aus den gleichen Personen. Die Seilschaften sind etwas aufgemischt.<br>\nInzwischen arbeiten die neuen Netzwerke, die das Kapitaleigentum in gro&szlig;en Unternehmen kontrollieren, mit erstaunlicher Affinit&auml;t und Verankerung mit ausl&auml;ndischen Investmentfonds, Hedgefonds und Privateequity. Sie arbeiten f&uuml;r ausl&auml;ndische Investoren. Typisch daf&uuml;r: Ron Sommer f&uuml;r Blackstone, Klaus Luft, fr&uuml;her Nixdorf, f&uuml;r Goldman Sachs, desgleichen der fr&uuml;here Chefvolkswirt der Europ&auml;ischen Zentralbank Otmar Issing, J&uuml;rgen Schrempp und Kanzleramtsminister a.D. Hans Martin Burry f&uuml;r Lehmann Brothers, der ehemalige Daimler Vorstand Eckhard Cordes beim schwedischen Finanzinvestor EQT, Wolfgang Clement f&uuml;r die Citigroup, Friedrich Merz als Anwalt f&uuml;r den Hedge-Fonds TCI, Karl Otto P&ouml;hl und so weiter.<br>\n&Uuml;brigens, muss man offenbar keinen Leistungsnachweis erbringen, um zu dieser neuen Seilschaft zu geh&ouml;ren. Ich denke da an J&uuml;rgen Schrempp oder an Ron Sommer.<br>\nSie alle machen mit bei dem Versuch, die &Uuml;bernahme deutscher Unternehmen einzuf&auml;deln. Das ist das aktuelle und zukunftsweisende Gesch&auml;ft dieser ToppEliten.<br>\nUnd wo bleibt die kritische Begleitung durch den davon betroffenen Mittelstand? Auch die Medien und die Intellektuellen versagen hier nahezu vollst&auml;ndig.<br>\nEs ist an der Zeit, sich &uuml;ber diese Entwicklung eigene Gedanken zu machen. Andernfalls verschieben sich die Ma&szlig;st&auml;be in unertr&auml;glicher Weise, die Missachtung der unternehmerischen Wertsch&ouml;pfung im Vergleich zur Arbeit auf dem Kapitalm&auml;rkten tut unserem Land nicht gut, zumal eine solche Entwicklung noch dazu f&uuml;hrt, dass die besten K&ouml;pfe in diesem, wie ich finde, ziemlich unproduktiven Wirtschaftssektoren verschwinden; au&szlig;erdem kommt ein Unternehmen nach dem andern unter den Hammer.<br>\nWo sind die Zwischenrufen des wertsch&ouml;pfenden Mittelstands, wenn wieder einmal traumhafte Kapital- und Umsatzrenditen verk&uuml;ndet werden und quasi zum Ma&szlig;stab f&uuml;r die gesamte &Ouml;konomie erhoben werden. Ich vermisse den Zwischenruf: mit Wertsch&ouml;pfung k&ouml;nnen diese traumhaften Renditen nicht erwirtschaftet werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Hinweisen vom 5.6. wiesen wir auf <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/koepfe\/208090.html?mode=print\">einen Beitrag der FTD<\/a> mit dem Titel &bdquo;Hedge-Fonds heuert fr&uuml;here Spitzenpolitiker an&ldquo;. Dort stand zu lesen: &bdquo;Aznar und Clarke sind die ersten fr&uuml;heren Spitzenpolitiker in Europa, die f&uuml;r einen Hedge-Fonds arbeiten.&ldquo; Das ist leider falsch. Auch ehemalige deutsche Spitzenpolitiker und Manager sind in diesem Milieu t&auml;tig.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2394\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,130,127],"tags":[661,293,498,783,1752],"class_list":["post-2394","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-drehtuer-politik-und-wirtschaft","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-clement-wolfgang","tag-finanzwirtschaft","tag-issing-otmar","tag-merz-friedrich","tag-sommer-ron"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2394","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2394"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29912,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2394\/revisions\/29912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}