{"id":23950,"date":"2014-11-14T15:16:18","date_gmt":"2014-11-14T14:16:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23950"},"modified":"2019-07-25T11:26:23","modified_gmt":"2019-07-25T09:26:23","slug":"arno-schmidt-ein-nachkriegsautor-der-besonderen-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23950","title":{"rendered":"Arno Schmidt \u2013 ein Nachkriegsautor der besonderen Art"},"content":{"rendered":"<p>Im vergangenen Jahr h&auml;tte Willy Brandt 100. Geburtstag gehabt, in diesem der Schriftsteller Arno Schmidt. Dass Schmidt zu den markantesten Nachkriegsautoren Westdeutschlands z&auml;hlt, ist, wenn &uuml;berhaupt gew&uuml;rdigt, dann wieder in Vergessenheit geraten. Anl&auml;sslich des bevorstehenden 70. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und seines 100. Geburtstages gibt es einen doppelten Anlass, an diesen immer noch zu wenig bekannten Autor zu erinnern. Und das tut man am besten, indem man ihn (wieder) liest und sich mit ihm besch&auml;ftigt. Anregungen dazu von <strong>Petra Frerichs<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWenn sich im Jahr 2015 das Ende des Zweiten Weltkriegs zum siebzigsten Mal j&auml;hrt, wird dieses Datums wahrscheinlich auch im Spiegel der (westdeutschen) Nachkriegsliteratur gedacht. Wie schon beim 50j&auml;hrigen Gedenken 1995, so werden wohl auch am 70. Jahrestag dieses Ereignisses wieder vor allem die Namen Borchert und B&ouml;ll genannt. So haben wir es schon in der Schule gelernt. Vor allem diese beiden Autoren stehen mit den St&uuml;cken <em>Drau&szlig;en vor der T&uuml;r<\/em> und <em>Wanderer, kommst du nach Spa<\/em>&hellip; an vorderster Stelle f&uuml;r die Nachkriegsliteratur schlechthin. <\/p><p>Warum wird nicht auch Arno Schmidt genannt, dessen literarisches Werk ganz entscheidend auf Erfahrungen von Krieg, Gefangenschaft und Nachkriegszeit beruht? Sie sind ihm zum Gegenstand seiner inhaltlichen und formalen Arbeit geworden. Nur wenige Kenner &ndash; allen voran Jan Philipp Reemtsma &ndash; haben hinter den stilistischen Finessen den politischen Autor Arno Schmidt erkannt. Reemtsma h&auml;lt ihn zu Recht f&uuml;r einen der bedeutendsten Nachkriegsautoren. Gleichwohl findet man ihn nicht im Kanon des Schulunterrichts; schon gar nicht sind seine Schriften so bekannt geworden wie die der beiden genannten Schriftsteller. <\/p><p>Die Rezeption von Arno Schmidt hat sich gemeinhin auf dessen galligen Humor und Witz konzentriert, ohne dabei die untergr&uuml;ndigen Quellen dieser besonderen Komik und ihre politischen Implikationen freizulegen. Angeregt von den hervorragenden Textanalysen und -interpretationen von Reemtsma (in: <em>&Uuml;ber Arno Schmidt. Vermessungen eines poetischen Terrains, Suhrkamp-Verlag, Ffm. 2006<\/em>) soll anhand von einigen Texten gezeigt werden, wie Arno Schmidt diese politisch-aufkl&auml;rerischen Implikationen unter Einsatz besonderer literarischer Formen realisiert. <\/p><p>Hier ein paar Beispiele zur Einstimmung:<\/p><blockquote><p>Wenn ich nicht schon von Geburt Atheist w&auml;re, w&uuml;rde mich der Anblick Adenauer=Deutschlands dazu machen!<\/p>\n<p>&bdquo;Dir wolln wir treu-er-ge-b&auml;nn-sein: \/ getreu bis ihihihinn den Tod&ldquo;: Aber warum denn? &hellip; Ehe Du f&uuml;r Dein Vaterland sterben willst, sieh Dir s erst mal genauer an! (Und &bdquo;Mein Leben f&uuml;r den F&uuml;hrer&ldquo;?!: f&uuml;r n Politiker fa&szlig; ich mich nich an&rsquo;Hintern!!). &ndash;<\/p>\n<p>Geschichte? Schicksal? Die Politik ist das Schicksal! (Dabei war mir nichts weniger als nach Ausrufungszeichen zumut: es ist ja zu traurig, was in der Hinsicht mit uns eben jetzt wieder gemacht wird! Die Kipper und Wipper unserer demokratischen Freiheiten!<\/p><\/blockquote><p>Wie Borcherts <em>Drau&szlig;en vor der T&uuml;r<\/em>, so hat auch Schmidt mit <em>Brand&rsquo;s Haide<\/em> (1950) einen sogenannten Heimkehrerroman geschrieben. Doch wie verschieden sind beide Texte trotz des gleichen Motivs: Die Gef&uuml;hlslage, die Borcherts St&uuml;ck durchzieht, dient vor allem der psychischen Verarbeitung des Krieges sowie der Herstellung einer Art <em>Gef&uuml;hlsnormalit&auml;t<\/em>. Er pl&auml;diert f&uuml;r einen unbefangenen Umgang mit der Vergangenheit und zielt auf die Beruhigung des kollektiven Gewissens. <em>Larmoyanz scheint das Gef&uuml;hlsmedium zu sein, in dem sich das doch wohl etwas ramponierte Gewissen wiedergutmacht.<\/em> Reemtsma zieht sogar einen k&uuml;hn anmutenden Vergleich mit dem Film <em>Rambo I<\/em>, wenn er davon spricht, dass in beiden F&auml;llen der Held davon &uuml;berzeugt ist, dass der Krieg oder Kampf h&auml;tte gewonnen werden k&ouml;nnen, wenn man auf ihn geh&ouml;rt und ihn nur gelassen h&auml;tte. In dieser Auffassung teilen sie das Muster der Unbelehrbarkeit. Und in beiden F&auml;llen findet nach Reemtsma die <em>Umstilisierung des Teufels<\/em> (M&ouml;rders, Soldaten) in einen <em>armen Teufel<\/em> statt, der unser Mitleid erregt. <\/p><p>Schmidt hingegen sieht in <em>Brand&rsquo;s Haide<\/em> von jeglicher Larmoyanz ab. Der Ich-Erz&auml;hler verk&ouml;rpert die Identit&auml;t eines Kriegsgefangenen ohne Ressentiment: er wei&szlig; die &uuml;blichen Schikanen sehr wohl abzuw&auml;gen mit den Vorz&uuml;gen einer guten Versorgung bei den Briten. Auch er steht v&ouml;llig mittellos und heruntergekommen da, doch auf eine nahezu erfrischende Art ist diese Hauptfigur von einem praktischen Sinn geleitet: sie k&uuml;mmert sich als erstes um ein Dach &uuml;ber dem Kopf und wei&szlig; f&uuml;r alles Herumliegende eine Verwendung. Selbst an so scheinbar banalen Dingen wie etwa Zahnputzpulver weist Schmidt auf eine Merkw&uuml;rdigkeit hin:<br>\n<em>Zahnpulver : garantiert unsch&auml;dlich : so die Aufschrift! (Witzig war unsre 46er Welt, was : nicht etwa wohlschmeckend oder hochreinigend, oder mit Radium G &ndash; nee, nee : man blo&szlig; unsch&auml;dlich!)<\/em><\/p><p>Auch wenn es um politische Fragen geht, hat der Ich-Erz&auml;hler h&ouml;chst eigensinnige, jedoch durchaus schl&uuml;ssige Einsch&auml;tzungen: <em>&bdquo;Nanu?!&ldquo; rief ich! &bdquo;Ich will Ihnen was sagen, Herr Bauer: hoffentlich bleibt die Besatzung 50 Jahre! &hellip; Wie sie doch alle Gefallen an Achselst&uuml;cken und fein ersonnenen Dienstgraden fanden, am dr&ouml;hnenden Marschtritt und zackigem Gehorchen. (F&uuml;hrer befiel: wir folgen! Gibt es etwas widerlicheres als diese Bitte um einen Befehl?! Pfui Deubel, Deutsche : Nee!!-)<\/em><br>\nDass Schmidt seine Hauptfigur mit politischem Durchblick ausstattet, hat zur Voraussetzung, dass der Autor selbst die politischen Verh&auml;ltnisse durchschaut. F&uuml;r ihn sind Krieg und Niederlage eben kein Verh&auml;ngnis, das wie eine Naturkatastrophe &uuml;ber uns gekommen ist, sondern Resultat bewusster politischer Entscheidungen und Priorit&auml;tensetzungen. Schmidts Protagonisten haben eine tiefe Abneigung gegen Befehle, Unterwerfung, Militarismus und Krieg, auch gegen Hierarchien &uuml;berhaupt. Der Autor stellt sich mit seiner Hauptfigur auch quer in der Vertriebenenfrage: F&uuml;r ihn ist das Fl&uuml;chtlingsschicksal an keine nationale Identit&auml;t gebunden; Vertriebene und Fl&uuml;chtlinge sind in erster Linie Menschen, und erst danach Deutsche, Polen usw. Als historisches Beispiel zieht er die Hugenottenvertreibung aus Frankreich im 17. Jahrhundert heran, mit deren Leiden er sich identifiziert: <em>gemeinsam ist der Status des Objekts fremder Willk&uuml;r, die Emp&ouml;rung dagegen, Verf&uuml;gungsmasse M&auml;chtigerer zu sein, schreibt Reemtsma<\/em>.   <\/p><p>Arno Schmidt war ein politischer Dichter oder politisch denkender Intellektueller, der sich quer zum Zeitgeist stellte: Er war gegen die Westbindung Deutschlands und die Blockbildung &uuml;berhaupt, weil er dadurch die Gefahr eines Dritten Weltkriegs heraufbeschworen sah. Aus gleichem Grund opponierte er gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands und die Aufr&uuml;stung mit Atomwaffen unter den Bl&ouml;cken. Er hatte weit vor jeder Politik die Vision eines geeinten Europas. Er sah in der fr&uuml;hen BRD eine <em>merkw&uuml;rdig ungewordne<\/em> Nation. In der Teilung Deutschlands sah er die weltpolitische Stabilisierungsfunktion. In seinem Text <em>Das steinerne Herz<\/em>, das in beiden deutschen Staaten spielt, wird deutlich, dass er in der Existenz der DDR auch eine Chance gesehen hat, auch wenn er sie wegen ihrer kulturpolitischen und ideologischen Borniertheit nicht mit Kritik verschont. Die DDR-Literatur war ihm formal nicht wagemutig genug.  <\/p><p>Arno Schmidt war ein unabh&auml;ngiger, <em>national und politisch unidentifizierbarer Intellektueller<\/em>, der sich dem gro&szlig;en Vorbild Christoph Martin Wielands verschrieben hatte. Einer, der sich mit der deutschen Kultur identifizierte, die er als Bestandteil westlicher Kultur und Zivilisation nach der gro&szlig;en Katastrophe am Abgrund sah. Einer, der aus politischen und &auml;sthetischen Gr&uuml;nden sich auf Abstand zum Volk hielt (<em>Was&rsquo;n Volk<\/em>) und in der Bewegung &bdquo;Kunst dem Volke&ldquo; (z.B. in der DDR der Bitterfelder Weg), einen Irrweg sah. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Und schlie&szlig;lich einer, der in seinem Sp&auml;twerk, insbesondere in <em>Zettel&rsquo;s Traum<\/em>, politikfernen Motiven und Sujets den Vorzug gab und sich vorrangig mit poetisch-&auml;sthetischen Problemen besch&auml;ftigte. Die radikale Hinwendung zur Poetik und Abwendung von der Politik kann als eine Form der (politischen) Desillusionierung verstanden werden, wie auch als Reaktion auf die fehlende &ouml;ffentliche Wahrnehmung und literarische Anerkennung. <\/p><p>Hat dann doch der unabh&auml;ngige Intellektuelle &uuml;ber den politischen Autor gesiegt? Die Frage ist zu verneinen. Denn der Nachkriegsschriftsteller Schmidt war immer beides: untrennbar waren seine Anspr&uuml;che an das Literarische r&uuml;ckgebunden an ein zeitdiagnostisches Programm, dass sich einer zentralen Frage widmete: Wie steht es mit der sogenannten Stunde Null? Und warum lassen sich Ph&auml;nomene aus dem NS- und dem BRD-Alltag ohne weiteres in der literarischen Darstellung &uuml;berblenden? Dazu schreibt Reemtsma: <em>Der literarische Wert der Werke<\/em> Leviathan oder die beste aller Welten <em>und<\/em> Aus dem Leben eines Fauns <em>besteht nicht darin, dass dort etwas von &bdquo;jenen Zeiten&ldquo; &uuml;berliefert worden ist, die einem kollektiven Ged&auml;chtnis gerne entfallen. Die psychologische Voraussetzung einer Verleugnung der eigenen Vergangenheit, das Konstruieren einer &bdquo;Stunde Null&ldquo; geht vielmehr als Voraussetzung in Schmidts Texte selber ein. Das Thema des<\/em> Leviathan <em>ist nicht Nationalsozialismus und Krieg, sondern diese &bdquo;Stunde Null&ldquo; selbst, im<\/em> Faun <em>wird nicht die Vergangenheit dargestellt, wie sie war, auch nicht, wie sie sich der Erinnerung darstellt, sondern amalgamiert mit Z&uuml;gen der Gegenwart<\/em>.   <\/p><p>An seinen Hauptfiguren zeigt Schmidt, in durchaus witzigem Ton,  ein <em>verborgenes Gift<\/em> auf, das deren Handlungen als kontaminiert ausweist,  hervorgerufen von biographischen Besch&auml;digungen durch Kriegserlebnisse und NS-Ideologie: Immer wieder stellen die Figuren Kriegsassoziationen her; sie nehmen ihre Umwelt als <em>fortdauerndes Kriegstheater<\/em> wahr; reflexhaft einstimmend reagieren sie auf Milit&auml;rm&auml;rsche, bspw. das Westerwald-Lied; ein gehobener Arm l&auml;dt spontan zum Hitler-Gru&szlig; ein; und der Gl&uuml;cksspielautomat im Wirtshaus l&auml;sst Assoziationen des Gewinnens aufkommen, bei denen es nicht nur um Geld geht. In <em>K&uuml;he in Halbtrauer<\/em> hei&szlig;t es:<br>\n<em>Bei einem anderen, noch bunteren Ger&auml;t drehte dann &amp; wann 1 K&uuml;hner roulettierend an drei Kn&ouml;pfen: auch hier sollte man, theoretisch, falls man &sbquo;Gl&uuml;ck&lsquo; hatte, oh Gl&uuml;ck oh Gl&uuml;ck, etwas gewinnen k&ouml;nnen. (Merkw&uuml;rdig ungewordne Nation: flei&szlig;ig und still friedlich arbeiten mochte bei uns kaum noch Jemand : die wollten Allealle blo&szlig; irgendwie &sbquo;gewinnen&lsquo;, Lotto Toto Kwiss &amp; Krieg, wobei man ja notorisch nur verlieren kann &ndash; &sbquo;Wahrscheinlichkeitsrechnung&lsquo; nennt sich die betreffende Wissenschaft.<\/em><br>\nAssoziationsketten, die auf eine <em>Besch&auml;digung des Subjekts<\/em> zur&uuml;ckgehen und &uuml;berwiegend vor- oder unbewusst sich herstellen, sind bei Schmidt <em>dumm und brutal<\/em> dargestellt, etwa wenn er in <em>KAFF auch Mare Crisium<\/em> seinen Ich-Erz&auml;hler beim versuchten sexuellen &Uuml;bergriff mit dem <em>germanischen Mittelfinger<\/em> sagen l&auml;sst: <em>Leider war das eigentliche &sbquo;Paradies&lsquo; &hellip; mit rabenschwarzem Floor &uuml;berschpannt; Potz Buna &amp; Gummizuck.<\/em><br>\nDazu Reemtsma: <em>Wenn einem &sbquo;Gummizug&lsquo; einf&auml;llt, m&ouml;gen einem deutschen Menschen wohl eben &sbquo;blo&szlig; so&lsquo; die Buna-Werke einfallen; wenn man aber an die Buna-Werke denkt, mag auch die Tatsache erinnert werden, da&szlig; die Buna-Werke der IG-Farben einen Betrieb im Konzentrationslager Auschwitz bei der polnischen Stadt Oswiecim unterhielten. Tats&auml;chlich liegt die Assoziation &sbquo;KZ&lsquo; bei keinem der vielen hundert deutschen Betriebe, von denen eine Nachkriegsphrase behauptet hat, sie seien in die Politik des gesamtdeutschen SS-Staates &sbquo;verstrickt&lsquo; gewesen, so nahe wie bei den Buna-Werken. &hellip; Drum weinen m&ouml;chte man, wenn es nicht ebenso w&auml;re, da&szlig; der Griff untern Rock noch den Massenmord zitierte. Und an anderer Stelle hei&szlig;t es in Reemtsmas Interpretationen: Auch &Ouml;fen (sie haben in Schmidts Texten den Spitznamen Eichmann) haben f&uuml;r immer ihre Unschuld verloren.<\/em><\/p><p>Um die Einstiegsfrage nach den literarischen &Uuml;berblendungsm&ouml;glichkeiten von Alltagserscheinungen aus der NS- und fr&uuml;hen BRD-Zeit in Schmidts Werk beantworten zu k&ouml;nnen, muss gegen die Konstruktion der <em>Stunde Null<\/em> auf Kontinuit&auml;ten, das Weiterwirken und Mitschleppen von Denkgewohnheiten, Wahrnehmungen und Gef&uuml;hls&auml;u&szlig;erungen aufmerksam gemacht werden. Genau dies hat sich Schmidt vorgenommen, indem er Mechanismen aufzeigt, die auf Gemeinsamkeiten aus beiden Zeiten verweisen. In Reemtsmas Schmidt-Interpretationen kulminiert dies in zwei sich erg&auml;nzenden Ph&auml;nomenen: in den <em>Mortifikationen des Subjektes<\/em> und in den bereits erw&auml;hnten <em>Kontaminationsph&auml;nomenen<\/em>. Alle Formen der Abnahme, Reduktion wie Unsichtbarwerden, Ertauben, Verschwinden, Wenigerwerden sind Mortifikationen, die hier zu zentralen Stilmitteln und Motiven werden. Zur Abnahme der Subjekteigenschaft, allen voran das <em>Sich-selbst-als-Handelnder-Verschwinden-Machen<\/em> im Krieg und nach der <em>Stunde Null<\/em> das <em>Einziehen der Rezeptoren<\/em>, das Verdr&auml;ngen, Verleugnen und Vergessenmachen, geh&ouml;rt die Nicht&uuml;bernahme von Verantwortung ebenso wie das Nichtgewussthaben von Grauen und Verbrechen. Dazu Reemtsma:<br>\n<em>Vergessen ist auch eine Form des Todes bei lebendem Leibe, denn nur die Erlebnisreihe konstituiert das Subjekt. Was zuvor als Verantwortungslosigkeit &sbquo;weylandunterhittler&lsquo; gleichsam mutwillig und das Subjekt zerst&ouml;rend getan wurde, kehrt als Wunsch wieder: Es m&ouml;chte alles nicht wahr sein. Die deutsche Selbstwahrnehmung hat ihre eigene Geschichte kleingeh&auml;ckselt, Stunde-Null-Z&auml;suren interrumpieren in der kollektiven Phantasie jenes Kontinuum, das vielleicht l&auml;ngst keines mehr w&auml;re, leugnete man es nicht dort, wo es unabweisbar ist. Bei Schmidt h&ouml;re man auf die Worte &sbquo;im Tode&lsquo;. Der ist keine Z&auml;sur, sondern ein Vorgang: Das Individuum l&ouml;st sich im Tode auf wie die Handvoll Salz im Wasserkrug.<\/em><\/p><p>Reemtsma kann belegen, dass die Motive der Mortifikation und Kontamination die entscheidenden poetischen Darstellungsmittel von Arno Schmidt sind. <em>Die ganze Geschichte<\/em> K&uuml;he in Halbtrauer <em>ist ein Cluster von Motiven des R&uuml;ckzugs und der Abnahme. &hellip; Die Brennpunkte der Erz&auml;hlellipse b&uuml;ndeln dasselbe Licht auf die n&auml;mliche Weise &ndash; gemeint ist die Mortifikation des Subjektes. Zahlt in der<\/em> [zuvor zitierten] <em>anekdotischen Enklave das moralische Subjekt f&uuml;r sein moralisches &Uuml;berleben mit seinem Unsichtbarwerden, so zahlt in der Nachkriegsgesellschaft das idiosynkratische Subjekt f&uuml;r sein &Uuml;berleben schlechthin mit seinem langsamen Verschwinden. &hellip; Seit<\/em> Kaff <em>durchzieht die Klage des &sbquo;immer weniger Werdens&lsquo; Arno Schmidts B&uuml;cher. Aber bereits Walter Eggers im<\/em> Steinernen Herzen <em>tr&auml;umt sich in den Zerfall hinein: &sbquo;Stille. Nicht mehr aufgefunden. Niemand mehr sehen.: Vertrocknen. (Halt son Ideal, nich?)&lsquo;<\/em> <\/p><p>Dass diese Mortifikationen bei Schmidt aber auch noch zur Quelle von Witz und Komik werden, d&uuml;rfte eine Rarit&auml;t in der Literaturgeschichte sein. Besch&auml;digungen wie etwa das Schwerh&ouml;rig- oder Taubsein, die in <em>K&uuml;he in Halbtrauer<\/em> zwei Hauptfiguren teilen, werden nicht als solche verh&ouml;hnt oder l&auml;cherlich gemacht, sondern dienen eher der Sensibilisierung dar&uuml;ber, was akustische Wahrnehmungen und ihr Ausbleiben bedeuten; der Witz wird nicht <em>&uuml;ber<\/em>, sondern <em>damit<\/em> gemacht:<br>\n<em>Wir zeigten ihnen im Fernrohr noch jene Archenoah, lautlos treibend im Roggensee. (Und Beide gleich, beanstandend: &sbquo;Na, &gt;lautlos &ndash; das knatterte doch ganz anst&auml;ndig.&lsquo; &ndash; wir h&ouml;rten nichts, wir Beide.<\/em><br>\nDie physische Einschr&auml;nkung der Taubheit wird hier nicht als solche zum Motiv, sondern eher als Metapher. Denn nichts zu h&ouml;ren, k&ouml;nnte auch f&uuml;r die <em>eingezogenen Rezeptoren<\/em> und damit f&uuml;r einen &uuml;bergreifenden Wunsch nach reduzierter Wahrnehmung stehen.<br>\nDie Schmidtsche Komik hat, gerade weil sie sich auch aus dem Grauen und Entsetzen speist, etwas Tragisches: seine Witze bleiben einem sozusagen im Halse stecken. Sie sind Stilmittel der Verfremdung und dienen damit der Verdeutlichung und Sichtbarmachung von Mechanismen des Vor- und Unbewussten ebenso wie des Vergessens und Verdr&auml;ngens. Nicht zuletzt darauf beruht Arno Schmidts Rang als herausragender Nachkriegsautor. <\/p><p>Bei der (Wieder-) Lekt&uuml;re der Werke Arno Schmidts ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie aktuell dieser Autor immer noch ist. Liegt das daran, dass er der literarischen Nachkriegswelt um Jahrzehnte voraus war, was Stilmittel und k&uuml;nstlerische Darstellung betrifft? Man k&ouml;nnte es annehmen. Viel n&auml;her aber liegt die Vermutung, dass Schmidt seinen Zeitgenossen, die &uuml;berwiegend mit dem Verdr&auml;ngen des Erlebten besch&auml;ftigt waren, zu sperrig und quersch&uuml;ssig war. Er legte die Finger unerbittlich in die Wunden und lie&szlig; keine der Autorit&auml;ten gelten, die sich in der Zeit des Faschismus mit den Herrschenden gemein gemacht hatten: ob Justiz, Kirche oder auch gro&szlig;e Teile des Volkes &ndash; ihnen allen hielt er den Spiegel vor. Aber viele wollten nicht daran erinnert werden, was geschehen war. Und statt in Schmidt einen literarischen Gew&auml;hrsmann f&uuml;r den Aufbruch in eine neue Zeit zu sehen, wurde er von Kirche und Justiz verfolgt und wegen Gottesl&auml;sterei und Pornografie angeklagt; gerade von denen, die zu den Massenmorden weitgehend geschwiegen haben. Auch das ist Teil der Nachkriegsgeschichte.<br>\nW&auml;ren Leute wie Arno Schmidt bekannter und mehr gelesen worden: viele w&auml;ren m&ouml;glicherweise sensibler f&uuml;r Entwicklungen, wie sie sich gegenw&auml;rtig in der Ukraine abspielen. Sie w&auml;ren gewisserma&szlig;en immunisiert gegen eine Propaganda, die schon wieder in Freund-Feind-Kategorien denkt und das B&ouml;se stets beim anderen sucht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Das unterscheidet Schmidt auch von den sp&auml;teren Str&ouml;mungen wie etwa dem <em>Werkkreis Literatur der Arbeitswelt<\/em> oder dem Dokumentarismus, die versuchten, die Kluft zwischen der arbeitenden Bev&ouml;lkerung und der Hochkultur zu &uuml;berwinden, indem sie diese entweder zum Schreiben &uuml;ber ihre werkt&auml;glichen Erfahrungen anhielten oder literarisch ungeformt dokumentierten. Auch Dieter Wellershoff hat sich stets vehement gegen diese funktionale &Uuml;berfrachtung des Literarischen und die Indienstnahme der Literatur f&uuml;r  fremde Zwecke ausgesprochen. (Siehe bspw. Werkausgabe, Band 4, S. 301-316.<br>\nIn der Gegenwartsliteratur k&ouml;nnen sich u.a. Autoren wie Erasmus Sch&ouml;fer und Wolfgang Bittner in einer Linie mit politischen Autoren sehen, zu denen auch auf Arno Schmidt geh&ouml;rte. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im vergangenen Jahr h&auml;tte Willy Brandt 100. Geburtstag gehabt, in diesem der Schriftsteller Arno Schmidt. Dass Schmidt zu den markantesten Nachkriegsautoren Westdeutschlands z&auml;hlt, ist, wenn &uuml;berhaupt gew&uuml;rdigt, dann wieder in Vergessenheit geraten. Anl&auml;sslich des bevorstehenden 70. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und seines 100. Geburtstages gibt es einen doppelten Anlass, an diesen immer noch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23950\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,212,917],"tags":[416,966],"class_list":["post-23950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-friedenspolitik","category-gedenktagejahrestage","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-nationalsozialismus","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23950"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53675,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23950\/revisions\/53675"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}