{"id":2397,"date":"2007-06-07T00:19:20","date_gmt":"2007-06-06T22:19:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2397"},"modified":"2016-01-05T10:47:03","modified_gmt":"2016-01-05T09:47:03","slug":"attacs-und-merkels-ziele-sind-identisch-ja-sie-haben-richtig-gelesen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2397","title":{"rendered":"\u201aAttacs und Merkels Ziele sind identisch.\u2019 Ja, Sie haben richtig gelesen."},"content":{"rendered":"<p>In meiner <a href=\"?p=2389\">Tagebuchnotiz vom 5.6.<\/a> zur Kommunikationsstrategie von Angela Merkel bin ich bewusst freundlich mit Heiner Gei&szlig;lers Rolle umgegangen. Sein neues Interview, diesmal mit FAZ.NET vom 6.6., irritiert jedoch geh&ouml;rig. Da wird allen Ernstes behauptet, die Ziele von Attac &bdquo;sind identisch mit denen der Bundeskanzlerin&ldquo;. Hier wird das Bild der inhaltlichen Orientierung von Bundeskanzlerin Merkel auf nicht mehr nachvollziehbare Weise besch&ouml;nigt. Und Attac muss daf&uuml;r herhalten. Dieser aktuelle Versuch einer Gehirnw&auml;sche zwingt mich dazu, an einige markante Positionen und Einlassungen, Taten und Unterlassungen von Angela Merkel zu erinnern.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Zun&auml;chst die einschl&auml;gigen <strong>Zitate aus dem Interview Gei&szlig;lers<\/strong> mit der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubF0E4F4ECFDD24816BC0C6759093E04F7\/Doc~ED187E8E9735246D6906995ADAE304A66~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.faz.net\/s\/RubF0E4F4ECFDD24816BC0C6759093E04F7\/Doc~ED187E8E9735246D6906995ADAE304A66~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&bdquo;Proteste k&ouml;nnen Merkel n&uuml;tzen&ldquo;<\/a> mit FAZ.NET:\n<p><strong>FAZ.Net:<\/strong> &bdquo;Sie sind k&uuml;rzlich Attac beigetreten. K&ouml;nnte das Netzwerk ohne G-8-Gipfel &uuml;berhaupt auf seine Anliegen aufmerksam machen? <\/p>\n<p><strong>Gei&szlig;ler:<\/strong> Mehr als hundert Organisationen von Greenpeace bis Pax Christi, vor allem aber auch Attac haben die G-8-Treffen gegen&uuml;ber 1975 gewaltig ver&auml;ndert. Die reichen L&auml;nder wurden durch die Proteste sensibilisiert. <strong>Die Bundesregierung oder wenigstens die Kanzlerin hat erkannt, dass die friedlichen Demonstranten ihre Bundesgenossen sind.<\/strong>&ldquo; &hellip;.<\/p>\n<p><strong>FAZ.NET:<\/strong> Bei Attac machen auch linksextremistische Gruppen mit. F&uuml;hlen Sie sich in dieser Gesellschaft wohl? <\/p>\n<p><strong>Gei&szlig;ler:<\/strong> &hellip;. <strong>Die Ziele von Attac<\/strong> sind klar formuliert, und <strong>sie sind identisch mit denen der Bundeskanzlerin: der Globalisierung ein menschliches Gesicht zu geben<\/strong>. Im Einzelnen mag es Unterschiede geben, aber beiden geht es darum, dass wir in der Wirtschaft nicht &uuml;ber Leichen gehen.<\/p>\n<p><strong>FAZ.NET:<\/strong> Sie glauben nicht, dass Sie Ihrer Parteivorsitzenden, der gastgebenden Bundeskanzlerin, in den R&uuml;cken fallen? <\/p>\n<p><strong>Gei&szlig;ler:<\/strong> Das Gegenteil ist der Fall. Die Demonstrationen k&ouml;nnen der Kanzlerin n&uuml;tzen, auch wenn einige Betonk&ouml;pfe dies nicht kapieren.<\/p><\/li>\n<li><strong> Zur angeblichen Identit&auml;t der Ziele von Attac und von Angela Merkel.<\/strong>\n<p>Ich w&uuml;rde ja gerne glauben, wir h&auml;tten eine Bundeskanzlerin, die die Ziele von Attac teilt und damit gesellschaftspolitisch auf der Linie dieser wichtigen Organisation liegt. Dann st&auml;nde es relativ gut um unser Land. Aber ich kann diesen Glauben Heiner Gei&szlig;lers beim besten Willen nicht teilen. Darauf wies ich am 4.6. schon hin und m&ouml;chte stichwortartig einige Hinweise auf die inhaltliche und ideologische Positionierung und die faktische Politik unserer Bundeskanzlerin geben. Das ist kein Versuch einer umfassenden Beschreibung der Unterschiede, zumal einiges davon schon in fr&uuml;heren Texten steht:<\/p>\n<p><strong>Erstens: Wertegemeinschaft mit den USA und Wertedistanz zu Russland<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Woche erschien (passend zum Gegenstand dieser Analyse) ein Interview mit Angela Merkel im Spiegel. Der Spiegel zitierte in einer Frage den SPD-Fraktionschef Peter Struck mit seiner Empfehlung einer &bdquo;&Auml;quidistanz&ldquo;, also einem gleichen Ma&szlig; von N&auml;he und Distanz zu den USA und zu Russland.<br>\nAngela Merkel sieht das anders. Sie erw&auml;hnte zwar die strategische Partnerschaft mit Russland, aber die transatlantische Wertegemeinschaft sei f&uuml;r sie nach wie vor etwas sehr besonderes. Es g&auml;be, was die politische Struktur Russlands und Europas anbelangt, gr&ouml;&szlig;ere Unterschiede als zwischen Europa und USA.<br>\nAngela Merkel machte dabei keinen Unterschied zwischen dem Verh&auml;ltnis zu den Regierungen und zum Volk der jeweiligen L&auml;nder.<br>\nMit den USA gibt es eine Wertegemeinschaft, mit Russland nicht. Das ist doch wohl nicht auf der Linie von Attac?!<br>\nIn Bezug auf N&auml;he und Distanz der V&ouml;lker ist diese Einsch&auml;tzung v&ouml;llig absurd. In Bezug auf die Regierungen und politischen Systeme w&uuml;rde ich heute wie Peter Struck auch von &Auml;quidistanz sprechen. Das politische System mit George W. Bush und ziemlich verkommenen Medien, mit Guantanamo und den rechtsstaatswidrigen Praktiken der Geheimdienste unterscheidet sich nicht mehr fundamental vom System der Russen.<br>\nAu&szlig;erdem: Wo ist die Wertegemeinschaft mit den heute in Polen Regierenden? Ich empfinde keine. Wo mit der ehemaligen Regierung Italiens unter Berlusconi? Mit Berlusconi verbinden mich keine Werte. &Uuml;brigens auch nicht mit Frau Thatcher. Und ob mit Herrn Sarkozy, das wird sich noch zeigen m&uuml;ssen.<br>\nMan muss diese Relationen durchspielen, um zu begreifen, wie grotesk die Einsch&auml;tzung unserer Bundeskanzlerin ist. Ihr Denken ist zudem friedenspolitisch ein R&uuml;ckschritt.<br>\nDie N&auml;he Angela Merkels zu den herrschenden Kreisen in den USA wird auch sichtbar in der Unterst&uuml;tzung f&uuml;r eine transatlantische Freihandelszone. Das wird angesichts der Leistungsbilanz-Differenzen vermutlich ein Gesch&auml;ft zulasten Europas, jedenfalls Deutschlands.<\/p>\n<p><strong>Zweitens: Strukturreformen, Hartz IV und seine Versch&auml;rfung, Riester-Rente und Privatisierung der Altersvorsorge, Privatisierung wichtiger gesellschaftlicher Einrichtungen und Unternehmen<\/strong><\/p>\n<p>Angela Merkel ist mir nicht dadurch aufgefallen, dass sie sich von den zerst&ouml;rerischen Reformen der Schr&ouml;der-Zeit distanziert h&auml;tte. Im Gegenteil. Angela Merkel hat mit einer andauernden Agitation zur angeblich v&ouml;llig neuen Situation eine Menge ideologische Vorarbeit f&uuml;r die so genannten Strukturreformen geleistet. Sie zog durch das Land mit der Behauptung, unser Land m&uuml;sste sozusagen neu gegr&uuml;ndet werden. Das war die fundamentalste Agitation zur Vorbereitung der Zerst&ouml;rung wichtiger Einrichtungen wie der gesetzlichen Rente und auch zur Privatisierung. Die Ernte zu Gunsten m&auml;chtiger Interessen wird heute von den CDU-Ministerpr&auml;sidenten besonders eifrig eingefahren. Typisch daf&uuml;r ist Hessen, wo nahezu alles unter den Hammer die Privatisierung kommt. Typisch daf&uuml;r sind die so genannten Hochschulfreiheitsgesetze, mit denen unsere Universit&auml;ten mehr und mehr der Wirtschaft ausgeliefert werden.<br>\nDie Steuerpolitik zu Gunsten der gro&szlig;en Einkommen und Verm&ouml;gen ist unter der &Auml;gide der Bundeskanzlerin Angela Merkel vehement fortgesetzt worden. War dabei im Ringen mit der SPD und den von ihr regierten L&auml;ndern die CDU unter dem Vorsitz von Angela Merkel der Bremser?<\/p>\n<p><strong>Drittens: Eine arbeitnehmerfeindliche Makropolitik.<\/strong><\/p>\n<p>Just am Tag des Erscheinens von Gei&szlig;lers Interview erh&ouml;hte die europ&auml;ische Zentralbank wieder einmal den Leitzins. Damit zeichnet sich ein Abbremsen des Aufschwungs ab, bevor dieser die Mehrheit der arbeitenden und arbeitssuchenden Menschen erreicht hat. Wir sind wieder wie im Jahr 2000 dabei, ein zartes Pfl&auml;nzchen Konjunktur zu zertrampeln.<br>\nDahinter steckt die Angst der f&uuml;r die Geldpolitik Verantwortlichen vor einem Anstieg der L&ouml;hne und Geh&auml;lter. Die reale Lage der Arbeitnehmerschaft ist nicht im Blick dieser Politik. Diese Politik wird von Menschen gemacht, die unausgesprochen gerne eine Reservearmee von Arbeitnehmern sehen, weil dies aus ihrer Sicht die beste Garantie f&uuml;r die Z&auml;hmung der Gewerkschaften und f&uuml;r das Niederhalten der L&ouml;hne und Masseneinkommen ist.<br>\nSind das die Ziele von Attac? Doch wohl nicht. W&uuml;rde Angela Merkel die Ziele der Kritiker der jetzigen Wirtschaftspolitik teilen, dann m&uuml;sste sie gegen die Bremspolitik der Europ&auml;ischen Zentralbank intervenieren, jedenfalls sich deutlich zu Wort melden.<br>\nDas geschieht nicht. Und so stehen wir wieder vor der Gefahr, unsere labile Konjunktur abzuw&uuml;rgen.<\/p>\n<p><strong>Viertens: Wo sind die Vorst&ouml;&szlig;e zur besseren Regelung der internationalen Finanzstr&ouml;me und zu einer fairen Behandlung von Arbeit und Kapital bei den Steuern? Wo sind die konkreten Vorschl&auml;ge und Durchsetzungsstrategien zum Austrocknen der Steueroasen?<\/strong><\/p>\n<p>Fehlanzeige. Die Linie von Attac ist f&uuml;r mich bei Angela Merkel nicht erkennbar.<\/p>\n<p>Heiner Gei&szlig;ler hat im zitierten Interview gesagt, unser Wirtschaftssystem sei &uuml;berholt, die Kapitalinteressen dominierten einseitig die Welt. &hellip;<br>\nDas ist sch&ouml;n gesagt und klingt wunderbar in den Ohren jener, die das System &uuml;berwinden wollen. Aber wie denn? Welches System soll es stattdessen sein? Welches ist erreichbar? Die Tobin-Steuer alleine bringt kein anderes System. Sie muss deshalb nicht falsch sein. Was kann man tun, um der Vorherrschaft der Kapitalinteressen entgegenzuwirken? Was tut Angela Merkel konkret? Wo bleibt die Kontrolle der Internationalen Finanzindustrie, mit der auch Parteifreunde der Bundeskanzlerin eng verflochten sind? Siehe auch dazu der Tagebucheintrag vom 5.6.: http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2389<br>\nVielleicht geschieht wegen dieser engen Verflechtung nichts.<\/p>\n<p><strong>F&uuml;nftens: Angela Merkel ist eng verflochten mit den eigentlich M&auml;chtigen im Land &ndash; mit Liz Mohn von Bertelsmann, mit Friede Springer und mit den Spitzen der Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die Basis ihrer Macht. Und sie wird nichts ernsthaft tun, was diese Macht gef&auml;hrden k&ouml;nnte. Auf Gei&szlig;lers Behauptung, Angela Merkel habe einen Kurswechsel weg von der wirtschaftsnahen Linie des Leipziger Parteitag der CDU vollzogen, war ich schon in der Tagebuchnotiz vom 4.6. eingegangen.<\/p>\n<p><strong>Sechstens: Raketen in Polen und Tschechien.<\/strong><\/p>\n<p>Mir muss entgangen sein, dass Angela Merkel bei George W. Bush gegen dessen Pl&auml;ne interveniert hat. Liegt diese de facto Zustimmung zum Beginn einer neuen Aufr&uuml;stungsrunde auf der Linie von Attac?<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner <a href=\"?p=2389\">Tagebuchnotiz vom 5.6.<\/a> zur Kommunikationsstrategie von Angela Merkel bin ich bewusst freundlich mit Heiner Gei&szlig;lers Rolle umgegangen. Sein neues Interview, diesmal mit FAZ.NET vom 6.6., irritiert jedoch geh&ouml;rig. Da wird allen Ernstes behauptet, die Ziele von Attac &bdquo;sind identisch mit denen der Bundeskanzlerin&ldquo;. Hier wird das Bild der inhaltlichen Orientierung von Bundeskanzlerin<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2397\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[37,11],"tags":[238,1542,237,315],"class_list":["post-2397","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globalisierung","category-strategien-der-meinungsmache","tag-attac","tag-faz","tag-geissler-heiner","tag-merkel-angela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2397"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29911,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2397\/revisions\/29911"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}