{"id":24003,"date":"2014-11-20T09:28:09","date_gmt":"2014-11-20T08:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24003"},"modified":"2014-11-21T15:11:22","modified_gmt":"2014-11-21T14:11:22","slug":"verhandlungen-ueber-den-laenderfinanzausgleich-erst-einmal-im-abklingbecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24003","title":{"rendered":"Verhandlungen \u00fcber den L\u00e4nderfinanzausgleich erst einmal im Abklingbecken"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir sollten nicht versuchen, Bundesl&auml;nder oder Regionen gegeneinander auszuspielen&ldquo;, schrieb Hannelore Kraft in einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23911#h05\">Gastartikel f&uuml;r die Frankfurter Rundschau<\/a> und rechnete im gleichen Atemzug &ouml;ffentlichkeitswirksam vor, dass dem Land Nordrhein Westfalen nach dem L&auml;nderfinanzausgleich 500 Euro weniger pro Kopf &uuml;brigblieben als dem ostdeutschen Bundesland Sachsen. In einem Gastartikel f&uuml;r die NachDenkSeiten relativiert Linken-Finanzexperten <strong>Axel Troost<\/strong> die Berechnungen, die Krafts FR-Artikel zugrunde liegen und appelliert seinerseits, Bundesl&auml;nder und Regionen nicht gegeneinander auszuspielen.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Der erste Anlauf zum wichtigsten Reformvorhaben der Legislaturperiode ist gescheitert und das ist auch taktischen Fehlern des Finanzministers geschuldet. Es ist Zeit f&uuml;r eine Verhandlungspause. Sch&auml;uble wollte Tempo machen und hat dabei zu sehr aufs Gas gedr&uuml;ckt. Noch in diesem Jahr &ndash; und damit viel schneller als urspr&uuml;nglich gedacht &ndash; wollte er die Reform beschlossen wissen, zumindest in Eckpunkten. Und &uuml;bersah dabei, wie unvereinbar die Positionen der einzelnen L&auml;nder tats&auml;chlich sind. Um die unterschiedlichen Vorstellungen von Bayern und Berlin, von Hamburg und Nordrhein-Westfalen, vom Saarland und von Hessen anzugleichen braucht es Zeit und keine Ungeduld. &hellip; Doch Sch&auml;uble hat sich nicht nur bei der Zeit versch&auml;tzt, er hat sich zudem noch den falschen Verhandlungspartner ausgesucht. Ausgerechnet mit Olaf Scholz (SPD) verabredete er Kernpunkte der Reform. Die Wahl lag nahe, hatte er den Hamburger Regierungschef doch in Koalitionsverhandlungen als zuverl&auml;ssiges Gegen&uuml;ber kennengelernt. Dass es aber ausgerechnet dem Ersten B&uuml;rgermeister des reichsten Bundeslandes gelingen w&uuml;rde, die (mehrheitlich) armen L&auml;nder hinter sich zu versammeln, erschien von Anfang an unwahrscheinlich. &hellip; Denn schlie&szlig;lich soll die neue Regelung die Finanzstr&ouml;me zwischen Bund und L&auml;ndern (sowie die unter den L&auml;ndern) wom&ouml;glich auf Jahrzehnte festlegen. Wer da jetzt im Interesse seines Landes nicht bis zuletzt pokert, hat seinen Job nicht richtig verstanden. Wer allerdings &uuml;berzieht und einen Kompromiss mutwillig blockiert, wird seiner Verantwortung ebenfalls nicht gerecht. Nach dem Scheitern im ersten Versuch geh&ouml;ren die Verhandlungen erst einmal ins Abklingbecken.&ldquo;<\/em>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Hannelore Kraft, die Ministerpr&auml;sidentin von Nordrhein-Westfalen, hatte zur zuvor in einem Artikel im Handelsblatt unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Es muss gerechter zugehen&ldquo; ausf&uuml;hrt, dass das Bundesland Sachsen im Vergleich zu NRW pro Kopf rund 1.000 Euro niedrigere Steuereinnahmen habe, aber nach allen Umverteilungen im L&auml;nderfinanzausgleich sogar 500 Euro mehr Geld pro B&uuml;rgerIn zur Verf&uuml;gung h&auml;tte[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>].<\/p><p>W&uuml;rde dieses Argument wirklich zutreffen, so w&auml;re ihre Sorge vor einer &Uuml;bervorteilung ihres Bundeslandes nat&uuml;rlich ernst zu nehmen. Allerdings ist es f&uuml;r eine faire Betrachtung wichtig, vollst&auml;ndig zu ber&uuml;cksichtigen, auf wessen Kosten umverteilt wird, wieviel Geld in einem Bundesland tats&auml;chlich zur Verf&uuml;gung steht und welche Sonderbelastungen jeweils zu schultern sind. <\/p><p>Bezieht man die <strong>kommunalen<\/strong> Einnahmen mit ein und addiert sie zu den L&auml;ndereinnahmen, so stehen auch nach dem Umsatzsteuervorwegausgleich und dem L&auml;nderfinanzausgleich im engeren Sinne (also der zweiten und dritten Stufe des L&auml;nderfinanzausgleichs) in NRW pro B&uuml;rgerIn nicht 500 Euro weniger zur Verf&uuml;gung als in Sachsen, sondern knapp 200 Euro mehr.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Entgegen der Bef&uuml;rchtungen von Hannelore Kraft steht in NRW also auch nach der horizontalen Umverteilung zwischen den Bundesl&auml;ndern mehr Geld f&uuml;r jede B&uuml;rgerIn zur Verf&uuml;gung als in Sachsen. Es gibt aus der Sicht von NRW also keinen Grund, das solidarische Grundprinzip des L&auml;nderfinanzausgleichs aufzuk&uuml;ndigen.<\/p><p>Hintergrund ist, dass derzeit nur 64 Prozent des kommunalen Steueraufkommens im LFA ber&uuml;cksichtigt werden. Die Ostl&auml;nder mit durch die Bank &auml;rmeren Kommunen bekommen zwar im LFA etwas h&ouml;here L&auml;ndersteuereinnahmen, haben aber trotzdem insgesamt weniger Mittel zur Verf&uuml;gung als wirtschaftlich st&auml;rkere.<\/p><p>Daher tritt DIE LINKE daf&uuml;r ein, dass die kommunalen Steuereinnahmen zu 100 Prozent im LFA ber&uuml;cksichtigt werden. Erst die gemeinsame Finanzkraft eines Bundeslandes und seiner Kommunen ist wirklich aussagekr&auml;ftig f&uuml;r die bundesstaatliche Finanzverteilung und kann die Basis f&uuml;r einen fairen Ausgleich sein.<\/p><p>Auch bezogen auf die tats&auml;chlich frei verf&uuml;gbaren Mittel, also abz&uuml;glich der durch die L&auml;nder nicht beeinflussbaren Ausgabennotwendigkeiten wie <strong>armutsbedingten Sozialausgaben und Hochschulfinanzierung<\/strong>, steht NRW weiterhin um knappe 200 Euro pro Kopf besser da als Sachsen. <\/p><p>In einem wichtigen Punkt hat Frau Kraft jedoch recht: Da der L&auml;nderfinanzausgleich zwei weitere Stufen umfasst, bei denen <strong>Bundeszuweisungen<\/strong> an die neuen Bundesl&auml;nder die teilungsbedingten Sonderlasten kompensieren sollen, steht Sachsen am Ende der f&uuml;nf Stufen der Mittelverteilung tats&auml;chlich mehr zur Verf&uuml;gung als NRW. Es handelt sich hierbei jedoch um Bundesmittel, nicht um Gelder aus NRW: Statt also den Umsatzsteuervorwegausgleich sowie den L&auml;nderfinanzausgleich im engeren Sinne anzugreifen, w&auml;re es viel zielf&uuml;hrender, 25 Jahre nach der deutschen Einheit die Bundeszuweisungen nun nicht mehr pauschal in den Osten zu leiten, sondern gezielt in die strukturschwachen Regionen. Dann w&uuml;rden nur noch die wirklich bed&uuml;rftigen Regionen in Ost und West unterst&uuml;tzt werden, unter anderem auch in NRW, wie folgende Grafik veranschaulicht.<br>\nDenn Frau Kraft sollte gerade am Beispiel des Strukturwandels in NRW wissen, dass die Ursache dieser wirtschaftlichen St&auml;rke oder Schw&auml;che nicht &bdquo;hausgemacht&ldquo; ist. Viele Studien zeigen, dass &bdquo;gute Politik&ldquo; und &bdquo;flei&szlig;ige Menschen&ldquo; kaum Einfluss haben gegen&uuml;ber geografischer Lage, Siedlungsstruktur, sektoralen Strukturen der gewerblichen Wirtschaft und historischen Standortentscheidungen gro&szlig;er strukturbestimmender Unternehmen und &ouml;ffentlicher Einrichtungen, die die bestimmenden Faktoren f&uuml;r die Wirtschaftskraft eines Bundeslandes und seiner Kommunen sind. Aus diesem Grund sind Konzepte eines &bdquo;Wettbewerbsf&ouml;deralismus&ldquo; strikt abzulehnen. Stattdessen fordert DIE LINKE die Aufhebung der aktuellen Strukturblindheit des L&auml;nderfinanzausgleichs und eine zielgenaue F&ouml;rderung strukturschwacher Gebiete in Ost und West, Nord und S&uuml;d &ndash; also in Sachsen wie in NRW.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141120_strukturschwache_regionen.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141120_strukturschwache_regionen_small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Bez&uuml;glich der <strong>Altschulden<\/strong> schlie&szlig;lich spricht die Ministerpr&auml;sidentin von NRW ebenfalls einen wichtigen Punkt an, der nicht nur ihren Landeshaushalt belastet. Die Zinsbelastungen liegen unterschiedlich hoch in &ouml;stlichen und westlichen Bundesl&auml;ndern, mit den Spitzenreitern Bremen, Berlin und Saarland. Auch die neuen Bundesl&auml;nder sind mit der Ausnahme von Sachsen davon auf West-Niveau betroffen, schwanken ihre Zinslasten doch um den bundesdeutschen Durchschnitt.<\/p><p>DIE LINKE schl&auml;gt deshalb die &Uuml;bernahme aller kommunalen und f&ouml;deralen Schulden in einen Bundes- oder gemeinsamen L&auml;nderfonds vor, dessen Zinslasten gemeinschaftlich und daher auch zu g&uuml;nstigeren Konditionen getragen werden. Auch dies ist ebenfalls ganz im Sinne von NRW.<br>\nIch hoffe, dass diese Anmerkungen dazu beitragen k&ouml;nnen, Frau Kraft und andere Kritiker des L&auml;nderfinanzausgleichs aus strukturst&auml;rkeren Bundesl&auml;ndern davon zu &uuml;berzeugen, dass ein gegenseitiges Ausspielen der eigenen St&auml;rken und Schw&auml;chen der falsche Weg ist. Auch wenn der durch die Schuldenbremse hausgemachte Druck auf jedes einzelne Bundesland hoch ist: Nicht die pointierte Darstellung von Beitr&auml;gen und Lasten der einzelnen Bundesl&auml;nder zum L&auml;nderfinanzausgleich wird zu einer tragf&auml;higen L&ouml;sung f&uuml;hren, sondern nur wenn alle Beteiligten von Bund, L&auml;ndern und Kommunen eine solidarische Reform zur Gew&auml;hrleistung gleichwertiger Lebensverh&auml;ltnisse im ganzen Bundesgebiet anstreben.<br>\nWir sollten nicht versuchen, Bundesl&auml;nder oder Regionen gegeneinander auszuspielen!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Guido Bohsem, Ins Abk&uuml;hlbecken, S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 17.11.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Kraft, a.a.O.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] 3.548 Euro pro Kopf in NRW gegen&uuml;ber 3.354 Euro pro Kopf in Sachsen, siehe Grafik und die Brosch&uuml;re &bdquo;L&auml;nderfinanzausgleich LINKS gedacht: solidarisch und aufgabengerecht&ldquo; [PDF &ndash; 4.1 MB]<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir sollten nicht versuchen, Bundesl&auml;nder oder Regionen gegeneinander auszuspielen&ldquo;, schrieb Hannelore Kraft in einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23911#h05\">Gastartikel f&uuml;r die Frankfurter Rundschau<\/a> und rechnete im gleichen Atemzug &ouml;ffentlichkeitswirksam vor, dass dem Land Nordrhein Westfalen nach dem L&auml;nderfinanzausgleich 500 Euro weniger pro Kopf &uuml;brigblieben als dem ostdeutschen Bundesland Sachsen. In einem Gastartikel f&uuml;r die NachDenkSeiten relativiert Linken-Finanzexperten <strong>Axel<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24003\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,135,137,132],"tags":[838,1214,440,506,291],"class_list":["post-24003","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-finanzpolitik","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-kraft-hannelore","tag-laenderfinanzausgleich","tag-schaeuble-wolfgang","tag-troost-axel","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24003","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24003"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24003\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24006,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24003\/revisions\/24006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24003"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24003"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24003"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}