{"id":2407,"date":"2007-06-13T17:11:02","date_gmt":"2007-06-13T15:11:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2407"},"modified":"2016-01-05T10:28:56","modified_gmt":"2016-01-05T09:28:56","slug":"ein-heftiger-kampf-um-die-um-deutung-der-begriffe-und-ihren-gebrauch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2407","title":{"rendered":"Ein heftiger Kampf um die Um-Deutung der Begriffe und ihren Gebrauch"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit sind wir wieder einmal Zeuge eines Streits um Begriffe und auch Zeuge ihres Gebrauchs in der politischen Auseinandersetzung. Anlass ist Kurt Becks Versuch, der Union den schlechten Beigeschmack des Begriffs &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; alleine anzuh&auml;ngen. Siehe <a href=\"?p=2403\">NachDenkSeiten vom 11. Juni 2007<\/a> und F.A.Z.-Gastbeitrag von Kurt Beck: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubBF7CD2794CEC4B87B47C719A68C59339\/Doc~E4F1A322466C649ADBA2512B20C8F0F9C~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&bdquo;Das soziale Deutschland&ldquo;<\/a>. Das hat eine F&uuml;lle von Reaktionen ausgel&ouml;st. Zwei davon greife ich auf: <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1179819784281.shtml\">&bdquo;Das Schreckgespenst&ldquo;<\/a> aus dem K&ouml;lner Stadtanzeiger vom 13.6. und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub4D8A76D29ABA43699D9E59C0413A582C\/Doc~E3118BE234A944E73BAB1DD6814728CE2~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">&bdquo;Was Neoliberalismus wirklich ist&ldquo;<\/a> aus der FAZ vom 12.6., weiterverbreitet auch von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nEigentlich sind beide Beitr&auml;ge &ndash; vor allem der Beitrag von Gerald Braunberger in der FAZ &ndash; kaum genie&szlig;bar. Sie sind aber interessant als Beispiele und Belege f&uuml;r Meinungsbildungsstrategien. Dazu einige Anmerkungen:<\/p><ol>\n<li>Becks Beitrag in der FAZ war der erkennbare Versuch, den politischen Gegner mit einem negativ besetzten Begriff zu identifizieren und sich mit dem damit verbundenen Angriff gleichzeitig selbst rein zu waschen. Indem Beck Angela Merkel und der CDU Neoliberalismus vorwirft, versucht er vergessen zu machen, wie sehr seine eigene Partei in den letzten Jahren diesem Kurs gefolgt ist und wie wenig auch heute die praktische Politik seine Kritik am Neoliberalismus ernst nimmt. Dieser Versuch der Reinwaschung wird noch dadurch bekr&auml;ftigt, dass der Artikel von Beck mit &bdquo;Das soziale Deutschland&ldquo; &uuml;berschrieben ist.<\/li>\n<li>Beide Kritiker, im K&ouml;lner Stadtanzeiger wie in der FAZ, weisen meines Erachtens zu Recht daraufhin, dass der Begriff Neoliberalismus aus anderen Zeiten stammt und bei weitem nicht den negativen Beigeschmack verdient, den er heute hat. Der Autor des K&ouml;lner Stadtanzeigers zitiert den Pr&auml;sidenten der Hayek-Stiftung mit der Bemerkung, der Begriff habe in den neunziger Jahren eine Umdeutung erfahren. Das ist richtig. Aber solche Umdeutungen sind heute an der Tagesordnung. Als Beispiel nenne ich den Begriff &bdquo;Reform&ldquo;. Reformen waren noch in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts Ver&auml;nderungen, die in der Regel der Mehrheit unseres Volkes und vor allem den Schw&auml;cheren zugute kamen: Ausbau des Bildung und Hochschulwesens und &Ouml;ffnung auch f&uuml;r die Kinder aus Arbeitnehmerfamilien, gleiches Kindergeld f&uuml;r alle, flexible Altersgrenze, Lohnfortzahlung auch f&uuml;r Arbeiter, und so weiter.<br>\nHeute sind Reformen zu aller erst Ver&auml;nderungen zu Gunsten der oberen Einkommen und Verm&ouml;gen und zu Lasten der Mehrheit und der Schw&auml;cheren: die gesamten Hartz-Gesetze wirken zu, Hartz IV hat der Mehrheit der noch arbeitenden Menschen die Sicherheit einer einigerma&szlig;en verl&auml;sslichen Arbeitslosenversicherung genommen, das Elterngeld bringt den gut verdienenden 1800 &euro; pro Monat und Kind und den Einkommensschwachen 300 &euro;, und so weiter.<br>\nDer gute Klang des alten Wortes Reform wurde missbraucht zur Durchsetzung dieser heutigen, meist unsozialen Reformen.<br>\nIch habe mich einige Zeit geweigert, das sch&ouml;ne Wort Reform mit seinem guten Klang f&uuml;r die Reformen der Agenda 2010 und der Hartz-Gesetze zu gebrauchen. Aber dieser Widerstand ist sinnlos, wenn alle den Begriff f&uuml;r die genannten Reformen der neoliberalen Modernisierer benutzen.<\/li>\n<li>&Auml;hnlich verlief die Entwicklung beim Begriff Neoliberalismus. W&auml;hrend meines Studiums habe ich mich mit National&ouml;konomen besch&auml;ftigt, die neoliberal genannt wurden und dennoch so vern&uuml;nftige Sachen untersuchten wie die M&ouml;glichkeiten, durch staatliche Rahmensetzungen mit Steuern und Abgaben, Geboten und Verboten, die Marktkr&auml;fte sozial und &ouml;kologisch vern&uuml;nftig zu steuern. Was Joseph Stiglitz heute an Korrekturversuchen zum Marktversagen vorschl&auml;gt, haben diese &Ouml;konomen vor mehr als einem halben Jahrhundert diskutiert &ndash; womit ich &uuml;berhaupt nichts Kritisches zu Stiglitz sagen will.<br>\nDer Begriff &bdquo;neoliberal&ldquo; und &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; hat inzwischen einen anderen Inhalt und anderen Beigeschmack. Dass er in diesem Sinne benutzt wird, ist selbstverst&auml;ndlich. Nach einigem Z&ouml;gern nutze ich ihn auch in diesem Sinne. Dagegen anzurennen, ist ziemlich sinnlos. Dass Beck ihn in diesem Sinne gebraucht, ist nicht zu beanstanden. Dass er sich und seine Partei damit von diesem Odium frei zu waschen versucht, sollte man ihm allerdings nicht durchgehen lassen. Die SPD hat sich in weitem Ma&szlig;e neoliberalen Praktiken der schlimmen Art angepasst.<br>\n(Darauf komme ich, wenn ich es zeitlich schaffe, in den n&auml;chsten Tagen mit einer eigenen Analyse des Beck-Beitrags noch einmal zur&uuml;ck.)<\/li>\n<li>Der Beitrag von Braunberger in der FAZ zeigt noch einige andere strategische Versuche der Meinungsbeeinflussung:\n<ul>\n<li>Wie in vielen anderen Beitr&auml;gen konservativer oder neoliberaler Autoren wird behauptet, die CDU und noch mehr die CSU seien sozialdemokratische Kr&auml;fte. Von &bdquo;Sozialdemokratisierung&ldquo; und damit von einem Linksruck dieser Parteien ist die Rede. Dieses Denkschema kenne ich auch aus der SPD-Geschichte. Ihr und vor allem Willy Brandt ist in den siebziger Jahren von au&szlig;en und den konservativen Kr&auml;ften in der Partei permanent vorgeworfen worden, nach links ger&uuml;ckt zu sein. Diese Dauerkampagne hatte dann die politisch praktische Folge, dass die SPD Spitze immer wieder mit eher konservativen Entscheidungen versuchte, ihre angehefteten linken Etiketten loszuwerden. Heute werden mit dieser Propaganda die Aufforderungen an die Union verbunden, endlich wieder eine wirtschafts-freundliche Politik zu machen. Hochwirksam.<\/li>\n<li>In beiden Beitr&auml;gen, also in der FAZ und im K&ouml;lner Stadtanzeiger, wird versucht, gegen den Vorwurf der Staatsfeindlichkeit an die neoliberale Bewegung anzuk&auml;mpfen. Offenbar trifft dieser Vorwurf einen Nerv im konservativen Lager. Wenn die SPD schlau w&auml;re oder die Linke schlau ist, dann nutzen sie diese Schw&auml;che f&uuml;r die eigene sachliche und propagandistische Arbeit.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anzumerken bleibt noch:<\/strong><\/p><p>So durchsichtig die hier skizzierten Kampagnen der Meinungsbeeinflussung auch sind, sie zeigen Wirkung, wenn finanziell und publizistisch kr&auml;ftige Gruppen und Personen in ihrem Sinne t&auml;tig werden. Der rote Faden meines Buches &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; bleibt leider hochaktuell: <\/p><blockquote><p>Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete L&uuml;gen glaubten &ndash; wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die L&uuml;ge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">George Orwell, 1984<\/p>\n<\/blockquote><p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit sind wir wieder einmal Zeuge eines Streits um Begriffe und auch Zeuge ihres Gebrauchs in der politischen Auseinandersetzung. Anlass ist Kurt Becks Versuch, der Union den schlechten Beigeschmack des Begriffs &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; alleine anzuh&auml;ngen. Siehe <a href=\"?p=2403\">NachDenkSeiten vom 11. 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Das hat eine F&uuml;lle<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2407\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[128,123,205,11],"tags":[1011,1542,375,312,240],"class_list":["post-2407","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-insm","category-kampagnentarnworteneusprech","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-strategien-der-meinungsmache","tag-beck-kurt","tag-faz","tag-ksta","tag-reformpolitik","tag-sozialdemokratisierung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2407","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2407"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29905,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2407\/revisions\/29905"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}