{"id":241,"date":"2006-03-15T12:53:31","date_gmt":"2006-03-15T11:53:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=241"},"modified":"2020-02-18T18:49:50","modified_gmt":"2020-02-18T17:49:50","slug":"schirrmacher-der-spiegel-und-die-demografische-entwicklung-vom-unsauberen-umgang-mit-fakten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=241","title":{"rendered":"Schirrmacher, Der Spiegel und die demografische Entwicklung &#8211; Vom unsauberen Umgang mit Fakten"},"content":{"rendered":"<p>Gerd Bosbach, Professor f&uuml;r Statistik und Mathematik<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r den Blick auf die Entwicklung unserer Bev&ouml;lkerung sind beobachtbare Fakten eine wichtige Voraussetzung. Deshalb wundert der schlampige bis tendenzi&ouml;se Umgang in der &ouml;ffentlich gef&uuml;hrten Diskussion. Negative Entwicklungen werden &uuml;bertrieben dargestellt, positive weitgehend ausgeblendet. Aber auch vor bewussten oder unbewussten Falsch-Darstellungen wird selten zur&uuml;ckgeschreckt. Hauptsache es dient der Dramatisierung!<br>\nAn vorderer Front dieser Fakten-Verdreher stehen der FAZ-Herausgeber Schirrmacher (&bdquo;Das Methulasem-Komplott&ldquo;) und das Magazin &bdquo;Der Spiegel&ldquo;. Am 6.3. dieses Jahres mussten wir neue Beispiele f&uuml;r ihre, irref&uuml;hrende Darstellungsart im Spiegel erleben. In einem Artikel und einem Interview mit Frank Schirrmacher aus Anlass der Herausgabe seines neuen Buches &bdquo;Minimum&ldquo; wurde wieder kr&auml;ftigst dramatisiert und dabei manche Tatsache v&ouml;llig verf&auml;lscht.<br>\nMeine Bemerkungen beziehen sich ausschlie&szlig;lich auf die statistischen und logischen Verdrehungen, &uuml;ber die merkw&uuml;rdigen politischen Erkl&auml;rungen und Folgerungen m&ouml;gen sich Berufenere auslassen. Ich m&ouml;chte die Fehler in der Arbeitsweise der Autoren nur von meiner Profession, der Statistik und Mathematik, also der Faktenwelt und der Logik aus betrachten.<\/p><p>Zuerst zum Artikel der Spiegels (Autoren Gatterburg, Matussek und Wolf, S. 76 bis 84):<\/p><ol>\n<li>\n<blockquote><p>In kaum einem anderen Land in Europa werden so wenig Kinder geboren wie bei uns,&hellip;&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 77<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Falsch! Die vom Spiegel im Weiteren benutzten Daten stammen aus dem Jahre 2003 von eurostat. Deren Gesamtauflistung zeigt allerdings:<\/p>\n<p>In der EU der 25 haben zehn (!!!) L&auml;nder eine geringere Geburtenrate als Deutschland, zwei eine &auml;hnlich gro&szlig;e und zw&ouml;lf liegen h&ouml;her. Fasst man Europa weiter, kommen mindestens noch Bulgarien, Kroatien, Rum&auml;nien und Russland mit niedrigeren Geburtenraten dazu. Der Text ist also eindeutig falsch, die zugeh&ouml;rige Grafik (S. 79) durch die Auswahl einiger &bdquo;passender&ldquo; L&auml;nder irref&uuml;hrend. Hielt der Spiegel die Hinzunahme der USA wegen ihrer hohen Rate f&uuml;r der Dramatik dienend, musste er L&auml;nder wie Russland und Japan einfach &bdquo;vergessen&ldquo;.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Es ist eine Last, die gr&ouml;&szlig;er ist, als sie (Verf.: die Knirpse) verkraften. In zehn Jahren, sp&auml;testens, ist es so weit.&ldquo; <\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 77<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nein! Erst ab 2025, wenn die geburtenstarken Jahrg&auml;nge der Sechziger des letzten Jahrhunderts langsam ins Rentenalter kommen, ver&auml;ndert sich der Altersquotient nennenswert. Also erst in 20 Jahren beginnt die Reduzierung des Arbeitskr&auml;fteangebotes, was allerdings durch viele, nur selten erw&auml;hnte Faktoren &uuml;berhaupt nicht zum Problem f&uuml;hren muss.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>Noch nie zuvor in der deutschen Geschichte hat sich der demografische Kegel derart verschoben.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 77<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wieder falsch! Ein Blick auf die Lebensb&auml;ume der Jahre 1900, 1950, 2000 zeigt, dass wir im letzten Jahrhundert viel gravierendere &Auml;nderungen gemeistert haben. Der Tannenbaum des Jahres 1900 ist schon 1950 nicht mehr wiederzuerkennen und im Jahre 2000 nochmals v&ouml;llig anders.<br>\nAuch die Steigerung der Lebenserwartung ist inzwischen in einer degressiv wachsenden Phase.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"img_border\" src=\"upload\/bilder\/and_int_060315.gif\" alt=\"Lebenserwartung\" title=\"Lebenserwartung\"><\/p>\n<p>Interessanterweise werden die gesundheitlichen Probleme von Kindern ausf&uuml;hrlich beschrieben &ndash; zu erg&auml;nzen w&auml;re vielleicht noch der fr&uuml;he Konsum von Alkohol, Tabak und anderen Drogen schon in der Wachstumsphase. Aber Folgen f&uuml;r die weitere Entwicklung der Lebenserwartung scheinen sich weder Schirrmacher noch der Spiegel vorstellen zu k&ouml;nnen.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>&hellip; die Risiken einer Scheidung vor dem Familiengericht will kaum noch einer auf sich nehmen.&ldquo;<\/p><\/blockquote>\n<p> (deshalb &bdquo;Ehestreik&ldquo;)<\/p>\n<p>Ma&szlig;los &uuml;bertrieben! 2004 haben sich 791.984 Menschen das Ja-Wort gegeben, in den letzten zehn Jahren waren es &uuml;ber 8 Millionen. Merkw&uuml;rdiger Streik.<\/p><\/li>\n<li>Auch im Detail gibt es viele Fehler: Mal werden die Babyboomer in den f&uuml;nfziger Jahren geortet, mal wird &uuml;bersehen, dass die Geburtenrate in Westdeutschland seit 1970 ann&auml;hernd konstant ist, mal wird das Statistische Bundesamt mit seiner Wanderungsprognose falsch (Absicht?) zitiert.\n<p>Auf die vielen unklar, aber tendenzi&ouml;s formulierte Fakten bin ich nicht eingegangen. Sie sind halt nicht nachweisbar falsch, erzielen nur den gew&uuml;nschten, dramatisierenden Gesamt&shy;eindruck.<\/p>\n<p>Schirrmacher bringt in seinem Interview (S. 85 bis 88) eigentlich keine Fakten, es ist halt nicht sein Metier, Tatsachen zu beschreiben und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Erstaunlich ist die Logik seiner Argumentation und Schlussweise.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>&hellip;, ich bin ein optimistischer, aber auch sehr realistischer Mensch.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 85<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote><p>Aber irgendwo in der Ferne kommt noch einmal eine Weiche, und die k&ouml;nnen wir umstellen.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 85<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und auf der anderen Seite: <\/p>\n<blockquote><p>Der Zug ist abgefahren.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 86<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote><p>Wir wurden umprogrammiert&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 85 &amp; 87<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Erst in der Ferne etwas &auml;nderbar? Biologische Umprogrammierung gegen Kinderzeugung in ein bis zwei Generationen?? Und das soll optimistisch sein?<\/p>\n<p>Aber wenn er sich mal auf Fakten einl&auml;sst, wird es gar grausig:<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>&hellip;, denn um Frauen wird gek&auml;mpft werden m&uuml;ssen in der Zukunft, weil sie knapp werden!&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 88<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aus welcher Horror-Geschichte hat er denn das? Insgesamt gibt es deutlich mehr Frauen als M&auml;nner, alleine durch die h&ouml;here Lebenserwartung. Und was die Zukunft der jungen Leute in Deutschland angeht &ndash; darauf war die Bemerkung bezogen: Der m&auml;nnliche Anteil an den Geburten liegt seit 1945 zwischen 51,3 und 51,9 Prozent, in den letzten 15 Jahren dabei am unteren Ende (51,3 bis 51,4 Prozent). Die heutigen jungen M&auml;nner m&uuml;ssen sogar weniger &bdquo;um die Frauen&ldquo; k&auml;mpfen, allerdings statistisch unerheblich.<\/p><\/li>\n<li>\n<blockquote><p>&bdquo;Die muselmanische Reconquista hat demografische Ursachen, die Geburtenrate wird in diesen L&auml;ndern noch bis 2020 wachsen.&ldquo;<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Seite 88<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nat&uuml;rlich ist unklar, welche L&auml;nder und Bev&ouml;lkerungsteile er meint. Auch der Begriff Geburtenrate ist nicht eindeutig. Aber die Kinderzahl pro Frau geht seit l&auml;ngerem in den meisten L&auml;ndern zur&uuml;ck. Nur die H&ouml;he des R&uuml;ckganges, bzw. die Frage, ob sie unter das rechnerische Bestanderhaltungsniveau sinkt, wird diskutiert. Also, f&uuml;r heute ist die Bemerkung sicherlich falsch. Und woher Schirrmacher das Geb&auml;rverhalten der Zukunft in diesen L&auml;ndern kennen will, m&ouml;chte ich gerne wissen. Aber vielleicht verwechselt er ja Geburtenrate mit Bev&ouml;lkerungszahl, f&uuml;r die diese Prognose evtl. gelten k&ouml;nnte. Dann sollte er bei den Formulierungen mal weniger auf die Angst machende Absicht achten und mehr auf den Wahrheitsgehalt.<\/p><\/li>\n<li>Erstaunlich ist auch Schirrmachers Ausflug in die Katastrophentheorie. Zwei Beispiele beweisen ihm die &Uuml;berlegenheit der Familie. Und was ist mit den vielen anderen Katastrophen??? Zwei Beispiele finde ich f&uuml;r jede Theorie, von einem aussagekr&auml;ftigen Beleg ist das aber meilenweit entfernt.\n<p>Wie schon gesagt: Hier wird nur der Umgang mit Fakten beleuchtet, die politisch gewollten Implikationen sind genauso fragw&uuml;rdig. Das Alles hat mich an meine Zeit als Berater des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages erinnert. Auch dort wollten die Politiker nur die Fakten, die zu ihrer Meinung passten, zur Not auch verdreht.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Zum Schluss in eigener Sache:<\/p><ol>\n<li>Nat&uuml;rlich sind mehr Kinder eine Bereicherung. Aber bevor wir &uuml;ber die Geburtenrate jammern, sollten wir die heute existierenden Kinder und Jugendlichen gut versorgen: Mit Pl&auml;tzen in KiTas und Kinderg&auml;rten, mit ausreichend Lehrern in modernen Schulen, mit gen&uuml;gend qualifizierten Ausbildungsstellen und Hochschulen, in denen Platz ist und der Lehrk&ouml;rper auch mal Zeit f&uuml;r Gespr&auml;che mit den Studenten hat. Das w&uuml;rde die Jugend &bdquo;zukunftsfest&ldquo; f&uuml;r ihre sp&auml;teren Versorgungsaufgaben machen. Daraus k&ouml;nnte eine optimistische Generation erwachsen, die anders &uuml;ber Kind sein und Kinder bekommen denkt. Oder umgekehrt ausgedr&uuml;ckt: Schlecht ausgebildete Kinder und Jugendliche werden in 20 bis 30 Jahren gro&szlig;e Probleme haben, die Gesellschaft zu stemmen. Das liegt dann aber nicht an der Demografie, sondern ist Konsequenz verfehlter Politik!<\/li>\n<li>Statistisch saubere Darstellungen von mir zu den in der &ouml;ffentlichen Diskussion weitgehend ausgeblendeten positiven Entwicklungsfaktoren k&ouml;nnen Sie u.a. nachlesen in:\n<ul>\n<li>Quelle: <a href=\"upload\/pdf\/gbosbach_demogr.pdf\" title=\"PDF - 184 KB\">Demografische Entwicklung &ndash; nicht dramatisieren [PDF &ndash; 184 KB] &raquo;<\/a><br>\nGewerkschaftliche Monatshefte 2\/2004 (8 S.)<br>\nZur Quelle [PDF]<\/li>\n<li>Kein Anlass zu Furcht und Panik &ndash; Fakten und Mythen zur &bdquo;demografischen Katastrophe&ldquo; (zusammen mit Klaus Bingler)<br>\nDeutsche Rentenversicherung<br>\n(Hrsg.: Verband Deutscher Renten versicherungstr&auml;ger) 11-12\/2004 (25 S.)<\/li>\n<li>Wenn Demografie zu Demagogie wird &ndash; Souver&auml;n<br>\n(Hrsg.: Senioren Union der CDU Deutschlands ) 8\/2005<br>\n(kurz und knackig)<\/li>\n<li>oder in dem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; von Albrecht M&uuml;ller (S. 103 bis 140)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p>Prof. Dr. Gerd Bosbach, Fachhochschule Remagen, <a href=\"mailto:bosbach@rheinahrcampus.de\" title=\"E-Mail an bosbach@rheinahrcampus.de\">bosbach@rheinahrcampus.de<\/a>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerd Bosbach, Professor f&uuml;r Statistik und Mathematik <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,123,183],"tags":[343,786,420],"class_list":["post-241","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-luegen-mit-zahlen","tag-schirrmacher-frank","tag-spiegel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=241"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58611,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions\/58611"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}