{"id":24139,"date":"2014-12-02T10:14:37","date_gmt":"2014-12-02T09:14:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139"},"modified":"2019-04-10T11:47:13","modified_gmt":"2019-04-10T09:47:13","slug":"was-kommt-nach-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139","title":{"rendered":"Was kommt nach Putin?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141202_putin_ehlers.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] greift f&uuml;r die NachDenkSeiten die in den letzten Wochen in den deutschen Medien hochgekochte Frage auf, was in Russland nach Putin kommen k&ouml;nnte. Dabei analysiert er die westliche Agenda, zun&auml;chst in der Ukraine und dann in Russland einen &bdquo;Regimechange&ldquo; herbeizuf&uuml;hren, und geht auch ausf&uuml;hrlich auf die russischen Perspektiven ein. Einen &bdquo;Maidan von unten&ldquo; wird es demnach in Russland nicht geben. Die Gefahr eines &bdquo;Maidan von oben&ldquo; sei aber vorhanden. Das Ergebnis w&auml;re jedoch nicht ein westliches Russland, sondern Chaos und das endg&uuml;ltige Ende der europ&auml;ischen Friedensordnung.  <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8882\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-24139-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=24139-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"141205_Was_kommt_nach_Putin_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;Fr&uuml;her  konnte man ja bei der alten Sowjetunion mal die Hoffnung haben, dass sich Probleme bei den Herrschenden oder bei der sowjetischen Politik biologisch erledigen. Putin ist vergleichsweise jung, dynamisch.&ldquo; Mit diesem Satz, in dem das &bdquo;leider&ldquo; nicht ausgesprochen, aber aus der Diktion mitzuh&ouml;ren war, res&uuml;mierte G&uuml;nther Jauch die von ihm am 17.11.2014 moderierte politische Gespr&auml;chsrunde &uuml;ber das von Hubert Seipel mit Wladimir Putin f&uuml;r die ARD gef&uuml;hrte und in der Sendung besprochene Interview. <\/p><p>Demgegen&uuml;ber fragte Matthias Platzeck, SPD, Vorsitzender des deutsch-russischen Forums bei einer zweiten Gespr&auml;chsrunde mit Jauch eine Woche sp&auml;ter, aktualisiert durch Platzecks eigenen Vorsto&szlig;, die Krimfrage nachtr&auml;glich mit Russland regeln zu wollen sowie durch die Brandrede Angela Merkels beim G-20-Gipfel in Brisbane: &bdquo;Was k&auml;me denn, wenn der russische Pr&auml;sident weg w&auml;re? Sicher kein proeurop&auml;ischer Nachfolger, eher ein noch nationalistischerer Pr&auml;sident. Wenn Russland als zweitgr&ouml;&szlig;te Nuklearmacht  der Welt aber politisch instabil w&uuml;rde, h&auml;tte das unabsehbare Folgen. Das w&auml;re brandgef&auml;hrlich!&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Vergleichbare Fragen wurden und werden in den letzten Monaten, Wochen und Tagen rundum in politischen Etagen und in den Medien gestellt. Ohne hier auf die politische Plumpheit solcher Redeweise besonders eingehen zu wollen, stellt sich die Frage: Wissen die Jauch`s und andere Meister des &bdquo;Talks&ldquo; eigentlich, wovon sie reden?<\/p><p><strong>Brzezinskis Vision<\/strong><\/p><p>Die Frage mag offen bleiben; andere wissen es daf&uuml;r umso genauer. Schauen wir ein bisschen zur&uuml;ck: Der Grundimpuls findet sich, wie h&auml;ufig in diesen Tagen des Ukrainischen B&uuml;rgerkriegs und der damit verbundenen internationalen Spannungen, wieder einmal bei Zbigniew Brzezinski. In seinem Buch &bdquo;Strategic Vision. America and the Crisis of Global Power&ldquo; von 2013[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], in dem er seine nach der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion 1991 entwickelte Strategie der US-Vorherrschaft aktualisiert &ndash; nunmehr unter den Bedingungen der Krise der US-Hegemonie &ndash; steht die Beseitigung von Putins Einfluss auf Russlands Entwicklung im Zentrum eines ausf&uuml;hrlich dargelegten Traums von einem um die T&uuml;rkei und Russland &bdquo;erweiterten und vitalen Europa&ldquo;.  <\/p><p>&bdquo;Angezogen von offenen R&auml;umen und neuen unternehmerischen M&ouml;glichkeiten&ldquo;, schw&auml;rmt Brzezinski, &bdquo;w&uuml;rde die Europ&auml;ische Jugend herausgefordert  werden &sbquo;to go east&lsquo;, sei es zum nord-&ouml;stlichen Sibirien oder zum &ouml;stlichen Anatolien.&ldquo; In dieser Weise k&ouml;nne eine friedliche Welt entstehen, in der das &bdquo;gr&ouml;&szlig;ere Europa&ldquo; in Gemeinschaft mit den USA der drohenden globalen Anarchie entgegentreten k&ouml;nne.<\/p><p>Einzige Bedingung: Russland wie auch die T&uuml;rkei, m&uuml;ssten durch den Prozess einer &bdquo;echten Transformation&ldquo; gehen, die beide L&auml;nder f&uuml;r den &bdquo;Westen &ouml;ffne&ldquo;. &bdquo;Es ist (auch) vern&uuml;nftig anzunehmen, dass im Verlaufe der n&auml;chsten zwei oder mehr Jahrzehnte  ein ernsthaftes kooperatives und verbindliches Arrangement zwischen dem Westen und Russland erreicht werden k&ouml;nnte,&ldquo; schreibt Brzezinski, &bdquo;unter optimalen Umst&auml;nden sogar bis hin zu einer Mitgliedschaft Russlands sowohl in der EU als auch der NATO &ndash; wenn Russland in der Zwischenzeit in eine wahrhaft verst&auml;ndige, auf Gesetzen basierende Transformation eingestiegen ist, die sowohl mit EU- als auch mit NATO-Standards kompatibel ist.&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Schon das &bdquo;n&auml;chste Jahrzehnt k&ouml;nnte entscheidend sein f&uuml;r Russlands Zukunft&ldquo; und, indirekt, f&uuml;r die Aussichten des &bdquo;vitaleren und erweiterten Westens.&ldquo; <\/p><p>M&ouml;glich sei dies mit Medwedew oder mit vergleichbaren Kr&auml;ften der Modernisierung um ihn herum, nicht aber mit Putin. &bdquo;Ungl&uuml;cklicherweise&ldquo;, so Brzezinski, &bdquo;ist Putins Vision dieser Zukunft eine r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Kombination von starkem Nationalismus, kaum verh&uuml;llter Feindschaft gegen&uuml;ber Amerika wegen dessen Sieg im kalten Krieg sowie Nostalgie f&uuml;r Modernit&auml;t und Supermachtstatus zugleich (finanziert, wie er hofft, durch Europa). Der Staat, den er formen will, hat bemerkenswerte &Auml;hnlichkeit mit Italiens Experiment des Faschismus: ein hochgradig autorit&auml;rer (nicht totalit&auml;rer) Staat, eine symbiotische Beziehung zwischen seiner Machtelite und seiner Gesch&auml;ftsoligarchie, ein Staat, dessen Ideologie ein kaum verborgener und bombastischer Chauvinismus ist.&ldquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] <\/p><p>Kurz gesagt &ndash; mit Putin, so Brzezinski, ist die notwendige &bdquo;Transformation&ldquo; f&uuml;r ein &bdquo;erweitertes Europa&ldquo; nicht zu haben. Brzezinskis Umweg f&uuml;hrt deshalb &uuml;ber die Ukraine. Das wurde von ihm in diesem Buch erneut bekr&auml;ftigt und aktualisiert, nachdem er dies schon in der Vergangenheit immer wieder gefordert hatte, da Russland, wie er es schon Mitte der 90er erkl&auml;rte, ohne die Ukraine nicht wieder zum Imperium werden k&ouml;nne.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] <\/p><p>In Brzezinskis neuen Text hei&szlig;t es scheinbar moderater: &bdquo;Eine systematisch gen&auml;hrte engere Verbindung zwischen Russland und dem Atlantischen Westen (&ouml;konomisch mit der EU, und in Sicherheitsfragen  mit der NATO und mit den Vereinigten Staaten im Allgemeineren) k&ouml;nnte beschleunigt werden durch eine allm&auml;hliche russische Akzeptanz gegen&uuml;ber einer wahrhaft unabh&auml;ngigen Ukraine, die dringender als Russland eng an Europa sein und evtl. ein Mitglied der europ&auml;ischen Union sein m&ouml;chte. Eine Ukraine, die Russland nicht feindlich gesinnt ist, sondern ihm etwas voraus in seiner Ann&auml;herung an den Westen hilft, real die Bewegung Russlands Westw&auml;rts zu ermutigen in Richtung  einer m&ouml;glichen sehr lohnenswerten europ&auml;ischen Zukunft.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Mit diesen Positionen trat Brzezinski auch auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz im Fr&uuml;hjahr 2014 auf.<\/p><p><strong>Von der Strategie zur Realit&auml;t<\/strong><\/p><p>Soweit die sch&ouml;nen Worte von der Modernisierung eines &bdquo;erweiterten Europa&ldquo; in einer globalen Friedenssicherung. Real hie&szlig; Modernisierung  der Ukraine jetzt allerdings gewaltsamer, blutiger &bdquo;Regimechange&ldquo;. Nach der Logik der diesen Vorg&auml;ngen zugrunde liegenden Interventionsstrategie m&uuml;sste dem nun eine ebensolche &bdquo;Modernisierung&ldquo; in Russland folgen. Aber ist der erhoffte Sturz Putins, von dem nicht nur Brzezinski tr&auml;umt, nach demselben Muster wie der Sturz Janukowitschs in der Ukraine zu realisieren? <\/p><p>Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, m&uuml;ssen die Kernpunkte in Brzezinskis Analyse noch etwas genauer betrachtet werden: Russlands Beziehungen zu Europa seien &bdquo;ambivalent&ldquo; erkl&auml;rt er. Russlands politische Elite wolle st&auml;rkere Verbindungen zur EU und der NATO, aber sie sei nicht willens die Reformen durchzuf&uuml;hren, die solche Verbindungen erm&ouml;glichen k&ouml;nnten. &Uuml;berhaupt seien die Erfolge Russlands in der Geschichte &bdquo;eher Nebenprodukte aus Dummheiten der Feinde Russlands als Ergebnis andauernder erfolgreicher russischer Staatskunst.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p>Auch die gegenw&auml;rtige geopolitische Orientierung der russischen Elite &bdquo;sei sehr konflikttr&auml;chtig und in gewisser Hinsicht eskapistisch&ldquo;, so Brzezinski weiter. &bdquo;Es existieren in der russischen politischen und gesch&auml;ftlichen Elite mehrfache Interpretationen f&uuml;r Russlands passende globale Rolle. Viele reiche Gesch&auml;ftsleute (speziell in Moskau und St. Petersburg) m&ouml;chten, dass Russlands modern sei, eine &Ouml;konomie europ&auml;ischen Typs wegen der daraus resultierenden &ouml;konomischen Vorteile. Inzwischen m&ouml;chten viele in der politischen Elite, dass Russland zur herrschenden Macht in Europa wird, getrennt von Amerika, oder sogar eine Weltmacht auf gleicher Augenh&ouml;he mit Amerika. Und noch andere Russen spielen mit den anscheinend faszinierenden Vorstellungen des &sbquo;Euroasiatismus&lsquo;, einer Slawischen Union, oder sogar einer anti-westlichen Allianz mit China.&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] <\/p><p>Der &bdquo;Euroasiatismus&ldquo;, so Brzezinski, der sich vom Westen abwende, untersch&auml;tze die Chinesische Power, die Russland zum Junior Partner erniedrigen werde, wenn es sich von der EU und den Atlantikern abwende. Die Vertreter einer Slawischen Union untersch&auml;tzten den Nationalismus bei den j&uuml;ngeren Wei&szlig;russen und Ukrainern. Schlie&szlig;lich trage Russland noch die Last der unbew&auml;ltigten stalinistischen Vergangenheit.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]  <\/p><p>Deshalb, so Brzezinski, k&ouml;nne Russland, wenn es sich selbst &uuml;berlassen bleibe und nicht &bdquo;ausdr&uuml;cklich in einen weiteren demokratischen transformatorischen Rahmen gezogen&ldquo; werde, &bdquo;erneut eine Quelle f&uuml;r Spannungen und gelegentlich sogar  eine Sicherheitsbedrohung f&uuml;r seine Nachbarn sein.&ldquo; Ohne  eine F&uuml;hrung, &bdquo;die die Kraft und den Willen zur Modernisierung&ldquo; habe, bleibe Russland unf&auml;hig f&uuml;r sich eine &bdquo;stabile Rolle zu definieren, die eine realistische Balance zwischen seinen Ambitionen und seinem tats&auml;chlichen Potential herstellt.&ldquo;<\/p><p>So bemerkenswert diese Bestandsaufnahme der russischen Vielfalt zwischen Asien und Europa, zwischen seiner Geschichte und den Herausforderungen seiner Gegenwart ist, so fatal ist Brezinskis daraus gezogene Schlussfolgerung, n&auml;mlich, dass diese Vielfalt Russlands &ndash; die doch nichts anderes ist als Ausdruck der realexistierenden Vielv&ouml;lkerrealit&auml;t &ndash; durch eine Modernisierung nach dem  Muster europ&auml;ischer Nationalstaaten ersetzt werden k&ouml;nne. Schon gar nicht kann das innerhalb des n&auml;chsten Jahrzehntes geschehen. <\/p><p>Eher schon, wenn in die Zukunft gedacht wird, erscheint eine F&ouml;deration, eine Konf&ouml;deration oder eine Union am Horizont, wie es die Sowjetunion war, wie es die Europ&auml;ische Union werden m&ouml;chte, in der die geografischen, ethnischen historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede des Riesenraumes ausgeglichen werden. <\/p><p>Gegenw&auml;rtig aber ist die von Brzezinski kritisierte &bdquo;Symbiotische Beziehung&ldquo; zwischen den verschiedenen Interessen und Str&ouml;mungen Russlands die ad&auml;quate Form des &Uuml;bergangs in eine solche m&ouml;gliche Zukunft. Eine &bdquo;Eurasische Union&ldquo;, die diesen Prozess auf die unmittelbaren Nachbarn der russischen F&ouml;deration erweitert, ist der konsequente und f&uuml;r Russland und f&uuml;r seine Nachbarn in Eurasien richtige Schritt. In der Herstellung der &bdquo;symbiotischen Beziehungen&ldquo;, die Brzezinski kritisiert, liegen genau die Qualit&auml;ten, die Russland vor dem Zerfall und damit Eurasien vor dem Chaos bewahren.  <\/p><p><strong>Putins Spagat<\/strong><\/p><p>Weit entfernt davon, Diktator zu sein, beruhen Putins &bdquo;symbiotische Beziehungen&ldquo; darauf, den Krieg der Oligarchen, die Differenzen der sich zwischen Asien und Europa erstreckenden sehr unterschiedlichen Republiken sowie die konkurrierenden Machtstrukturen in einen Konsens mit der Vielv&ouml;lkerrealit&auml;t Russlands gef&uuml;hrt zu haben. Dieser Konsens bewegt sich zwischen neoliberaler &Ouml;ffnung f&uuml;r den Weltmarkt und Erhaltung sowie Nutzung traditioneller Strukturen in Russland. Ausdruck dessen ist die &bdquo;gelenkte Demokratie&ldquo; des &bdquo;Putinschen Systems&ldquo;. Das ist selbstverst&auml;ndlich keine Demokratie nach westlichen Vorstellungen. Putin steht im Spagat zwischen &ndash; paradox formuliert &ndash; autorit&auml;rer neoliberaler Modernisierung Russlands und R&uuml;ckgriff auf die traditionellen Selbstversorgungsstrukturen des Vielv&ouml;lkerstaates. Anders als Brzezinski es versteht, liegt darin aber gerade nicht Putins Gef&auml;hrlichkeit, und auch nicht, um es in andere Worte zu &uuml;bersetzen, die zur Zeit im Schwange sind, Putins &bdquo;Aggressivit&auml;t&ldquo;, sondern der Versuch der russischen politischen F&uuml;hrung, in einer Zeit des schweren &Uuml;bergangs aus einem vielfach gebrochenen historischen Prozess in eine den herrschenden Anspr&uuml;chen der heutigen Zeit gerecht werdende Gesellschaft zu kommen. <\/p><p>In seiner Rede auf dem Waldai-Forum in Sotchi am 24.10. 2014 hat Putin diese strategische Orientierung noch einmal klar umrissen: &bdquo;Russland hat seine Wahl getroffen, unsere Priorit&auml;ten bestehen in einer weiteren Vervollkommnung der demokratischen Institutionen und einer offenen Wirtschaft, in einer beschleunigten inneren Entwicklung unter Ber&uuml;cksichtigung aller positiven derzeitigen Tendenzen der Welt und der Konsolidierung der Gesellschaft auf Grundlage traditioneller Werte und des Patriotismus. Auf unserer Tagesordnung steht die Integration, diese Tagesordnung ist positiv und friedlich, wir arbeiten aktiv mit unseren Kollegen in der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit, der BRICS und anderen Partnern zusammen. Diese Tagesordnung zielt auf die Entwicklung von Beziehungen der Staaten untereinander und nicht auf Absonderung. Wir haben nicht vor, irgendwelche Bl&ouml;cke zusammenzuzimmern oder uns in einen Schlagabtausch ziehen zu lassen. Jeder Grundlage entbehren auch Behauptungen, Russland sei bestrebt, irgendein Imperium wieder zu errichten oder verletze die Souver&auml;nit&auml;t seiner Nachbarstaaten. Russland verlangt nicht nach irgendeinem besonderen, au&szlig;erordentlichen Platz in der Welt, das m&ouml;chte ich betonen. Indem wir die Interessen der anderen achten, m&ouml;chten wir einfach, dass man auch unsere Interessen ber&uuml;cksichtigt und unsere Positionen achtet.&ldquo; [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Dabei ist noch anzumerken, dass dieses Programm keine kommunistischen, keine sozialistischen, nicht einmal klare soziale Zielsetzungen enth&auml;lt. Putin ist kein Kommunist und auch kein Sozialist. Er ist ein neoliberaler Traditionalist und Pragmatiker der Macht. Es begn&uuml;gt sich, sehr zum Leidwesen der neueren russischen Linken, die sich eine eindeutige Parteinahme Putins f&uuml;r die sozialen Belange der Bev&ouml;lkerung w&uuml;nschen, den innenpolitischen Konsens auch auf der au&szlig;enpolitischen Ebene der Kooperation, ja, der Koexistenz mit dem &bdquo;Weltmarkt&ldquo;, zu Deutsch, der zurzeit um den Globus gehenden Kapitalisierung zu halten. Anders gesagt, Putin schl&auml;gt eine Ordnung vor, die sich &ndash; darin pikanterweise den von Brzezinski aufgezeigten Perspektiven gar nicht un&auml;hnlich &ndash; der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung und der Verhinderung einer globalen Anarchisierung verpflichtet sieht. Diese Position bezieht er erkennbar auch gegen&uuml;ber der Revolte in der Ukraine, die von Russland sozusagen auf halber H&ouml;he in der Luft gehalten wird. <\/p><p><strong>Liberale Revolution?<\/strong><\/p><p>Was k&ouml;nnte unter den genannten Voraussetzungen das Ergebnis eines &bdquo;Regimechanges&ldquo; in Russland sein? Hat ein solcher Versuch &uuml;berhaupt einen Boden? Antworten auf diese Fragen m&uuml;ssen notwendig Ann&auml;herungen bleiben. Einige Aspekte sollen dennoch in aller K&uuml;rze hier noch benannt werden. <\/p><p>Ausgehend von der Tatsache, dass der Regimewechsel die Ukraine nicht in die Modernisierung, sondern ins B&uuml;rgerkriegschaos und die Welt an den Rand globaler Konflikte gef&uuml;hrt hat, w&auml;re einfach zu konstatieren: <\/p><p>Erstens: Im Gegensatz zur Ukraine, deren Oligarchen bis heute im Krieg miteinander liegen, ist Russlands politische Klasse um den von Putin gehaltenen Konsens versammelt. Russlands Oligarchen sind in soziale und staatliche Strukturen eingebunden. Russland ist, anders als die Ukraine, heute kein oligarchischer Willk&uuml;rstaat mehr, in dem es die Bev&ouml;lkerung aus purer Existenznot auf die Barrikaden treibt. Diese Art der Stabilit&auml;t ist zuv&ouml;rderst das Verdienst Putins, der die russische Staatlichkeit gegen&uuml;ber den Privatinteressen der Oligarchen wiederhergestellt hat.  <\/p><p>Zweitens: Sofern Proteste stattfinden, handelt es sich um lokale, regionale, partielle oder um Proteste politischer, meist liberaler Minderheiten. Ein &bdquo;russischer Maidan&ldquo;, vergleichbar der anti-oligarchischen Revolte in der Ukraine, ist, wenn man den Beobachtern der neuen Linken folgt, die in diesen Fragen m&ouml;glicher Massenproteste aus eigenem Interesse heraus die verl&auml;sslichsten Zeugen sind, zur Zeit nicht zu erwarten.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] <\/p><p>Drittens: Anders als die Ukraine ist die Vielv&ouml;lkerrealit&auml;t Russlands f&ouml;deral organisiert und seit der Niederschlagung der tschetschenischen Sezession in den Moskauer Konsens einbezogen. Mehr noch, der gegenw&auml;rtige Sanktionskrieg des Westens f&uuml;hrt dazu, dass innenpolitische, innerethnische Differenzen einer als gemeinsam empfundenen Bedrohung untergeordnet werden. Das hei&szlig;t nicht, dass es keine Spannungen mehr zwischen Moskauer Herrschaftsanspruch und geografischen oder ethnischen oder sonstigen Partikularinteressen g&auml;be. Der Sanktionskrieg  gegen Russland wird jedoch als Angriff auf den gemeinsamen russl&auml;ndischen Organismus verstanden. Westliche Angriffe auf Putin schw&auml;chen ihn nicht, sondern lassen die Zustimmung zu Putin als Verteidiger russl&auml;ndischer, das hei&szlig;t gesamtrussischer Interessen, mit jeder neuen Sanktionsrunde wachsen. <\/p><p>Zusammengefasst, wie es die Linke sieht, die in dieser Frage, wie schon angedeutet, als Kritiker der Putinschen Politik zurzeit wohl den sch&auml;rfsten Blick auf die Ereignisse hat: Einen russischen Maidan werde es nicht geben, liest man in ihren Analysen &ndash; jedenfalls nicht von unten. Eine Gefahr drohe, wenn, dann von oben. Was seit 2000 Putins St&auml;rke gewesen sei, seine Politik des Konsenses, der Symbiose von neoliberalen Reformen und dem, was er in seiner Waldai-Erkl&auml;rung &bdquo;Patriotismus&ldquo; nennt, das hei&szlig;t im weitesten Sinne, gewachsene Gemeinschaftsstrukturen, k&ouml;nne in der Folge des Sanktionskrieges zu seiner Schw&auml;che werden, wenn der liberale &bdquo;Modernisierungsfl&uuml;gel&ldquo; unter dem Druck der gezielt gegen einzelne Personen gerichteten Sanktionen aus dem Konsens ausschere.<\/p><p>In der Wahrnehmung der Linken und eher traditionell orientierten Kr&auml;fte firmiert diese m&ouml;gliche liberale Absetzbewegung unter dem Stichwort einer &bdquo;liberalen Revolution&ldquo;, das hie&szlig;e, einer Aufk&uuml;ndigung des bisherigen Konsens, der faktisch, aller Modernisierung zum Trotz, eine gebremste Kapitalisierung beinhaltet.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] <\/p><p>Zu dieser Perspektive eines m&ouml;glicherweise gesprengten Konsenses hei&szlig;t es in einer Analyse aus dem Kreis des &bdquo;Institutes f&uuml;r Probleme der Globalisierung und soziale Bewegung&ldquo;: &bdquo;Aber  machen wir uns nichts vor: wenn die liberale Revolution Wirklichkeit wird, dann werden ihre Urheber sehr schnell begreifen, wie richtig die These tats&auml;chlich ist, dass die Ukraine nicht Russland ist. Anders als die benachbarte Ukraine wird Russland, mit Ausnahme seiner Hauptstadt, dann in ein einziges Donbas verwandelt werden&ldquo;.[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p>&Uuml;bersetzt in die Alltagswahrnehmung auf Talk-Ebene hei&szlig;t das: Eine Zerst&ouml;rung des von Putin aufgebauten &uuml;bergreifenden Konsenses von Seiten liberaler Modernisierer w&auml;re gleichbedeutend mit landesweitem Aufruhr der traditionelleren Kr&auml;fte. Welche Kr&auml;fte im Einzelnen in dieser Situation nach der Macht greifen k&ouml;nnten, ist unabsehbar, geh&ouml;rt in den Bereich der Spekulation. Sicher ist, dass die vielzitierte europ&auml;ische Friedensordnung dann tats&auml;chlich zerst&ouml;rt wird.  <\/p><p><em>Bildnachweis: &copy; Time Magazine<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] ARD Talk, 23.11.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Zbigniew Brzezinski, &bdquo;Strategic Vision. America and the crisis of Global Power&ldquo;, Basis Books, New York, 2013, S. 153<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] ebenda S. 152<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] ebenda S. 145<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Siehe dazu: Brzezinski, die einzige Weltmacht, Fischer tb, 14358, 1999, S. 74<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Zbigniew Brzezinski, &bdquo;Strategic Vision. America and the crisis of Global Power&ldquo;, Basis Books, New York, 2013, S. S. 150<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] ebenda. S. 138<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] ebenda S. 141<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] ebenda S. 145<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Quelle, <a href=\"http:\/\/www.kremlin.ru\/news\/46860\">kremlin.ru<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] So Boris Kagarlitzki in &ldquo;Stoletije&rdquo;, 25.11.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Boris Kagarlitzki, Vasily Koltashov in LINKS, international journal of socialist renewal, 28.10.2014<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] ebenda<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141202_putin_ehlers.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p><strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>] greift f&uuml;r die NachDenkSeiten die in den letzten Wochen in den deutschen Medien hochgekochte Frage auf, was in Russland nach Putin kommen k&ouml;nnte. Dabei analysiert er die westliche Agenda, zun&auml;chst in der Ukraine und dann in Russland einen &bdquo;Regimechange&ldquo; herbeizuf&uuml;hren, und geht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,169,107,181,20],"tags":[1206,1251,835,915,259,260,1556],"class_list":["post-24139","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-europapolitik","category-landerberichte","tag-brzezinski-zbigniew","tag-eurasische-union","tag-nationalismus","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24139"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50848,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24139\/revisions\/50848"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}