{"id":24172,"date":"2014-12-05T09:17:43","date_gmt":"2014-12-05T08:17:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24172"},"modified":"2014-12-05T10:42:31","modified_gmt":"2014-12-05T09:42:31","slug":"neue-interessante-kolumne-von-norman-birnbaum-notizen-aus-amerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24172","title":{"rendered":"Neue interessante Kolumne von Norman Birnbaum: Notizen aus Amerika"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;bersetzt von Carsten Weikamp, also auf Deutsch und im Original auf Englisch. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/20141202_Birnbaum_American_Notes.pdf\">Hier als PDF.<\/a> Danke vielmals an Autor und &Uuml;bersetzer. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nZu den Demonstrationen im Zusammenhang mit der T&ouml;tung des farbigen Jugendlichen durch einen Polizisten in Ferguson bemerkt Birnbaum: &ldquo;Einige der von Ferguson inspirierten Demonstrationen beinhalten Versuche, den Zugang zu Einkaufszentren zu blockieren, in denen zig Millionen Amerikaner ihre Weihnachtseink&auml;ufe t&auml;tigen &ndash; und auch St&ouml;rungen der Arbeitswege. Historisch und soziologisch gesehen haben die Demonstranten recht. Solange sich eine Mehrheit der Amerikaner ihr Leben jenseits von privatem Konsum und individualisierter Lebenswelten gar nicht vorstellen kann, wird es keinen New Deal geben.&rdquo;<\/p><p>Zu den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten stellt er fest: &ldquo;Es gibt einige Leute, &hellip; , die meinen, dass die Verantwortung f&uuml;r Ordnung im Nahen Osten den Nationen obliegt, die dort sind, und dann denen, die weit n&auml;her dran sind als die USA &ndash; wie die Europ&auml;er.&rdquo; Die USA, so Birnbaum, h&auml;tten aber &ldquo;im Moment nicht die intellektuelle und politische Kapazit&auml;t, um einen geordneten R&uuml;ckzug aus ihrem Imperialismus zu bewerkstelligen.&rdquo;<\/p><p>Zu Russland merkt er an: &ldquo;Die gut informierten russischen Diplomaten in den USA und auch die akademischen und journalistischen russischen Beobachter der amerikanischen Situation sind sich sicher dessen bewusst, dass es keinen zentralen und konzertierten Versuch der USA gibt, einen Regimewechsel in Russland herbeizuf&uuml;hren. Was wir aber beobachten ist eine kleinere und bruchst&uuml;ckhaftere Kampagne, die in einigen Teilen der Au&szlig;enamtsb&uuml;rokratie Tendenzen ideologischer St&ouml;rman&ouml;ver gegen&uuml;ber Russland und in Russland selbst verfolgt.&rdquo; Das seien allerdings &ldquo;keine Bedrohungen, mit denen der russische Staat nicht umgehen kann.&rdquo;<\/p><p>Im Zusammenhang Ukraine\/Russland fordert er die Europ&auml;er auf, sich st&auml;rker friedenschaffend einzubringen.  &ldquo;Der Pr&auml;sident und die Vereinigten Generalstabschefs wollen definitiv und h&ouml;rbar keinen Konflikt mit Russland. &hellip; Das ganze Thema der Ukraine, und dar&uuml;ber hinaus des Umgangs mit Russland, ist ganz eindeutig eines, bei dem eine klare und nachdr&uuml;ckliche europ&auml;ische Stimme eine betr&auml;chtliche Wirkung in den USA haben w&uuml;rde. Aber wir h&ouml;ren diese Stimme nicht.&rdquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Notizen aus Amerika<\/strong><\/p><p><em>Norman Birnbaum<\/em><\/p><p><strong>Eins:<\/strong> Thanksgiving, Erntedank. Das Land hat den Thanksgiving-Feiertag begangen in Erinnerung an das Erntedankfest, das die urspr&uuml;nglichen Bewohner des Kontinents, die Indianer, gemeinsam mit den englischen Kolonisten in der Gegend begingen, die wir heute als Massachusetts kennen. Pr&auml;sident Lincoln hat das Fest 1863 auf dem H&ouml;hepunkt des B&uuml;rgerkriegs zu einem nationalen Feiertag erkl&auml;rt. Im Jahr zuvor hatte er die Emanzipations-Proklamation verf&uuml;gt, die bestimmte, dass die Sklaven in den Rebellenstaaten der Konf&ouml;deration ab Januar 1863 freie Menschen waren. Das war der Startpunkt, von dem aus sich die Abschaffung der Sklaverei &uuml;ber die ganzen Vereinigten Staaten ausbreitete, erm&ouml;glicht durch die Niederschlagung der Rebellenstaaten 1865. Seitdem ist viel passiert, einschlie&szlig;lich der B&uuml;rgerrechtsbewegung der 50er, 60er und 70er Jahre &ndash; und den daraus folgenden justiziellen und gesetzgeberischen Triumphen. Trotzdem sind rassistische Vorurteile und struktureller Rassismus in Wirtschaft und Gesellschaft noch immer Wirklichkeit im Leben der USA.<\/p><p>Viele Leitartikler und Prediger, die heute &uuml;ber unser Erbe reden, beharren auf der These der unvollendeten Natur des Versprechens der Emanzipation. Dies wird auch deutlich am Verhalten wei&szlig;er amerikanischer Polizisten gegen&uuml;ber Afro-Amerikanern. Den Geschehnissen in Ferguson, Missouri, folgten zwei weitere T&ouml;tungen von Afro-Amerikanern durch wei&szlig;e Polizisten unter zweifelhaften Umst&auml;nden. In Ferguson selbst hat die ermittelnde Jury trotz sehr uneindeutiger Sachlage entschieden, den Polizeibeamten nicht anzuklagen, der einen jungen Afro-Amerikaner get&ouml;tet hatte. Der Staatsanwalt, der die Jury instruierte, ist Sohn eines Polizeibeamten, der von einem Afro-Amerikaner ermordet wurde, und er legte der Jury Beweise auf eine Art und Weise vor, die f&uuml;r den Polizisten sehr hilfreich war. Eine Anzahl erfahrener Juristen haben das gesamte Prozedere scharf kritisiert. Afro-Amerikanische und B&uuml;rgerrechtsgruppen  (oft vorwiegend von Wei&szlig;en) haben landesweit Protestdemonstrationen organisiert.<\/p><p>Die Demonstrationen sind verstreut und unkoordiniert, haben keine besondere Strategie und erinnern mich an die kurzlebige Pr&auml;senz der Occupy Bewegung, die inzwischen mehr ein Thema f&uuml;r Doktorarbeiten ist als eines mit landesweiter Beachtung. Einige der von Ferguson inspirierten Demonstrationen beinhalten Versuche, den Zugang zu Einkaufszentren zu blockieren, in denen zig Millionen Amerikaner ihre Weihnachtseink&auml;ufe t&auml;tigen &ndash; und auch St&ouml;rungen der Arbeitswege. Historisch und soziologisch gesehen haben die Demonstranten recht. Solange sich eine Mehrheit der Amerikaner ihr Leben jenseits von privatem Konsum und individualisierter Lebenswelten gar nicht vorstellen kann, wird es keinen New Deal geben. Die Errungenschaften des beachtlichen amerikanischen Wohlfahrtstaats k&ouml;nnten in der Tat Gefahr laufen, ernsthaft und sogar fundamental verloren zu gehen. Eine politische Guerilla-Kampagne ist kein Ersatz f&uuml;r ein koh&auml;rentes politisches Projekt.  Es ist jetzt ein halbes Jahrhundert her, dass Martin Luther King 1963 seine gro&szlig;e Rede hielt. Die neue B&uuml;rgerrechtsbewegung mobilisiert die Enkel seiner afro-amerikanischen und wei&szlig;en Anh&auml;nger. Vielleicht wird sie Bestand haben und eine neue Kampagne gegen alte Ungerechtigkeiten organisieren. Die reflektierteren Mitglieder unserer Eliten sorgen sich wegen des Fortbestands (und der schamlosen Offenheit) eines primitiven Rassismus, der sich aus wei&szlig;en Ressentiments gegen den bisher erzielten Fortschritt zusammensetzt. Unser Strafjustizsystem mit seinen Masseninhaftierungen ist ein selbstzerst&ouml;rerischer Apparat, ein enormes Versagen. Wenn es nicht grundlegend reformiert wird, wird die USA in einen Sozialdarwinismus versinken, der weit schlimmer ist als der am Ende des 19. Jahrhunderts.<\/p><p><strong>Zwei:<\/strong> Nationale Unsicherheit. Der Pr&auml;sident hat den Verteidigungsminister entlassen und mit Ashton Carter einen neuen ernannt. Dieser ist Physiker, hat in Harvard unterrichtet, mehrere Posten im Verteidigungsministerium innegehabt und war selbstverst&auml;ndlich auch Berater im Privatsektor. Carter hat eine seltene Begabung: Jeder Mensch hat gewisse kritische Fragen an seine soziale und politische Umwelt, und solche k&ouml;nnen wir auch Carter unterstellen. Er war und ist aber ein Meister darin, sie vollst&auml;ndig zu unterdr&uuml;cken. Selbsternannte Insider geben an, dass der scheidende Minister, der fr&uuml;here Senator Hagel, nicht die F&auml;higkeit gehabt habe, eine gro&szlig;e Organisation zu f&uuml;hren. Das Verteidigungsministerium hat immerhin zehntausende ziviler Mitarbeiter, mehr als zwei Millionen aktive und Reserve-Mitglieder des Milit&auml;rs und verf&uuml;gt &uuml;ber fast die H&auml;lfte des nationalen Haushaltsbudgets. Hagels Kritiker &uuml;bersehen den Fall des am wenigsten erfolgreichen unserer modernen Verteidigungsminister, Robert McNamara. Der war, bevor er das Debakel in Vietnam verantwortete, Chef der Ford Motor Company.<\/p><p>Das Problem sind nicht die Personen, sondern die Politik. Denken Sie an den Status des US-Engagements in Syrien. US-Beamte emp&ouml;ren sich, weil den amerikanischen Luftangriffen gegen die islamischen Dschihadisten Angriffe von Assads Streitkr&auml;ften folgten, und nun auch iranische, und beide, ohne zuvor bei uns um Erlaubnis gebeten zu haben. Die USA schlagen vor, &bdquo;moderate&ldquo; Gruppen in Syrien aufzur&uuml;sten und zu trainieren, halten sich aber bedeckt bei der Frage, was sie unter &bdquo;moderat&ldquo; verstehen, abgesehen von der Bereitwilligkeit, unser Geld anzunehmen. In Anbetracht der Situation in Afghanistan, wo Afghanen, die von unserer Anleitung profitieren, wiederholt US-Soldaten get&ouml;tet haben, werden die USA die syrischen Anh&auml;nger unserer welthistorischen Mission nun umfangreichen Screenings unterziehen, inklusive tiefenpsychologischer und neurologischer Untersuchungen, um deren Loyalit&auml;t sicherzustellen. Die USA haben Verb&uuml;ndete in aller Welt, und wir k&ouml;nnen in dem Projekt die Anf&auml;nge einer neuen Weltsicht erkennen. Bisher haben wir uns zufriedengegeben mit der heimlichen &Uuml;berwachung unserer deutschen Freunde. Wir verf&uuml;gen jetzt &uuml;ber gro&szlig;e Einrichtungen in Deutschland, in denen wir ganze Gruppen deutscher Amtstr&auml;ger und Politiker durchleuchten k&ouml;nnen. Die Absurdit&auml;t dieser Schritte in Reaktion auf die Dschihadisten ist ein indirektes Eingest&auml;ndnis unserer geopolitischen Hilflosigkeit gegen&uuml;ber der Welt der Muslime.<\/p><p>Der Pr&auml;sident sieht sich einer &Ouml;ffentlichkeit gegen&uuml;ber, die von der Region &uuml;berhaupt nichts wei&szlig;, einem gro&szlig; angelegten Engagement dort aber skeptisch gegen&uuml;ber steht, und einer einflussreichen Gruppe in der Nationale-Sicherheit-Elite, die glaubt, dass ein breiteres milit&auml;risches Engagement notwendig ist. Versicherungen aus dem Wei&szlig;en Haus und von unseren Gener&auml;len, dass unsere Truppen eine &bdquo;Trainings&ldquo;-Mission h&auml;tten, rufen Erinnerungen an Vietnam hervor. Es gibt einige Leute, zumeist pensionierte und jedenfalls nicht zur Regierung geh&ouml;rige oder ihr nahestehende, die meinen, dass die Verantwortung f&uuml;r Ordnung im Nahen Osten den Nationen obliegt, die dort sind, und dann denen, die weit n&auml;her dran sind als die USA &ndash; wie die Europ&auml;er. Eine Minderheit im Kongress zeigt sich kritisch, einige davon sehr vern&uuml;nftig. Der Pr&auml;sident war bisher nicht in der Lage, ein nachhaltige Argumentation zu entwickeln, dass die Amerikaner sich heraushalten sollen, obwohl er aller Wahrscheinlichkeit zu dieser Position tendiert. Er bevorzugt, kleine Schritte zu machen, z&ouml;gerliche Vorst&ouml;&szlig;e gefolgt von diskreten R&uuml;ckz&uuml;gen. Den wiederholten Statements aus dem Wei&szlig;en Haus mit dem Inhalt, dass es f&uuml;r den Nahen Osten keine milit&auml;rischen L&ouml;sungen gebe, folgen unausweichlich neue, wenn auch verhaltene milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen. In Washington werden Beschwerden laut, dass der Pr&auml;sident und sein Personal unklug und unrechtm&auml;&szlig;ig die Entscheidungen zur Au&szlig;enpolitik in seiner Hand konzentriert. Es ist auffallend sp&auml;t, dass sich die Produzenten Washingtoner Klischees jetzt &uuml;ber etwas beschweren, das uns seit dem Beginn des B&uuml;rgerkriegs, wenn nicht schon seit dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg ein Jahrzehnt zuvor begleitet. Dieser Kongress ist im besonderen nicht in der Lage, eine Politik zu entwickeln oder sich auf eine zu einigen. Die lautesten Stimmen sind oft die aggressivsten und unkundigsten oder die am st&auml;rksten mit Lobbygruppen verbundenen, wie der Israel-Lobby mit ihren eigenen Zielvorstellungen. Auch Saudi  Arabien und die Golf-Staaten haben einige unserer Volksvertreter gekauft. Bei den Freunden Israels ist es wohlgemerkt keine Geldfrage, sondern es sind religi&ouml;se Motive im Spiel. Bibeltreue amerikanische Politiker lieben Israel, weil sie die Staatsgr&uuml;ndung als Evidenz daf&uuml;r ansehen, dass die Endzeit nahe ist.<\/p><p>Der vielversprechendste Akt seiner Unabh&auml;ngigkeit war das Standhalten des Pr&auml;sidenten gegen die Israel-Lobby in der Frage der Verhandlungen mit dem Iran. Der Pr&auml;sident ist das Objekt systematischer Schm&auml;hungen der am st&auml;rksten ethnozentrischen Elemente des amerikanischen Judentums. Die j&uuml;dische Mehrheit teilt diese Ansichten nicht, die oft in Formen zum Ausdruck kommen, die kein gutes Licht auf die Kritiker werfen. Die j&uuml;dische Mehrheit steht hinter dem Pr&auml;sidenten und den Demokraten &ndash; die Minderheit aber, mit ihren engen Verbindungen zu den autorit&auml;rsten, chauvinistischsten und v&ouml;lkischsten Gruppen im Spektrum der Israel-Politik, hat immer noch die Unterst&uuml;tzung einer Mehrheit im Kongress. Die Beharrlichkeit des Pr&auml;sidenten, mit dem Iran zu verhandeln trotz der Versuche des Kongresses, diese Verhandlungen zu blockieren, verdankt dabei viel der F&auml;higkeit des Au&szlig;enministers John Kerry, diejenigen im au&szlig;enpolitischen Apparat zu mobilisieren mit der st&auml;rksten Abneigung, Israel Veto-Rechte zuzugestehen hinsichtlich der amerikanischen Au&szlig;enpolitik. Gest&uuml;tzt von prominenten Veteranen des Apparats (Baker, Brzezinski, Kissinger, Scowcroft) hat der Patrizier Kerry den Versuch unternommen, eine Au&szlig;enpolitik zu entwerfen, die das Ende der amerikanischen Hegemonie in Betracht zieht &ndash; ohne es offen auszusprechen, aus Angst davor, die Mobilisierung der riesigen nationalen Reserven von Illusionen in einer Kampagne gegen ihn selbst zu provozieren.<\/p><p>Seine Aufgabe, wie die des Pr&auml;sidenten, ist extrem schwierig, wenn nicht gar unm&ouml;glich. Die USA haben im Moment nicht die intellektuelle und politische Kapazit&auml;t, um einen geordneten R&uuml;ckzug aus ihrem Imperialismus zu bewerkstelligen. Die Bev&ouml;lkerung, die bisher nur unsere selbstgef&auml;llige Aggressivit&auml;t kennt, w&uuml;rde es vielleicht akzeptieren, wenn man es den B&uuml;rgern in verst&auml;ndlicher Form nahebr&auml;chte. Es gibt aber bisher keine bedeutende politische Pers&ouml;nlichkeit, keine Koalition, die in der Lage w&auml;re, ihre eigene anti-imperialistische Intelligenzia zu entwickeln mit einer Welterkl&auml;rung, die die &ouml;ffentliche Vorstellungskraft zu fesseln w&uuml;sste. Die Elemente sind vorhanden, aber sie zusammenzusetzen ist eine Aufgabe, die deutlich die politischen M&ouml;glichkeiten des Pr&auml;sidenten &uuml;bersteigt, der sein Amt mit der Absicht angetreten hat, gro&szlig;e Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Deswegen haben wir ganze Regionen in Brand gesteckt, und wir haben nur eine begrenzte Kapazit&auml;t, die Feuer wieder zu l&ouml;schen. Wir haben schlie&szlig;lich seit 1898 Streitkr&auml;fte auf der philippinischen Insel Mindanao, und wir haben es seit 1958 nicht geschafft, Entspannung mit Kuba zu erzielen. In einem Bogen der muslimischen Welt von Zentralafrika bis Afghanistan gelingt es den USA nicht einmal, einen vorl&auml;ufigen Frieden zu schaffen und dem unaufh&ouml;rlichen Krieg zu entkommen. Dort, wo die USA nacheinander widerspr&uuml;chliche Positionen bezogen hat, wie in den Beziehungen zu &Auml;gypten, wird es f&uuml;r unsere Diplomaten zunehmend schwieriger, noch weiter ernst genommen zu werden. Die Europ&auml;ische Union, als Nachfolger der fr&uuml;heren kolonialistischen und imperialistischen M&auml;chte Westeuropas, muss erst noch eine langfristige und nachhaltige Politik f&uuml;r den Bogen muslimischer Staaten von Marokko bis Indonesien entwickeln. China und Russland gehen bei ihrer regionalen Politik zun&auml;chst von ihren relativ spezifischen Interessen aus. Die USA haben mit ihren gleichzeitigen Forderungen, dass andere Nationen erstens die B&uuml;rger- und Menschenrechte in der Definition der USA einhalten, zweitens Marktkapitalismus praktizieren, indem sie ihre Grenzen f&uuml;r die US-Wirtschaft &ouml;ffnen, und drittens als milit&auml;rische Hilfskr&auml;fte f&uuml;r unsere gr&ouml;&szlig;eren geopolitischen Ziele und Pl&auml;ne mitwirken, ein praktisch grenzenloses Projekt, das geradezu darauf angelegt ist, eine Niederlage nach der anderen zu produzieren.<\/p><p><strong>Drei:<\/strong> Lavrovs Beschwerde. Der russische Au&szlig;enminister hat die USA beschuldigt, nach einem &bdquo;Regimewechsel&ldquo; in Russland zu trachten. Die UdSSR, die uns noch in Erinnerung ist, hat tats&auml;chlich nach einem Regimewechsel in den USA getrachtet, indem sie die US Communist Party darauf angesetzt hat. Die erfolgreichsten Zeiten haben die Amerikanischen Kommunisten erlebt, als sie im gro&szlig;en und ganzen untergeordnete Funktionen in gr&ouml;&szlig;eren Koalitionen wahrgenommen haben &ndash; am bemerkenswertesten wohl beim New Deal und in der Periode der US-Sowjet-Kriegsallianz 1941-45. Innerhalb f&uuml;nf Jahren nach Kriegsende wurde der kommunistischen Partei allerdings der Kopf abgeschlagen durch strafrechtliche Verfolgung wegen Subversion, ihre Anf&uuml;hrer ins Gef&auml;ngnis gesteckt, ihre Anh&auml;nger gejagt und aus Besch&auml;ftigungen in Kultur, Wirtschaft und Regierung vertrieben. Die UdSSR hatte in den USA auf einer anderen Schiene Erfolg, n&auml;mlich indem sie Kommunisten und Sympathisanten f&uuml;r Spionage rekrutierte, d. h. f&uuml;r Rollen, die erforderten, dass sie ihre politischen Ziele verdeckten.<\/p><p>W&auml;hrend des Kalten Krieges war die USA eindeutig erfolglos darin, oppositionelle Pers&ouml;nlichkeiten und Gruppen in der UdSSR zu unterst&uuml;tzen. Ihre gr&ouml;&szlig;ten Erfolge in Sachen Regimewechsel haben sie jenseits der Grenzen der UdSSR gefeiert, in Brasilien, Chile, Indonesien, dem Iran, Pakistan. Die Unterst&uuml;tzung faschistischer Regimes in Portugal und Spanien und der Milit&auml;rdiktaturen in &Auml;gypten und der T&uuml;rkei, die Brutalit&auml;t und der Zynismus dieser Politik haben einen betr&auml;chtlichen Teil des internationalen Ansehens unseres Landes untergraben und wichtige Teile der j&uuml;ngeren amerikanischen Generationen desillusioniert. Dar&uuml;ber hinaus haben die USA seit 1958 erfolglos versucht, das kommunistische Regime in Kuba zu beenden. Und es ist genauso wenig gelungen, einen Regimewechsel in Mexiko einzuleiten. Der Versuch, nach dem B&uuml;rgerkrieg innerhalb des Landes eine Zivilgesellschaft in den fr&uuml;heren Sklavenstaaten wieder zu errichten, war ein fast kompletter Fehlschlag. Trotz gerichtlicher Entscheidungen und geltender Gesetze gelten die vollen B&uuml;rgerrechte f&uuml;r die afro-amerikanische Bev&ouml;lkerung der S&uuml;dstaaten, Texas eingeschlossen, noch immer nicht. Die Nachkriegs-Besetzung von Italien, Deutschland, Japan erm&ouml;glichte es inl&auml;ndischen Kr&auml;ften, die f&uuml;r parlamentarische Demokratie eintraten (und reuigen und nicht reuigen Faschisten, Nazis und Imperialisten, die sich mehr schlecht als recht als Demokraten ausgaben), &Auml;nderungen herbeizuf&uuml;hren, aber diese hingen in starkem Ma&szlig;e von nationalen Traditionen ab und waren ziemlich unabh&auml;ngig von der Besatzungsmacht. Der japanische Nationalismus jedenfalls ist nach wie vor gef&auml;hrlich.<\/p><p>Das wei&szlig; Au&szlig;enminister Lavrov sicher. Die gut informierten russischen Diplomaten in den USA und auch die akademischen und journalistischen russischen Beobachter der amerikanischen Situation sind sich sicher dessen bewusst, dass es keinen zentralen und konzertierten Versuch der USA gibt, einen Regimewechsel in Russland herbeizuf&uuml;hren. Was wir aber beobachten ist eine kleinere und bruchst&uuml;ckhaftere Kampagne, die in einigen Teilen der Au&szlig;enamtsb&uuml;rokratie Tendenzen ideologischer St&ouml;rman&ouml;ver gegen&uuml;ber Russland und in Russland selbst verfolgt, oft in Zusammenarbeit mit Gruppen der amerikanischen Zivilgesellschaft. Einige dieser Operationen sind von hohen Beamten genehmigt oder toleriert; sie werden angehalten und wieder fortgesetzt so wie die Russlandpolitik gerade hin und her schwankt. Andere Kampagnen finden in der Zone der politischen dunklen Materie statt, wo unsere verdeckten Dienste selbst&auml;ndig agieren. Das sind keine Bedrohungen, mit denen der russische Staat nicht umgehen kann, im Grunde sind es &uuml;berhaupt keine Bedrohungen. Die Rekrutierung oppositioneller Figuren im Kulturbereich ist meist ziemlich unn&ouml;tig: die kommen von selbst auf. Die jungen Frauen der Gruppe Pussy Riot scheinen zu intelligent, um sich zu kompromittieren, indem sie mit der US-Botschaft kollaborieren, selbst unter der zweifelhaften Annahme, dass unsere Diplomaten in der Lage w&auml;ren, das latent kritische Potential dieser Gruppe zu erkennen. Die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland sind im &uuml;brigen nicht geeignet, einen Regimewechsel zu f&ouml;rdern &ndash; sie erwecken eher aufs neue das alte russische Misstrauen dem gesamten Westen gegen&uuml;ber.<\/p><p>Es wird angenommen, dass Putins Allianz mit der russisch-orthodoxen Kirche eine internationale Dimension hat, als Wegbereiter eines Aufrufs Putins an religi&ouml;s Konservative &uuml;berall auf der Welt. Falls das so w&auml;re, w&auml;re das neue Denken im Vatikan, das Reformprojekt unter Papst Franziskus, ein Hindernis f&uuml;r Putins Kurs. Es ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, dass die amerikanischen religi&ouml;s Konservativen, die in Chauvinismus und Ethnozentrismus baden, daf&uuml;r zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden. Es ist h&ouml;chst unwahrscheinlich, dass irgendein gro&szlig; angelegtes amerikanisches Projekt zur &Auml;nderung des russischen Regimes in Russland selbst ernsthafte Unterst&uuml;tzung finden w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Vier:<\/strong> Vor den Toren Kiews. Eine verwegen unverantwortliche Gruppe in der amerikanischen Partei des fortw&auml;hrenden Krieges (unter Leitung von Senator McCain, der unf&auml;hig scheint, mit Komplexit&auml;t umzugehen) sucht die Konfrontation mit Russland in der Ukraine. McCain wird Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im neuen Senat werden, aber seine unverbesserliche Kriegslust hat seinen Einfluss beim Volk verkleinert, sogar unter den Republikanern. Der Pr&auml;sident und die Vereinigten Generalstabschefs wollen definitiv und h&ouml;rbar keinen Konflikt mit Russland. Der Kongress, z&ouml;gerlich bei der Ausweitung des US-Milit&auml;rengagements im Nahen Osten, ist zur Zeit nicht daf&uuml;r zu haben, eine neue Front vor den Toren Kiews zu er&ouml;ffnen. Die milit&auml;rischen Gesten der NATO in Osteuropa wurden unserer verbl&uuml;fften wie widerspenstigen &Ouml;ffentlichkeit als solche &ndash; reine Gesten &ndash; vermittelt. Sowohl Brzezinski als auch Kissinger haben zu Zur&uuml;ckhaltung aufgerufen. Das ganze Thema der Ukraine, und dar&uuml;ber hinaus des Umgangs mit Russland, ist ganz eindeutig eines, bei dem eine klare und nachdr&uuml;ckliche europ&auml;ische Stimme eine betr&auml;chtliche Wirkung in den USA haben w&uuml;rde. Aber wir h&ouml;ren diese Stimme nicht. Ich werde in sp&auml;teren Artikeln auf dieses Thema zur&uuml;ckkommen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Download:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/20141202_Birnbaum_American_Notes.pdf\">Notizen aus Amerika von Norman Birnbaum, auf Deutsch und im Original auf Englisch [PDF]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;bersetzt von Carsten Weikamp, also auf Deutsch und im Original auf Englisch. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/20141202_Birnbaum_American_Notes.pdf\">Hier als PDF.<\/a> Danke vielmals an Autor und &Uuml;bersetzer. 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