{"id":24220,"date":"2014-12-10T09:32:09","date_gmt":"2014-12-10T08:32:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24220"},"modified":"2014-12-10T10:18:36","modified_gmt":"2014-12-10T09:18:36","slug":"chodorkowski-ruft-zur-revolution-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24220","title":{"rendered":"Chodorkowski ruft zur Revolution auf"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin:0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141209_beckcho.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Noch nicht einmal ein Jahr hat es der russische Oligarch Michail Chodorkowski in seinem Schweizer Exil ausgehalten, sich nicht massiv in die russische Politik einzumischen. Am letzten Wochenende gab der NZZ ein <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/international\/putin-hat-sich-selber-in-eine-sackgasse-gebracht-1.18438893\">ausf&uuml;hrliches Interview<\/a>. Und das hat es in sich. Chodorkowski fordert darin nicht weniger als eine Revolution in Russland und eine Abschaffung der Demokratie. Einen postrevolution&auml;ren &Uuml;bergangspr&auml;sidenten hat Chodorkowski auch schon im Sinn &ndash; sich selbst. Bezeichnend, dass die deutschen Medien, die Michail Chodorkowski ansonsten <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739\">in den h&ouml;chsten T&ouml;nen loben<\/a>, dieses Interview komplett ignorieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7698\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-24220-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=24220-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"141209_Chodorkowski_ruft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Als Hintergrund und zur Person Michail Chodorkowski: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739\">Jens Berger &ndash; Guter Oligarch, b&ouml;ser Putin<\/a>.<\/em><\/p><p>Um die Zitate von Michail Chodorkowski bewerten zu k&ouml;nnen, lohnt sich ein kleiner Ausflug in die j&uuml;ngere Politik- und Parteiengeschichte Russlands. &Uuml;ber die Frage, wie demokratisch Russland ist, kann man sich vortrefflich streiten. Eine &bdquo;lupenreine&ldquo; Demokratie ist Russland nat&uuml;rlich nicht. Selbst Kritiker Russlands und Wladimir Putins kommen jedoch nicht drum herum, zuzugestehen, dass die Machtverh&auml;ltnisse demokratisch legitimiert sind und die Wahlergebnisse den demokratischen Willen des russischen Volkes abbilden. Exakt dieser Umstand ist westlichen Denkfabriken schon lange ein Dorn im Auge. Egal ob es sich um die vom Multimilliard&auml;r George Soros finanzierte Open Society Foundation, das aus US-Steuergeldern finanzierte National Endowment for Democracy (NED) oder um die mit den deutschen Gr&uuml;nen assoziierte Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung handelt &ndash; alle streben den Regimewechsel in Moskau an, wissen jedoch nicht, wie sie dies auf demokratischen Wege hinbekommen sollten. Freilich haben diese Denkfabriken auch keine Probleme mit undemokratischen Mitteln (sofern es die &bdquo;Richtigen&ldquo; trifft) &ndash; nur l&auml;sst sich damit in Sonntagsreden und Forderungskatalogen nicht so gut punkten. Zumindest der Schein der Demokratie sollte schon gewahrt sein.<\/p><p>Dieser Ansatz ist in Russland jedoch zum Scheitern verurteilt. Wenn westliche Denkfabriken und Stiftungen in Russland prowestliche Politik f&ouml;rdern wollen, dann ist das nicht so einfach, wie in anderen Staaten. Politisch dominant sind drei verschiedene autorit&auml;re Lager &ndash; das zentristisch-autorit&auml;re Lager um Wladimir Putin und seine Partei &bdquo;Einiges Russland&ldquo;, das links-autorit&auml;re Lager um Gennadi Sjuganow und die Kommunistische Partei und das rechts-autorit&auml;re Lager um Wladimir Schirinowski und die Liberal-Demokratische Partei (LDPR). Prowestlich ist keines dieser Lager. Prowestlich ist aber das liberale Lager, doch das ist in Russland ist nicht eben gro&szlig; und beim &bdquo;normalen&ldquo; Volk wird &bdquo;Liberalismus&ldquo; mit den R&auml;uberorgien der Jelzin-Zeit gleichgesetzt, w&auml;hrend die Eliten wissen, dass sie mit einem Pr&auml;sidenten Putin wesentlich besser fahren, als mit den &bdquo;trojanischen Pferden&ldquo; westlicher NGOs. <\/p><p>Auch wenn die Kandidaten aus dem liberalen Lager, egal ob sie nun Jawlinski, Kasparow, oder Kasjanow hei&szlig;en, in den westlichen Medien als &bdquo;Hoffnungstr&auml;ger&ldquo; verkauft wurden, scheiterten sie an den Wahlurnen stets kl&auml;glich. Im Jahre 2000 erziehlte Grigori Jawlinski bei den Pr&auml;sidentschaftswahlen 5,8%, 2004 kam Irina Chakamada auf 3,85%, 2008 kam Andrei Bogdanow auf 1,29% und 2012 trat erst gar kein &bdquo;echter&ldquo; Prowestler mehr an. &Auml;hnlich schlecht ist das Abschneiden der prowestlichen Parteien bei den Dumawahlen. Konnten Jabloko und die Union der rechten Kr&auml;fte 2003 zusammen noch 8,4% der Stimmen holen, waren es 2007 nur noch 2,6%. Die Union der rechten Kr&auml;fte l&ouml;ste sich 2008 auf. 2012 erzielte Jabloko bei den Dumawahlen ebenfalls nur ern&uuml;chternde 3,4% der Stimmen. Ein liberaler Aufbruch sieht anders aus.<\/p><blockquote><p>\n<em>Es kann sein, dass Putin bis an sein Lebensende regiert oder es eine Palastrevolte gibt. Das Schlimmste w&auml;re, wenn der Kampf auch die Strasse erreicht. Aber ein demokratisches Modell, in dem Putin die Macht einem demokratisch gew&auml;hlten Nachfolger &uuml;bergibt, sehe ich nicht.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Michail Chodorkowski in der NZZ<\/p><p>Diese Hintergrundinformationen sind wichtig, wenn man Michail Chodorkowskis j&uuml;ngste &Auml;u&szlig;erungen verstehen will. Wenn Chodorkowski in der NZZ sagt, er sehe kein &bdquo;demokratisches Modell&ldquo;, um Putin abzul&ouml;sen, dann hat der damit vollkommen Recht. Die von Chodorkowski vertretene prowestliche, wirtschaftsliberale Politik, hat in Russland keine demokratische Basis und ist &ndash; &auml;hnlich wie beispielsweise der Marxismus-Leninismus in Deutschland &ndash; bei demokratischen Wahlen hoffnungslos chancenlos. Dies wei&szlig; auch Michail Chodorkowski. Und da ein demokratischer Wechsel nicht m&ouml;glich scheint, pocht Milliard&auml;r Chodorkowski &ndash; wie einst sein Bruder im Geiste Boris Beresowski &ndash; darauf, eine &bdquo;Revolution&ldquo; vom Zaun zu brechen.<\/p><blockquote><p>\n<em>Putin hat sich selber in eine Sackgasse gebracht: Sein Nachfolger kann nur dann der reale Machthaber sein, wenn er Putin zerst&ouml;rt, physisch oder politisch. [&hellip;]<\/em><br>\n<em>Russland steht vor zwei Aufgaben. Erstens m&uuml;ssen die verfassungsrechtlichen Spielregeln ge&auml;ndert werden. In unserem System liegt alle Macht beim Pr&auml;sidenten und beim Zentralstaat. Das zu &auml;ndern, wird auf demokratischem Weg nicht gelingen, es braucht &laquo;revolution&auml;re&raquo; Massnahmen. Die zweite Aufgabe besteht darin, danach zu normaler, demokratischer Politik &uuml;berzugehen. Es kann nicht beides von derselben Person erledigt werden. Es braucht eine &Uuml;bergangsregierung und dann eine, die aus freien Wahlen hervorgeht. Die erste Aufgabe traue ich mir zu, denn ich bin ein Krisenmanager.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Michail Chodorkowski in der NZZ<\/p><p>Was Chodorkowski fordert, ist nichts anderes, als eine &ndash; sicher nicht lupenreine &ndash; Demokratie durch einen Putsch au&szlig;er Kraft zu setzen. Dann will er pers&ouml;nlich als &bdquo;Krisenmanager&ldquo; Strukturen schaffen, um dem Land in einer nicht n&auml;her definierten zweiten Phase durch &bdquo;freie Wahlen&ldquo; die Demokratie zur&uuml;ckzugeben. Das h&ouml;rt sich schneidig an. Man k&ouml;nnte auch von Putschpl&auml;nen sprechen. Wenn man bedenkt, dass weder Chodorkowski noch seine Ideologie in Russland popul&auml;r sind, k&ouml;nnte man auch sagen, dass hier einer das Land gegen den Willen des Volkes umkrempeln will. Man k&ouml;nnte auch einwenden, dass &bdquo;Krisenmanager&ldquo; in diesem Kontext eine nette Metapher f&uuml;r &bdquo;Diktator&ldquo; ist. Nebenbei bemerkt k&ouml;nnte man auch noch erg&auml;nzen, dass Chodorkowskis Pl&auml;ne Hirngespinste fern jeder Realit&auml;t sind. Dazu empfehle ich allen Interessierten noch einmal eindringlich Kai Ehlers Gastartikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24139\">Was kommt nach Putin?<\/a>&ldquo; auf den NachDenkSeiten.<\/p><p>Mit seinem Interview in der NZZ hat sich Chodorkowski selbst demaskiert. Endlich sagt er klipp und klar, dass er Russlands Demokratie aktiv abschaffen und sich selbst als neuen Machthaber inthronisieren will. Als langj&auml;hrigen, kritischen Beobachter dieser Person &uuml;berrascht mich das nicht. &Uuml;berraschend finde ich jedoch die Chuzpe, derartige Umsturzpl&auml;ne offen zuzugeben. Leider wird auch dieses zeitgeschichtliche Dokument weder die politische noch die mediale Sichtweise tr&uuml;ben. Wenn Russland in Zukunft einen von Chodorkowskis &bdquo;Revolution&auml;ren&ldquo; den Prozess macht, wird es hierzulande wieder hei&szlig;en, Putin tr&auml;te die Demokratie mit F&uuml;&szlig;en. Und auch die ach so demokratieliebende Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung wird mitsamt der ihr verbundenen Gr&uuml;nen auch weiterhin ihr Loblied auf den aufrechten Demokraten Chodorkowski singen. <\/p><p>Machen wir doch mal ein Gedankenspiel. Was w&auml;re, wenn ein entlassener deutscher Strafgefangener mit sagenhaften finanziellen Mitteln aus dem Schweizer Exil heraus drohen w&uuml;rde, die deutsche Demokratie zu st&uuml;rzen und sich selbst zum kommenden Machthaber ausruft? Und was w&auml;re, wenn dieser Revolutionsf&uuml;hrer von ausl&auml;ndischen Denkfabriken und NGOs unterst&uuml;tzt w&uuml;rde? Glauben Sie, der Verfassungsschutz w&uuml;rde sich dieses Spiel unt&auml;tig mit anschauen? Glauben Sie, diese NGOs d&uuml;rften auch nur einen weiteren Tag lang auf deutschem Boden operieren? Die Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung ist in Moskau nach wie vor aktiv. Manchmal verlangen wir von Russland Dinge, die wir im Zweifelsfall selbst nicht einhalten w&uuml;rden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin:0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141209_beckcho.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Noch nicht einmal ein Jahr hat es der russische Oligarch Michail Chodorkowski in seinem Schweizer Exil ausgehalten, sich nicht massiv in die russische Politik einzumischen. Am letzten Wochenende gab der NZZ ein <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/international\/putin-hat-sich-selber-in-eine-sackgasse-gebracht-1.18438893\">ausf&uuml;hrliches Interview<\/a>. Und das hat es in sich. Chodorkowski fordert darin nicht weniger als<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24220\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,20,127],"tags":[964,915,663,259],"class_list":["post-24220","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-chodorkowski-michail","tag-putin-wladimir","tag-putsch","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24220","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24220"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24240,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24220\/revisions\/24240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}