{"id":24261,"date":"2014-12-12T09:43:57","date_gmt":"2014-12-12T08:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24261"},"modified":"2019-04-10T11:46:40","modified_gmt":"2019-04-10T09:46:40","slug":"anmerkungen-zu-einem-aufruf-fuer-eine-realitaetsgeleitete-russlandpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24261","title":{"rendered":"Anmerkungen zu einem Aufruf f\u00fcr eine \u201erealit\u00e4tsgeleitete\u201c Russlandpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Nach zwei der &Ouml;ffentlichkeit bereits vorliegenden Aufrufen zum Frieden, einem Aufruf der neu entstehenden Friedensbewegung zu Demonstrationen in verschiedenen St&auml;dten am 13. 12. 2014, sowie einem danach ver&ouml;ffentlichten Appell von 64 Prominenten an Parlament und Bundesregierung zur Entwicklung einer Erneuerung der Entspannungspolitik liegt jetzt ein dritter Aufruf vor.<br>\nUnter der &Uuml;berschrift &bdquo;Friedenssicherung statt Expansionsbelohnung&ldquo; wird <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/gegen-aufruf-im-ukraine-konflikt-osteuropa-experten-sehen-russland-als-aggressor\/11105530.html\">dieser Text<\/a> von seinen Verfassern als &bdquo;Aufruf von &uuml;ber 100 deutschsprachigen OsteuropaexpertInnen zu einer realit&auml;tsbasierten statt illusionsgeleiteten Russlandpolitik&ldquo; vorgestellt. Initiator ist Andreas Umland, Dozent am Lehrstuhl f&uuml;r Politikwissenschaft an der Nationalen Universit&auml;t&nbsp;&bdquo;Kiew-Mohyla-Akademie&ldquo;. Unterschrieben haben Personen, die sich mit diesem Aufruf eindeutig als Kritiker\/innen&nbsp; Russlands outen. Von <strong>Kai Ehlers<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24261#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-24261-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=24261-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"141212_Realitaetsgeleitete_Russlandpolitik_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wird bei den Flugbl&auml;ttern der Friedensfreunde wie auch bei der Ver&ouml;ffentlichung der besorgten Prominenten ungeachtet tiefer gehender Differenzen, die zwischen ihnen bestehen, sehr schnell klar, worum es bei ihnen aktuell geht, n&auml;mlich Dialog statt Konfrontation, Ende der Sanktionen, Eind&auml;mmung der generellen Kriegsgefahr, so lebt der von Umland initiierte Aufruf&nbsp; fast nur von Polemik. Er ist ein Anti-Aufruf. Seine Gegner sind die Unterzeichner des Prominenten-Appells. Die Aufrufe der Friedensbewegung bleiben ganz unerw&auml;hnt.<\/p><p>Nur mit M&uuml;he dagegen l&auml;sst sich herausfiltern, was die Verfasser des Anti-Aufrufes sich unter einem &bdquo;realit&auml;tsgeleiteten&ldquo; Einsatz f&uuml;r den Frieden vorstellen, was sie &uuml;berhaupt wollen.<br>\nAber schlie&szlig;lich sagen sie es doch und dann sehr deutlich: &bdquo;Dem Export der illiberalen Gesellschaftsvorstellungen des Kreml in die EU&ldquo;, schreiben sie zum Ende ihres Textes, &bdquo;sollte in unserem eigenen Interesse entgegengewirkt werden.&ldquo; Diese Zielsetzung erinnert stark an die Feinderkl&auml;rung, die unter der Leitung des Amerikaners Timothy Snyder von dem Kongress &bdquo;Thinking Together&ldquo; ausging, der vom 15. &ndash; 19. 05 2014 in Kiew unter zahlreicher und aktiver Beteiligung etablierter westlicher Multiplikatoren stattfand.<\/p><p>Zu diesem Outing kommt der Aufruf&nbsp; der OsteuropaepertInnen jedoch erst nach l&auml;ngeren Passagen, in denen seine Verfasser den Unterzeichner\/innen des Prominenten-Aufrufers in Sachen Osteuropa oder Ukraine jegliche Kompetenz absprechen, f&uuml;r sich selbst dagegen den Status einer &bdquo;&uuml;berw&auml;ltigenden Mehrheit&ldquo; in Anspruch nehmen, die &bdquo;sich in ihrem Urteil einig&ldquo; sei, dass es &bdquo;in diesem Krieg einen eindeutigen Aggressor&ldquo; und &bdquo;ein klar identifizierbares Opfer&ldquo; gebe.<\/p><p><strong>Zur Begr&uuml;ndung werden Aussagen wie die folgenden angef&uuml;hrt:<\/strong><\/p><p>&bdquo;Wenn sich Moskau von der EU und\/oder der NATO bedroht f&uuml;hlt, sollte es diesen Streit mit Br&uuml;ssel austragen.&ldquo; Dieser Spruch ist angesichts der Tatsache, dass die Ukraine seitens der USA\/EU seit Jahrzehnten als Einfallstor f&uuml;r Interventionen betrachtet wurde, &uuml;ber die Russland&nbsp; geschw&auml;cht werden k&ouml;nne, eine alberne Provokation. Nachzulesen sind diese Strategien bei Sbigniew Brzezinski und zudem erkennbar in der aktuellen &bdquo;Hilfe&ldquo; des Westens f&uuml;r Kiew, bei denen wiederum Brzezinski eine aktive Rolle spielte. Sprachlos macht die Schamlosigkeit, mit der behauptet wird, Russland&nbsp; f&uuml;hre &bdquo;einen bereits tausende Todesopfer, Verst&uuml;mmelte, Traumatisierte und Vertriebene fordernden &sbquo;hybriden Krieg&lsquo; im Donezbecken.&ldquo; Die Beschie&szlig;ung von Donezk, Lugansk und anderer mit Streubomben durch Kiewer Milit&auml;r kommt im Weltbild dieser Erkl&auml;rung nicht vor.<\/p><p>Weiter hei&szlig;t es in dem Aufruf: &bdquo;Fr&uuml;here Erfahrungen sollten Berlin vorsichtig machen: Im Sommer 2008 entstand im Kaukasus eine &auml;hnlich &sbquo;verfahrene Situation&lsquo; infolge Russlands faktischer K&uuml;ndigung des EU-vermittelten russisch-georgischen Friedensabkommens.&ldquo;<\/p><p>Tatsache ist, dass der Angriff Georgiens auf S&uuml;dossetien und die dort stationierten russischen Friedenstruppen von der seitens der EU initiierten &bdquo;Independent International Fact-Finding Mission On The Conflict In Georgia&ldquo; als Versto&szlig; gegen internationales Recht eingestuft wurde. Die anf&auml;ngliche russische Intervention zur Verteidigung der Friedenstruppen auf s&uuml;dossetischem Gebiet wurde als vom V&ouml;lkerrecht gedeckt befunden. Als unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig wurde allein der Einmarsch russischer Truppen &uuml;ber S&uuml;dossetien hinaus auf Georgisches Gebiet bezeichnet.<\/p><p>Das Verhalten des Kreml 2008, wird von dem Aufruf der Russlandkritiker dann weiter angef&uuml;hrt, sei bereits eine &bdquo;Wiederholungstat&ldquo; gewesen, nachdem Russland seinen &bdquo;vertraglich zugesicherten Truppenr&uuml;ckzug aus der Moldauischen Region Transnistrien&ldquo; nicht umgesetzt habe. Das stimmt so weit, dass Russland seine 1992 &uuml;bernommene Rolle als Friedenstruppe entgegen den Vereinbarungen auf dem OSZE-Gipfel von 1999 bis heute nicht aufgegeben hat. Dies aber unter dem Stichwort &bdquo;Widerholungstat&ldquo; einfach als Aggression einzustufen, wird der Rolle nicht gerecht, die Russland dort als Friedenstruppe im Konflikt zwischen Transnistrien und Moldawien wahrnimmt und l&auml;sst auch die Rolle der EU als Bestandteil des Konfliktes au&szlig;er Acht.<\/p><p>Scheinbar schlagend ist der Beweis, der in dem Umlandtext gegen die in dem Appell der Prominenten benannten &bdquo;berechtigten Bef&uuml;rchtungen&ldquo; Russlands vor einer NATO-Einkreisung ins Feld gef&uuml;hrt wird. Statistiken aus dem Jahr 2008, so die Kritik des Experten-Papiers, bewiesen angeblich, dass damals nicht mehr als &bdquo;circa 3,8% der russischen Bev&ouml;lkerung einen NATO-Betritt der Ukraine und Georgiens als Hauptgefahr f&uuml;r ihr Land ablehnten&ldquo;.<\/p><p>Die Zahl stimmt, siehe dazu &bdquo;Russland Analysen&ldquo; 167\/08 vom 27.06. 2008; exakt sind es sogar nur 3%. Aber &uuml;ber dieser Angabe steht im Kopf derselben Statistik die Frage: &bdquo;Milit&auml;rische Bedrohung&nbsp; durch die USA, die NATO und den Westen insgesamt?&ldquo; und diese Frage haben nicht 3%, sondern 11% der Befragten mit &sbquo;Ja&lsquo; beantwortet.&nbsp; 11% sind auch keine Mehrheit, aber 11% sind nicht 3%! &ndash; und im &Uuml;brigen stellt sich generell die Frage nach dem Wert solcher Statistiken.<\/p><p>Was nach solchen Argumenten noch folgt, sind Anw&uuml;rfe an den Appell der Prominenten, er versammle &bdquo;Halbwahrheiten&ldquo;, &bdquo;kaum kaschierte Verleumdungen&ldquo;, &bdquo;Fehlinformationen und tendenzi&ouml;se Interpretationen&ldquo;, &bdquo;Pathos, Geschichtsvergessenheit und Pauschalurteile&ldquo;.&nbsp;<br>\nKurz, was der Aufruf&nbsp; der Experten anbietet, ist Konfrontation statt Dialog. Umso verbl&uuml;ffter liest sich dann die jetzt noch folgende Versicherung, niemand sei &bdquo;auf milit&auml;rische Konfrontation mit Russland aus oder m&ouml;chte den Dialog mit dem Kreml abbrechen.&ldquo; Angesichts des Abbruchs des Petersburger Dialogs, der G&auml;ngelung des Deutsch-Russischen Forums, der Einschr&auml;nkung diverser kultureller Foren, des Abbruchs von Konsultationen auf Regierungsebene, der Einstellung der Beratungen im Rahmen des NATO-Russland-Rates ist dieser Satz nur noch eine Floskel ohne Bezug zur Realit&auml;t.<\/p><p>Was dann noch folgt, wurde vorn schon benannt: die Aufforderung den &bdquo;illiberalen Gesellschaftsvorstellungen des Kreml&ldquo; entgegenzuwirken. Um dies zu bekr&auml;ftigen, wird in den letzten S&auml;tzen des Aufrufes noch die deutsche Erbschuld bem&uuml;ht, die aus den Verbrechen des &bdquo;Dritten Reiches&ldquo; (im Text ohne Anf&uuml;hrungsstriche) resultiere. Millionen Ukrainer seien als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden, w&auml;hrend etwa vier Millionen ukrainische Rotarmisten an der Niederschlagung des &bdquo;Dritten Reiches&ldquo;&nbsp; teilgenommen h&auml;tten. Und so schlie&szlig;t der Aufruf mit dem Satz: &bdquo;Gerade wir Deutschen k&ouml;nnen nicht abermals die Augen verschlie&szlig;en, wenn es um die Souver&auml;nit&auml;t einer postsowjetischen&nbsp; Republik, ja um das &Uuml;berleben&nbsp; des ukrainischen Staates geht&ldquo;.<\/p><p>Richtig, kann man da nur sagen, aber die Souver&auml;nit&auml;t der&nbsp; Ukraine wird sicher nicht dadurch hergestellt, dass sie unter das Kommando der Europ&auml;ischen Union, des IWF, von NATO-Beratern und in die Regierung importierten Ausl&auml;nder mit amerikanische&nbsp; Hintergrund gestellt wird, ganz zu schweigen davon, dass die Erbschuld, wenn sie denn schon beschworen wird, auch f&uuml;r die &uuml;brigen Teile der ehemaligen Sowjetunion, also auch f&uuml;r das heutige Russland gilt.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite Kai-Ehlers.de nachzulesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach zwei der &Ouml;ffentlichkeit bereits vorliegenden Aufrufen zum Frieden, einem Aufruf der neu entstehenden Friedensbewegung zu Demonstrationen in verschiedenen St&auml;dten am 13. 12. 2014, sowie einem danach ver&ouml;ffentlichten Appell von 64 Prominenten an Parlament und Bundesregierung zur Entwicklung einer Erneuerung der Entspannungspolitik liegt jetzt ein dritter Aufruf vor.<br \/> Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Friedenssicherung statt Expansionsbelohnung&ldquo; wird<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24261\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,170,11],"tags":[1206,1120,259,260],"class_list":["post-24261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-brzezinski-zbigniew","tag-friedensbewegung","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24261"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50847,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24261\/revisions\/50847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}