{"id":2427,"date":"2007-06-22T07:56:46","date_gmt":"2007-06-22T05:56:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2427"},"modified":"2016-01-02T16:06:27","modified_gmt":"2016-01-02T15:06:27","slug":"einblicke-und-einlassungen-auf-die-verbindung-von-formlosigkeit-und-die-weltweite-migration-der-formen-des-fremden-auf-der-documenta-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2427","title":{"rendered":"Einblicke und Einlassungen auf die Verbindung von Formlosigkeit und die weltweite Migration der Formen des Fremden auf der documenta 12"},"content":{"rendered":"<p>Brigitta Huhnke hat sich f&uuml;r uns auf die documenta 12 eingelassen und bietet Verbindungen und Assoziationen zwischen den Ausstellungsobjekten und uns westlich gepr&auml;gten BetrachterInnen. Hier ihre Auseinandersetzung mit dem Konzept und ihre Einblicke in das auf dieser gr&ouml;&szlig;ten internationalen Schau zeitgen&ouml;ssischer Kunst Dargebotene.<br>\n<!--more--><br>\nKassel sei stolz, die &bdquo;Spannung &uuml;ber der Stadt ist mit H&auml;nden zu greifen&ldquo;, sagte der B&uuml;rgermeister Bertram Hilgen (SPD) kurz vor der Er&ouml;ffnung der documenta 12. Man komme nun in &bdquo;dieses magische St&uuml;ck Zeit&ldquo;. Nur in Kassel w&uuml;rde die documenta funktionieren, die Region verf&uuml;ge &uuml;ber die drittgr&ouml;&szlig;te Museumsdichte im Land. Im Vorfeld der Er&ouml;ffnung der documenta 12 hatten der Ausstellungsmacher Roger M. Buergel und die Kuratorin Ruth Noack zu einer internationalen Pressekonferenz geladen, mit ihnen sa&szlig;en f&uuml;nf K&uuml;nstlerInnen sowie ein knappes halbes Dutzend Funktion&auml;re aus Politik und Kulturpolitik auf dem Podium. 2500 Journalistinnen und Journalisten waren angereist, doch hatten die seltsam wenig Fragen. Vielmehr nutzten Studierende das Forum geballter internationaler &Ouml;ffentlichkeit, mit Statements gegen Studiengeb&uuml;hren und andere Ma&szlig;nahmen, die besonders jungen Kunstschaffenden &bdquo;zu fr&uuml;h ein Korsett anlegen&ldquo;. Keine Stunde sp&auml;ter, auf dem Weg zu den &bdquo;Kunsttempeln&ldquo;, wurden die Medienleute mit einer noch ganz anderen Wahrnehmung konfrontiert: Drau&szlig;en vor der Stadthalle demonstrierten, artig im Quadrat aufgestellt, rund zwei Dutzend j&uuml;ngere Leute, mit dem Logo &bdquo;B&uuml;rgerstolz und Stadtfrieden&ldquo; auf ihren T-Shirts und mit Transparenten in der Hand: &bdquo;100 days of culture and then?&ldquo;  &bdquo;If you find culture please tell us, we also wanna see&rdquo;; &ldquo;Don&rsquo;t believe the Hype&rdquo;; &ldquo;5 Jahre Dornr&ouml;schenschlaf&rdquo;. Damit waren die Stadtoberen,  die wie &uuml;berall im Land der Gesellschaft mehr und mehr Kultur als t&auml;gliches Lebensmittel entziehen, h&uuml;bsch blo&szlig;gestellt.  Dabei wird auch diese documenta in der Region  kr&auml;ftig zur Wertsch&ouml;pfung beitragen, die auf eine halbe Milliarde Euro gesch&auml;tzt wird. <\/p><p>Anders als ihre Vorg&auml;ngerInnen wollten Roger M. Buergel und Ruth Noack bald nach Erhalt des k&uuml;nstlerischen Auftrags 2003 in Kassel heimisch werden, siedelten  deshalb schon vor mehr als zwei Jahren ganz von Wien her&uuml;ber. Sie haben versucht, ganz normale Menschen vor Ort in vielf&auml;ltigste Aktionen und Debatten einzubeziehen, wollten &bdquo;Netze in die Stadt hinein kn&uuml;pfen&ldquo;,  initiierten einen B&uuml;rgerbeirat, suchten Arbeitsloseninitiativen auf, die sich in Kassel &bdquo;die Abgewiesenen&ldquo; nennen, kn&uuml;pften Kontakt zur islamischen Gemeinde, arbeiteten mit Jugendlichen, die jetzt Besuchergruppen durch die Ausstellung f&uuml;hren. Inwieweit eine Beteiligung gelungen ist, l&auml;sst sich noch nicht absch&auml;tzen. Zum Volksfest, zu dem Buergel und Noack eingeladen hatten, fanden sich trotz str&ouml;menden Regens schon mal Tausende ein. Der sonst &uuml;bliche Cocktailempfang f&uuml;r Eliten der Kunstwelt, fiel diesmal aus.<\/p><p>Leise aber standhaft wehren sich Buergel und Noack seit Monaten, der Ausstellung eine gro&szlig;e Erz&auml;hlung &uuml;berzust&uuml;lpen, Leitmotive oder Rezepturen zu verteilen. Vielmehr propagieren sie die Formlosigkeit als Botschaft, wollen &bdquo;Pr&auml;zision mit Gro&szlig;z&uuml;gigkeit kombinieren&ldquo;, ganz einfach die &bdquo;Kunst ohne eigene Netze spinnen lassen&ldquo;, unterschiedliche Geographien sollen sich dabei durchdringen, ohne dabei eine Hitliste des Kunstmarktes zu pr&auml;sentieren. <\/p><p>Das Debattieren &uuml;ber das Dargebotene aber f&auml;ngt erst an. 530 Kunstwerken sind zu sehen, von 113 Kunstschaffenden aus aller Welt, davon 58 K&uuml;nstlerinnen. Das allerdings allein schon ist eine Weltsensation, obwohl Buergel und Noack die nicht einmal herausstellen: die documenta12 ist seit unserer Zeitrechnung auf diesem Planeten die erste gro&szlig;e internationale Schau zeitgen&ouml;ssischer Kunst, bei der es geschlechtergerecht zugeht und das nicht nur formal, sondern durchaus auch inhaltlich. Verhalten, aber dennoch mit renitenter Respektlosigkeit, wird beispielsweise dem Phallischen (einer der gro&szlig;en St&uuml;tzpfeiler der Aufkl&auml;rung und der Moderne) bereits Drau&szlig;en in Form kleiner S&auml;ulen, die pl&ouml;tzlich irgendwo im Gel&auml;nde fast unbemerkt auftauchen, das Emphatische genommen, sozusagen dekonstruiert. Und Inspektionen der Herrenkultur werden in den Hallen der Schau auf vielf&auml;ltigste und souver&auml;ne Weise weitergef&uuml;hrt. Leider sind Gesten der Ironie als kuratorische Interventionen sonst eher selten zu finden. <\/p><p>Gerade seit der Er&ouml;ffnung werden schwere Gesch&uuml;tze gegen das k&uuml;nstlerische Konzept aufgefahren. Nehmen wir hier stellvertretend Bazon Brock, der sich besonders gern vor Mikrofonen echauffiert. Im Deutschlandradio konnte er so richtig loslegen: Das sei das Ende der staatlich gef&ouml;rderten Kunst, &bdquo;ein totaler Reinfall&ldquo;, &uuml;berhaupt &bdquo;kindischer Bl&ouml;dsinn&ldquo;. Er vermisst den &bdquo;Animationseffekt&ldquo;, von dem ein &bdquo;Belebungsaffekt&ldquo; ausgehen sollte. Diese documenta sei ein v&ouml;llig beliebiges &bdquo;Sammelsurium&ldquo;.  Das Offensive finde heute in den privaten Galerien statt, da private Galeristen &uuml;ber Kenntnisse und Leidenschaft verf&uuml;gten. Die Intelligenz gehe in den Kommerz. Die Kunstausstellung in Basel beispielsweise biete im Vergleich zur documenta 12  das Hundertfache an Qualit&auml;t, Kunstkommerz sei f&uuml;r Kunstgeschichte und &Auml;sthetik wichtig. In Kassel aber sei Hopfen und Malz verloren. Klar, auch die neoliberale Projektion, die documenta sei  &bdquo;politisch korrekt&ldquo; fehlte nat&uuml;rlich nicht. Auf die Art und Weise, wie er Ruth Noack mit der Geliebten von Paul Wolfowitz vergleicht, gehen wir hier nicht ein.  <\/p><p>Gegen solche verbalen Vernichtungsoffensiven h&auml;lt Buergel eher leise, oft fast st&ouml;rrisch dagegen. Er verteidigt die Konzentration auf die Form, auf das Ureigenste der Kunst, woraus sich zwangsl&auml;ufig Fragen nach dem Wann und dem Warum ergeben w&uuml;rden. Die BesucherInnen sollen den Formen und deren Migrationsbewegungen nachsp&uuml;ren.  Verbindungen zwischen den Kunstwerken ziehen, das scheint das unsichtbare Organisationsprinzip zu sein. Und nicht Experten, sondern das Publikum soll diese Verbindungen mithilfe der eigenen Assoziationen generieren. Buergel will auch nichts neu erfinden, sondern in Anlehnung an Giorgio Agamben (&bdquo;Homo sacer&ldquo;) fragen &bdquo;was ist das blo&szlig;e Leben?&ldquo; Das f&uuml;hrt letztlich dazu, die westliche Moderne auch generell einer Inspektion im Hinblick auf das Vorhandensein eines humanistischen Erbes zu unterziehen. Daran haben sich auch international  80 Kunstzeitschriften beteiligt, mit der Herausgabe des documenta magazine No1 2007. Das Ergebnis f&auml;llt durchweg unmissverst&auml;ndlich aus. F&uuml;r eine der noch eher moderaten Positionen steht Rasheed Araeen, Gr&uuml;nder der Zeitschrift &bdquo;Third Text&ldquo;, der aus afrikanischer Perspektive feststellt: &bdquo;Die Moderne nahm ihren Ausgang in Europa, und auf ihrem Siegeszug rund um den Globus wurde sie zu einem Werkzeug der Barbarei&hellip; Ist die Moderne an ihren eigenen Ideen gescheitert oder an einem System, das diese Ideen f&uuml;r seine Zwecke missbraucht hat? Wenn wir davon ausgehen, dass die Moderne in einem System der Herrschaft und Ausbeutung gefangen ist, sollten wir sie nicht als eurozentristisch verurteilen, sondern alles dran setzen, sie aus dem W&uuml;rgegriff des Westens zu befreien.&ldquo; In diesem Sinne soll diese documenta12 die &bdquo;Herausstellung einer Ethik des Miteinanders&ldquo; f&ouml;rdern, daf&uuml;r wurden ganz bewusst L&auml;nder und Kunstschaffende ausgew&auml;hlt, die der internationale Kunstmarkt gerade nicht im Hype goutiert. Vielmehr sollen die BesucherInnen mehr vom unbekannten Leben und dessen vielf&auml;ltigen und unterschiedlichen  Str&ouml;mungen erfahren, &bdquo;mit denen wir viel zu tun haben, mit denen wir noch mehr zu tun haben werden und von deren Kultur wir keine Ahnung haben&ldquo;, sagt Buergel.<\/p><p>Dennoch, bei aller Sympathie f&uuml;r dieses kritische Konzept zur Moderne, der offenen  bzw. fast Nicht-Konzeption, der Besuch der documenta12 ger&auml;t durchaus zur Tortur. Ein Kunstwerk erschlie&szlig;t sich eben nicht nur an sich, sondern ist immer in Kontexte eingebettet, die erkenn- oder assoziierbar sein sollten, auf die zumindest verwiesen werden muss. Die indirekten  und  dazu auch dann noch sehr spartanischen Verweise auf postkoloniale bzw. poststrukturelle theoretische Kontexte bleiben h&auml;ufig v&ouml;llig unerkl&auml;rt. Was anderswo vielleicht nicht n&ouml;tig w&auml;re, aber in einem Land, dessen Elite noch immer ernsthaft, ohne jegliches Unrechtsbewusstsein,  rassistische Konzepte wie das der &bdquo;deutschen Leitkultur&ldquo; diskutiert, ist es geradezu unerl&auml;sslich, Werke aus Asien, Afrika oder Lateinamerika mit einem Minimum an Informationen zu versehen, um den BesucherInnen so mehr Chancen zu er&ouml;ffnen, &uuml;berhaupt das Andere und das Fremde sehen und sich darauf einlassen zu k&ouml;nnen. Zudem erscheint der Betrachterin vieles in der Zusammenstellung der Exponate schlicht unausgegoren. Das w&auml;re zwar allein auch nicht so schlimm, denn eine gewisse &bdquo;Unentschiedenheit&ldquo;, die Buergel ebenfalls einfordert, sollte vielleicht wirklich ausgehalten werden, zumal niemand in der Tat ein Deutungsmonopol beanspruchen kann. Doch vieles ist einfach schlampig pr&auml;sentiert, oft fehlen Namen der K&uuml;nstlerInnen, das Herkunftsland oder auch die Werktitel, auch die Kataloge beheben diese Vers&auml;umnisse nur sehr unzureichend.  <\/p><p>Schauen wir jetzt endlich konkret vor Ort nach, auch wenn dabei nicht mal ein Bruchteil der Exponate ber&uuml;cksichtigt werden kann, eine Gewichtung v&ouml;llig unm&ouml;glich ist. In die Schau eingespannt sind das Fridericianum, die Neue Galerie, die documenta-Halle, das Schloss Wilhelmsh&ouml;he und der Bergpark sowie &bdquo;elBulli&rdquo; das Lokal des spanischen K&uuml;chenchefs Ferran Adri&agrave; in Roses bei Barcelona, das zur Au&szlig;enstelle der documenta ernannt worden ist. T&auml;glich steht dort ein einzelner Tisch f&uuml;r zwei documenta BesucherInnen bereit. Diese sucht  Buergel aus, warum und wieso wissen wir nicht so genau,  klingt eher wie ein (ironisches?) Zugest&auml;ndnis an das Event-Business.<\/p><p>Bereits am Bahnhof Wilhelmsh&ouml;he entlarvt Allan Sekula das Pathos der b&uuml;rgerlichen Revolution als Farce. Zwischen den S&auml;ulen vor der Eingangshalle h&auml;ngt sein riesiges Plakat: &bdquo;Alle Menschen werden Schwestern&ldquo; hervorgegangen aus einer Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus und k&uuml;nstlerischen Interventionen der Gruppe &bdquo;Holy Damn&ldquo; gegen die G8-Gipfel. <\/p><p>Wer weltweit die Macht inne hat, sie missbraucht, daran l&auml;sst auch der in Berlin lebende Andreas Siekmann mit seiner Au&szlig;eninstallation &bdquo;Die Exklusive &ndash; Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten&ldquo;, gegen&uuml;ber vom Fridericianum keine Zweifel. Aus der Ferne noch l&auml;sst dieses Karussel zun&auml;chst Wehmut an die Kindheit, an den Kribbel rasanter Fahrten auf h&ouml;lzernem Pferder&uuml;cken aufkommen. Beim N&auml;herkommen jedoch werden schnell Assoziationen an den G8 Gipfel beklemmend lebendig, Bilder der Polizeigewalt w&auml;hrend der Demo in Rostock kommen nach oben. Das Gef&auml;hrt, um die Herrscherstatue des Landesherren Friedrich II. herumgebaut, zeigt Figuren, die f&uuml;r Ausgrenzung und Verfolgung stehen, Polizisten, die Demonstrierende abwehren. Eine Frau fleht um einen Pass, im Tresor liegen P&auml;sse und Aufenthaltsgenehmigungen. Arbeiterinnen der neuen Knechtschaft tauchen auf, erinnern an die Unmenschlichkeit der Maquiladoras in Mexiko, an die Unterdr&uuml;ckung in China aber mittlerweile auch in Ost-Osteuropa. Dazwischen der gerade gechasste Weltbank-Chef Paul Wolfowitz und dessen Vorg&auml;nger, Mitverantwortliche f&uuml;r die weltweite Gewalt neoliberaler Exzesse.  <\/p><p>&Uuml;berhaupt sind die Arbeiten im Au&szlig;enraum besonders erw&auml;hnenswert.<br>\nAuf dem Friedrichsplatz ist roter Mohn gepflanzt. Mit dieser pflanzlichen Intervention, als Symbol f&uuml;r den Tod in milit&auml;rischen Auseinandersetzungen, will die Kroatin Sanja Ivekovic besonders an den Krieg in Afghanistan mahnen, der auch wegen des Opiums gef&uuml;hrt wird.<br>\nSeit der milit&auml;rischen Intervention der USA und ihrer Verb&uuml;ndeten floriert der Handel wie nie zuvor. Noch bl&uuml;ht der Mohn in Kassel nicht, so k&ouml;nnte Vielen die Bedeutung v&ouml;llig unerschlossen bleiben, da kaum Hinweise auf dieses Projekt erscheinen. <\/p><p>Auch die Reisanpflanzung in der Terrassenanlage unterhalb des Schlosses Wilhelmsh&ouml;he ist politisch motiviert. Sakarin Krue-On protestiert damit gegen die Dezimierung der Vielfalt der Reissorten in seiner Heimat Thailand durch internationale Konzerne und Verordnungen.<\/p><p>An der Au&szlig;enfassade des Fridericianum rankt eine Skulptur der Brasilianerin Iole de Freitas, durchbricht so die strenge Architektur des Museumstempels, die produktive Auseinandersetzung der K&uuml;nstlerin mit der futuristischen Formensprache Oskar Niemeyers, die sie mit einem weiteren Objekt auch im Museum zu f&uuml;hren scheint, l&auml;sst sich nur erahnen. <\/p><p>Andererseits aber verweist gerade B&uuml;rgel immer wieder auf die notwendige Suche nach den historischen Wurzeln und auch auf die sich durchkreuzenden Geographien. Das Fridericianeum beispielsweise ist der erste Bau, der als Museum konzipiert worden ist. Der Herrscher hat ihn durch den Verkauf von S&ouml;ldnern nach &Uuml;bersee finanziert. Auch an den Traditionen europ&auml;ischer Kunst klebt also Blut. <\/p><p>Im Inneren fallen die Arbeiten der Polin Zofia Kulik ins Auge, auch sie untersucht unter anderem den Phallus, z.B. in Mehrfachbelichtung. Gleich im Nebenraum zeigt eine Filminstallation arabische M&auml;nner beim Kampftraining, begleitet von Trommelwirbeln, unweit davon ist die Kopie eines alten Reliefs mit antiken Kriegern in Kampfhaltung zu sehen. Besonders eindringlich und dicht thematisiert der Chilene Juan Davila in seinen &Ouml;lbildern Kriege und Folter, besch&auml;ftigt sich mit Fragen kultureller, sexueller und politischer Identit&auml;ten sowie rassistischer Konstruktionen in den Kontexten der Gewalt. Er ist mit gleich mehreren Werken vertreten<\/p><p>Geradezu nichtssagend kommen dagegen die Video Fu&szlig;ballinstallationen von Harum  Farocki daher, die gesellschaftliche Bedeutung der Gewalt, die vom Fu&szlig;ball ausgeht, wird nicht thematisiert, nicht einmal das angsteinfl&ouml;&szlig;ende Deutschland-Gebr&uuml;ll w&auml;hrend der WM 2006.   <\/p><p>Richtig &auml;rgerlich ist aber die Video Installation der in Berlin lebenden K&uuml;nstlerin Hito Steyerl, ganz oben im nach unten offenen Raum des Fridericianeums. Oberfl&auml;chlich wie so manche ihrer Texte, ger&auml;t auch ihre Auseinandersetzung mit SM und Fessel-Pornographie, die konservative Nachrichtenillustrierte und andere Klatschbl&auml;tter in den neunziger Jahren so ausgiebig als Befreiung vom Feminismus gefeiert haben. Steyerl verharrt aber nicht nur im Girlie Geplapper der Generation Golf, indem sie schl&uuml;pfrig und in flotter Schnittfolge das Subversive im Gewaltporno sucht und angebliche Freiwilligkeit auch in der Unterwerfung propagiert. Sondern sie versteigt sich &uuml;berdies vielmehr in obsz&ouml;nster Weise, indem sie Bilder der Folter aus Abu Ghraib mit einbezieht, ohne auch nur irgendeine erkennbare k&uuml;nstlerische oder gar politische Auseinandersetzung damit zu liefern. Dieses abgeschmackte TV-St&uuml;ck scheint auch zun&auml;chst negativ auf die darunter sichtbare Tanzinstallation &bdquo;Floor of the Forest&ldquo; von Trishia Brown auszustrahlen. Erst unten vor Ort erschlie&szlig;t sich der minimalistische Tanz der gut ein Dutzend M&auml;nner und Frauen um und in einer Fl&auml;che aus Seilen und Kleidungsst&uuml;cken, in seiner Sch&ouml;nheit aber auch in der Beklemmung, die er ausl&ouml;st. Die Zuschauerin f&uuml;hlt sich leicht verst&ouml;rt, wie auf sich geworfen, wenn sie versucht, sich einen Weg durch die Tanzenden zu bahnen, um weiter zu kommen. <\/p><p>Ein ganz dicker Brocken ist der nach vielen Querelen vor der Orangerie gebaute  9 500 Quadratmeter gro&szlig;e Aue-Pavillion. Unwirtlich ist dieser Ort, h&auml;sslich, der mit Polyester ausgegossene  Boden wirkte schon vor Ausstellungsbeginn sch&auml;big. Das Ganze erinnert an ein  in aller Eile hingehauenes riesiges Fl&uuml;chtlingszelt. 140 Arbeiten werden hier gezeigt, nicht auszudenken, wenn sich hier Hunderte von Menschen zugleich an den Exponaten vorbei dr&auml;ngeln. Gleich am Eingang macht ein &bdquo;bl&uuml;hendes Gartenparadies&ldquo; auf die Auswirkungen der Gentechnologie aufmerksam. Viel Banales steht hier nat&uuml;rlich auch, etwa eine weitere Installation von Hito Steyerl, &bdquo;Red Alert&ldquo;, bestehend aus drei roten Glasrechtecken, aber auch die Plastikteile  von Gerwald Rockenschaub dokumentieren allenfalls die Leere westlicher Moderne, die vielen neueren Werken anhaftet. <\/p><p>Befruchtende Migration der Form bzw. geographische Durchdringungen der Assoziationswelten, wenn auch im weitesten Sinne, kann durchaus nachvollzogen werden, besonders auch an den vielen Auseinandersetzungen zum Thema Krieg, aber auch anhand von eher banalen, bzw. einfach nur sch&ouml;nen  Motiven wie Frisuren, Kleidung, Mustern, Alltagsgegenst&auml;nden aller Art.. Elend und soziale Missst&auml;nde zeigt beispielsweise David Goldblatt mit seinen Fotos von s&uuml;dafrikanischen ArbeiterInnen &bdquo;The Transported of KwaNdebele&ldquo;, die vier Stunden am fr&uuml;hen Morgen und in der Nacht den gleichen Weg zur&uuml;ck legen m&uuml;ssen, um arbeiten zu k&ouml;nnen. Wir sehen sie in stummer Verzweiflung an der Bushaltestelle warten und dann im Bus, zerm&uuml;rbt durch die Qualen der Arbeit, dann trotz  M&uuml;digkeit nicht zur Ruhe kommen k&ouml;nnen, wobei der kurze Wachschlaf zus&auml;tzlich ersch&ouml;pft. Mit ganz anderen Motiven zeigt Zoe Leonard &Auml;hnliches f&uuml;r die Lower Eastside und Brooklyn in  New York. Sie verzichtet zwar auf Menschen, zeigt die Armut und Ausweglosigkeit daf&uuml;r an den Auslagen und Schriftz&uuml;gen kleiner heruntergekommener Gesch&auml;fte und Momentaufnahmen von (unbelebten) Stra&szlig;enszenen. <\/p><p>Niemand wird wahrscheinlich die Aue passieren k&ouml;nnen, ohne sich der gro&szlig;en Installation &bdquo;Dream&ldquo; von Romuald Hazomie nicht stellen zu m&uuml;ssen, die sehr direkt auf die Extremsituation afrikanischer Fl&uuml;chtlinge verweist. An der Wand die gro&szlig;e Kopie eines Fotos, das im Kitsch der Reisekataloge,  Sand, Wasser und Palmen zeigt, bei n&auml;herem Hinsehen aber auch die Verlassenheit eines afrikanischen Dorfes. Davor ein Boot, zusammengebaut aus 421 Kanistern, das unweigerlich untergehen muss, wenn Wasser in die &Ouml;ffnungen eindringt. Dazu ein Beispiel der Medienberichterstattung, dessen Ignoranz f&uuml;r sich spricht. So kommentierte die SZ am 15.6. dieses Werk so: Karibikfeeling in Kassel: Romuald Hazoume aus Benin, neben seiner Installation &ldquo;Dream&rdquo;. Wie viel so eine Fotowand ausmachen kann.&ldquo; <\/p><p>Aber auch viel Verlorenheit herrscht im Aue-Pavillion, dabei ist wirklich viel zu entdecken, nachzudenken und zu debattieren, doch ist dies wegen der fehlenden kontextuellen Einordnung oft einfach nicht m&ouml;glich, zumal nicht einmal der Katalog wenigstens der Systematik der Ausstellungsst&auml;tten folgt. Noch einmal: Gerade in diesem Land ist der &bdquo;westliche&ldquo; Blick eben nicht ausreichend geschult, um Lebensweisen anderer Kulturen &uuml;berhaupt wahrnehmen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Das gleiche Manko erschwert den Zugang auch zu den Werken am Ort Neue Galerie. Noch schwerer vorstellbar, was passiert, wenn sich hier die Menschen in Massen durch die zum Teil kleinen R&auml;ume dr&auml;ngen und das zum Teil bei funzeliger Beleuchtung. Viele Kunstsch&auml;tze m&uuml;ssen so f&uuml;r die Anschauung und individuelle   Assoziationen  ungeborgen bleiben.  <\/p><p>Beeindruckend sind die Videoaufzeichnungen &bdquo;The Lightening Testimonies&ldquo; von Amar Kanwar, die das Erbe der Kolonialisierung, die Auswirkungen auf dem indischen Subkontinent besonders f&uuml;r Frauen dokumentieren. Hier w&auml;re unbedingte Stille im Raum n&ouml;tig,  um den Videos wirklich in der Kontemplation folgen und den Opfern gerecht werden zu k&ouml;nnen. Aber das ist in diesem Durchgangsraum schwer vorstellbar.   <\/p><p>Wie kann sich weibliche Sozialisation an dagegen vergleichsweise sicheren Orten im Westen entwickeln? Das zeigt die New Yorkerin Mary Kelly in einem pink gestrichenen Raum mit Fotos und Lichtinstallationen ihrer &bdquo;Love Songs&ldquo;, h&ouml;chstgradig ironisch, fast leichtf&uuml;&szlig;ig und trotzdem radikal. Und sie hat auch ein Haus gebaut, ein &bdquo;Multi-Story House&ldquo; aus viel Glas, auf das sie die Geschichte ihrer eigenen Menschwerdung als Frau geschrieben hat. <\/p><p>In der documenta Halle stiftet die ausgestopfte Giraffe von Peter Friedl viel Aufsehen in den Medien. Das Tier starb 2002 in Qalqiliyah, im einzigen Zoo von Westjordanland, als israelische Streitkr&auml;fte in die Staat drangen, allgemeine Panik auch im Zoo ausbrach und das Tier dabei starb. Doch was in den Medien unerw&auml;hnt bleibt ist die k&uuml;nstlerische Korrespondenz zur Giraffe. Gleich links daneben h&auml;ngen die Tuchbilder von Abdoulaye Konat&eacute;, die &bdquo;Gris-gris pour Israel et la Palestine&ldquo;, in der er die Dringlichkeit nach L&ouml;sung f&uuml;r den Konflikt im Nahen Osten anmahnt, mit Hilfe von gewebten Schutz- und Gl&uuml;ckssymbolen, die in seinem Land Mali weit verbreitet sind. So hat er auch keine Probleme, die israelische Flagge und das Pal&auml;stinensertuch gleichzeitig, im Nebeneinander  auf seinen Werken zu zeigen.<\/p><p>Ein wirklich beeindruckendes Beispiel gelungener Migration von Formen und Geographien ist im Schloss Wilhelmsh&ouml;he zu entdecken. Im 14. Jahrhundert muss ein reger Austausch zwischen persischen und chinesischen Kunststilen stattgefunden haben, wie anhand von Exponaten unbekannter K&uuml;nstler aus dieser Zeit zu bewundern ist. Die Mongolen haben zwar Persien erobert, aber die lokalen Stile nicht ausgel&ouml;scht, so informiert in diesem Fall der Katalog. Der unbekannte persische Maler dr&uuml;ckt seine Liebe f&uuml;r leuchtende Farben und abstrahierte Oberfl&auml;chen aus, gew&auml;hrt aber w&auml;ssrigen Farben und Schattierungen der chinesischen Kultur Eingang in sein Werk. &Auml;hnliches geschah umgekehrt. &bdquo;Eine bestimmte Form, dauerhaft wie wandelbar, lebt in einem anderen Horizont &uuml;bertragen fort. Das ist ihr Schicksal&ldquo;, stellt der Katalog fest.   <\/p><p>Was aber kann uns die Kunst der Moderne noch geben, planetarisch gesehen? Noch mehr Radikalit&auml;t fordern viele K&uuml;nstler und K&uuml;nstlerinnen ein, die sich an dem documenta magazine-Projekt beteiligt haben. So antwortet Olu Ogube, der African Studies u.a. in den USA lehrt,  seinem Kollegen von Third Text, Rasheed Araeen kritisch: &bdquo;Es ist an der Zeit, die Dinge in einem gr&ouml;&szlig;eren historischen Zusammenhang zu betrachten, als es der Modernismus je war, n&auml;mlich im Kontext des Kampfes der kolonisierten V&ouml;lker gegen ihre missliche Lage und f&uuml;r die Ausgestaltung einer eigenen Moderne.&ldquo; <\/p><p>Auf der documenta in Kassel scheint erst einmal bis zum 23. September noch einiges in Bewegung zu geraten. So hat der Chinese Ai Weiwei f&uuml;r seine Arbeit &bdquo;Fairytale&ldquo; nicht nur 1001 alte St&uuml;hle mitgebracht, die sich auf die Ausstellungshallen verteilen, sondern auch 1001 Chinesen zur documenta nach Kassel eingeladen. Die meisten von ihnen waren noch nie im Ausland. Sie sollen nun Kassel erkunden, sich im Gemenge, in der Kommunikation erfahren.  Ob das m&ouml;glicherweise in eine blo&szlig;e Ethno-Show abgleiten kann, die Assoziationen an die Vorf&uuml;hrung von &bdquo;Negern&ldquo; oder &bdquo;Eskimos&ldquo; im  europ&auml;ischen Zoo  des 19. Jahrhunderts wach werden lassen k&ouml;nnte, das liegt nun wirklich nicht mehr in der Hand vom K&uuml;nstler oder den MacherInnen der documenta. F&uuml;r dieses Projekt ist Gastfreundschaft aber auch interkulturelle Kompetenz der B&uuml;rgerInnen gefragt. <\/p><p>Manchmal kann Roger M. Buergel auch ganz handfest formulieren. So erl&auml;uterte er wenige Tage nach der Er&ouml;ffnung im DLF, was er  unter &bdquo;politisch&ldquo; im Zusammenhang mit der documenta12 verstehe: Er wolle das Publikum so auch  aktivieren, einen Sinn f&uuml;r die eigene Rolle in der Welt zu gewinnen. Daf&uuml;r m&uuml;sse das Publikum sich die &bdquo;Komplexit&auml;t des zeitgen&ouml;ssischen Lebens&ldquo; eingestehen, diese aber auch lustvoll begreifen. Nun, dann kann es ja auf nach Kassel gehen.  <\/p><p>Was wird nach dem 23. September bleiben? Nur Reste, wie nach einer Wallfahrt f&uuml;r &bdquo;profane Erleuchtung&ldquo; (Walter Benjamin)? Das documenta magazine zitiert aus dem Pamphlet acceptera von 1931, in dem schwedische Architekten des Funktionalismus eine Art Anleitung f&uuml;r den Wert eines Kunstwerkes, eines Bauwerkes geben: &bdquo;All jene pr&auml;tenti&ouml;sen und falschen Waren, die wir jetzt genie&szlig;en, werden fr&uuml;her oder sp&auml;ter ihre Leere offenbaren und ein Gef&uuml;hl des Ekels hervorrufen.&ldquo; <\/p><p>P.S.<br>\n&Uuml;ber allem steht die Kraft der Natur und sie interveniert notfalls auch ins Kunstwerk.  Am Mittwochabend &uuml;berraschte ein mittleres Gewitter auch die documenta 12.  Blitz Donner und Regeng&uuml;sse brachten in nur wenigen Minuten ein Kunstwerk auf der Aue zum Einsturz: das &bdquo;Template&ldquo;, den zw&ouml;lf Meter hohen Holzturm, den der Chinese Ai Weiwei aus alten Fenstern und H&auml;usern gebaut hat, die beim Bauboom in China auf der Schutthalde gelandet waren. Den K&uuml;nstler hat dieses Eingreifen der Naturgewalten gefreut. Genau so, in diesem neuen Zustand des Zerfalls soll diese neue  Installation nun bestaunt werden k&ouml;nnen. Ein Interessent f&uuml;r einen m&ouml;glichen Kauf nach den 100 Tagen  documenta hat schon mal sein Gebot verdoppelt.<br>\nRigeroser noch reagierte die Natur gegen die Reisfelder vor dem Schloss: durch die st&auml;ndige k&uuml;nstliche Bew&auml;sserung erodiert das Erdreich der Terrassen. Deshalb wurde die menschliche Kultur wenige Tage nach der Er&ouml;ffnung  gestoppt.  Insofern w&auml;re der documenta 12 fast ein nat&uuml;rlich feuchter Sommer zu w&uuml;nschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brigitta Huhnke hat sich f&uuml;r uns auf die documenta 12 eingelassen und bietet Verbindungen und Assoziationen zwischen den Ausstellungsobjekten und uns westlich gepr&auml;gten BetrachterInnen. Hier ihre Auseinandersetzung mit dem Konzept und ihre Einblicke in das auf dieser gr&ouml;&szlig;ten internationalen Schau zeitgen&ouml;ssischer Kunst Dargebotene.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917],"tags":[1749],"class_list":["post-2427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-documenta"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2427"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29860,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2427\/revisions\/29860"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}