{"id":24283,"date":"2014-12-15T10:03:34","date_gmt":"2014-12-15T09:03:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24283"},"modified":"2019-03-02T17:01:46","modified_gmt":"2019-03-02T16:01:46","slug":"buchbesprechung-stephan-hebel-deutschland-im-winterschlaf-wie-wir-unsere-zukunft-verspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24283","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Stephan Hebel \u201eDeutschland im Tiefschlaf \u2013 Wie wir unsere Zukunft verspielen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wider das herrschaftssichernde Weiter-so &agrave; la Merkel: Machtpolitisch unterdr&uuml;ckte Alternativen sind machbar.<br>\nWie gelingt es dieser Gro&szlig;en Koalition bis auf wenige populistische Ausnahmen eine Politik der Status-quo-Stabilisierung durchzusetzen? Welches sind die Kosten, die der Gesellschaft zur ungebrochenen St&auml;rkung der privatisierten Gewinne aufgeb&uuml;rdet werden? Und vor allem wie kann diese als neoliberale &bdquo;Sachlogik&ldquo; zementierte Politik durch gestaltende Alternativen abgel&ouml;st werden?<br>\nAuf diese brennenden Fragen gibt Stephan Hebel in seinem neuen Buch beeindruckend gut lesbare klare Antworten. Eine Rezension von <strong>Rudolf Hickel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Herausforderungen an die aktuelle Politik in Deutschland sind gigantisch. Mitten im Nachbeben der ersten Runde der Finanzmarktkrise, der noch lange nicht bew&auml;ltigten Eurokrise, wachsender sozialer Ungleichheit, Belastungen der &ouml;ffentlichen Infrastruktur und neuer geopolitischer Risiken w&auml;re ein demokratisches, strategisch-fundiertes Regierungshandeln dringend erforderlich. Vielleicht haben Viele gerade angesichts dieser Herausforderungen Hoffnungen auf eine Gro&szlig;e Koalition gesetzt. Bereits nach einem knappen Jahr der Bundes-GroKo sind solche Erwartungen jedoch zutiefst entt&auml;uscht worden. Das Merkel-Prinzip eines l&auml;hmenden &bdquo;Weiter-so&ldquo; pr&auml;gt mit einigen nur scheinbaren Kurskorrekturen die Politik. Sicherlich liegen zwischen dem Wechsel vom kleinen, liberalistisch frech wie dummen Koalitionspartner FDP zur alten SPD programmatisch Welten. Trotz vordergr&uuml;ndigen Streits etwa &uuml;ber die Regulierung der Arbeitsm&auml;rkte setzt sich jedoch am Ende die brutale Merkel-Kompromissmaschine in Diensten der Stabilisierung der privilegierten Herrschaftsverh&auml;ltnisse durch. Obwohl regierungsoffiziell der Begriff Neoliberalismus kaum auftaucht, ja am Rande sogar kritisiert wird,  dient diese GroKo- Politik im Sinne der Marktpflege als Erf&uuml;llungsgehilfe der Wirtschaftsm&auml;chtigen, die die Wettbewerbswirtschaft oftmals auch gegen die Interessen der kleinen und mittleren Unternehmen dominieren. Da stellen sich viele grundlegende Fragen: Wie gelingt es dieser Gro&szlig;en Koalition bis auf wenige populistische Ausnahmen diese Politik der Status-quo-Stabilisierung durchzusetzen? Welches sind die Kosten, die der Gesellschaft zur ungebrochenen St&auml;rkung der privatisierten Gewinne aufgeb&uuml;rdet werden? Und vor allem wie kann diese als neoliberale &bdquo;Sachlogik&ldquo; zementierte Politik durch gestaltende Alternativen abgel&ouml;st werden?<\/p><p>Auf diese brennenden Fragen gibt Stephan Hebel in seinem neuen Buch beeindruckend gut lesbare klare Antworten. Der Titel lautet: &bdquo;Deutschland im Tiefschlaf &ndash; Wie wir unsere Zukunft verspielen&ldquo;. Diese engagierte Analyse steht f&uuml;r einen unerschrocken aufkl&auml;renden Journalismus, der jedoch im medialen Meinungsstrom nur noch am Rande vorkommt. Stephan Hebel vertieft und f&uuml;hrt seine Enttarnung des &bdquo;Merkelismus&ldquo; im Vorg&auml;ngerbuch &bdquo;Mutter Blamage&ldquo; von 2013 fort. Damals stellte er fest:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;In mehr als zwei Jahrzehnten Politikbeobachtung habe ich niemals einen derart eklatanten Widerspruch erlebt zwischen dem Image einer politischen Pers&ouml;nlichkeit und ihrer tats&auml;chlichen Politik. Nie ist es einem Politiker in Deutschland gelungen, derart konsequent auf Kosten der Mehrheit zu handeln und zugleich die Sympathie dieser Mehrheit zu gewinnen.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das jetzt auf den Stand der ersten wichtigen Erfahrungen mit der GroKo konzentrierte Buch f&uuml;hrt nach einer souver&auml;n dokumentierten Analyse zu dem Fazit: Auch mit dem neuen Koalitionspartner SPD ist die Aufl&ouml;sung dieses Widerspruchs nicht zu erkennen. Von den Sympathiewerten Merkels trotz einer schlechten Politik wird jedoch die SPD, die f&uuml;r diese Politik nunmehr (Mit-) Verantwortung tr&auml;gt, nicht profitieren.  <\/p><p>Stephan Hebels w&auml;hlt f&uuml;r den Buchtitel den mehrfach variierten Begriff &bdquo;Schlaf&ldquo;. Konsequent lauten neben dem &bdquo;Tiefschlaf&ldquo; im Buchtitel die vier Kapitel&uuml;berschriften: &bdquo;Wie wir uns in den Schlaf wiegen&ldquo;, &bdquo;Verschlafen: Vom Ende der Alternativen&ldquo;, Verschnarcht: Politik des Stillstands&ldquo; und &bdquo;Aufgewacht: Protest und Widerstand&ldquo;. Die fundierten Ausf&uuml;hrungen zu den Kapiteln zeigen jedoch, vor allem hinter diesem gesellschaftlich erzeugten Tiefschlaf, der am Ende systemstabilisierenden Stillstand gebiert, verbergen sich harte Auseinandersetzungen allerdings mehr au&szlig;erhalb des Parlaments sowie die klammheimliche Sicherung der Privilegien der hochkonzentrierten Wirtschaft und der Verm&ouml;genden. Schlaf wird zur Droge, die dem Einsatz f&uuml;r Alternativen durch &bdquo;Protest und Widerstand&ldquo; entgegengesetzt wird. <\/p><p>Auf dem Hintergrund der gro&szlig;en Herausforderungen begr&uuml;ndet Stephan Hebel sein bitteres Urteil mit vielen Fakten und guten Argumenten. Die GroKo sei die beste Garantie daf&uuml;r, dass sich trotz eines vorgespielten Aktivismuses an der wachsenden sozialen Ungerechtigkeit, am Abbau von Umweltbelastungen, aber auch an der Benachteiligung des Mittelstands durch den Vorrang f&uuml;r den monopolistischen Wettbewerb grunds&auml;tzlich nichts &auml;ndern wird. Gemessen am Titel des Koalitionsvertrags vom Dezember 2014 &bdquo;Deutschlands Zukunft gestalten&ldquo; lie&szlig;en sich die Defizite plakativ benennen: Au&szlig;er dem Wort Deutschland erwiesen sich die Begriffe &bdquo;Zukunft gestalten&ldquo; als substanzlose,  dilatorische Floskeln. <\/p><p>Die kritisch durchleuchteten aktuellen Aktionsfelder der Politik, die meistens mit der Hoffnung auf marktkonforme Selbstl&ouml;sung wegdefiniert werden,  sind: das die Armut nicht bew&auml;ltigende Sozialsystem, die nach innen und au&szlig;en  r&uuml;cksichtslose Exportexpansion, die durch unzureichende Verteilung vernachl&auml;ssigte Binnenwirtschaft, die nicht beherrschte Finanzmarktkrise, die weiter treibende Arbeitsmarktspaltung, die finanzpolitische Schwarze-Null-Manie im Dienste der Schuldenbremsen, die verpassten Chancen der Energiewende sowie die spalterische Europolitik zu Lasten verarmender Krisenl&auml;nder. Auch die Notwendigkeit einer gerechteren Umverteilung vor allem mit den Instrumenten der Steuerpolitik wird in diesem &bdquo;Weckruf&ldquo; eindrucksvoll begr&uuml;ndet. Aber auch die konzeptionslos gef&auml;hrliche Au&szlig;enpolitik, die derzeit den Ost-West-Konflikt sch&uuml;rt sowie die Rolle der hochkonzentrierten Unternehmen in der Internetwirtschaft zusammen mit der Verletzung der Pers&ouml;nlichkeitsreche durch subtile Spionageinstrumente werden offengelegt. <\/p><p>Gegen&uuml;ber diesen lesenswerten Politikfeldern w&auml;re es hilfreich, wenn Stephan Hebel zum einen auf die organisierte Lobbyarbeit st&auml;rker eingegangen w&auml;re. Die erfolgreichen Bremsman&ouml;ver in Deutschland und in der EU bei den sog. Finanzmarktreformen sind ohne die Lobbyarbeit der Finanzmarktoligarchen nicht zu verstehen. Viele gut gemeinte Gesetzesvorhaben, wie das Beispiel  Mindestlohn zeigt, werden am Ende auch noch in der letzten Phase der Implementierung durch massive Lobbyarbeit durchl&ouml;chert. Zum anderen w&auml;re es hilfreich, die Anatomie Wettbewerbsverh&auml;ltnisse, die durch die machtvolle und die Politik beeinflussende Unternehmenskonzentration gepr&auml;gt sind, st&auml;rker zu ber&uuml;cksichtigen. Schlie&szlig;lich waren es gro&szlig;e Versicherungsunternehmen, die die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung erfolgreich f&uuml;r expandierende Lebenversicherungsgesch&auml;fte im Rahmen der ausgeweiteten privaten Kapitalvorsorge bestochen haben. <\/p><p>Dagegen liefert die Verortung des Einflusses der Medien neue Erkenntnisse durch den Insider Stephan Hebel. Es sind vor allem der Kommerzialisierungsdruck sowie die Boulevardisierung, die die neoliberale Grundorientierung zugunsten der Wirtschaftsm&auml;chtigen erzeugen. Dabei geht es weniger um direkte Zensur, sondern vor allem um Zugangssperren f&uuml;r kritische Themen. &Uuml;ber Alternativen wird nicht mehr nur unrichtig, sondern gar nicht mehr informiert. Hier zeichnet sich das Ende einer pluralistischen Aufkl&auml;rung der &Ouml;ffentlichkeit ab. Hebel spricht von einer systematischen &bdquo;Analphabetisierung&ldquo; durch die Medien.<\/p><p>Stephan Hebel bringt viel M&uuml;he auf, die Rolle der SPD in der GroKo zu analysieren. Schon allein am Wahlprogramm 2013 der Sozialdemokraten gemessen f&auml;llt das Urteil &uuml;ber die aktuelle Regierungspolitik negativ aus. Die SPD h&auml;lt sich zugute, im Koalitionsvertrag einige positive Marken gesetzt zu haben. So etwa die  &Uuml;berschrift zum Arbeitsmarktkapitel &bdquo;gute Arbeit&ldquo;, die aus dem gewerkschaftlichen Vokabular stammt. Hier steht der fl&auml;chendeckende Mindestlohn im Zentrum. Jedoch sind im Gesetz untragbare Ausnahmen etwa f&uuml;r Arbeitslose, die einen neuen Job finden wolen, eingef&uuml;hrt. Auch bei der Kontrolle seien &auml;rgerliche Aufweichungen vorgenommen worden. <\/p><p>Hebel macht deutlich, dass die SPD das Vertrauen in eine Politik f&uuml;r soziale Gerechtigkeit so lange nicht zur&uuml;ckgewinnen wird, so lange sie sich f&uuml;r die Hartz-Gesetzgebung feiern l&auml;sst. Dabei w&auml;re die Entschuldigung gegen&uuml;ber vielen Betroffenen so logisch wie einfach. Denn die heutigen Mindestl&ouml;hne sind die Antwort auf eine Spaltung des Arbeitsmarktes, den die SPD zusammen mit den GR&Uuml;NEN vor allem &uuml;ber die Hartz IV-Zumutbarkeitsklausel ausgel&ouml;st hatten. Das Hebelsche Fazit leuchtet ein: Wer auf Hartz IV politisch besteht, der wird bei den Mindestl&ouml;hnen auch nicht ernst genommen. Auch in anderen wichtigen Feldern zeigt der Autor die Glaubw&uuml;rdigkeitsfalle der SPD. Auf einen h&ouml;heren Spitzensteuersatz, eine Verm&ouml;gensteuer sowie wieder die volle Versteuerung der Kapitaleink&uuml;nfte im Rahmen der Einkommensteuer verzichtet die Regierungs-SPD. Dabei ist die wahlpolitische Folge absehbar: Diese Hilfsdienste f&uuml;r die Verm&ouml;genden und die konzentrierte Wirtschaft wird, da hat Hebel recht, bei der &ouml;konomisch gef&ouml;rderten Klientel nicht zu wachsender Wertsch&auml;tzung der SPD f&uuml;hren. Allerdings ist der Frust der von Arbeitspl&auml;tzen Abh&auml;ngigen gewiss. <\/p><p>Der dem Stillstand im Buch gegen&uuml;bergestellte &bdquo;Weckruf&ldquo; f&uuml;r Alternativen setzt auf &bdquo;Proteste und Widerstand&ldquo;. Es geht um eine Zur&uuml;ckdr&auml;ngung der marktkonformen &Ouml;konomisierung aller Gesellschafts- und Lebensverh&auml;ltnisse. Die Transformation zielt auf die R&uuml;ckbettung einer der gro&szlig;en Mehrheit dienenden &Ouml;konomie in die Gesellschaft. Dabei setzt Hebel nicht auf eine Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des zerst&ouml;rerischen Kapitalismus durch gro&szlig;e revolution&auml;re Bewegungen. Anstatt jedoch auf den den St. Nimmerleinstag zu warten, werden erfolgreiche Projekte als &bdquo;Inseln das Fortschritts&ldquo; propagiert. Sie dienen zugleich zur &Uuml;berwindung der vorangeschrittenen Entdemokratisierung: Zum Beispiel die Proteste gegen die Kommerzialisierung des ehemaligen Flughafens Tempelhof und gegen den Ausbau der Flugbahnen in Frankfurt. Hebel verweist auf Personen im Kampf gegen &uuml;ble Beh&ouml;rdenwillk&uuml;r gegen&uuml;ber Arbeitslosen, auf eine Renaissance der Dorfl&auml;den durch Genossenschaften, auf Projekte lokaler Energieversorgung sowie auf die Kampagnen zur Sicherung von Wasser als &ouml;ffentliches Gut. Auch Rekommunalisierungen privatisierter Dienstleistungen stehen auf der alternativen Agenda. Widerstandsbewegungen wie &bdquo;OCCUPY&ldquo; gegen die Finanzmarktmonopole sowie die neuen Protestgruppen gegen TISA und TTIP sind f&uuml;r Hebel hoffnungsvolle Aktionen des Widerstands. Dieser Pragmatismus, mit dem sich zugleich neue Demokratiepotenziale bilden k&ouml;nnen, ist zwar zur&uuml;ckhaltend, aber mit gro&szlig;er perspektivischer Reformkraft ausgestattet. <\/p><p>Stephan Hebels Buch geht weit &uuml;ber den selbst gesteckten Anspruch eines &bdquo;Weckrufs&ldquo; hinaus. Im Mittelpunkt steht eine &bdquo;solidarische Gesellschaft, die den gleichen Zugang zu den wichtigsten Gemeing&uuml;tern sichert&ldquo;. Allein die passive Lekt&uuml;re dieses Buchs lohnt sich. Der volle Ertrag geht jedoch erst auf, wenn die Erkenntnisse aktiv in eine der vielen Bewegungen f&uuml;r eine solidarische Gerechtigkeit, zu der vor allem eine gerechte Teilhabe am Einkommen und Verm&ouml;gen geh&ouml;ren, eingebracht und weiterentwickelt werden. <\/p><p><strong>Stephan Hebel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/stephan-hebel-deutschland-im-tiefschlaf.html\">Deutschland im Tiefschlaf &ndash; Wie wir unsere Zukunft verspielen<\/a>&ldquo;<\/strong><br>\nWestend Verlag GmbH Frankfurt\/Main 2014; ISBN 978-3-86489-067-3<br>\n&euro; 16,99 (D)  &euro; 17,50 (A)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wider das herrschaftssichernde Weiter-so &agrave; la Merkel: Machtpolitisch unterdr&uuml;ckte Alternativen sind machbar.<br \/> Wie gelingt es dieser Gro&szlig;en Koalition bis auf wenige populistische Ausnahmen eine Politik der Status-quo-Stabilisierung durchzusetzen? 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