{"id":2430,"date":"2007-06-22T11:09:03","date_gmt":"2007-06-22T09:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2430"},"modified":"2019-07-25T18:41:51","modified_gmt":"2019-07-25T16:41:51","slug":"beschluesse-des-koalitionsausschusses-teil-zwei-verschiebebahnhof-zwischen-pflege-und-arbeitslosenversicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2430","title":{"rendered":"Beschl\u00fcsse des Koalitionsausschusses Teil Zwei: Verschiebebahnhof zwischen Pflege- und Arbeitslosenversicherung"},"content":{"rendered":"<p>Im &ouml;ffentlichen Windschatten des umstrittenen &bdquo;Kompromisses&ldquo; der Grossen Koalition zum Mindestlohn segelten die Entscheidungen zur Pflegeversicherung.<br>\nDie  Einbeziehung der bereits  &uuml;ber 1,3 Millionen  Demenzkranker  sowie die St&auml;rkung und der Ausbau der ambulanten Pflege sind sicher neue wichtige Kurskorrekturen zur Verbesserung der Pflegeleistungen.<br>\nNicht zu rechtfertigen ist das erneute Verschiebeman&ouml;ver der Finanzierungslasten von der Pflegeversicherung in die Arbeitslosenversicherung, denn gerade bei den wachsenden Aufwendungen f&uuml;r die Pflege handele es sich &ndash; wie in kaum einen anderen Sozialversicherungszweig &ndash; um gesamtgesellschaftliche Leistungen, die von der Allgemeinheit, also &uuml;ber Steuern finanziert werden m&uuml;ssten, meint die ehemalige DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zu den Koalitionsbeschl&uuml;ssen Teil Zwei:<br>\nErneuter Verschiebebahnhof zwischen Pflege- und Arbeitslosenversicherung<\/strong><\/p><p><em>Von Ursula Engelen-Kefer<\/em><\/p><p>Die  Einbeziehung Demenzkranker  sowie der Ausbau der ambulanten Pflege bringen ohne Zweifel eine Verbesserung der Pflegeleistungen. In eine falsche Richtung geht jedoch der v&ouml;llig unzureichende Kompromiss zu deren Finanzierung. Zwar sind sich beide Koalitionspartner einig, dass der Bedarf an Pflege in den n&auml;chsten Jahren und Jahrzehnten erheblich zunehmen wird: Objektive Entwicklungen sind nicht nur die Zunahme des Anteils &auml;lterer Menschen und die steigende Lebenserwartung, sondern auch eine Abnahme der famili&auml;ren  Pflegeleistungen aus den unterschiedlichsten Gr&uuml;nden. Trotz dieser vorhersehbaren Entwicklung  wurde keine Einigkeit zu einer dringend ben&ouml;tigten nachhaltigen Finanzierung erreicht. <\/p><p>Dies h&auml;tte etwa &uuml;ber den Finanzausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung erheblich erleichtert werden k&ouml;nnen. Damit w&auml;re eine teure Ungerechtigkeit beendet worden, die darin besteht, dass die Private Krankenversicherung infolge ihrer rigorosen Auswahl der &bdquo; besseren Risiken&ldquo;  nur einen erheblich geringeren Anteil der Pflegebed&uuml;rftigen unter ihren Mitgliedern als die gesetzliche Krankenversicherung finanzieren muss.  Hier h&auml;tte es dringend eines finanziellen Solidarausgleichs bedurft. <\/p><p>Von einer Gro&szlig;en Regierungskoalition mit ihrer komfortablen Zwei-Drittel-Mehrheit w&auml;re wahrlich mehr zu erwarten gewesen, als den erneuten Griff in die Taschen der Beitragszahler mit einer Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge  um 0,25 Prozent. Dabei pfeifen es  die Spatzen von den D&auml;chern, dass dies nur f&uuml;r wenige Jahre Erleichterung bietet, aber keine l&auml;ngerfristige L&ouml;sung sein kann. Zudem widerspricht diese Beitragssatzerh&ouml;hung der erkl&auml;rten Politik der Gro&szlig;en Koalition, die beitragsfinanzierten Sozialversicherungssysteme  durch die Steuerfinanzierung von gesamtgesellschaftlichen Aufgaben zu entlasten. Gerade bei den wachsenden Aufwendungen f&uuml;r die Pflege handelt es sich aber &ndash; wie in kaum einem anderen Sozialversicherungszweig &ndash; um gesamtgesellschaftliche Leistungen.<\/p><p><strong>Absenkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung<\/strong><\/p><p>&Uuml;berhaupt nicht zu rechtfertigen ist das erneute Verschiebeman&ouml;ver der Finanzierungslasten von der Pflegeversicherung in die Arbeitslosenversicherung. Um die erneute Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge zur Pflegeversicherung f&uuml;r die B&uuml;rger ertr&auml;glicher zu machen, wird gleich eine Senkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung von 0,3 Prozent mit beschlossen.  Dabei wird z.B. v&ouml;llig au&szlig;er Acht gelassen:  Die Rentner, die inzwischen  den gesamten Pflegebeitrag aus ihrer Tasche zahlen m&uuml;ssen und jetzt auch noch die Erh&ouml;hung aufbringen sollen, werden durch die Absenkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung nicht entlastet.<\/p><p>Die bessere Finanzentwicklung bei der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit in 2007 &ndash; statt eines erwarteten  Defizits von &uuml;ber 2 Mrd. Euro wird es erneut einen &Uuml;berschuss geben &ndash; kann  allerdings  jetzt noch nicht in konkreten Zahlen beziffert werden. Die BA-&Uuml;bersch&uuml;sse als Entlastungsmasse zur Verbesserung der Pflegeversicherung einzusetzen,  f&uuml;gt der Politik der Verschiebeman&ouml;ver &uuml;ber die Sozialkassen ein weiteres trauriges Kapital hinzu.  Da es sich hierbei um die Beitr&auml;ge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern handelt, sollten diese auch &uuml;ber die Verwendung ma&szlig;geblich entscheiden. Nichts davon ist geschehen. Dass es unterschiedliche Auffassungen &uuml;ber die Verwendung gibt, d&uuml;rfte nicht erstaunen. Aber beide Seiten haben Grund,  &uuml;ber diesen neuen Zugriff der Politik der Gro&szlig;en Koalition ver&auml;rgert zu sein. <\/p><p>Bevor das Fell des B&auml;ren verteilt wird, sollte bei politischen Entscheidungen &uuml;ber die Senkung von Beitr&auml;gen zu BA erst einmal abgewartet werden, bis der B&auml;r tats&auml;chlich erlegt ist. Erst dann sollte eine Entscheidung &uuml;ber die Verwendung m&ouml;glicher &Uuml;bersch&uuml;sse getroffen werden. <\/p><p>Dabei ist zu ber&uuml;cksichtigen, dass Pensionsr&uuml;ckstellungen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit von immerhin 2,5 Mrd. Euro get&auml;tigt werden m&uuml;ssen. Dringend zu empfehlen w&auml;re die Bildung einer Finanzreserve von  zwei bis drei Monatsausgaben (6 bis 9 Mrd. Euro) bei der BA.  Dies w&uuml;rde der Bundesagentur erstmalig die M&ouml;glichkeit geben, ihre arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen l&auml;ngerfristig zu planen,  und vor allem bei konjunkturellen R&uuml;ckschl&auml;gen nicht wieder einen Defizit-Ausgleich des Bundes in Anspruch nehmen zu m&uuml;ssen.<br>\nDar&uuml;ber hinaus bestehen noch erhebliche Nachholbedarfe der BA beim Einsatz arbeitsmarktpolitischer Ma&szlig;nahmen. Denn bei den ALGI-Empf&auml;ngern  gibt es eine gro&szlig;e Gruppe schwer zu vermittelnder Menschen. Auch bei der Ausbildung junger Menschen sind die Probleme noch l&auml;ngst nicht behoben. Sie werden uns noch einige Jahre begleiten &ndash; vor allem,  wenn die &bdquo;Altbewerber&ldquo; aus den Warteschleifen nach Ausbildung suchen. Hierf&uuml;r m&uuml;ssten  finanzielle Spielr&auml;ume der BA ebenfalls bereit stehen.<\/p><p><strong>H&auml;ngepartie: Aussteuerungsbetrag<\/strong><\/p><p>Eine weitere H&auml;ngepartie bei der Sicherung der Finanzgrundlage der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit bleibt der umstrittene Aussteuerungsbetrag: Danach muss die BA aus Beitragsmitteln f&uuml;r jeden Arbeitslosen an den Bundesfinanzminister 10 000 Euro &uuml;berweisen, den  sie nicht innerhalb von 12 Monaten vermittelt, sondern an das ALGII-System weiterreicht.<br>\nZwar f&auml;llt  der 2005 mit Hartz IV eingef&uuml;hrte Aussteuerungsbetrag erheblich geringer aus als in den Haushaltspl&auml;nen von BA und Bund jeweils veranschlagt. Trotzdem stellt er mit inzwischen &uuml;ber 10 Mrd. Euro eine nicht zu rechtfertigende Belastung f&uuml;r die Beitragszahler dar.  Er widerspricht dem Gebot der finanziellen Trennung von Arbeitslosenversicherung und  bedarfsabh&auml;ngiger Grundsicherung f&uuml;r Langzeitarbeitslose. Er sollte m&ouml;glichst schnell  abgebaut werden. Zudem ist er ein  Hindernis f&uuml;r den Einsatz l&auml;ngerfristiger arbeitsmarktpolitischer Ma&szlig;nahmen &ndash; vor allem der beruflichen Weiterbildung. Die Abf&uuml;hrung des Aussteuerungsbetrags l&auml;uft somit den Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern entgegen.<\/p><p>Wenig stichhaltig ist das Argument, der Aussteuerungsbetrag sei so etwas wie eine Wiedergutmachung des hohen Defizitausgleichs, der vom Bund an die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit in den zur&uuml;ckliegenden Jahren aufgebracht werden musste. Ohne Zweifel  hatte der Bund im Zuge der Deutschen Einheit milliardenschwere Defizitausgleiche zu leisten (In der Spitze waren dies: 1994:  5,2 Mr. Euro, 1996 &uuml;ber 7 Mrd. Euro und auch noch 2003 &uuml;ber 6 Mrd. Euro sowie 2004 &uuml;ber 4,1 Mrd. Euro). <\/p><p>Diese Ausgleichzahlungen des Bundes waren jedoch nur ein Teil jener Summen, die  als  Beitr&auml;ge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zur BA im Rahmen der  Finanzierung der West-Ost Transfers erforderlich waren.  Lange Jahre wurde dies zu  einem Tabu-Thema der Politik erkl&auml;rt.  Inzwischen sind die negativen Auswirkungen dieser Verschiebeman&ouml;ver  f&uuml;r die Besch&auml;ftigung und die Sozialen Sicherungssysteme nicht mehr zu &uuml;bersehen. Auch deshalb ist die von der Gro&szlig;en Koalition zu Anfang ihrer Regierungsperiode erkl&auml;rte Entlastung der Beitragszahler zur Sozialen Sicherung &uuml;ber Bundessteuern &uuml;berf&auml;llig. Umso mehr entt&auml;uscht, wenn ihre tats&auml;chliche Politik in die umgekehrte Richtung geht und sie sich wieder einmal an den Beitragszahlern schadlos h&auml;lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im &ouml;ffentlichen Windschatten des umstrittenen &bdquo;Kompromisses&ldquo; der Grossen Koalition zum Mindestlohn segelten die Entscheidungen zur Pflegeversicherung.<br \/> Die Einbeziehung der bereits &uuml;ber 1,3 Millionen Demenzkranker sowie die St&auml;rkung und der Ausbau der ambulanten Pflege sind sicher neue wichtige Kurskorrekturen zur Verbesserung der Pflegeleistungen.<br \/> Nicht zu rechtfertigen ist das erneute Verschiebeman&ouml;ver der Finanzierungslasten von der Pflegeversicherung in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2430\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[188,135,148],"tags":[],"class_list":["post-2430","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesregierung","category-finanzpolitik","category-pflegeversicherung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2430","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2430"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2430\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53716,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2430\/revisions\/53716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2430"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2430"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2430"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}