{"id":2431,"date":"2007-06-22T11:28:17","date_gmt":"2007-06-22T09:28:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2431"},"modified":"2016-01-02T11:32:00","modified_gmt":"2016-01-02T10:32:00","slug":"eine-spaet-entdeckte-wuerdigung-der-viel-geschmaehten-goldenen-siebziger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2431","title":{"rendered":"Eine sp\u00e4t entdeckte W\u00fcrdigung der viel geschm\u00e4hten Goldenen Siebziger."},"content":{"rendered":"<p>Normalerweise komme ich aus dem Staunen dar&uuml;ber, wie einvernehmlich heute von Rechts bis Links die siebziger Jahre eher als S&uuml;ndenfall denn als golden betrachtet werden, nicht mehr heraus. Jetzt werde ich durch einen Hinweis von Gerhard Kilper getr&ouml;stet. Er berichtet von einem Artikel in Le Monde, in dem eine erst jetzt bekannt gewordene internationale W&uuml;rdigung der deutschen Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre durch den amerikanischen &Ouml;konomen Sydney Weintraub beschrieben wird. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eine erst jetzt bekannt gewordene internationale W&uuml;rdigung der deutschen Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre durch den amerikanischen &Ouml;konomen Sydney Weintraub<\/strong><\/p><p><em>Von Gerhard Kilper<\/em><\/p><p>Zusammenfassung<\/p><p>Nach der im Jahr 1983 ge&auml;u&szlig;erten Meinung des amerikanischen &Ouml;konomen Sydney Weintraub war die in der &Auml;ra Schiller\/Schmidt praktizierte Wirtschafts- und Finanzpolitik der &bdquo;Aufgekl&auml;rten Marktwirtschaft&ldquo; &ndash; unter den vielen praktisch m&ouml;glichen Kapitalismen und Sozialismen &ndash; <strong>das Modell<\/strong> einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik.<\/p><p>In der Chronik der &Ouml;konomiebeilage der Pariser Tageszeitung Le Monde referierte der Gast-Kolumnist Jean-Marc Daniel in der Ausgabe vom 13. Juni 2007 &uuml;ber die grunds&auml;tzliche Kritik des ehemaligen Professors an der Pennsylvania-Universit&auml;t, Sydney Weintraub (1914 &ndash; 1983; Hauptwerk: &bdquo;Capitalism&rsquo;s Inflation and Unemployment Crisis&ldquo;, Edition Addison-Wesley 1978) am Monetarismus, den er als makro&ouml;konomischen Denkfehler einstufte. <\/p><p>Als makro&ouml;konomischer Inflations-Theoretiker wandte sich Weintraub sowohl gegen seinen Kollegen Samuelson und dessen unkritische &Uuml;bernahme der Phillips-Kurve (er wurde deshalb von Samuelson zum &bdquo;einsamen keynesianischen Wolf&ldquo; abgestempelt), als auch gegen den sich verbreitenden Monetarismus der Chicago Boys. Ihrer mechanischen Sicht der Quantit&auml;tstheorie bzw. Fisher-Identit&auml;t, die umlaufende Geldmenge sei einziges Kriterium f&uuml;r inflation&auml;re Preissteigerungen, setzte er seine eigene Gleichung p = kw\/A entgegen (p &ndash; Preisniveau, k &ndash; eine je nach Land ausgepr&auml;gte Konstante, w &ndash; Lohnniveau und A steht f&uuml;r Arbeitsproduktivit&auml;t; Weintraubs Erkl&auml;rung inflation&auml;rer Preissteigerungen siehe unten).<\/p><p>Daniel berichtet in einem auf die franz&ouml;sischen Verh&auml;ltnisse bezogenen wirtschaftshistorischen R&uuml;ckblick, durch andauernde und akute Handels- und Zahlungsbilanzprobleme als Folge der expansiven Wirtschafts- und Finanzpolitik des ersten Mitterand-Regierungsjahres sei f&uuml;r Frankreich im Jahr 1982 die Beherrschung der inflation&auml;ren Entwicklung zum Hauptproblem seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik geworden. <\/p><p>Zwei &ouml;konomische Denkschulen h&auml;tten sich damals schroff gegen&uuml;bergestanden: auf der einen Seite die neoklassisch-orthodox orientierten Monetaristen, die Preissteigerungen eindimensional als Folge zu hoher Nachfrage sahen, die nach ihrer quantit&auml;tstheoretischen Logik nur durch drastische Zinserh&ouml;hungen und eine Reduktion des Geldumlaufs einged&auml;mmt werden konnten. <\/p><p>Auf der anderen Seite standen die eher keynesianisch ausgerichteten &Ouml;konomen, die in Preissteigerungen die Folge zu hoher Lohnabschl&uuml;sse sahen, die als Kosten in der boomenden Konjunktur von den Unternehmen leicht auf die Preise &uuml;berw&auml;lzt werden konnten. Diese  &Ouml;konomen lehnten die monetaristische Geldpolitik als unvereinbar mit dem Ziel der Vollbesch&auml;ftigung ab, weil diese Geldpolitik in ihrer undifferenziert wirkenden konjunkturellen Bremswirkung nicht nur die Importe einschr&auml;nke, sondern auch die Binnennachfrage bzw. den Binnenabsatz &bdquo;brutal&ldquo; treffe, damit v&ouml;llig unn&ouml;tig Arbeitslosigkeit schaffe bzw. vorhandene Produktionskapazit&auml;ten brach liegen lasse. <\/p><p>Diese Sicht des Inflationsproblems bewegte sich auf der theoretisch von Weintraub durch seine Gleichung entwickelten Argumentationslinie. F&uuml;r Weintraub ist der Glaube, Inflation sei allein oder haupts&auml;chlich eine Geldmengenproblem eine (makrotheoretische) Selbstt&auml;uschung bzw. ein wirtschaftspolitischer Denkfehler. F&uuml;r ihn sind inflation&auml;re Preissteigerungen das Ergebnis des permanenten gesellschaftlichen Kampfes zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern um die Verteilung des aktuell erarbeiteten Sozialprodukts bzw. Volkseinkommens (bzw. auch um die Verteilung seiner Wachstumsrate). Eine die Inflation bek&auml;mpfende Wirtschaftspolitik ist daher f&uuml;r Weintraub prim&auml;r eine vielf&auml;ltig aktiv von der Regierung in Gang zu setzende Einkommensverteilungspolitik mit dem Ziel einer &bdquo;vern&uuml;nftigen&ldquo; Entwicklung der Lohnabschl&uuml;sse durch Orientierung an der erwarteten Steigerung der Arbeitsproduktivit&auml;t. Aufgabe der Wirtschaftspolitik sei es, durch aktives Eingreifen in den Verteilungskampf (inklusive regierungsamtlicher Verlautbarungen und Stellungnahmen) diesen zu entsch&auml;rfen, um zu gesellschaftlich vertretbaren Verteilungsergebnissen zu kommen.<\/p><p>Nur bei dieser Art von Wirtschaftspolitik mache auch eine von der Politik unabh&auml;ngige Zentralbank Sinn, weil dann der Geldpolitik die Funktion zukommen k&ouml;nne, das Einwirken der Politik auf die Tarifpartner begleitend zu unterst&uuml;tzen. <\/p><p>Nach Daniel lehnte Weintraub eine undifferenziert restriktive Geldpolitik der Zentralbank nach monetaristischem Muster strikt mit dem Argument ab, diese l&ouml;se einen gesamtwirtschaftlich sch&auml;dlichen Mechanismus aus: sie bewirke (unn&ouml;tige) Unternehmenszusammenbr&uuml;che und Arbeitslosigkeit und schw&auml;che aus sich heraus die Tarif-Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer.<\/p><p>Vor dem Hintergrund des skizzierten politisch-&ouml;konomischen Denkens Weintraubs wird verst&auml;ndlich, warum er in seinem letzten Lebensjahr ausdr&uuml;cklich die deutsche Wirtschaftspolitik der 1970-er Jahre (mit Konzertierter Aktion und antizyklischer Globalsteuerung) als Modell einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik lobte und warum er am Ende seines Lebens das auch in Frankreich ab 1983 praktizierte, monetaristische Umsteuern aufs Tiefste bedauerte.<\/p><p>Der Kolumnist Jean-Marc Daniel bemerkt zum Schluss seiner wirtschaftshistorischen Chronik, Sydney Weintraub habe sich in seiner Zeit durch seine theoretische Standhaftigkeit gegen&uuml;ber dem um sich greifenden Monetarismus sehr viele Feinde gemacht und daher den ihm eigentlich &bdquo;selbstverst&auml;ndlich&ldquo; zustehenden Wirtschafts-Nobelpreis nicht bekommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Normalerweise komme ich aus dem Staunen dar&uuml;ber, wie einvernehmlich heute von Rechts bis Links die siebziger Jahre eher als S&uuml;ndenfall denn als golden betrachtet werden, nicht mehr heraus. Jetzt werde ich durch einen Hinweis von Gerhard Kilper getr&ouml;stet. 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