{"id":24311,"date":"2014-12-16T16:01:53","date_gmt":"2014-12-16T15:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311"},"modified":"2019-07-05T10:41:51","modified_gmt":"2019-07-05T08:41:51","slug":"vor-der-praesidentschaftswahl-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311","title":{"rendered":"Vor der Pr\u00e4sidentschaftswahl in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>Die griechische Regierung hat die erste Runde der Pr&auml;sidentschaftswahl durch das Parlament auf den 17. Dezember vorgezogen. Urspr&uuml;nglich sollte diese im ersten Quartal 2015 stattfinden. Die internationalen Geldgeber haben daraufhin beschlossen, das Hilfsprogramm f&uuml;r Griechenland um zwei Monate zu verl&auml;ngern. Durfte die Pr&auml;sidentschaftswahl &uuml;berhaupt vorgezogen werden? Warum hat die Regierung Samaras die Pr&auml;sidentenwahl &uuml;berhaupt beschleunigt? Wie stehen derzeit die Chancen, dass die Regierung ihren Pr&auml;sidentschaftskandidaten durchbringt, sodass ihr vorzeitige Parlamentswahlen erspart bleiben? Kann sich das derzeit sichtbare Kr&auml;fteverh&auml;ltnis bis zum entscheidenden Wahlgang vom 29. Dezember noch verschieben? Macht die Person des Kandidaten Pavlos Dimas das Erreichen der Pr&auml;sidenten-Mehrheit von 180 Stimmen leichter oder schwerer? Wie begr&uuml;ndet ist der in linken Kreisen artikulierte Verdacht, die Regierung werde versuchen, die f&uuml;r die Wahl von Dimas n&ouml;tigen Stimmen zu &bdquo;kaufen&ldquo;? Welche Entwicklungen k&ouml;nnten die Wahl eines Pr&auml;sidenten noch beeinflussen? Auf diese und andere wichtige Fragen der griechischen Politik versucht <strong>Niels Kadritzke<\/strong> eine Antwort zu geben. Dar&uuml;ber hinaus wirft er einen Blick auf die trostlose Bilanz von sechs Jahren Krisenpolitik.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Wahl eines neuen griechischen Staatspr&auml;sidenten war eigentlich f&uuml;r Fr&uuml;hjahr 2015 vorgesehen. Jetzt hat die Regierung Samaras die Wahl vorgezogen, die nun noch innerhalb des Jahres 2014 stattfinden wird. Warum durfte sie das?<\/strong><\/p><p>Nach Artikel 32 Abs.1 muss das griechische Parlament sp&auml;testens einen Monat vor Ablauf der f&uuml;nfj&auml;hrigen Amtszeit des alten Pr&auml;sidenten zur Wahl eines Nachfolgers einberufen werden. Da  Karolos Papoulias seine zweite Amtszeit am 12. M&auml;rz 2010 angetreten hat, war der Beginn des Wahlvorgangs f&uuml;r Anfang Februar vorgesehen. Die Wahl kann sich auf drei Runden ausdehnen, wobei in den ersten beiden Runden eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich ist (200 der 300 Stimmen). Ob ein von der Regierung gest&uuml;tzter Kandidat die n&ouml;tige Drei-F&uuml;nftel-Mehrheit von 180 Stimmen erreichen kann, entscheidet sich allerdings erst im dritten Wahlgang, also zehn bis zw&ouml;lf Tage sp&auml;ter. Bei einem Scheitern des Kandidaten muss das alte Parlament nach Art. 32  Abs.4 aufgel&ouml;st und ein neues Parlament gew&auml;hlt werden (das als erste Aufgabe innerhalb von 20 Tagen einen neuen Pr&auml;sidenten zu w&auml;hlen h&auml;tte). Eine so erzwungene vorzeitige Parlamentswahl &ndash; regul&auml;re Wahlen stehen erst f&uuml;r Juni 2016 an &ndash; war nach diesem &bdquo;normalen&ldquo; Zeitplan fr&uuml;hestens f&uuml;r Ende M&auml;rz zu erwarten.<\/p><p>Die Entscheidung, den Prozess um fast zwei Monate vorzuziehen, wurde von der Regierung Samaras getroffen. Sie war nur m&ouml;glich, weil die Verfassung f&uuml;r die Wahl zwar eine Mindestfrist (von einem Monat) vor Ablauf der Amtszeit des scheidenden Pr&auml;sidenten festlegt, nicht aber eine maximale Frist. Dennoch ist diese Entscheidung aus zwei Gr&uuml;nden staatsrechtlich problematisch. <\/p><p>Erstens verl&auml;ngert sich dadurch die Zeitspanne, in der noch der alte Pr&auml;sident amtiert, w&auml;hrend der neue schon feststeht. Durch die vorgezogene Wahl wird n&auml;mlich die Amtszeit von Papoulias keineswegs verk&uuml;rzt, vielmehr ist dieser nach Art. 32 Abs. 2 &bdquo;in jedem Fall f&uuml;r die gesamte Amtszeit&ldquo; (von f&uuml;nf Jahren) gew&auml;hlt. Schwer vorstellbar w&auml;re zum Beispiel die Neuwahl des Pr&auml;sidenten schon sechs Monate vor Ablauf der Amtszeit des alten. Auch das wurde schon diskutiert, aber stets unter der Voraussetzung, dass sich Papoulias zu einem vorzeitigen R&uuml;cktritt &uuml;berreden l&auml;sst. Davon hat man auch deshalb abgesehen, weil der Pr&auml;sident zum Spielmaterial parteitaktischer Man&ouml;ver geworden w&auml;re. Eine Wahl bereits zehn Wochen vor Ablauf der Amtszeit des alten Pr&auml;sidenten d&uuml;rfte das &Auml;u&szlig;erste sein, was eine Interpretation der Verfassung gerade noch zul&auml;sst.<\/p><p><strong>Eine Wahl und ihre &bdquo;Zweckentfremdung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Problematisch ist auch der explizit &bdquo;politische&ldquo; Charakter der Entscheidung &uuml;ber die vorgezogene Pr&auml;sidentenwahl. Das Staatsoberhaupt ist als ein Verfassungsorgan konstruiert, das &uuml;ber der Tagespolitik stehen soll. Nicht zuf&auml;llig wird seine Wahl durch den Parlamentspr&auml;sidenten anberaumt (Art.32\/1), der theoretisch eine neutrale Instanz ist. Im jetzigen Fall wurde der Wahltermin von der Regierungsspitze (also von Samaras und seinem Stellvertreter Venizelos) beschlossen und offiziell verk&uuml;ndet. Ob Parlamentspr&auml;sident Meimarakis diesen Beschluss vollziehen musste, ist rechtlich ungekl&auml;rt. Aber die Frage spielt keine Rolle, weil Meimarakis (u.a. langj&auml;hriger ND-Generalsekret&auml;r) ein altbew&auml;hrter Parteisoldat ist.<\/p><p>Auch die Frage, ob die vorgezogene Pr&auml;sidentenwahl dem Geist des Art. 33 der Verfassung entspricht, stellt sich in der Praxis nicht. Denn gegen den Beschluss der Regierung hat niemand Beschwerde eingelegt. Im Gegenteil:  Gerade die Oppositionsparteien dringen schon seit l&auml;ngerem auf vorzeitige Neuwahlen. Insbesondere die Linkspartei Syriza verk&uuml;ndet seit den Europawahlen im Mai 2014, sie wolle die Wahl des Pr&auml;sidenten durch das jetzige Parlament auf jeden Fall vereiteln, und zwar v&ouml;llig unabh&auml;ngig vom Kandidatenangebot. Die &bdquo;Politisierung&ldquo; der Pr&auml;sidentenwahl ging in diesem Fall also auch von der Opposition aus. Diese negative Festlegung widerspricht zweifellos dem &bdquo;Geist der Verfassung&ldquo;. Denn die Intention von Artikel 32 ist eindeutig: Er soll eine m&ouml;glichst breite parlamentarische Mehrheit f&uuml;r das Staatsoberhaupt sichern, und nicht etwa einen &bdquo;Umweg&ldquo; zu Neuwahlen er&ouml;ffnen. Eine &bdquo;Zweckentfremdung&ldquo; der Pr&auml;sidentenwahl ist f&uuml;r Griechenland allerdings nichts Neues. Und es wird sie auch in Zukunft geben, es sei denn, die Verfassung wird in diesem Punkt ge&auml;ndert (was einige Politiker und Verfassungsrechtler ohnehin fordern).<\/p><p><strong>Warum hat die Regierung Samaras die Pr&auml;sidentenwahl beschleunigt?<\/strong><\/p><p>Der Beschluss der Athener Regierung ist zwar eine autonome Entscheidung, wurde aber durch die Troika der Gl&auml;ubiger (EU-Kommission, EZB und IWF) quasi erzwungen. Zwar gab es in den Planspielen der Koalitionsparteien ND und Pasok schon seit Sommer eine Variante C, die vorgezogene Neuwahlen als einen &bdquo;&Uuml;berraschungscoup&ldquo; vorsah, aber diese Variante galt nur als Blendwerk, das die oppositionelle Syriza verunsichern sollte. Die jetzige Entscheidung beruht nicht auf einer eigenen Strategie oder Taktik, sondern wurde der Regierung oktroyiert.<\/p><p>Hintergrund sind die Differenzen und Auseinandersetzungen um die Erf&uuml;llung der Forderungen, die Griechenland von der Troika als Bedingung f&uuml;r die laufende Finanzhilfe abverlangt werden. Da die Regierung Samaras ein m&ouml;glichst rasches Ende dieser &bdquo;Zwangsverpflichtung&ldquo; auf ein Sparprogramm (formuliert in Form von &bdquo;Memoranden&ldquo;) nicht nur anstrebt, sondern bereits verk&uuml;ndet hat, ist die anstehende Evaluierung besonders bedeutsam. Sie l&auml;uft auf eine Art  &bdquo;Abschlussbericht&ldquo; hinaus, der eigentlich bereits im Oktober vorliegen sollte. Dieser Bericht ist aber wegen gravierender Bewertungsdifferenzen immer noch nicht fertig, was bislang auch die Auszahlung der letzten Kredittranche f&uuml;r 2014 (in H&ouml;he von 1,8 Mrd. Euro) verhindert hat. <\/p><p>Die Troika hatte nach ihrer letzten Inspektionsrunde im November erkl&auml;rt, dass sie die Voraussetzungen f&uuml;r eine Beendigung des Sparprogramms nicht erf&uuml;llt sieht. Sie machte vor allem zwei Punkte geltend: Der Haushalt f&uuml;r 2015 weise nach wie vor eine Deckungsl&uuml;cke von mindestens 1,7 Mrd. Euro auf, f&uuml;r die beiden darauffolgenden Haushaltsjahre werde sich der Fehlbetrag auf 2, 9 Mrd. Euro erh&ouml;hen. Zudem sei die Regierung Samaras mit wichtigen und seit langem zugesagten Reformen im R&uuml;ckstand (die Liste von 15 &bdquo;M&auml;ngelr&uuml;gen&ldquo; der Troika publizierte die Kathimerini in ihrer griechischen Ausgabe vom 13. Dezember; siehe dazu auch meine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764\">letzte Analyse vom 30. Oktober 2014<\/a>).<\/p><p>Samaras, Venizelos und Finanzminister Chardovelis hatten gehofft, die Differenzen mit der Troika bis Anfang Dezember ausr&auml;umen zu k&ouml;nnen. Und zwar ohne neue Sparma&szlig;nahmen (wie Steuererh&ouml;hungen und Lohn- bzw. Rentenk&uuml;rzungen) zu beschlie&szlig;en, f&uuml;r die sie wahrscheinlich keine Mehrheit im Parlament gefunden h&auml;tten. Zugleich hofften sie, sofort danach die Bedingungen f&uuml;r eine &bdquo;vorsorgliche&ldquo; Kreditlinie aushandeln zu k&ouml;nnen, also einen neuen Rettungsschirm, der die bisherigen ESM-Kredite ersetzen soll. Dies Bedingungen f&uuml;r diese Kreditlinie sollen nach ihrer Vorstellung so weich ausfallen, dass Samaras und Venizelos den griechischen W&auml;hlern erz&auml;hlen k&ouml;nnten, die Krise sei &uuml;berwunden und die Zeit fremdbestimmten Sparens endg&uuml;ltig zu Ende (siehe dazu meine <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764\">ausf&uuml;hrliche Darstellung auf den NDS vom 30. Oktober<\/a>).<\/p><p><strong>Streit um die griechischen Haushaltszahlen<\/strong><\/p><p>Dieses Szenario durchkreuzte die Troika mit ihrer Weigerung, die griechischen Zahlen f&uuml;r den Haushaltsplan 2015 zu akzeptieren. Das Hauptproblem war dabei, wie man in einer detaillierten Analyse in der Kathimerini (14. Dezember) nachlesen kann, dass das Haushaltsjahr 2015 bereits mit einem Loch bei den laufenden Staatseinnahmen beginnen w&uuml;rde: &bdquo;Im Zeitraum Januar bis November ist ein Einnahmer&uuml;ckstand in H&ouml;he von 1,2 Milliarden Euro aufgelaufen&ldquo;, zudem seien im Dezember noch erhebliche Zusch&uuml;sse an &ouml;ffentliche K&ouml;rperschaften und Sozialkassen f&auml;llig. Bezeichnend f&uuml;r die Lage sei, dass der Fiskus bis Jahresende noch &bdquo;die ungeheure Summe von 8,4 Milliarden Euro eintreiben muss, um die gesteckten Haushaltsziele zu erreichen, wogegen die Einnahmen im Dezember 2013 gerade mal bei 5 Milliarden Euro lagen.&ldquo; Dieses Loch sei auch deshalb nicht mehr zu stopfen, weil die Finanz&auml;mter &bdquo;in die alten Unsitten zur&uuml;ckfallen&ldquo; und zum Beispiel deutlicher weniger Kontrollen und Betriebspr&uuml;fungen durchf&uuml;hren. Dies alles zeige, &bdquo;dass die Zielvorgaben, die man zusammen mit den Gl&auml;ubigern aufgestellt hat, nicht erreicht werden&ldquo;.   <\/p><p>Die Regierung stand also vor der Aufgabe, unverz&uuml;glich neue Einnahmequellen zu erschlie&szlig;en, die eine Chance hatten, vom Parlament akzeptiert zu werden. Die einzige Ma&szlig;nahme, die bei der ND- und der Pasok-Fraktion nicht durchfallen w&uuml;rde, war die Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer f&uuml;r Hotel- und Gastst&auml;ttenums&auml;tze von 6,5 auf 13 Prozent. Andere Steuererh&ouml;hungen, die die Lebenshaltung breiterer und &auml;rmerer Bev&ouml;lkerungskreise verteuert h&auml;tten, konnte die Regierung nicht riskieren. Ihr Einsch&auml;tzung lautete, wie Eleni Varvitsioti und Kostas Papadiochos in einem gr&uuml;ndlichen Hintergrundbericht (Kathimerini vom 14. Dezember) darlegen: Je mehr wir der Troika nachgeben, desto schwieriger wird es, die Wahl des Staatspr&auml;sidenten zu &uuml;berstehen. <\/p><p><strong>Flucht nach vorn als g&uuml;nstigste Optionen<\/strong><\/p><p>Als sich dann herausstellte, dass die erh&ouml;hte Mehrwertsteuer das Haushaltsloch allenfalls zur H&auml;lfte stopfen w&uuml;rde,  schaltete die Troika Anfang Dezember endg&uuml;ltig auf stur. Jetzt blieben der Regierung nur drei Optionen:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;schmerzhafte Zugest&auml;ndnisse&ldquo; an die Troika, auf die Gefahr hin, dass die Regierungskoalition im Parlament eine Niederlage erleidet oder gar auseinanderbricht, weil die Pasok nicht mehr mitmacht;<\/li>\n<li>Eingest&auml;ndnis der Ausweglosigkeit und Bruch mit der Troika;<\/li>\n<li>ein Kompromiss mit der Troika, der der griechischen Seite f&uuml;r die Erf&uuml;llung unerf&uuml;llbarer Forderungen eine neue Schonfrist einr&auml;umt.<\/li>\n<\/ul><p>Die erste Alternative h&auml;tte die politische Niederlage (bei den Pr&auml;sidentenwahlen und nachfolgenden Parlamentswahlen) der Regierung besiegelt. Die zweite Alternative h&auml;tte einen &ouml;konomischen Crash bedeutet, zumal damit zu rechnen war, dass auch die EZB (als Teil der Troika) die griechischen Banken nicht mehr gest&uuml;tzt h&auml;tte. Deshalb musste sich die Regierung Samaras f&uuml;r die dritte Alternative entscheiden, und zwar nach der Kompromissformel: Die Troika gew&auml;hrt eine &bdquo;technische&ldquo; Verz&ouml;gerung ihrer abschlie&szlig;enden Evaluierung um zwei Monate, w&auml;hrend Athen die Pr&auml;sidentenwahlen in den Dezember 2014 vorzieht. <\/p><p>F&uuml;r die Regierung bedeutet dies eine &bdquo;Flucht nach vorn&ldquo;, die aber als einziger Ausweg &uuml;brig blieb. Dieser Ausweg  bietet immerhin einen doppelten Vorteil: Die Chancen f&uuml;r die Wahl eines Pr&auml;sidenten werden im Dezember besser sein als im Februar 2015. Und auch f&uuml;r den Fall, dass ein Scheitern der Wahl zu vorzeitigen Parlamentswahlen f&uuml;hrt, k&ouml;nnten diese noch im Januar oder sp&auml;testens Anfang Februar 2015  stattfinden &ndash;  also bevor man sich mit der Troika &uuml;ber neue Sparma&szlig;nahmen geeinigt haben muss. Deshalb w&uuml;rden Samaras und Venizelos in ihrem Wahlkampf immer noch behaupten k&ouml;nnen, dass der Ausstieg aus dem Sparprogramm der Troika unmittelbar bevorsteht und die Regierung das Land in eine neue Epoche f&uuml;hrt, in der es nur noch &bdquo;vorsorgliche Kreditlinie&ldquo;, aber keine &bdquo;Memoranden&ldquo; mehr gibt. <\/p><p>Einen zus&auml;tzlichen Vorteil bietet die Pr&auml;sidentenwahl vor Jahresende speziell f&uuml;r die Pasok, deren Vorsitzender, Au&szlig;enminister Venizelos, sich innerhalb seiner Partei zunehmend in Frage gestellt sieht. Einige Beobachter gehen sogar davon aus, dass der Plan von Venizelos, die Partei in eine neue Formation namens &bdquo;Demokratische Fraktion&ldquo; umzuwandeln, zu einer Spaltung f&uuml;hren wird. Deshalb bestehen ernsthafte Zweifel, ob Venizelos bei Wahlen im sp&auml;ten Fr&uuml;hjahr &uuml;berhaupt noch &uuml;ber eine einsatzf&auml;hige Partei verf&uuml;gen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Wie stehen derzeit die Chancen, dass die Regierung ihren Pr&auml;sidentschaftskandidaten durchbringt, sodass ihr vorzeitige Parlamentswahlen erspart bleiben?<\/strong><\/p><p>Bis vor kurzem galt es als ausgeschlossen, dass im Parlament das notwendige Quorum von 180 Stimmen (im 3. Wahlgang) erreichbar ist. Die Regierungsparteien ND und Pasok m&uuml;ssten jenseits ihrer eigenen 155 Abgeordneten noch weitere 25 Stimmen auftreiben, entweder aus dem Kreis der  &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Abgeordneten oder unter den Mitgliedern der oppositionellen Fraktionen. Dass dies bis zum 29. Dezember gelingt, halten die meisten Beobachter noch immer f&uuml;r sehr unwahrscheinlich. Die Kalkulationen in linken wie in b&uuml;rgerlichen Zeitungen besagen &uuml;bereinstimmend, dass der Regierung auch im dritten Wahlgang noch mindestens vier bis f&uuml;nf Stimmen fehlen werden. Die detaillierteste Einsch&auml;tzung der Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse bot die linke Efimerida ton Syntakton (Zeitung der Redakteure) vom 9. und 11. Dezember: Nach Auswertung aller bisherigen &Auml;u&szlig;erungen der 24 &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Abgeordneten kann der Kandidat Dimas aus diesem Bereich mit maximal 11 Stimmen rechnen: f&uuml;nf von ehemaligen Abgeordneten der linken Dimar, und sechs von rechten Abgeordneten, die aus der ND- oder der Anel-Fraktion ausgetreten sind. <\/p><p>Demgegen&uuml;ber haben sich 13 der &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Parlamentarier (bislang) darauf festgelegt, mit Nein zu stimmen. Das w&uuml;rde bedeuten, dass die Regierung noch 14 Abgeordnete aus den Oppositionsparteien auf ihre Seite ziehen muss. Bei der linkssozialdemokratischen Dimar (die sich per Fraktionsbeschluss auf ein Nein festgelegt hat) wie bei der rechtspopulistischen Anel wird zwar tapfer behauptet, die Fraktionsdisziplin in Sachen Pr&auml;sidentenwahl stehe &bdquo;fest wie Beton&ldquo;. Aber aus Presseberichten geht hervor, dass bei der Dimar zwei und bei der Anel zwei oder drei Fraktionsmitglieder bereits jetzt erkennen lassen, sie k&ouml;nnten am Ende doch f&uuml;r Dimas stimmen. <\/p><p>Aber auch damit k&auml;me das Regierungslager erst auf 171 Stimmen (155 der Koalition, 11 Unabh&auml;ngige, 5 von Dimar- bzw. Anel-Abgeordneten), m&uuml;sste also noch weitere 9 &bdquo;unsichere Kantonisten&ldquo; aufsp&uuml;ren und auf seine Seite ziehen. Das aber erscheint ausgeschlossen, wenn die Kalkulation der Efimerida ton Syntakton richtig ist, dass bereits 124 Mitglieder des Parlaments auf ein Nein festgelegt sind. Noch optimistischer wird die Lage innerhalb der Syriza eingesch&auml;tzt: Die Partei rechnet mit 137 Nein- Stimmen im ersten Wahlgang,  was maximal 163 Stimmen f&uuml;r Dimas bedeuten w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Die inhaftierten Neonazis d&uuml;rfen mitw&auml;hlen<\/strong><\/p><p>An diesem Punkt muss auf ein sehr heikles Thema verwiesen werden:  Wenn die Syriza die Nein-Stimmen zusammenzahlt, kalkuliert sie die 16 Abgeordneten der Neonazi-Partei Chrysi Avgi mit, von denen sieben in Untersuchungshaft sitzen, darunter der Parteivorsitzende Michaloliakos. Der und seine sechs Fraktionskameraden d&uuml;rfen an der Pr&auml;sidentenwahl teilnehmen, wie heute der Staatsanwalt entscheiden hat, der f&uuml;r ihr Gef&auml;ngnis zust&auml;ndig ist. Bisher hat dieser den U-H&auml;ftlingen die Teilnahme an einer Parlamentssitzung nur erlaubt, als es um die Aufhebung ihrer Immunit&auml;t ging. Dagegen durften sie an der Vertrauensabstimmung f&uuml;r die Regierung Samaras vom 11. Oktober nicht teilnehmen. Aber die Mitwirkung an einem so wichtigen Verfassungsakt wie der Pr&auml;sidentenwahl kann man ihnen nicht verwehren. Und zwar schon um zu vermeiden, dass diese Abgeordneten ihren Ausschluss und damit die G&uuml;ltigkeit der Wahl insgesamt gerichtlich anfechten k&ouml;nnen. <\/p><p>Ob die U-H&auml;ftlinge abstimmen werden oder nicht, wird allerdings f&uuml;r den Ausgang der Wahl nicht entscheidend sein. Denn die Chrysi Avgi-Abgeordneten werden ohnehin nicht f&uuml;r den Kandidaten Dimas stimmen. Dennoch k&ouml;nnte sich bei diesem entscheidenden Wahlgang eine peinliche Konstellation ergeben. Ein achter Untersuchungsh&auml;ftling aus der Chrysi-Avgi-Fraktion, der Abgeordnete Stathis Boukaras, hat sich inzwischen von den Neonazis losgesagt und zum &bdquo;Unabh&auml;ngigen&ldquo; erkl&auml;rt. Sollte er zur Pr&auml;sidentenwahl erscheinen d&uuml;rfen,  k&ouml;nnte er bestrebt sein, seine Lossagung von den Neonazis mit seiner Stimmabgabe f&uuml;r den Kandidaten Dimas zu bekr&auml;ftigen.<\/p><p><strong>Kann sich das derzeit sichtbare Kr&auml;fteverh&auml;ltnis bis zum entscheidenden Wahlgang vom 29. Dezember noch verschieben? <\/strong><\/p><p>Die dargestellten Kalkulationen beschreiben den status quo, den auch die Regierung nicht bestreitet: In der &bdquo;gew&ouml;hnlich gut informierten&ldquo; Kathimerini wird eine &bdquo;Regierungsquelle&ldquo; mit der Einsch&auml;tzung zitiert, dass man &bdquo;noch nicht&ldquo; auf die 180 notwendigen Stimmen z&auml;hlen k&ouml;nne. Dieselbe Zeitung meldet aus der &bdquo;Umgebung&ldquo; von Samaras, der Regierungschef sei stocksauer &uuml;ber die &bdquo;irref&uuml;hrenden Informationen&ldquo;, die er bislang &uuml;ber die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse bei den unabh&auml;ngigen Abgeordneten erhalten habe. Nach Darstellung der Kathimerini w&uuml;rden die Realisten in der Regierung bereits von einem Erfolg sprechen, wenn Dimas im ersten Wahlgang am Mittwoch mehr als 165 Stimmen bekommen w&uuml;rde. <\/p><p><strong>&bdquo;Alles flie&szlig;t&ldquo;<\/strong><\/p><p>Danach allerdings k&ouml;nnte einiges in Bewegung kommen, mutma&szlig;t die Zeitung unter dem bei Heraklit geklauten Zwischentitel &bdquo;Ta panta rei&ldquo; (&bdquo;Alles flie&szlig;t&ldquo;). Die ebenfalls regierungsfreundliche Wochenzeitung To Vima berichtet, &bdquo;die Optimisten im Regierungslager&ldquo; erhofften sich schon am 17. Dezember bis zu 175 Stimmen f&uuml;r Dimas: &bdquo;In diesem Fall halten sie die 180 Stimmen im dritten Wahlgang f&uuml;r machbar.&ldquo;<\/p><p>Neutrale Beobachter gehen davon aus, dass f&uuml;r die &bdquo;Dynamik&ldquo; des Wahlprozesses entscheidend sein wird, wie viele Abgeordnete sich bereits im ersten Wahlgang der Stimme enthalten. Falls es viele sind, w&uuml;rde dies eine &bdquo;schwankende&ldquo; Stimmung anzeigen, die dann im 3. Wahlgang zugunsten von Dimas kippen k&ouml;nnte. <\/p><p>Alle Berichte &uuml;ber die Strategie des Regierungslagers stimmen in einem Punkt &uuml;berein: Samaras und seine engsten Mitarbeiter setzen weniger auf die Gruppe der &bdquo;Unabh&auml;ngigen&ldquo;, vielmehr wollen sie die &bdquo;unsichere Kantonisten&ldquo; in den Fraktionen der Dimar (10 Abgeordnete) und der Anel (12 Abgeordnete) bearbeiten. Von diesen will man m&ouml;glichst viele durch direkte Gespr&auml;che und Kontakte &ndash; auch durch Anrufe des Regierungschefs pers&ouml;nlich &ndash; zum &bdquo;&Uuml;berlaufen&ldquo; ins Lager der Dimas-W&auml;hler bewegen. Dabei spekuliert man vor allem auf zwei Motive m&ouml;glicher &bdquo;Dissidenten&ldquo;: Zum einen droht beiden Parteien bei Neuwahlen die Ausl&ouml;schung (im Fall der Dimar ist dieses Schicksal nicht mehr abzuwenden), deshalb werden die Abgeordneten ihr Mandat bis 2016 aussitzen wollen, zumal ihnen danach der Absturz in die Bedeutungslosigkeit droht. Zum anderen gibt es in beiden Fraktionen erheblichen Unmut &uuml;ber die jeweiligen Parteif&uuml;hrung,  der viele eine zu engen Kooperation mit der Syriza vorwerfen. <\/p><p>Einige dieser unzufriedenen Abgeordneten lassen schon vor dem ersten Wahlgang erkennen, dass sie ihre Position unter &bdquo;bestimmten Umst&auml;nden&ldquo; &uuml;berdenken wollen.  So erkl&auml;rte die Anel-Abgeordnete Kollia-Tsaroucha, sie werde den Pr&auml;sidenten nicht mitw&auml;hlen, es sei denn bei einem &bdquo;ersch&uuml;tternden Ereignis&ldquo; &ndash; zum Beispiel,  wenn die Nation &bdquo;in Gefahr&ldquo; sei. Ganz &auml;hnlich meinte ihr Fraktionskollege Chaikalis, f&uuml;r den Fall, dass sich ein &bdquo;nationalen Thema&ldquo; stellen w&uuml;rde, m&uuml;sse die ganze Partei ihre Position &uuml;berdenken. Auf solche Zweifel und Stimmungen zielt die Regierung mit ihrer Strategie, vorzeitige Parlamentswahlen und einen m&ouml;glichen Wahlsieg der Syriza als &bdquo;nationale Katastrophe&ldquo; darzustellen (&uuml;ber diese Politik der &bdquo;Panikmache&ldquo; und ihre Erfolgsaussichten weiter unten mehr).<\/p><p><strong>Macht die Person des Kandidaten Pavlos Dimas das Erreichen der Pr&auml;sidenten-Mehrheit von 180 Stimmen leichter oder schwerer?<\/strong><\/p><p>Weder noch. Die Kandidatur Dimas ist eine rational kalkulierte L&ouml;sung. Zwar ist es auf den ersten Blick &uuml;berraschend, dass eine Regierung, die f&uuml;r ihren Kandidaten mindestens 25 Abgeordnete jenseits ihrer Parlamentsfraktionen gewinnen muss, einen altbekannten ND-Politiker ins Rennen schickt. Bekannt ist auch, dass der klare Wunschkandidat von ND wie Pasok noch Anfang dieses Jahres der Dimar-Vorsitzende Fotis Kouvelis war, weil man ihm zutraute, die Stimmen linker unabh&auml;ngiger Parlamentarier und sogar einiger Syriza-Abgeordneten zu binden. Dieser Plan wurde jedoch hinf&auml;llig, als der vormals popul&auml;re Kouvelis an &ouml;ffentlicher Zustimmung einb&uuml;&szlig;te und sich politisch immer st&auml;rker der Syriza ann&auml;herte (heute gehen viele davon aus, dass Kouvelis die Reste der Dimar sp&auml;testens nach erfolglosen Parlamentswahlen in die Syriza &uuml;berf&uuml;hren wird). <\/p><p>In der Folge soll Samaras mit der Idee eines parteilosen rechten Kandidaten aus dem &bdquo;patriotischen Lager&ldquo;  geflirtet haben. Wenn das stimmt, musste der Plan an der schlichten Tatsache scheitern, dass die Regierung nach Stimmen f&uuml;r die Pr&auml;sidentenmehrheit in rechten wie in linken Gew&auml;ssern fischen muss. In Anbetracht dessen erscheint der Kandidat Stavros Dimas als die gebotene L&ouml;sung, weil er f&uuml;r linke wie f&uuml;r rechte Abgeordnete w&auml;hlbar ist. Der 73j&auml;hrige hat zwar eine klassische Parteikarriere hinter sich (ND-Generalsekret&auml;r, ND-Fraktionsvorsitzender und Minister in f&uuml;nf Ressorts), verdankt seinen Ruf als moderner, liberaler Konservativer aber seiner Karriere in Br&uuml;ssel, wo er von 2004 bis 2010 als EU-Kommissar f&uuml;r Umweltfragen fungierte. Mit seinem Wirken auf europ&auml;ischer Ebene hat er sich Achtung &uuml;ber die Parteigrenzen hinweg verschafft. Sein &bdquo;kosmopolitisches&ldquo; und &uuml;berparteiliches Profil war auch der Grund f&uuml;r seine Berufung zum Au&szlig;enminister in die Athener Technokraten-Regierung von Lukas Papadimos (November 2011 bis Mai 2012). <\/p><p><strong>Ein Kandidat der keinen Ansto&szlig; erregt<\/strong><\/p><p>Dimas z&auml;hlt auf keinen Fall zum engeren Zirkel von Samaras,  der sich vornehmlich von konservativ-patriotischen Kadern beraten l&auml;sst. Nach Pressemeldungen soll die Kandidatur von Dimas  vom fr&uuml;heren Ministerpr&auml;sidenten Kostas Karamanlis inspiriert sein,  dessen Anh&auml;nger innerhalb der Nea Dimokratia den liberaleren Fl&uuml;gel repr&auml;sentieren. Dimas Akzeptanz f&uuml;r eine breite politische Mitte wird durch die erste Umfrage nach seiner Nominierung f&uuml;r das Pr&auml;sidentenamt best&auml;tigt (Metron Analysis, siehe Ta Nea vom 14. Dezember). Danach sehen 51 Prozent der Befragten in dem ehemaligen EU-Umweltkommissar einen &bdquo;guten&ldquo; Pr&auml;sidenten. Noch signifikanter ist, dass ihn nur 14 Prozent f&uuml;r einen &bdquo;schlechten&ldquo; Pr&auml;sidenten halten, was zeigt, dass er bis weit &uuml;ber die linke Mitte akzeptabel ist oder zumindest keinen Ansto&szlig; erregt.<\/p><p>Aus Sicht beider Regierungsparteien ist der Kandidat Dimas also eine schl&uuml;ssige Entscheidung mit dem Ziel, Unterst&uuml;tzung sowohl im rechten als auch im linken Spektrum zu finden. Ein zus&auml;tzlicher Aspekt bei dieser Personalie war ganz sicher, dass Dimas als ehemaliger EU-B&uuml;rokrat so gut vernetzt ist, dass er viele &bdquo;europ&auml;ische&ldquo; Stimmen aktivieren kann, die sich zu seinen Gunsten &auml;u&szlig;ern werden. Aus diesen Gr&uuml;nden ist es unwahrscheinlich, dass der Kandidat Dimas vor dem dritten Wahlgang noch ausgewechselt werden k&ouml;nnte, wie in den Medien spekuliert wurde. Das w&auml;re zwar laut Verfassung m&ouml;glich, h&auml;tte aber keinen Sinn, weil das Regierungslager keinen Kandidaten finden w&uuml;rde, der mehr Stimmen als Dimas binden k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Wie begr&uuml;ndet ist der in linken Kreisen artikulierte Verdacht, die Regierung werde versuchen, die f&uuml;r die Wahl von Dimas n&ouml;tigen Stimmen zu &bdquo;kaufen&ldquo;? <\/strong><\/p><p>Angesichts der Tragweite der Entscheidung ist die Vermutung, dass die Regierung die Wahl von Dimas &bdquo;mit allen Mitteln&ldquo; zu beg&uuml;nstigen versucht, ziemlich gut nachvollziehbar. Das gilt allerdings  ebenso f&uuml;r die &bdquo;Gegenseite&ldquo; (wobei die Methoden der Beeinflussung nat&uuml;rlich verschieden sind). Dass der Verdacht des &bdquo;Stimmenkaufs&ldquo; fast reflexhaft immer wieder auftaucht, resultiert aus der historischen Vorbelastung des griechischen Parlamentarismus und insbesondere aus der kollektiven Erinnerung an die Verfassungskrise von 1965, an deren Ende der Putsch der Obristen vom April 1967 stand. Damals wurde die Regierung des Zentrums-Politikers Giorgos Papandreou (Urvater der Papandreou-Dynastie) durch eine Fronde in seiner eigenen Fraktion zu Fall gebracht, die von dem sp&auml;teren ND-Ministerpr&auml;sidenten Konstantinos Mitsotakis angef&uuml;hrt wurde. Auf diese Juli-Abtr&uuml;nnigen (griechisch: apostates) bezieht sich eine politische Rhetorik, die bis heute jede politische Figur, die ihre Meinung oder gar Partei wechselt, als &bdquo;apostatis&ldquo; verd&auml;chtigt.<\/p><p>Der in Griechenland herrschende Generalverdacht, dass Parlamentsabgeordnete im allgemeinen &bdquo;k&auml;uflich&ldquo; sind, hat aber auch mit der Qualit&auml;t und Motivation von Abgeordneten zu tun, die ihre Posten dem herrschenden Klientelsystem verdanken. Deshalb traut man den meisten Parlamentariern nicht jene &bdquo;unbeschr&auml;nkte&ldquo; Gewissensfreiheit zu, die im Artikel  60 der Verfassung verankert ist. Dabei haben sich gerade in den letzten Jahren viele Abgeordnete von ihren Fraktionen losgesagt, weil sie bestimmte Entscheidungen aus &Uuml;berzeugung nicht mittragen konnten. Zumindest diese &bdquo;Abtr&uuml;nnigen&ldquo; haben bewiesen, dass sie sich vor allem ihrem Gewissen verpflichtet f&uuml;hlen. <\/p><p>Das hat auch die Syriza &ouml;ffentlich anerkannt. Zudem hat Parteichef Alexis Tsipras die &bdquo;Unabh&auml;ngigen&ldquo; im Parlament,  die sich ihrer Parteifesseln entledigt haben, wiederholt als B&uuml;ndnispartner der Syriza umworben. Deshalb ist es verwunderlich, dass die Partei im Hinblick auf die Pr&auml;sidentenwahl der Versuchung nachgegeben hat,  die alte Rhetorik gegen &bdquo;apostates&ldquo; zu reanimieren. Mitte Oktober forderte Tsipras die Abgeordneten von Dimar und Anel wie auch die &bdquo;Unabh&auml;ngigen&ldquo; auf, ihre Haltung zur Pr&auml;sidentenwahl vorzeitig offenzulegen. Seine Begr&uuml;ndung: Wenn sie das nicht tun, wachse die Bef&uuml;rchtung, dass &bdquo;in letzter Minute geheime Deals&ldquo; verabredet werden, um die Wahl des Kandidaten zu sichern und fr&uuml;he Neuwahlen zu vermeiden. <\/p><p><strong>Fraktionszwang oder Gewissensentscheidung<\/strong><\/p><p>Eine solche fr&uuml;he Festlegung w&uuml;rde allerdings eindeutig die Entscheidungs- und Gewissensfreiheit der Abgeordneten beeintr&auml;chtigen. Das grenzt an moralische Erpressung. Aber vor allem ist es eine Heuchelei, weil die Syriza einen Pasok-Parlamentarier, der sich &bdquo;in letzter Minute&ldquo; gegen  den Kandidaten Dimas entscheiden sollte, nicht als &bdquo;Abtr&uuml;nnigen&ldquo; verdammen, sondern als Helden der &bdquo;Gewissensfreiheit&ldquo; feiern w&uuml;rde. Im Gegensatz zu Tsipras hat der Dimar-Vorsitzende Kouvelis zwei Tage vor der ersten Abstimmung erkl&auml;rt, zwar sei die Parlamentsfraktion durch den Beschluss der Parteigremien gebunden, aber wenn  ein Dimar-Abgeordneter dennoch f&uuml;r den Pr&auml;sidenten stimme, werde er ihn weder als  &bdquo;Abtr&uuml;nnigen&ldquo; sehen noch f&uuml;r &bdquo;k&auml;uflich&ldquo; halten.<\/p><p>In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass die Gefahr einer Erpressung durch Fraktionszwang mindestens ebenso gro&szlig; ist wie die Versuchung des &bdquo;Stimmenkaufs&ldquo;. Der gr&ouml;&szlig;te Skandal bei Pr&auml;sidentschaftswahlen im demokratischen Griechenland (also seit Ende der Obristen-Diktatur 1974) war jedenfalls die Methode, mit der die Pasok unter Andreas Papandreou im M&auml;rz 1985 den Sieg ihres Kandidaten sicherstellte: Christos Sartzetakis gewann im dritten Wahlgang mit den erforderlichen 180 Stimmen nur deshalb, weil die Pasok-Fraktion die Entscheidungsfreiheit der Abgeordneten abgeschafft hatte. Die Fraktionsdisziplin war dadurch garantiert, dass die  Stimmzettel f&uuml;r Ja und Nein verschiedene Farben hatten. Damals hat die Pasok-Nomenklatura die Vorschrift, dass die Stimmzettel &bdquo;gleich&ldquo; sein m&uuml;ssten, mit dem dreisten Argument ausgehebelt, dies betreffe nur die Beschriftung und nicht die Farbe. <\/p><p>Der skandal&ouml;se Vorgang hat ein Jahr sp&auml;ter zu einer Verfassungs&auml;nderung gef&uuml;hrt, die bei der Pr&auml;sidentenwahl die &bdquo;geheime&ldquo; durch &bdquo;namentliche Abstimmung&ldquo; ersetzt hat. Diese Vorschrift gilt bis heute, also auch f&uuml;r die drei Wahlg&auml;nge bis zum 29. Dezember. Diese Transparenz sollte ausreichen, die Bereitschaft zum Kauf und Verkauf von Stimmen einzud&auml;mmen. Ebenso klar ist aber, dass die Motive f&uuml;r die Stimmabgabe bzw. Stimmungswandel einzelner Abgeordneter nicht unbedingt ans Licht kommen werden. Einem Betrugsverdacht nachzugehen, ist jedoch Aufgabe der Justiz, auf die in Griechenland immer noch Verlass ist.<\/p><p><strong>Welche Entwicklungen k&ouml;nnten die Wahl eines Pr&auml;sidenten noch beeinflussen?<\/strong><br>\nDie von der Regierung erhoffte &bdquo;Dynamik&ldquo;, die den Kandidaten Dimas im 3. Wahlgang zum Pr&auml;sidenten machen w&uuml;rde, kann sich auf mehreren Ebenen entfalten:<\/p><ul>\n<li>in Griechenland durch Einflussnahme und die schon erw&auml;hnte Angst-Propaganda der Regierung und der Massenmedien;<\/li>\n<li>auf europ&auml;ischer Ebene durch rhetorische Unterst&uuml;tzung der Regierung Samaras und ihres Kandidaten Dimas; <\/li>\n<li>durch Signale von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo;, die (transportiert und verst&auml;rkt durch den Gro&szlig;teil der Wirtschaftspresse) die Stimmung in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit beeinflussen, indem sie die &ndash; unzweifelhaft bereits vorhandenen &ndash;  &Auml;ngste der W&auml;hler wie auch der mit der Pr&auml;sidentenwahl betrauten Abgeordneten verst&auml;rken.<\/li>\n<\/ul><p>Auf der griechischen Ebene haben Samaras und seine engsten Mitarbeiter bereits begonnen, insbesondere auf Abgeordnete der rechtspopulistischen Anel (&bdquo;Unabh&auml;ngige Hellenen&ldquo;) einzuwirken. Nach einem Bericht der Kathimerini (14. Dezember) wird &bdquo;diese Operation vom Ministerpr&auml;sidenten selbst koordiniert und vor allem von seinem Staatsminister Stamatis und Parlamentspr&auml;sident Meimarakis getragen. Besonders aktiv seien auch solche ND-Politiker, die &bdquo;pers&ouml;nliche Beziehungen mit Kadern der Unabh&auml;ngigen Hellenen pflegen&ldquo;. Genannt werden dabei Gesundheitsminister Makis Voridis, der eine rechtsradikale Vergangenheit hat und erst 2011 von der ultrarechten Laos-Partei zur ND &uuml;bergetreten ist, und Kostas Markopoulos, der f&uuml;r die Anel im Parlament sa&szlig;, bis er im Sommer 2013 in den Stall der ND zur&uuml;ckkehrte. Wie Kathimerini und andere Zeitungen berichten, ist auch der Kandidat Dimas selbst mit vielen Gespr&auml;chen ein aktiver Promotor in eigener Sache. <\/p><p><strong>&bdquo;Propaganda des Chaos&ldquo;<\/strong><\/p><p>Was den Inhalt betrifft, so hat Samaras mit seinem Gerede vom &bdquo;drohenden Chaos&ldquo; und der &bdquo;&ouml;konomischen Katastrophe&ldquo; den Ton vorgegeben. Diese ND-Strategie ist keineswegs neu. Wenn immer Samaras in der Vergangenheit um seine Macht bangen musste, hat er diese Propagandakarte gezogen. Schon im vergangenen September behauptete er, im Fall eines Wahlsiegs der Syriza w&uuml;rden die griechischen B&uuml;rger &uuml;ber Nacht ihre Bankkonten abr&auml;umen. Und der ND-Fraktionsvorsitzende Georgadis hat damals die Griechen sogar aufgefordert, ihre Konten zu pl&uuml;ndern, falls die Samaras-Regierung abgel&ouml;st werde (siehe meinen Bericht in den NDS vom 17. Oktober). Zu Recht wirft deshalb Tsipras dem Regierungschef eine &bdquo;hysterische Panikmache&ldquo; vor: &bdquo;Damit fleht er fast &ouml;ffentlich die sogenannten M&auml;rkte an, sie m&ouml;gen unser Land attackieren &ndash;  wohlgemerkt: nicht die Syriza, sondern Griechenland&ldquo; (so in einer Rede vom 13. Dezember in Kreta).<\/p><p>Diese Kritik &auml;ndert allerdings nichts daran, dass die &bdquo;unpatriotische&ldquo; Chaos-Propaganda auf Kosten des eigenen Landes durchaus Wirkung erzielen wird. In den ersten beiden Umfragen, die nach der Nominierung von Dimas durchgef&uuml;hrt wurden, ist die F&uuml;hrung der Syriza vor der ND schon leicht abgeschmolzen. Nach diesen Prognosen w&uuml;rde die Opposition zwar immer noch Wahlsieger, wovon auch fast 70 Prozent der Befragten ausgehen. Aber von einer absoluten Parlamentsmehrheit (von 151 Sitzen) scheint die Syriza inzwischen weit entfernt: Nach einer plausiblen Kalkulation (in der Kathimerini vom 14. Dezember) m&uuml;sste sie daf&uuml;r auf 37 bis 38 Prozent der W&auml;hlerstimmen kommen; in den Umfragen liegt sie derzeit 5 Prozentpunkte unter dieser Schwelle. Noch bedeutsamer ist allerdings, dass sich eine leichte Mehrheit von 58 Prozent f&uuml;r die Wahl des Pr&auml;sidenten durch das jetzige Parlament ausspricht, und damit gegen baldige Parlamentswahlen. Bei den Umfragen im November lagen die Antworten auf diese Frage noch bei 50:50.<\/p><p><strong>Hilfe f&uuml;r Samaras aus Br&uuml;ssel und Berlin<\/strong><\/p><p>Seit die Regierung Samaras die Kandidatur des Ex-EU-Kommissars Stavros Dimas verk&uuml;ndet hat, ertrinkt dieser fast in einer Flut von Lobeshymnen aus Br&uuml;ssel. Den Anfang machte die Kommissions-Sprecherin Annika Breidthardt, als sie am 10. Dezember die Kandidatur des &bdquo;&uuml;berzeugten Europ&auml;ers&ldquo; Dimas als &bdquo;starkes Signal an Europa&ldquo; w&uuml;rdigte und erkl&auml;rte: &bdquo;Diese Entscheidung kann dazu beitragen, die Unsicherheiten auf den Finanzm&auml;rkten zu beseitigen&ldquo;. <\/p><p>Eine bessere Steilvorlage f&uuml;r Samaras war kaum vorstellbar &ndash; bis die EU-Kommission noch einen Schritt weiterging. Sie gratulierte der griechischen Regierung zur Entscheidung &uuml;ber die vorgezogene Pr&auml;sidentenwahl und erkl&auml;rte hochoffiziell ihre Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Kandidaten Dimas. Das ist ein einmaliger Vorgang: Nie zuvor hat ein EU-Organ derma&szlig;en offen Partei ergriffen und sich damit massiv in die Innenpolitik eines Mitgliedslandes eingemischt (siehe die Kommentare von Br&uuml;ssel-Beobachtern, wie etwa <a href=\"http:\/\/euobserver.com\/political\/126872\">hier<\/a>). Einen Tag sp&auml;ter legte EU-Kommissionspr&auml;sident Jean-Claude Juncker nach. Im &ouml;sterreichischen Fernsehen erkl&auml;rte er: &bdquo;Die Griechen wissen sehr genau, was ein falsches Wahlergebnis f&uuml;r Griechenland und die Euro-Zone bedeuten w&uuml;rde.&ldquo; Und stellte sogleich klar, was er unter richtig und falsch versteht: Er w&uuml;rde es nicht gern sehen, wenn &bdquo;extreme Kr&auml;fte&ldquo; in Athen an die Macht k&auml;men. Auf die Frage, ob er damit die Syriza meine, wich Juncker aus &ndash; um gleich darauf zu betonen, in Br&uuml;ssel sehe man lieber &bdquo;vertraute Gesichter&ldquo;. Damit hat er alles gesagt, ohne einen Namen zu nennen.<\/p><p>Zu dieser klaren Verletzung des Neutralit&auml;tsgebots passt die Haltung des EU-Finanzkommissars Pierre Moscovici, der bei seinem gestrigen Antrittsbesuch in Athen zwar Zeit f&uuml;r die Besichtigung einer U-Bahn-Baustelle, nicht aber f&uuml;r ein Treffen mit Oppositionsf&uuml;hrer Tsipras hatte. Dem lie&szlig; er &uuml;ber ein Interview mit der Kathimerini ausrichten, er sei an einem k&uuml;nftigen Treffen durchaus interessiert &ndash;  aber eben nicht jetzt. <\/p><p>Ganz auf der Linie des &bdquo;sozialdemokratischen&ldquo; EU-Kommissars Moscovici bewegt sich auch die Berliner Sozialdemokratie. Als der Pasok-Vorsitzenden und griechischen Au&szlig;enministers Venizelos letzte Woche Berlin besuchte, gab ihm sein Kollege Steinmeier als politische Wegzehrung die Auskunft mit: &bdquo;Aus unserer Sicht k&auml;me es darauf an, dass die Kr&auml;fte, die den Fortschritt in Griechenland gesichert haben, in der Lage sind, diesen Weg fortzusetzen.&rdquo; <\/p><p>Bei einer derart massiven PR-Kampagne zugunsten der Samaras-Regierung und ihren Kandidaten Dimas stellt sich allerdings die Frage, ob sie die beabsichtigte Wirkung erzielt. &Uuml;ber die Einstellung der meisten europ&auml;ischen Politiker haben die griechischen W&auml;hler ohnehin keine Illusionen. Und auf &bdquo;Einmischungen von au&szlig;en&ldquo; reagieren sie eher allergisch. Deren Einfluss d&uuml;rfte also eher begrenzt sein. Es sei denn, die Wirkung solcher &Auml;u&szlig;erungen wird durch andere Faktoren verst&auml;rkt, die viel entscheidender sind.<\/p><p><strong>Drohsignale von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die geschilderten Spr&uuml;che und Drohungen sowohl der Samaras-Regierung als auch ihrer europ&auml;ischen F&uuml;rsprecher k&ouml;nnen Wirkung nur erzielen, wenn sie durch Entwicklungen und Daten auf &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; best&auml;tigt und gest&uuml;tzt werden. Dabei ist klar, dass die Regierung solche Marktsignale beeinflussen und verst&auml;rken kann, wie Tsipras zu Recht kritisiert. Umgekehrt k&ouml;nnen die Regierungsparteien diese Signale nat&uuml;rlich f&uuml;r ihren Pr&auml;sidentenwahlkampf ausbeuten, indem sie mit der Panik der M&auml;rkte die W&auml;hler in Panik versetzen. Doch diese Wechselwirkung funktioniert nur auf Grund der Marktdaten, ohne die Propaganda relativ wirkungslos bleibt.<\/p><p>Von dieser &bdquo;realen Basis&ldquo; (was nicht gleichbedeutend mit Realwirtschaft ist) hat die griechische &Ouml;ffentlichkeit in der Tat dramatische Drohsignale empfangen. Am lautesten war der veritable B&ouml;rsenkrach gleich nach Bekanntgabe der vorgezogenen Pr&auml;sidentenwahlen. Von Dienstag bis Donnerstag schmierte der Aktienindex der Athener B&ouml;rse um volle 20 Prozent ab und ist seitdem &bdquo;volatil&ldquo; geblieben. Mindestens ebenso bedrohlich war jedoch ein zweites Signal: Die Zinsen f&uuml;r griechischen Staatsanleihen gingen steil in die H&ouml;he. Aber nicht nur das. Der Bondsmarkt pr&auml;sentierte ein scheinbares Paradox:  Der Kurs f&uuml;r Bonds mit dreij&auml;hriger Laufzeit lag auf einmal h&ouml;her als der Kurs f&uuml;r 10-Jahres-Anleihen, der wieder auf fast 9 Prozent angestiegen war. Dazu muss man sich in Erinnerung rufen, dass Athen die 3-Jahres-Anleihen im Mai 2014 mit knapp 5 Prozent verkaufen konnte, was damals als triumphale R&uuml;ckkehr &bdquo;der Griechen&ldquo; auf den Anleihenmarkt gefeiert wurde. Der jetzige Kursanstieg bedeutet, wie eine Bloomberg-Analyse vom 12. Dezember erl&auml;utert, dass die H&auml;ndler die Gefahr eines kurzfristigen Zahlungsausfalls sehen und entsprechend &bdquo;einpreisen&ldquo;.<\/p><p>Die gro&szlig;e Frage lautet allerdings: Reagieren diese &bdquo;Marktsignale&ldquo; ausschlie&szlig;lich &ndash; oder vorwiegend &ndash; auf die &bdquo;Gefahr&ldquo; vorgezogener Neuwahlen und das Schreckgespenst einer der Syriza gef&uuml;hrten Regierung? Oder dr&uuml;cken sie auch &ndash; oder vorwiegend &ndash; die Sorgen um den allgemeinen Zustand der griechischen Wirtschaft aus? Nur wenn man die erste Erkl&auml;rung akzeptiert, lassen sich die Marktsignale als Aufforderung an die griechischen Parlamentarier interpretieren, einen Pr&auml;sidenten Dimas zu erm&ouml;glichen und eine Regierung Tsipras zu verhindern. Wenn die M&auml;rkte dagegen eine allgemeinere und langfristigere Sorge artikulieren, muss die Frage anders gestellt werden: Welche Art griechische Regierung bietet die besseren Voraussetzungen f&uuml;r ein Reformprogramm, das eine langfristigere Entwicklungsperspektive er&ouml;ffnet? <\/p><p>In der internationalen Wirtschaftspresse wird die erste Erkl&auml;rung deutlich bevorzugt: Die M&auml;rkte antizipieren einen Regierungswechsel, f&uuml;r den sie &bdquo;die Griechen&ldquo; schon vorauseilend abstrafen. Damit senden sie zugleich eine letzte Mahnung: Wenn ihr die Samaras-Venizelos-Truppe noch ein Jahr weiterwurschteln lasst, k&ouml;nnen wir euch noch mal retten &ndash; vielleicht, und nat&uuml;rlich mit neuen Auflagen. <\/p><p><strong>Die trostlose Bilanz von sechs Jahren Krisenpolitik<\/strong><\/p><p>Aber wie sieht die Bilanz der Regierung aus, die unter Anleitung der Troika die griechische Krise nunmehr ins sechste Jahr steuert? In der Kathimerini vom 30. November &ndash; also noch vor den Marktreaktionen auf die Ank&uuml;ndigung der vorgezogenen Pr&auml;sidentenwahl &ndash; hat der Wirtschaftsexperte Kostas Kallitsis folgende Bilanz aufgemacht. Sie beruht auf einem Vergleich mit dem zweitschw&auml;chsten &bdquo;S&uuml;dstaat&ldquo; der EU, mit Portugal.  <\/p><ul>\n<li>Griechenland hat aus den bail-out-Programmen seit November 2010 &uuml;ber 200 Mrd. Euro an Krediten bezogen; Portugal seit April 2011 rund 78 Mrd. Euro;<\/li>\n<li>Griechenland unterliegt bis heute der Troika-Aufsicht, Portugal ist seit Mai 2014 aus dem Rettungsprogramm ausgestiegen; <\/li>\n<li>Griechenland hatte vor der Krise eine Arbeitslosenrate von 12,6 Prozent, heute steht sie immer noch bei knapp 27 Prozent;  Portugal hatte vor der Krise 12 Prozent Arbeitslose, heute sind es &bdquo;nur&ldquo; 16, 5 Prozent;<\/li>\n<li>Griechenland hat seit 2008 ein Viertel, also 25 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts eingeb&uuml;&szlig;t, Portugal dagegen nur 4,4 Prozent;<\/li>\n<li>in Griechenland sind die Investitionen um 40 Prozent zur&uuml;ckgegangen, in Portugal um 30 Prozent;<\/li>\n<li>die griechischen Warenexporte sind zur&uuml;ckgegangen, die portugiesischen gestiegen.<\/li>\n<\/ul><p>Man muss dieses Gesamtbild vor Augen haben, um zu verstehen, warum Griechenland f&uuml;r seine 10-j&auml;hrigen Staatsanleihen derzeit etwa 9 Prozent Zinsen bieten muss, Portugal dagegen weniger als 3 Prozent.  Und der letzte Vergleich gilt nicht nur f&uuml;r Portugal, argumentiert Kallitsis: W&auml;hrend die die Kreditkosten f&uuml;r die &uuml;brigen &bdquo;Krisenl&auml;nder&ldquo; fallen, steigen sie f&uuml;r Griechenland auf ein Niveau, das  &bdquo;die Aufnahme von Krediten verbietet&ldquo;. Wenn also das &bdquo;Damoklesschwert der M&auml;rkte&ldquo; auf das Land niederzukommen droht, dann nicht etwa wegen eines drohenden Wahlsiegs der Syriza. Wer das behauptet, muss verdr&auml;ngt haben, dass der pl&ouml;tzliche Zinsanstieg im Oktober allein durch die Ank&uuml;ndigung von Samaras ausgel&ouml;st wurde, dass wolle den griechischen Kreditbedarf wieder &bdquo;auf den M&auml;rkten&ldquo; decken (siehe dazu meine Darstellung vom 17. und vom 30. Oktober).  <\/p><p>F&uuml;r Kallitsis besteht das &bdquo;griechische Problem&ldquo; nicht darin, dass &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; sich vor einem &bdquo;Plan B&ldquo; f&uuml;rchten,  den eine Syriza-Regierung auf den Tisch legen k&ouml;nnte.  &bdquo;Das Problem ist, dass das Land sechs Jahre nach Ausbruch der Krise keinen Plan A hat, dass es &uuml;ber keinen realistischen, wirksamen zentralen Aktionsplan verf&uuml;gt.&ldquo;  Das Hauptproblem sei auch nicht, dass die Regierung keine &bdquo;roten Linien&ldquo; zieht, also klar sagt, welche der geforderten Ma&szlig;nahmen sie nicht hinnehmen kann. Es sei vielmehr die Tatsache, dass es &uuml;berhaupt keine Linie, keine Leitidee f&uuml;r eine &bdquo;Neubegr&uuml;ndung der Wirtschaft, der staatlichen Strukturen und de Gesellschaft&ldquo; gebe. Und daf&uuml;r sei vor allem das &bdquo;gewaltige politische Defizit&ldquo; verantwortlich: &bdquo;Das kranke politische System bleibt unver&auml;ndert.&ldquo;<\/p><p>Aus Analysen wie diesen folgt, dass die Panikmache im Hinblick auf eine m&ouml;gliche Syriza-Regierung gef&auml;hrlich desorientierend wirkt, weil sie von den realen Problemen Griechenlands nur ablenkt. Das hei&szlig;t nicht, dass diese Panikmache keine Wirkung erzielen kann. Wie sich die Syriza gegen diese Wirkung zu sch&uuml;tzen versucht, werde ich im n&auml;chsten Beitrag untersuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die griechische Regierung hat die erste Runde der Pr&auml;sidentschaftswahl durch das Parlament auf den 17. Dezember vorgezogen. Urspr&uuml;nglich sollte diese im ersten Quartal 2015 stattfinden. Die internationalen Geldgeber haben daraufhin beschlossen, das Hilfsprogramm f&uuml;r Griechenland um zwei Monate zu verl&auml;ngern. Durfte die Pr&auml;sidentschaftswahl &uuml;berhaupt vorgezogen werden? Warum hat die Regierung Samaras die Pr&auml;sidentenwahl &uuml;berhaupt beschleunigt?<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,173,190],"tags":[423,907,325,1224,654],"class_list":["post-24311","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-griechenland","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-samaras-antonis","tag-staatsschulden","tag-syriza","tag-troika"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24311"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53070,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24311\/revisions\/53070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}