{"id":24328,"date":"2014-12-17T16:18:28","date_gmt":"2014-12-17T15:18:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24328"},"modified":"2014-12-17T18:02:45","modified_gmt":"2014-12-17T17:02:45","slug":"russland-stuerzt-ins-finanzchaos-12-die-erste-schlacht-im-unerklaerten-finanzkrieg-entscheidet-der-westen-fuer-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24328","title":{"rendered":"Russland st\u00fcrzt ins Finanzchaos \u2013 (1\/2) Die erste Schlacht im unerkl\u00e4rten Finanzkrieg entscheidet der Westen f\u00fcr sich"},"content":{"rendered":"<p>Binnen weniger Stunden st&uuml;rzte der Rubel gestern an den Devisenm&auml;rkten gegen&uuml;ber dem Euro und dem Dollar um 20 Prozent ab. Die panische Erh&ouml;hung des Leitzinses durch die russische Zentralbank um ganze 6,5 Prozentpunkte konnte das Massaker an den M&auml;rkten auch nicht mehr stoppen. Die Folgen beider Ereignisse werden Russland auf mittlere bis lange Sicht massiv schw&auml;chen, stellen jedoch auch ein kaum zu kalkulierendes Risiko f&uuml;r den Westen dar. Gr&uuml;nde f&uuml;r das Finanzchaos gibt es viele &ndash; ma&szlig;geblich verantwortlich sind jedoch die Finanzsanktionen der EU und der USA. Russland hat die erste Schlacht in diesem Finanzkrieg verloren. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSelbst die ansonsten so redseligen und phantasievollen Analysten der Finanzwirtschaft hatten f&uuml;r die turbulenten Entwicklungen, die sich gestern an den Devisenm&auml;rkten abspielten, keine echte Erkl&auml;rung. Einige Analyse raunten etwas von den nun einsetzenden Auswirkungen des Preisverfalls auf dem &Ouml;lmarkt, andere spekulierten, dass die Investoren nun ihr Vertrauen in den Standort Russland verloren h&auml;tten. All dies mag stimmen, erkl&auml;rt jedoch nicht die dramatischen Entwicklungen. Es scheint vielmehr so, als sei der gestrige Crash die Folge einer sich bereits lang abzeichnenden Devisenklemme des russischen Finanzsystems, die eine direkte Folge der Finanzsanktionen des Westens ist. <\/p><p><strong>Auslandsschulden werden zum Problem<\/strong><\/p><p>Wer h&auml;tte es vor einem Jahr f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, dass ausgerechnet dem finanziell grundsoliden Russland die Devisen ausgehen k&ouml;nnten? Schlie&szlig;lich verf&uuml;gte Russland noch vor einem Jahr laut Weltbankstatistik mit 509 Milliarden US$ &uuml;ber W&auml;hrungsreserven, die international nur von China, Saudi-Arabien, Japan und der Schweiz &uuml;bertroffen wurden. Jegliche Spekulation gegen die W&auml;hrung eines finanziell derart liquiden Landes schien eigentlich ausgeschlossen. Doch dieser Eindruck t&auml;uscht. Russland ist kein klassisches Entwicklungsland, sondern ein Schwellenland, dessen Real- und Finanzwirtschaft mit den internationalen M&auml;rkten verwoben ist. Zum gleichen Zeitpunkt an dem Russland &uuml;ber W&auml;hrungsreserven in H&ouml;he von mehr als 500 Milliarden US$ verf&uuml;gt hatte, wies es auch eine Auslandsverschuldung in H&ouml;he von 729 Milliarden US$ auf &ndash; davon fielen 353 Milliarden US$ auf den Privatsektor. Und da der russische Rubel streng genommen nur eine Inlandsw&auml;hrung ist, kann man davon ausgehen, dass der absolute L&ouml;wenanteil dieser Auslandsschulden in Euro und US-Dollar dotiert ist.<\/p><p>F&uuml;r eine international Handel treibende Volkswirtschaft wie Russland, die zudem Jahr f&uuml;r Jahr ordentliche Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse erwirtschaftet, stellt eine derartige Auslandsverschuldung eigentlich auch kein Problem dar. In der Regel werden dabei die laufenden Kreditverpflichtungen entweder aus der Kasse (dem cash flow) bezahlt oder durch neue Kredite abgel&ouml;st. Ein Problem entsteht jedoch, wenn eine Volkswirtschaft in einer fremden W&auml;hrung verschuldet ist und technisch keinen Zugang zu frischen Mitteln in dieser W&auml;hrung hat. Genau dieses Problem bricht Russland momentan offenbar das Genick. Bereits im Oktober <a href=\"http:\/\/www.wsj.com\/articles\/russian-companies-clamor-for-dollars-to-repay-debt-1412860551\">berichtete<\/a> das Wall Street Journal unter Verwendung von Daten der russischen Zentralbank von den von der russischen Wirtschaft kurzfristig ben&ouml;tigten Devisen, um die laufenden Kreditraten zu begleichen. Im Oktober waren dies 9,3 Mrd. US$, im November 10 Mrd. US$ und im Dezember werden es 34,2 Mrd. US$ sein &ndash; diese Zahl ist vor allem deshalb so hoch, weil einige Zahlungen am Ende des Jahres f&auml;llig werden. <\/p><p>In normalen Zeiten w&auml;ren diese Forderungen gar kein Problem. Doch die Zeiten sind nicht normal. Die russische Volkswirtschaft hat zwar gen&uuml;gend Geld, kommt aber nur sehr schwer an Devisen wie den Euro und den Dollar heran. Die russischen Banken sind durch die Finanzsanktionen der EU und der USA de facto vom Geld- und Kreditmarkt in diesen W&auml;hrungen ausgeschlossen. Das n&ouml;tige Geld ist freilich vorhanden &ndash; nur eben nicht in Euro oder Dollar, sondern in Rubel. Um die Forderungen in der richtigen W&auml;hrung zu begleichen, m&uuml;ssen die Banken also die Rubel ihrer Kunden in Devisen tauschen, mit denen die Forderungen dann beglichen werden. Dies f&uuml;hrt zu einer stetigen Nachfrage nach Euro und Dollar. Genau in diesen beiden W&auml;hrungen d&uuml;rfen die Banken sich aber durch die Sanktionen nicht am internationalen Markt verschulden. Die Devisen m&uuml;ssen also entweder aus laufenden Gesch&auml;ften (z.B. die &Ouml;l- und Gasverk&auml;ufe in den Westen) kommen oder auf dem Devisenmarkt eingetauscht werden, indem Rubel verkauft und Euro und Dollar gekauft werden. Die steigende Nachfrage treibt jedoch auch den Kurs dieser beiden W&auml;hrungen und senkt den Wert des Rubels. Die Finanzsanktionen sind seit Anfang August in Kraft &ndash; einen Monat sp&auml;ter begann der Wertverlust des Rubels.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141217_05_rubel.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141217_05_rubel_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Anfangs versuchte die russische Zentralbank den Wertverlust noch durch Interventionen am Devisenmarkt auszugleichen. Dies kostete sie rund 350 Millionen US$ pro Tag und war noch nicht einmal von Erfolg gekr&ouml;nt. Der Rubel verlor &ndash; wenn auch schleichend &ndash; an Wert. Im November gab man dieses teure Unterfangen auf und l&ouml;ste den Rubel von der Bindung an einen W&auml;hrungskorb, der unter anderem den Euro und Dollar enth&auml;lt. Seitdem ist er Rubel frei und gleichzeitig im freien Fall. <\/p><p><strong>Was l&ouml;ste den Crash aus?<\/strong><\/p><p>Was den Crash am Dienstag konkret ausgel&ouml;st hat, ist nicht bekannt. Es gibt jedoch an den Moskauer Finanzm&auml;rkte ein Ger&uuml;cht, dass sich sehr plausibel anh&ouml;rt. Nach Angaben der Bank of America muss der russischen &Ouml;lkonzern Rosneft, der als Staatsbetrieb direkt auf der Sanktionsliste der EU und der USA steht, zum Jahresende Auslandsforderungen in H&ouml;he von 13 Mrd. US$ begleichen. Da Rosneft diese Summe durch die Sanktionen nicht in Devisen refinanzieren kann, musste das Staatsunternehmen sich an die russische Zentralbank wenden. Von der erhielt es &uuml;ber den Umweg einiger Banken im Staatsbesitz am letzten Freitag einen Kredit in H&ouml;he von 625 Mrd. Rubel &ndash; damals waren dies rund 10,8 Mrd. US$. Sollte Rosneft diese Summe tats&auml;chlich am Devisenmarkt gegen US-Dollar umgetauscht haben, w&auml;re dies ein glaubw&uuml;rdiger Ausl&ouml;ser f&uuml;r den Crash, da in der momentanen wirtschaftlichen Lage kaum Bedarf an Rubeln besteht und ein solches &Uuml;berangebot den Preis massiv beeinflusst. Der Herdentrieb erledigte den Rest.<\/p><p>Der gestrige Crash ist jedoch nur die Spitze einer sich bereits l&auml;nger abzeichnenden Entwicklung. Die Sanktionen haben auch dazu gef&uuml;hrt, dass der russische Aktienindex sich binnen weniger Monate mehr als halbiert hat. Gleichzeitig gehen aufgrund der Sanktionen die Direktinvestitionen aus dem Ausland massiv zur&uuml;ck. Vorhandene Investoren ziehen ihr Geld ab, russische Investoren und Sparer, die Angst vor Inflation und einem weiteren Wertverfall des Rubels haben, verschieben ihr Geld ins &bdquo;sichere&ldquo; Ausland. Dies ist es, was man langl&auml;ufig als Kapitalflucht bezeichnet. Dagegen muss die russische Zentralbank ank&auml;mpfen und auf dem Papier ist sie dazu auch in der Lage. Doch Papier ist geduldig. In der Realit&auml;t ist das Devisenpolster der russischen Zentralbank keineswegs so grundsolide, wie man denken mag.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141217_06_devisenreserven.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141217_06_devisenreserven_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Bis ins Jahr 2008 hinein wuchsen die russischen Devisenreserven in einem atemberaubenden Tempo. Doch dann kam die Finanzkrise und der &Ouml;lpreis ging zum ersten Mal seit vielen Jahren massiv in den Keller. Um die schlimmsten Auswirkungen der Finanzkrise im eigenen Lande zu verhindern und den Rubel trotz Kapitalflucht zu stabilisieren, griff die russische Zentralbank zu drastischen Mitteln, was ihre Devisenreserven um mehr als 200 Mrd. US$ abschmelzen lies. Zwar verf&uuml;gt die russische Zentralbank immer noch &uuml;ber gewaltige Devisenreserven. Diese Reserven schmelzen momentan jedoch wie Schnee in der Sahara. Sch&auml;tzungen des russischen Finanzministeriums gehen davon aus, dass Russland im &bdquo;Krieg&ldquo; an den Devisenm&auml;rkten bereits 70 Milliarden US$ verpulvert hat &ndash; ohne den Wertverlust zu stoppen. Hinzu kommt die langfristig schlechtere Entwicklung der Devisenreserven, die dem niedrigen &Ouml;lpreis geschuldet ist. Es bleiben momentan noch knapp 400 Mrd. US$ als Reserven in der &bdquo;Kriegskasse&ldquo;.<\/p><p>Doch wie viel davon kann die Zentralbank wirklich zur Verteidigung des Rubels einsetzen? Experten gehen davon aus, dass mehr als die H&auml;lfte der Reserven fest gebunden ist (z.B. IWF-Reserven, Kapital der beiden Staatsfonds) und somit nur rund 200 Milliarden US$ wirklich zur Verf&uuml;gung stehen. Das ist nur rund ein Viertel der in Devisen dotierten <a href=\"http:\/\/www.cbr.ru\/eng\/statistics\/print.aspx?file=credit_statistics\/debt_an_det_new_e.htm&amp;pid=svs&amp;sid=itm_272\">Auslandsschulden<\/a> des Landes. Auch wenn dies noch vor kurzem undenkbar schien &ndash; Russland k&ouml;nnten im n&auml;chsten Jahr in der Tat die Devisen ausgehen. Und diese Daten haben Hedgefonds auch, die mit Vorliebe in der Gruppe auf besonders gro&szlig;e Opfer losgehen, wenn diese auch nur die kleinste Schw&auml;che zeigen. Durch die  Finanzsanktionen hat der Westen Russland waidwund geschossen, die restliche Arbeit k&ouml;nnten die Spekulanten erledigen. Doch so weit wird es Russland sicher nicht kommen lassen.<\/p><p>Lesen Sie am Freitag im zweiten Teil: Was bedeutet der Rubelsturz f&uuml;r Russlands Wirtschaft und Gesellschaft? Wie wird Russland auf diese Niederlage reagieren? Und warum ist dieser Sieg nur ein Pyrrhussieg f&uuml;r den Westen?<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/40715ecc7936495db13c088366dc3ebf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Binnen weniger Stunden st&uuml;rzte der Rubel gestern an den Devisenm&auml;rkten gegen&uuml;ber dem Euro und dem Dollar um 20 Prozent ab. Die panische Erh&ouml;hung des Leitzinses durch die russische Zentralbank um ganze 6,5 Prozentpunkte konnte das Massaker an den M&auml;rkten auch nicht mehr stoppen. Die Folgen beider Ereignisse werden Russland auf mittlere bis lange Sicht massiv<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24328\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[134,20],"tags":[283,259,1085,1019],"class_list":["post-24328","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzen-und-waehrung","category-landerberichte","tag-finanzmaerkte","tag-russland","tag-wechselkurse","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24328","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=24328"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24328\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24334,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/24328\/revisions\/24334"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=24328"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=24328"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=24328"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}