{"id":24353,"date":"2014-12-19T08:51:10","date_gmt":"2014-12-19T07:51:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24353"},"modified":"2019-07-05T10:41:23","modified_gmt":"2019-07-05T08:41:23","slug":"nach-der-ersten-runde-der-athener-praesidentenwahl-die-chancen-und-moeglichkeiten-fuer-die-syriza-nach-neuwahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24353","title":{"rendered":"Nach der ersten Runde der Athener Pr\u00e4sidentenwahl \u2013 Die Chancen und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Syriza nach Neuwahlen"},"content":{"rendered":"<p>Wie in meinem Beitrag &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311\">Vor der Pr&auml;sidentschaftswahl in Griechenland<\/a>&ldquo; angenommen ist der Kandidat der griechischen Regierung f&uuml;r das Pr&auml;sidentenamt, Stavros Dimas, im ernsten Wahlgang gescheitert. Nur 160 der anwesenden 295 Abgeordneten stimmten f&uuml;r den ehemaligen Finanzminister und EU-Kommissar. Notwendig w&auml;ren 200 Ja-Stimmen gewesen. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2014-12\/stavros-dimas-athen-griechenland-erster-wahlgang-gescheitert-praesidentschaftswahl\">135 Parlamentarier stimmten mit Nein, f&uuml;nf mit Enthaltung<\/a>. <strong>Niels Kadritzke<\/strong> liefert eine knappe Einsch&auml;tzung der Pr&auml;sidentschaftswahl aus Sicht der griechischen Medien und versucht Antworten auf Fragen zu geben, wie es in Griechenland weitergehen kann und welche Chancen f&uuml;r die linke Partei Syriza f&uuml;r eine Regierungs&uuml;bernahme und eine alternative Politik bestehen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie wird das Ergebnis des ersten Wahlgangs in den griechischen Medien eingesch&auml;tzt?<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die 160 Stimmen, die der Kandidat Stavros Dimas im ersten Wahlgang errungen hat, blieben deutlich unter den Erwartungen des Regierungslagers. Damit fehlen Dimas noch 20 Stimmen f&uuml;r die 3\/5 Mehrheit von 180 Stimmen, die er im dritten Wahlgang (am 29. Dezember) erreichen m&uuml;sste.<\/li>\n<li>Die f&uuml;nf Enthaltungen sind ein schwacher Trost, denn selbst wenn diese Abgeordneten im zweiten Wahlgang (am 23. Dezember) f&uuml;r Dimas stimmen, ist die Regierung Samaras von der erforderlichen Mehrheit noch weit entfernt.<\/li>\n<li>Von Stimmen in der Regierung wird zugegeben, dass dieses Resultat &ldquo;unter den Erwartungen&rdquo; liegt. Dennoch h&auml;lt man das Erreichen der 180 Stimmen nicht f&uuml;r &ldquo;ausgeschlossen&rdquo;. Neutrale Beobachter sch&auml;tzen diese Chance allerdings als &auml;u&szlig;erst gering ein. Sie halten es allerdings f&uuml;r m&ouml;glich, dass zwischen dem zweiten und dritten Wahlgang ernsthaft &uuml;ber ein Alternativ-Szenario diskutiert wird, das schon seit Tagen von einer &ldquo;Gruppe der 8&rdquo; vorgeschlagen wird. Diese Abgeordneten (f&uuml;nf Unabh&auml;ngige und drei der linkssozialdemokratischen Dimar) schlagen vor, dass sich alle Partei auf einen Pr&auml;sidenten einigen. Der Syriza soll dieses Projekt der &ldquo;gro&szlig;en Koalition f&uuml;r einen Pr&auml;sidenten&rdquo; durch die Festlegung auf vorgezogenen Neuwahlen schmackhaft gemacht werden. Diese w&uuml;rden allerdings erst im Herbst 2015 stattfinden, also etwa 9 Monate vor den regul&auml;ren Neuwahlen im Sommer 2016. Die Syriza hat diesen Vorschlag aber bereits abgelehnt.<\/li>\n<\/ol><p><strong>In dieser spannungsgeladenen Situation nimmt das Propagandaget&ouml;se zu<\/strong><\/p><p>In meinem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311\">Bericht vor der Pr&auml;sidentschaftswahl<\/a> habe ich am Schluss jenes Panik-Orchester geschildert, das gegen die &bdquo;Gefahr&ldquo; einer Athener Linksregierung an dr&ouml;hnt. Diesem Orchester hat sich noch eine schmetternde Solo-Posaune zugesellt. Yiannis Stournaras, Pr&auml;sident der griechischen Zentralbank und bis Mai 2014 Finanzminister in der Regierung Samaras, warnte ex cathedra seines Amtes vor einer &bdquo;irreparablen Sch&auml;digung der griechischen Wirtschaft&ldquo;, die aufgrund der entstandenen &bdquo;politischen Instabilit&auml;t&ldquo; drohe. Das zeige sich bereits jetzt in der &bdquo;rasch abnehmenden Liquidit&auml;t&ldquo; im griechischen Finanzsystem &ndash; eine dezente Umschreibung f&uuml;r Kapitalflucht.<\/p><p>&Auml;hnliche T&ouml;ne schlug die Regierungssprecherin an, die am Montag in den meist gesehenen Abendnachrichten (MEGA TV) verk&uuml;ndete, die internationalen Rating-Agenturen h&auml;tten eine &bdquo;Vorwarnung&ldquo; abgegeben, wonach sie die Abhaltung griechischer Parlamentswahlen als &bdquo;Kreditereignis&ldquo;, das hei&szlig;t als Insolvenzfall bewerten w&uuml;rden. <\/p><p>Das Propagandaget&ouml;se hat eine Sch&auml;rfe und Lautst&auml;rke erreicht, die inzwischen auch regierungsnahe Zeitungen beunruhigen. So ermahnte ein Leitartikel der Kathimerini (vom 16. Dezember) &bdquo;einige Mitglieder der Regierung&ldquo; zu mehr Ernsthaftigkeit: &bdquo;Jetzt ist die Stunde gekommen, mit Argumenten und belegbaren Fakten an die Vernunft zu appellieren, statt mit unartikuliertem Gebr&uuml;ll zu der allgemeinen Hysterie beizutragen.&ldquo; Und die traditionell der Pasok nahestehende Zeitung &bdquo;To Vima&ldquo; attackierte die Regierungssprecherin direkt: Ihre Spekulationen &uuml;ber vorzeitige Neuwahlen als &bdquo;Insolvenz&ldquo;-Fall seien pures &bdquo;Katastrophengerede&ldquo;.  <\/p><p>Beide b&uuml;rgerlichen Zeitungen kritisieren aber erwartungsgem&auml;&szlig; auch die linke Opposition, die das &bdquo;populistische&ldquo; Spiel mitmache, das im Ausland die Zweifel an der Ernsthaftigkeit und Glaubw&uuml;rdigkeit des Landes verst&auml;rke. Der zitierte Leitartikel der Kathimerini wirft der Syriza vor, sie lasse ihre W&auml;hler in dem Glauben, dass sie nichts zu verlieren h&auml;tten, wenn die &bdquo;harten&ldquo; Verhandlungen mit der Troika, die sie f&uuml;r den Fall der Regierungs&uuml;bernahme angek&uuml;ndigt hat, am Ende scheitern sollten. Ganz &auml;hnlich wird Tsipras und seinen Beratern in der Vima vorgehalten, sie w&uuml;rden die Gefahren verharmlosen und einige &bdquo;selbstverst&auml;ndliche Gegebenheiten&ldquo; &uuml;bersehen oder untersch&auml;tzen, die ihre Anh&auml;nger verst&ouml;ren k&ouml;nnten. Und dann hei&szlig;t es w&ouml;rtlich: &bdquo;Ob es uns gef&auml;llt oder nicht, die M&auml;rkte sind eine Realit&auml;t, die wir nicht einfach abschreiben k&ouml;nnen.&ldquo;  <\/p><p><strong>Alexis Tsipras unkontrolliertes Schwadronieren schadet ihm<\/strong><\/p><p>Der letzte Satz bezieht sich auf einen Spruch, den der Syriza-Vorsitzende tags zuvor in Iraklion vor der Regionalkonferenz der Syriza von Kreta losgelassen hat: &bdquo;Da glauben einige, die M&auml;rkte schlagen die Trommel und wir m&uuml;ssen nach ihrem Willen tanzen. Aber in Zukunft werden wir die Trommel schlagen &ndash; und die (M&auml;rkte) werden danach tanzen.&ldquo; <\/p><p>Dieser Satz verr&auml;t zum einen jenen jugendlich Gr&ouml;&szlig;enwahn, dem Alexis Tsipras in seiner Rhetorik immer wieder verf&auml;llt und den er offenbar nicht immer unter Kontrolle hat. Zum anderen ist es schlicht ein kokettierender und realit&auml;tsblinder Spruch. Die &ouml;konomischen Experten der Syriza, die sich rastlos bem&uuml;hen, im Kontakt mit wichtigen Protagonisten &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo; die feindlichen Gef&uuml;hle und Vorurteile gegen&uuml;ber ihrer Partei aufzul&ouml;sen, muss solch unkontrolliertes Schwadronieren ihres Vorsitzenden an den Rand der Verzweiflung bringen. Zurecht kritisiert Yiannis Boutaris, B&uuml;rgermeister von Thessaloniki &ndash; ein &uuml;berzeugter Europ&auml;er und unabh&auml;ngiger, klarer Kopf &ndash; den Syriza-Vorsitzenden mit den Worten: &bdquo;Das ist keine Art und Weise, die Politik eines Landes zu gestalten&hellip; So wird uns niemand ernst nehmen. Ausl&auml;nder, die das h&ouml;ren werden, werden sich fragen: Wovon redet dieser Junge?&ldquo; <\/p><p>Die Frage stellen sich freilich nicht nur Ausl&auml;nder, sondern auch eine gro&szlig;e Mehrheit der Griechen. Spr&uuml;che wie diese sind n&auml;mlich der Grund daf&uuml;r, dass Tsipras in den Umfragen bei seinen Landsleuten trotz der unglaubw&uuml;rdigen &bdquo;success stories&ldquo; von Samaras, bei der Frage nach dem &bdquo;geeigneteren Regierungschef&ldquo; stets deutlich zur&uuml;ck liegt (bei der letzten Umfrage vom 12.\/13. Dezember setzten 35 % auf Samaras und 28 % auf Tsipras &ndash; aber 35 % antworteten: &bdquo;keiner von beiden&ldquo;). Angesichts dessen dr&auml;ngt sich eine weitere Frage auf:<\/p><p><strong>Inwieweit tr&auml;gt die Syriza selbst zu der Panikmache bei, mit der die Regierung Samaras die Abgeordneten und die griechische &Ouml;ffentlichkeit beeinflussen will? Und was m&uuml;sste die Opposition tun, um das Katastrophen-Szenario des Regierungslagers zu durchkreuzen?<\/strong><\/p><p>Die Linkspartei befindet sich vor dieser Pr&auml;sidentenwahl in einer widerspr&uuml;chlichen Lage. Da sie diesen Wahlakt nur als Vehikel zur Herbeif&uuml;hrung von Parlamentswahlen betrachtet, f&uuml;hrt sie die Pr&auml;sidenten-Debatte bereits wie in einen Wahlkampf um die Regierungsmacht. Das verleitet sie dazu, auf die Polarisierungsstrategie einzusteigen, die Samaras und seine Berater vorgegeben haben und die darauf angelegt ist, panische Reaktionen &bdquo;auf den M&auml;rkten&ldquo; auszul&ouml;sen oder zu verst&auml;rken. Obwohl die Syriza-F&uuml;hrung diese &bdquo;Falle&ldquo; erkannt hat und explizit kritisiert, l&auml;sst sie (noch) keine konsistente Strategie erkennen, die das Kalk&uuml;l der Regierung durchkreuzen k&ouml;nnte.<\/p><p>Die Tsipras-Spr&uuml;che von Iraklion sind populistische, wortradikale Muskelspiele vor der eigenen Parteigefolgschaft, wie sie f&uuml;r den Wahlkampf aller griechischen Parteien typisch sind. In dieser Hinsicht ist die Syriza immer noch Teil des &bdquo;kranken politischen Systems&ldquo;, das der von mir zitierte Kostas Kallitsis als Wurzelgrund der griechischen Krise bezeichnet. Allerdings ist ein solcher realit&auml;tsverweigernder Populismus wahltaktisch alles andere als <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311\">hilfreich<\/a>. Denn die Linkspartei m&uuml;sste im Hinblick auf die Pr&auml;sidentenwahl &ndash; und in Erwartung baldiger Parlamentswahlen &ndash;  vor allem breite W&auml;hlerschichten in der linken Mitte der Gesellschaft ansprechen. Diese Gesellschaft ist jedoch insgesamt viel zu realistisch und beurteilt die &bdquo;Macht der M&auml;rkte&ldquo; viel zu n&uuml;chtern, als dass sie die Illusion teilen w&uuml;rde, ausgerechnet das &uuml;berschuldete Griechenland k&ouml;nne &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; zwingen, nach seiner Melodie zu tanzen.<\/p><p><strong>Der mit dem &bdquo;Markt&ldquo; tanzt<\/strong><\/p><p>Diese &bdquo;Aufforderung zum Tanz&ldquo; wird nicht nur schwankende W&auml;hler abschrecken, sondern best&auml;tigt auch &ndash; was schlimmer ist &ndash;  die Vorurteile vieler Syriza-Gegner, wie sie in den eingangs zitierten Pressekommentaren zum Ausdruck kommen: Ein griechischer Regierungschef Tsipras werde die EU-Partner mit einseitigen Entscheidungen provozieren, anschlie&szlig;end in harten Verhandlungen unrealistische Ultimaten stellen, und letzten Endes ein Scheitern in Kauf nehmen, selbst wenn dies das Ausscheiden aus der Eurozone bedeuten w&uuml;rde. Denn letzten Endes und im tiefsten Herzen seien die Syriza-Leute immer noch Euro-Skeptiker, f&uuml;r die Griechenlands Zugeh&ouml;rigkeit zur Eurozone und zur EU allenfalls das &bdquo;kleinere &Uuml;bel&ldquo; ist.<\/p><p>Dies ist genau das Bild, das Samaras, Venizelos und die innenpolitischen Gegner von der Syriza zeichnen und das in vielen ausl&auml;ndischen Medien kritik- und distanzlos &uuml;bernommen wird. Dass sich diese Darstellung als international &bdquo;herrschende Meinung&ldquo; &uuml;ber Tsipras und die Syriza durchgesetzt hat, ist ebenso paradox wie tragisch. Denn am Abbau genau dieses Bildes haben die Partei und ihre F&uuml;hrung und zumal ihre &ouml;konomischen Experten seit zwei Jahren gearbeitet. Dieser Prozess war m&uuml;hsam und f&uuml;r viele Parteimitglieder schwierig zu vollziehen, und er ist noch keineswegs abgeschlossen. Aber es ist ein ehrlicher und offener Prozess, der f&uuml;r eine Partei, die noch vor f&uuml;nf Jahren eine linksradikale Gruppierung mit einem W&auml;hleranhang von 4,5  Prozent darstellte, erstaunlich z&uuml;gig und bruchlos verlaufen ist, also ohne dass die &bdquo;Koalition der Radikalen Linken&ldquo; (so der volle Name der Syriza) auseinandergebrochen w&auml;re. In diesem Prozess hat sich auch das Konzept f&uuml;r die Verhandlungen mit den Gl&auml;ubigern Griechenlands, also den EU-Partnern und der Troika deutlich gewandelt.<\/p><p><strong>Welches Konzept hat die Syriza heute f&uuml;r den Umgang mit den EU-Partnern und der Troika?<\/strong><\/p><p>Die wichtigsten Punkte, in denen sich das &bdquo;Krisenprogramm&ldquo; der Syriza von den vor zwei Jahren gemachten Proklamationen unterscheidet, sind folgende.<\/p><ol>\n<li>Das Bekenntnis zur EU-Mitgliedschaft ist ebenso klar und eindeutig wie die &Uuml;berzeugung, dass ein Ausscheiden aus der Eurozone f&uuml;r Griechenland verh&auml;ngnisvoll w&auml;re. Dieses Bekenntnis hat Alexis Tsipras symbolisch unterstrichen, indem er sich von der europ&auml;ischen Linken als (nat&uuml;rlich aussichtsloser) Kandidat f&uuml;r das Amt des EU-Kommissionspr&auml;sidenten aufstellen lie&szlig;. Die Zugeh&ouml;rigkeit zur EU und zur Eurozone wird auch vom linken Syriza-Fl&uuml;gel (der &bdquo;linken Plattform&ldquo;) nicht mehr (offen) in Frage gestellt.<\/li>\n<li>Gegen&uuml;ber der Troika der Gl&auml;ubiger fordert man &bdquo;Neuverhandlungen&ldquo; &uuml;ber die Bedingungen der weiteren Kreditfinanzierung, in denen man eine grundlegende Ver&auml;nderung des Sparprogramms und substantielle Ma&szlig;nahmen zur Belebung der Wirtschaft fordern will. Die Syriza stellt zwar &bdquo;harte&ldquo; Verhandlungen in Aussicht, spricht aber schon lange nicht mehr von einer &bdquo;Aufk&uuml;ndigung&ldquo; oder dem &bdquo;Zerrei&szlig;en&ldquo; der bestehenden Vereinbarung mit EU, EZB und IWF. <\/li>\n<li>Das Wort &bdquo;Zahlungsstopp&ldquo; existiert nicht mehr. Die fr&uuml;here Ank&uuml;ndigung, eine Syriza-Regierung w&uuml;rde am ersten Tag alle Zahlungsverpflichtungen gegen&uuml;ber den Gl&auml;ubigern einstellen, wurde explizit zur&uuml;ck genommen. Wie Stathakis und andere Syriza-&Ouml;konomen erkl&auml;rt haben,  wird eine Syyriza-Regierung die griechischen Staatsanleihen regul&auml;r bedienen, also Zinsen zahlen und die R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen einhalten.<\/li>\n<li>Die heutige Syriza fordert keinen weiteren &bdquo;haircut&ldquo; f&uuml;r griechische Bonds in Besitz des privaten Sektors (PSI). Sie will allerdings einen drastischen Schuldenschnitt f&uuml;r die Bonds erreichen, die im &bdquo;&ouml;ffentlichen Sektor&ldquo;, also v.a. bei der EZB und nationalen Notenbanken liegen (OSI oder: offical sector involvement). Auch diese Forderung wird nur noch als angestrebtes Endziel formuliert. Stathakis spricht von einer &bdquo;Ideall&ouml;sung&ldquo; und r&auml;umt damit ein, dass sie derzeit unrealistisch ist. Deshalb schl&auml;gt er als &bdquo;ersten Schritt&ldquo; eine Verl&auml;ngerung der Abzahlungsfristen vor. Damit n&auml;hert sich die Syriza der &bdquo;Kompromissl&ouml;sung&ldquo; eines &bdquo;weichen Schuldenschnitts&ldquo;, der realpolitisch eher durchsetzbar ist. <\/li>\n<li>Was die Privatisierungen betrifft, so verspricht die Syriza nicht mehr, dass sie die vollzogenen Privatisierungen sofort r&uuml;ckg&auml;ngig machen w&uuml;rde. Heute sagen die Wirtschaftssprecher nur noch, dass es keine weiteren Privatisierungen geben wird. Diese Aussage l&auml;sst erkennen, dass man sich n&auml;her mit der juristischen Problematik befasst hat. Aus demselben Grund hat man auch  die Aussage relativiert, dass eine  Syriza-Regierung auf der Stelle alle Beschl&uuml;sse &uuml;ber soziale Einschnitte und Rentenk&uuml;rzungen aufheben wird. Man nimmt inzwischen zur Kenntnis, dass Gesetze nicht einfach aufgehoben, sondern nur durch Novellierungen ersetzt werden k&ouml;nnen, weil es ein rechtliches Vakuum eben nicht gibt. Und Gesetzesnovellierungen brauchen Zeit und sind auch auf ihre Finanzierbarkeit zu &uuml;berpr&uuml;fen.<\/li>\n<li>Auch zu Investitionen ausl&auml;ndischer Anleger hat sich die Haltung der Syriza deutlich ge&auml;ndert. Tsipras erkl&auml;rte schon vor Monaten, man wolle Investoren anziehen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Das sei ein weiterer Grund, warum Griechenland in der Eurozone bleiben m&uuml;sse. Auch der Syriza-&Ouml;konom Milios stellte klar, dass man sowohl &ouml;ffentliche als auch private Investitionen begr&uuml;&szlig;e, so lange die Ausschreibungen transparent seien und die Rechtsvorschriften respektiert w&uuml;rden. Zur F&ouml;rderung von Investitionen sieht die Syriza eine staatliche F&ouml;rderbank nach dem Vorbild der deutschen KfW vor.<\/li>\n<li>Von einer &bdquo;Nationalisierung&ldquo; der Banken ist keine Rede mehr. Stattdessen wird betont, dass die Vertreter des Staates, die aufgrund der staatlichen Beteiligungen in den Gremien der &bdquo;systemischen&ldquo; Banken sitzen, ihren Einfluss nutzen m&uuml;ssen, um die Banken mehr auf die &bdquo;Realwirtschaft&ldquo; zu orientieren.<\/li>\n<\/ol><p>Von gewissenhaften Beobachtern, auch in der internationalen Wirtschaftspresse, wird der an die Realit&auml;ten orientierte programmatische Wandel innerhalb der Oppositionspartei durchaus zur Kenntnis genommen. Die Athener Korrespondentin der Financial Times (10. Dezember) konstatiert eine &bdquo;M&auml;&szlig;igung&ldquo; der Memorandum-Rhetorik und berichtet, Tsipras sei bem&uuml;ht, die Investoren zu &uuml;berzeugen, dass ihr Geld auch unter eine Syriza-Regierung &bdquo;sicher&ldquo; sei. Und das Wall Street Journal (12. Dezember) zitiert Stimmen, die n&uuml;chtern analysieren; &bdquo;Die Syriza bem&uuml;ht sich, mehr in die Mitte zu r&uuml;cken.&ldquo; Die Begr&uuml;ndung: Tsipras m&uuml;sse sich beeilen, die Erwartungen zu senken, bevor er die Verantwortung zu &uuml;bernehmen habe.  Gegen&uuml;ber derselben Zeitung hat Nikos Pappas, der engste Mitarbeiter und Berater von Tsipras, den beginnenden Wandel der Wahrnehmung von Syriza so erkl&auml;rt: &bdquo;Unsere Gl&auml;ubiger haben sich eben an die Idee gew&ouml;hnt, dass wir an die Macht kommen.&ldquo; Das f&uuml;hrt uns zu der n&auml;chsten Frage.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;rt sich die Entwicklung der Syriza zu einer potentiellen Regierungspartei?<\/strong><\/p><p>Der &bdquo;Lernprozess&ldquo;, den die Syriza seit ihren Wahlerfolgen vom Sommer 2012 durchlaufen hat, verdankt sich vor allem dem gro&szlig;en Lehrmeister namens Realit&auml;t. In dem Ma&szlig;e, in dem sich die M&ouml;glichkeit abzeichnete, dass die Linkspartei die n&auml;chste griechische Regierung stellen k&ouml;nnte, mussten sich ihre Mitglieder und ihre F&uuml;hrung mit den wirklichen Verh&auml;ltnissen &ndash; und k&uuml;nftigen machbaren M&ouml;glichkeiten &ndash; des Landes auseinandersetzen. In meinem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764\">Beitrag vom 30. Oktober<\/a>, der diese Entwicklung skizzierte, habe ich den erkl&auml;rten Tsipras-Fan Slavoj Zizek mit dem Befund zitiert, dass die Realit&auml;t der Syriza &bdquo;eine Politik der M&auml;&szlig;igung&ldquo; aufzwinge. <\/p><p>Dieser Prozess der M&auml;&szlig;igung durch Realit&auml;tsann&auml;herung vollzieht sich &uuml;ber Einsichten und Lernprozesse auf drei Ebenen:<\/p><ul>\n<li>Einsichten &uuml;ber Vorstellungen und Erwartungen der griechischen W&auml;hler;<\/li>\n<li>Lernen &uuml;ber Kontakte und Erfahrungen auf internationaler Ebene;<\/li>\n<li>Reagieren auf Ver&auml;nderungen der griechischen und internationalen Umwelt.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Die Folgen erfolgreicher Wahlen<\/strong><\/p><p>Jeder Wahlerfolg, der einer Partei neue Schichten von Anh&auml;ngern beschert, zwingt automatisch zu einem anderen Blick auf die Realit&auml;t. Das gilt um so mehr, wenn man erkl&auml;rterma&szlig;en eine gesellschaftliche Mehrheit &uuml;berzeugen und repr&auml;sentieren will. Eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der griechischen Gesellschaft will nach wie vor zur EU geh&ouml;ren und mehr als zwei Drittel wollen auf keinen Fall aus der Eurozone ausscheiden. Diese gro&szlig;en Mehrheiten nageln die Partei auf ihre &bdquo;europ&auml;ische Bestimmung&ldquo; fest. Die f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der Syriza sind heute aber nicht nur taktische oder vor&uuml;bergehende, sondern &uuml;berzeugte Europ&auml;er. Einen euro- und europaskeptischen Fl&uuml;gel gibt es zwar noch (er wird auf 25 bis 30 Prozent gesch&auml;tzt), hat aber aufgeh&ouml;rt, eine euroskeptische Stimmung offensiv zu artikulieren.<\/p><p><strong>Kontakte und Erfahrungen auf &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Nicht nur der Parteivorsitzende Tsipras, sondern vor allem auch die &bdquo;Chef&ouml;konomen&ldquo; der Syriza haben in den letzten beiden Jahren ihre Beziehungen auf internationaler Ebene und insbesondere zu wichtigen Entscheidungstr&auml;gern weit &uuml;ber die traditionellen linken Partner hinaus intensiviert und ausgebaut. Das gilt nicht nur f&uuml;r den Bereich der Politik; vielmehr wurden auch systematische Kontakte zu &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; etabliert. Seit Tsipras im Januar 2013 einen Termin mit der IWF-Spitze in Washington gesucht hat, folgten zahlreiche weitere Treffen und Diskussionen mit Politikern und Fachleuten im Ausland. Diese Kontakte wurden gekn&uuml;pft und betreut von renommierten akademischen &Ouml;konomen wie James Galbraith (Universit&auml;t Austin\/Texas) und dem Australo-Griechen Yanis Varoufakis (Austin und Universit&auml;t Athen), der besonders gute Beziehungen mit IWF-Experten unterh&auml;lt. Varoufakis ist f&uuml;r Tsipras ein so wichtiger Ratgeber, dass er in Parteikreisen als erster Kandidat f&uuml;r den Posten des Finanzministers in einer Syriza-Regierung gilt.   <\/p><p>Der Syriza-Chef trifft sich seit einem Jahr regelm&auml;&szlig;ig mit EU-Kommissaren, EZB-Direktoren, den Spitzen internationaler Bankenverb&auml;nde, Finanzministern wichtiger EU-L&auml;nder, und er tritt auf Wirtschaftsforen wie der Konferenz des britischen Wirtschaftsmagazins &bdquo;Economist&ldquo; auf.  Die Wirtschaftssprecher der Parlamentsfraktion der Syriza sind vor allem in Europa ausgezeichnet vernetzt und zeigen keinerlei Ber&uuml;hrungsangst gegen&uuml;ber Repr&auml;sentanten &bdquo;des Kapitals&ldquo; bzw. potentieller Investoren.  Die wichtigste Rolle spielen dabei die &Ouml;konomen Yiannis Dragasakis und Giorgos Stathakis, die eng mit dem ehemaligen EZB-Vize J&ouml;rg Asmussen (heute Staatssekret&auml;r im Berliner Arbeitsministerium) kommunizieren. Stathakis war im Oktober auf der Jahreskonferenz von IWF und Weltbank in Washington pr&auml;sent, um wichtige Gespr&auml;chspartner zu treffen. Die Syriza-&Ouml;konomen disktutieren auch regelm&auml;&szlig;ig mit Vertretern wichtiger Finanzinstitute, inklusive internationaler Hedgefonds, die sich f&uuml;r Anlagem&ouml;glichkeiten in Griechenland interessieren.<\/p><p>In der Kathimerini vom 21. September wurde ein Syriza-Funktion&auml;r mit der Auskunft zitiert, diese Treffen seien fast schon &bdquo;systematischer&ldquo; Art: &bdquo;Jedes Mal, wenn deren Leute zu Kontakten mit Regierungsvertretern nach Athen kommen, wollen sie sich auch Termine mit uns haben.&ldquo; Dabei verabrede man sich sowohl mit einzelnen Fonds, als auch zu Konferenzen mit mehreren Finanzruppen; zu den Teilnehmern z&auml;hlten auch die &bdquo;gro&szlig;en Namen&ldquo; wie Fairfax Financial Holdings, York Capital und Third Point. Bei solchen Treffen wollen die &bdquo;Kapitalvertreter&ldquo; aber nicht nur die Absichten der k&uuml;nftigen Regierung zu sondieren. Sie versuchen nat&uuml;rlich auch, den Syriza-Vertretern  &bdquo;die Grenzen des Machbaren aus der Perspektive der M&auml;rkte zu erkl&auml;ren&ldquo; (wie es in dem Kathimerini-Bericht formuliert wird).<\/p><p>Dazu noch eine kleine Anmerkung: Mehrere der oben aufgez&auml;hlten Punkte &uuml;ber die realpolitischen Korrekturen am &bdquo;Krisenprogramm&ldquo; der Syriza beziehen sich auf Erl&auml;uterungen, die zwei Partei-&Ouml;konomen, n&auml;mlich Stathakis und Milios, Ende September vor einer Versammlung von Finanz- und Hedgefonds-Managern in London gegeben haben. Die Informationen aus dieser &bdquo;geschlossenen Veranstaltung&ldquo; stammen aus einem Bericht, die von der Bank of America\/Merrill Lynch nur f&uuml;r ihre Gro&szlig;kunden erstellt wurde. Bei dieser Quelle ist ein doppeltem Vorbehalt zu machen: Erstens werden die Redner nicht im Wortlaut zitiert und zweitens bin ich auf die griechische &Uuml;bersetzung dieses Berichts in der Wirtschaftszeitung Imerisia vom 27. September angewiesen. Ungenauigkeiten oder Verzerrungen sind also nicht ausgeschlossen. Am Tenor des Berichte gibt es jedoch kaum Zweifel, denn weder Stathakis noch Milios haben den Inhalt des Protokolls dementiert. <\/p><p><strong>Ver&auml;nderte Realit&auml;ten<\/strong><\/p><p>Eine potentielle Regierungspartei muss die Ver&auml;nderungen der realen Verh&auml;ltnisse anders analysieren als eine Partei, die als Systemopposition gar nicht vorhat, sich auf diese Realit&auml;t einzulassen (klassisches Beispiel f&uuml;r eine solche Partei ist die KKE, die orthodoxen griechischen Kommunisten). Die Syriza-F&uuml;hrung hat l&auml;ngst begriffen, dass die Situation Ende 2014 f&uuml;r Griechenland nicht mehr dieselbe ist wie noch vor zwei Jahren. Damals konnte Tsipras mit der glatten Aufk&uuml;ndigung des &bdquo;Moratoriums&ldquo; und der Einstellung aller griechischen Zahlungsverpflichtungen drohen, weil erstens klar war, dass die Syriza nicht in die Lage kommen w&uuml;rde, diese Drohung wahr zu machen. Aber es gab auch einen zweiten Grund: Die Drohung enthielt eine echte Drohsubstanz. In der EU war damals tats&auml;chlich die Bef&uuml;rchtung verbreitet, ein &bdquo;Grexit&ldquo; k&ouml;nnte den ber&uuml;hmten Dominoeffekt ausl&ouml;sen, von dem niemand wissen konnte &ndash; und die meisten nicht herausfinden wollten &ndash; , wo er enden w&uuml;rde. <\/p><p>Noch wichtiger ist, dass die Syriza-&Ouml;konomen heute &ndash; aus der Perspektive einer potentiellen Regierung &ndash; die Realit&auml;t in einem entscheidenden Punkt anders sehen. Es gilt nicht mehr, wie noch vor zwei Jahren behauptet, dass Griechenland bei einem Bruch mit der Troika &ndash; also einem nicht ausgehandelten Ausstieg aus dem Sparprogramm &ndash; nichts zu verlieren h&auml;tte. Das beinhaltet die Anerkennung, dass das Land von dem bail-out-Programm und den ESM-Krediten sehr wohl profitiert &ndash;  bei aller Kritik an der brutalen Fassung und den kontraproduktiven Wirkungen des Sparprogramms. Diese Einsicht bezeugten die Syriza-&Ouml;konomen fast unbemerkt im Fr&uuml;hjahr 2014, als sie die Entscheidung der Regierung Samaras kritisierten, die sich mittels einer 5-Jahres-Staatsanleihe wieder 3 Mrd. Euro auf dem &bdquo;freien Markt&ldquo; beschafft hatte. Die Kritik der Opposition basierte auf dem ebenso korrekten wie realistischen Argument, die 5-prozentige Zinsbelastung sei viel teurer als der R&uuml;ckgriff auf die ESM-Gelder; deshalb gehe die R&uuml;ckkehr auf die M&auml;rkte zu Lasten sozialer Ausgaben und produktiver Investitionen. Damit hat die Syriza erstmals &ndash; implizit &ndash; anerkannt, dass das bail-out-Programm nicht nur des Teufels ist. <\/p><p><strong>Wie wird der &bdquo;Realismus&ldquo; der Syriza von &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; wahrgenommen?<\/strong><\/p><p>Die beschriebenen Entwicklungen garantieren nat&uuml;rlich nicht, dass die Syriza ihre traditionellen Gegner auf politischer wie &ouml;konomischer Ebene von ihrem neuen &bdquo;Realismus&ldquo; &uuml;berzeugen k&ouml;nnte. Und die oben zitierte Ank&uuml;ndigung von Tsipras, eine Syriza-Regierung werde den M&auml;rkten das Tanzen beibringen, ist Wasser auf die M&uuml;hlen seiner Widersacher. Aber auch die Skeptiker verweisen nach wie vor auf einen un&uuml;bersehbaren Schwachpunkt in dem realpolitisch angepassten Programm, n&auml;mlich die Frage nach der finanziellen Deckung von Ma&szlig;nahmen, die man den W&auml;hlern in Aussicht stellt. Wie zum Beispiel die Anhebung der Mindestrenten und die St&uuml;tzung der &auml;rmsten Schichten durch eine minimale Sozialhilfe (die es in Griechenland immer noch nicht gibt).<\/p><p>Die Syriza-Experten beantworten die Finanzierungsfrage stets mit zwei Hinweisen. Erstens wolle man ja einen Schuldenschnitt gegen&uuml;ber den &bdquo;&ouml;ffentlichen&ldquo; Bond-Haltern erreichen (OSI), der neue Spielr&auml;ume f&uuml;r soziale und produktive Staatsausgaben schaffe. Und zweitens geh&ouml;re es zu den obersten Priorit&auml;ten einer neuen Regierung, die Steuerhinterziehung und Steuerflucht zu bek&auml;mpfen und damit die Einnahmen des Staates zu verbessern. Die zweite Ma&szlig;nahme kann aber die Finanzlage nur mittel- bis langfristig verbessern, die erste Bedingung klingt insgesamt unrealistisch. Das gilt zumindest auf absehbare Zeit. Und um das Klima zugunsten einer substantiellen Umschuldung (vom Typ OSI oder in Form einer &bdquo;weichen&ldquo; Schuldenschnitts) zu ver&auml;ndern, muss man erstens mit den europ&auml;ischen Partner und den anderen Gl&auml;ubiger glaubw&uuml;rdig und kompromissbereit verhandeln, und  zweitens eine Gegenleistung bieten, n&auml;mlich ernsthafte Reformen, zu denen das &bdquo;alte System&ldquo; nicht bereit und in der Lage war (siehe die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23764\">&Uuml;berlegungen am Ende meines Berichts vom 30. Oktober<\/a>). <\/p><p>Selbst im g&uuml;nstigsten Fall, der gro&szlig;es Entgegenkommen und ganz neue Einsichten auf Seiten der EU-Partner voraussetzen w&uuml;rde, wollte eine Syriza-Regierung eine seri&ouml;se Vereinbarung mit den Gl&auml;ubigern erzielen, ein &uuml;beraus knappes Gut brauchen: Zeit! <\/p><p><strong>K&ouml;nnte die Troika mit ihrer Entscheidung einen anderen Zweck verfolgen?<\/strong><\/p><p>Vor diesem Hintergrund kann man die Entscheidung &uuml;ber den zweimonatigen Aufschub des Troika-Abschlussberichts in einem ganz neuen Licht sehen. Gewiss ist es den EU-Granden nicht egal, wer in Athen an der Macht ist. Aber vielleicht haben die europ&auml;ischen Partner Griechenlands inzwischen kapiert, dass die Regierung Samaras keine Zukunft hat und Neuwahlen unvermeidlich sind. W&auml;re dann nicht eine rasche Kl&auml;rung der Lage besser ist als ein endloses Lavieren mit einer stets gef&auml;hrdeten Regierung, die mit R&uuml;cksicht auf ihre Klientel vor entscheidenden Reformen zur&uuml;ck schreckt? <\/p><p>Dann aber stellt sich die Frage anders: Wollen die EU-Partner einen Regierungswechsel beschleunigen, um den zeitlichen Spielraum f&uuml;r die neue Regierung zu verknappen? Denn sollte es Ende Januar\/Anfang Februar zu einem Machtwechsel kommen, h&auml;tte eine Tsipras-Regierung nur noch bis zum 28. Februar Zeit, um sich mit der Troika zu einigen und die notwendige Kreditabsicherung bis Mitte des Jahres zu gew&auml;hrleisten. <\/p><p>Das w&auml;re ein irrsinniger Druck, der die neue Regierung vor ein gro&szlig;es Dilemma stellen w&uuml;rde. Vorne der Abgrund und hinten die Schlucht, wie ein griechisches Sprichwort es plastisch beschreibt. Wom&ouml;glich war genau dies das eigentliche Motiv der Troika: massiven Druck auf die Syriza zu erzeugen &ndash; und nicht etwa der Regierung Samaras zu einer letzten Chance verhelfen. Oder in den Worten eines Kathimerinie-Kommentators, &bdquo;die Zeitbombe der Syriza in die H&auml;nde zu dr&uuml;cken&ldquo;.<\/p><p>Zu dem angedeuteten Dilemma gibt es eine Illustration, die ich kommentarlos wiedergebe (schon weil sie aus dem Bank of America-Bericht stammt, der von Syriza-Seite weder best&auml;tigt noch dementiert wurde). Demnach soll Stathakis vor seinem Investoren-Publikum in London gesagt haben: Es w&auml;re gut, wenn die Samaras-Regierung sich noch mit der Troika &uuml;ber das &bdquo;alte Programm&ldquo; einigen k&ouml;nnte, weil dann die Syriza-Regierung mehr Zeit habe, um &uuml;ber einen OSI-Schuldenschnitt und &uuml;ber Erleichterungen durch die EZB zu diskutieren. Im &Uuml;brigen sei eine gr&ouml;&szlig;ere Unterst&uuml;tzung Griechenlands von gegenseitigem Nutzen: Da das laufende Programm offensichtlich nicht funktioniert, m&uuml;ssten die Verhandlungen mit der neuen Regierung &bdquo;zu einer realit&auml;tsgerechteren L&ouml;sung f&uuml;hren, von der letztlich alle profitieren.&ldquo; Auf die Frage, was geschehe, wenn die alte Regierung sich mit der Troika nicht einigen k&ouml;nne, soll Stathakis geantwortet haben: Dann werde die neue Regierung gezwungen sein, unter Druck zu verhandeln. Das aber werde dann nicht &bdquo;ihr Fehler&ldquo; sein. Wie gesagt: kein Kommentar. <\/p><p>Stattdessen zum Schluss die zynische Schlussfolgerung in einer Analyse der Nachrichtenagentur Reuters: &bdquo;Tsipras wird nicht in der Lage sein, die Eurozone zu erpressen, weil ein griechischer Bankrott keinen Dominoeffekt provozieren wird. Und weil Athen ohne eine &Uuml;bereinkunft mit der Troika keinen Zugang mehr zum Anleihenmarkt haben wird.&ldquo;<\/p><p><strong>Wie vern&uuml;nftig und realistisch ist der von Syriza geforderte Schuldenschnitt?<\/strong><\/p><p>Erstaunlich viele &Ouml;konomen halten die Idee eines haircut f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Institutionen gehaltenen griechischen Staatsanleihen nicht nur f&uuml;r gerechtfertigt, sondern f&uuml;r die einzige Strategie, die Griechenland einen echten Neuanfang erm&ouml;glichen w&uuml;rde.<\/p><p>Auch in den letzten Tagen haben prominente und wichtige Autoren diese Meinung bekr&auml;ftigt. So schrieb der Financial Times-Chefkommentator Martin Wolf am 10. Dezember: &bdquo;Der Schuldenschnitt muss jetzt auf den Tisch, beginnend mit Griechenland&ldquo;. Das bedeute aber, dass &bdquo;Deutschland endlich seinen Teil der Verantwortung f&uuml;r den makro&ouml;konomischen Anpassungsprozess im Gefolge der Krise &uuml;bernehmen&ldquo; m&uuml;sse. Und er schreibt zudem den deutschen Politikern ins Stammbuch: &bdquo;Ein weiser Hegemon hat sich die Frage zu stellen: Wie bestimmt mein Verhalten die Stabilit&auml;t und den Erfolg des Systems, von dem auch ich profitiere und f&uuml;r das ich gro&szlig;enteils verantwortlich bin.&ldquo;<\/p><p>Ein Kommentar der Agentur Bloomberg vom 18. Dezember entwickelt diese Argumentation noch pr&auml;ziser: &bdquo;Ein Schuldenschnitt w&auml;re nicht nur f&uuml;r die ganze Eurozone gut, er w&uuml;rde auch den gr&ouml;&szlig;ten Teil der schmerzhaften Belastungen gerecht verteilen.&rdquo; Die Gl&auml;ubiger Griechenlands m&uuml;ssten ihre Strategie &auml;ndern. Die Formel &bdquo;mehr Kredite im Tausch gegen noch mehr Sparen&ldquo; m&uuml;sse abgel&ouml;st werden durch die Formel: &bdquo;Abschreibung von Schulden und als Gegenleistung tiefgreifende &ouml;konomische Reformen, die ohnehin n&ouml;tig sind, um die griechische Wirtschaft &uuml;berlebensf&auml;hig zu machen.&ldquo;<\/p><p>Und schlie&szlig;lich sei darauf hingewiesen, dass der IWF nach wie vor innerhalb der Troika eine eigene Meinung zum Thema haircut vertritt. Er muss n&auml;mlich eine teilweise Abschreibung der griechischen Staatsschuld schon deshalb fordern, weil seine Statuten verlangen, dass er sich an Kreditprogramme nur dann beteiligen darf, wenn die Verschuldung des betreffenden Landes &bdquo;beherrschbar&ldquo; ist. Das aber ist nach allen Analysen des IWF im Fall Griechenland eben nicht gegeben.<\/p><p><strong>IWF und Syriza sind der gleichen Meinung<\/strong><\/p><p>Wir haben in dieser Frage also die seltene Konstellation, dass die linke Syriza und der IWF in einer wichtigen Sache einer Meinung sind. Ich habe weder den &Uuml;berblick noch die Kompetenz, um dieses eigenartige B&uuml;ndnis zu analysieren. Ich kann hier nur auf eine Interpretation verweisen, die auf den ersten Blick einleuchtend klingt. <\/p><p>Diese m&ouml;chte ich hier abschlie&szlig;end zur Diskussion stellen. Es handelt sich um eine Hintergrundanalyse der Differenzen innerhalb der Troika, die von dem griechischen blog sofocleus10.gr stammt, und wenige Tage vor der Troika-Entscheidung &uuml;ber den Aufschub von zwei Monaten verfasst wurde. Auf deutsch erschien der Text am 7. Dezember auf dem Griechenland-blog. Ich gebe hier nur die wichtigsten Passagen (in nicht &uuml;berpr&uuml;fter &Uuml;bersetzung) wieder:<\/p><p>&bdquo;Selbst f&uuml;r den Fall, dass die Europ&auml;er sich bereit erkl&auml;ren w&uuml;rden, die Vereinbarung (mit Athen) abzuschlie&szlig;en, warnt der IWF, dass er sie blockieren wird, wenn die griechische Regierung keine Ma&szlig;nahmen zur Schlie&szlig;ung der auf 0,75% des BIP veranschlagten volkswirtschaftlichen L&uuml;cke des Jahres 2016, aber auch f&uuml;r das Jahr 2017 pr&auml;sentiert, f&uuml;r das der Fonds mit einem entsprechenden &ldquo;Loch&rdquo; rechnet und damit die &ldquo;Rechnung&rdquo; der zus&auml;tzlichen Ma&szlig;nahmen auf 1,5% des BIP (2,8 Mrd. Euro) hochtreibt.&ldquo;<\/p><p>Diese Haltung des W&auml;hrungsfonds darf nicht mit Verschw&ouml;rungstheorien erkl&auml;rt werden, da er mit seinen Forderungen f&uuml;r das griechische Programm v&ouml;llig konsequent ist: Der IWF will das Risiko vermeiden, dass Griechenland mit einem Wirtschaftsprogramm verbleibt, das unm&ouml;glich umzusetzen sein und mit mathematischer Sicherheit in die Notwendigkeit einer neuen Rettung in der Zukunft f&uuml;hren wird, die Ersch&uuml;tterungen in dem internationalen System verursachen und den Fonds als in seiner Mission ineffizient in Verruf bringen w&uuml;rde.<\/p><p>Im &uuml;brigen ist es kein Geheimnis, dass der IWF nicht mit dem Beschluss der Europ&auml;er einverstanden ist, nicht zu einer essentiellen Umschuldung zu schreiten, die gestatten w&uuml;rde, dass auch die irrealen Ziele des Programms bez&uuml;glich prim&auml;rer &Uuml;bersch&uuml;sse in H&ouml;he von 4,5% des BIP ab 2016 und nachfolgend gelockert werden. Au&szlig;erdem charakterisierte der IWF in dem Text die Ziele bez&uuml;glich der &Uuml;bersch&uuml;sse als &ldquo;ehrgeizig&rdquo; (&uuml;beroptimistisch) und unterstrich dabei, dass f&uuml;r die beiden Jahre 2015 &ndash; 2016 Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Einsparungen von 1,8% des BIP erforderlich sind.<\/p><p>Mit der Feststellung, dass die Europ&auml;er &ndash; allen voran Deutschland &ndash; sich jeder Ermunterung bez&uuml;glich einer ernsthaften L&ouml;sung f&uuml;r die griechische Verschuldung heftig widersetzen, verlagert der W&auml;hrungsfonds seinen Druck auf die griechische Regierung: Indem er Ma&szlig;nahmen verlangt, die von Griechenland unm&ouml;glich ergriffen werden k&ouml;nnen, zeigt er auf, dass das (aktuelle) Programm nicht &ldquo;aufgeht&rdquo;, und lenkt damit die Diskussion notwendig auf das Thema Verschuldung. <\/p><p>In einem Hintergrundbericht vom 2. Dezember &uuml;ber die Pariser Verhandlungen zwischen der Troika und der Athener Regierung hatte derselbe Blog berichtet, dass die &bdquo;harte Linie&ldquo; des IWF gegen&uuml;ber Griechenland von IWF-Chefin Lagarde abgesegnet sei, also nicht von der Person des IWF-Vertreters (des Inders Goyal) f&uuml;r Griechenland abh&auml;nge. Weiter hei&szlig;t es: <\/p><p>&bdquo;Zus&auml;tzlich urteilt der Fonds, Griechenland k&ouml;nne nicht ohne eine ernsthafte Umschuldung in die Epoche nach dem Memorandum voranschreiten, welche Umschuldung die Deutschen jedoch beharrlich verweigern. Indem der Fonds unertr&auml;glichen Druck auf die Ergreifung von Ma&szlig;nahmen aus&uuml;bt, welche die Regierung Samaras sehr schwer &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; durchsetzen kann, will er beweisen, dass das Programm in seiner heutigen Form nicht tragbar und eine Umstrukturierung der Verschuldung nebst der Neubestimmung der absurden Ziele bez&uuml;glich der &Uuml;bersch&uuml;sse n&ouml;tig ist.&rdquo;<\/p><p><strong>Wenn diese Interpretation stimmt, k&ouml;nnte man drei Punkte festhalten:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Die Sparma&szlig;nahmen, die die Troika fordert, um den von der Regierung Samaras angek&uuml;ndigten Prim&auml;r&uuml;berschuss zu erzielen, sind gegen&uuml;ber der Gesellschaft nicht durchzusetzen &ndash; weder von der aktuellen noch von einer Syriza-Regierung.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Der IWF h&auml;lt den angezielten Prim&auml;r&uuml;berschuss von drei Prozent des BIP f&uuml;r eine falsche Zielsetzung, die eine wirtschaftliche Erholung eher behindert als f&ouml;rdert. Dieser Meinung ist auch die Syriza.<\/strong><\/li>\n<li><strong>Nur ein Schuldenschnitt er&ouml;ffnet die Perspektive einer nachhaltigen &Uuml;berwindung der griechischen Krise. Auch darin sind sich IWF und Syriza einig.<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in meinem Beitrag &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24311\">Vor der Pr&auml;sidentschaftswahl in Griechenland<\/a>&ldquo; angenommen ist der Kandidat der griechischen Regierung f&uuml;r das Pr&auml;sidentenamt, Stavros Dimas, im ernsten Wahlgang gescheitert. Nur 160 der anwesenden 295 Abgeordneten stimmten f&uuml;r den ehemaligen Finanzminister und EU-Kommissar. 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