{"id":2437,"date":"2007-06-26T08:36:22","date_gmt":"2007-06-26T06:36:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2437"},"modified":"2016-01-02T11:21:17","modified_gmt":"2016-01-02T10:21:17","slug":"gespensterdebatten-um-die-duale-berufsausbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2437","title":{"rendered":"Gespensterdebatten um die duale Berufsausbildung"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche debattierte der Bundestag &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/dip.bundestag.de\/btd\/16\/052\/1605225.pdf\">Berufsbildungsbericht 2007 [PDF &ndash; 41.8 MB]<\/a>. Es ist eine Gespensterdebatte, die hier vorgef&uuml;hrt wurde. Statistiken werden gesch&ouml;nt oder  gar gef&auml;lscht, das Scheitern wird mit partiellen Erfolgsmeldungen &uuml;bert&uuml;ncht. Die n&uuml;chterne Wahrheit ist: Die duale Ausbildung ist nur noch ein Fetisch, weniger als die H&auml;lfte der neu hinzukommenden Bewerber finden einen Ausbildungsplatz, f&uuml;r Hauptsch&uuml;ler werden die Chancen immer schlechter und nur noch ein Drittel aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund k&ouml;nnen in einen Ausbildungsbetrieb vermittelt werden. Die tats&auml;chliche Arbeitslosigkeit der Jugendlichen ist doppelt so hoch wie bei den Erwachsenen. Hier sammelt sich ein sozialer Sprengstoff von bisher unbekanntem Umfang an. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nAlle Jahre wieder bekr&auml;ftigt die Bundesregierung das Ziel, dass jeder ausbildungsf&auml;hige und ausbildungswillige Jugendliche ein Ausbildungsangebot erhalten soll. Der sog. Ausbildungspakt wird alle Jahre wieder gelobt und soll nun bis 2010 verl&auml;ngert werden. Alle Jahre wieder fordert die Bundesregierung die Unternehmen auf zus&auml;tzliche Ausbildungspl&auml;tze zu schaffen. Alle Jahre wieder wird das Loblied auf die duale Ausbildung gesungen. Politische Erkl&auml;rungen, die nur noch hohle Phrasen sind:<\/p><p>Laut dem Berufsbildungsbericht 2007 der Bundesregierung wird die Nachfrage nach dualer Ausbildung auch in den n&auml;chsten Jahren hoch bleiben. Zwar werde die Zahl der Schulabg&auml;nger im Osten bis 2011 auf 110.000 Jugendliche zur&uuml;ckgehen, doch im Westen w&uuml;rden es bis ins Jahr 2015 nicht weniger als 708.000 Absolventen bleiben.<br>\nSeit Jahren wird uns das gleiche M&auml;rchen erz&auml;hlt. Der Ausbildungspakt sei ein Erfolg. Von Oktober 2005 bis Oktober 2006 seien 576.153 neue Ausbildungsvertr&auml;ge geschlossen worden, das seien 4,7 Prozent mehr als zuvor. <\/p><p>Das h&ouml;rt sich gut an. Verschwiegen wird dabei allerdings, dass sich die Nachfrage nach Ausbildungspl&auml;tzen um 5,9 Prozent erh&ouml;ht hat. Selbst wenn man nur die (gesch&ouml;nten) offiziellen Angaben der Bundesagentur von 763.079 Bewerber und Bewerberinnen um einen Ausbildungsplatz der Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsvertr&auml;ge gegen&uuml;ber stellt, kann man durch einfache Subtraktion ausrechnen, dass eine riesige L&uuml;cke klafft. Nach Hochrechnungen des Bundesinstituts f&uuml;r Berufsausbildung und des Instituts f&uuml;r Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, sind 160.000 Bewerber ohne konkretes Ausbildungsangebot geblieben sind, obwohl sie eine betriebliche Ausbildung anstrebten. <\/p><p>Die von der Bundesagentur ausgewiesene Ausbildungsl&uuml;cke ist schon deshalb gesch&ouml;nt, weil alle Jugendlichen, die in Warteschleifen sind oder schlicht aufgegeben haben, aus der Statistik fallen. 22% der erfolglosen Bewerber besuchten mehr oder weniger freiwillig weiter eine allgemeinbildende Schule besucht oder eine sog. berufsvorbereitende Ma&szlig;nahme absolviert und der Rest landet irgendwo in &bdquo;Zwischenlagern&ldquo;, davon 10% als ungelernte Hilfskr&auml;fte.<\/p><p>Das duale System wird in der politischen Debatte wie eine heilige Monstranz angebetet. Hinter dem geheiligten Objekt verbirgt sich jedoch die desillusionierende Tatsache, dass die duale Ausbildung <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/stabsabteilung\/04258\/zusammenfassung.pdf\">auf 43 Prozent der j&auml;hrlichen Neuzug&auml;nge zur beruflichen Bildung zur&uuml;ckgefallen ist [PDF &ndash; 160 KB]<\/a>. Gleichzeitig ist das &Uuml;bergangssystem, in dem Jugendliche keine qualifizierte Berufsausbildung, sondern unterschiedliche Ma&szlig;nahmen der Berufsvorbereitung vermittelt bekommen, auf 40 Prozent der jeweiligen Neuzug&auml;nge angewachsen ist. Das Schulberufssystem nimmt 17 Prozent auf.<br>\nWer angesichts einer solchen Entwicklung noch das Hohelied auf die duale Berufsausbildung singt und das gar noch als international beispielhaft bejubelt, betet einen Fetisch an.<br>\nAlle Welt  redet vom demografischen Problem und denkt dabei an eine &Uuml;beralterung in f&uuml;nfzig Jahren. &Uuml;ber das ganz aktuelle Problem der demografisch bedingten gestiegenen Nachfrage nach Ausbildung spricht leider kaum jemand.<\/p><p>Da wird vom DIHK-Pr&auml;sidenten Braun, die Ausbildungsl&uuml;cke mit einer &bdquo;Qualit&auml;tsl&uuml;cke&ldquo;, begr&uuml;ndet. Er will uns also vorgaukeln, dass die Tatsache, dass weniger als 25 Prozent der Betriebe, die ausbilden k&ouml;nnten, dies auch tun, vor allem daran liege, dass die Jugendlichen schulisch zu schlecht ausgebildet sind. Viele Unternehmensvertreter  wollen uns einreden, dass mehr als 50 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber schlicht unf&auml;hig seien, eine Ausbildung anzutreten. Gleichzeitig wird aber von den gleichen Interessenvertretern st&auml;ndig um eine weitere Verk&uuml;rzung der Berufsschultage gek&auml;mpft. Wer auf solch hohem Ross sitzt braucht sich dann nicht mehr &uuml;ber einen Fachkr&auml;ftemangel beschwerden. Am liebsten w&uuml;rde die Wirtschaft zur Berufsausbildung &ndash; wie das f&uuml;r manche Ausbildungszweige schon der Fall ist &ndash; nur noch Abiturienten aufnehmen oder k&uuml;nftig dann die Bachelor von den Hochschulen.<\/p><p>Ach ja, das Thema akuter Fachkr&auml;ftemangel, das angesichts eines zarten Konjunkturpfl&auml;nzleins schon wieder als Wachstumsbremse vorgeschoben wird. Ein vielstimmiger Chor bis hin zur OECD ruft nach der Anwerbung von ausl&auml;ndischen Fachkr&auml;ften. Martin Baethge hat in seiner schon zitierten Studie dazu einmal ein paar erhellende Zahlen gegeneinander gestellt: &bdquo;Zwischen 2005 und 2006 stieg der Bestand an offenen Stellen in den wichtigsten Metallberufen um 80%, bei den Elektrikberufen um 92%. In diesen Berufsgruppen sanken die Ausbildungsneuvertr&auml;ge seit Mitte der 1980er Jahre um 60 bis 80 Prozentpunkte. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r den Baubereich. Das zeigt: Die sich abzeichnende Fachkr&auml;ftel&uuml;cke ist hausgemacht.&ldquo; <\/p><p>Jeder F&uuml;nfte eines Altersjahrgangs landet nach der Schule in einem <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/stabsabteilung\/04258\/stellungnahme.pdf\">&bdquo;&Uuml;bergangssystem&ldquo; [PDF &ndash; 140 KB]<\/a>. Wer ohne Schulabschluss ist &ndash; und das werden immer mehr &ndash; hat schon &uuml;berhaupt keine Chance auf eine Ausbildung (84 Prozent landen im Abseits), nur jeder dritte Jugendliche mit einem Migrationshintergund findet einen Aubildungsplatz und sogar  weit &uuml;ber die H&auml;lfte aller Jugendlichen mit Hauptschulabschluss gehen in irgendwelche Warteschleifen oder verschwinden irgendwann aus der Statistik.<br>\nLaut Berufsbildungsbericht sind dass derzeit 1,3 Millionen Schulabg&auml;nger im Alter bis zu 29 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung &ndash; Tendenz stark ansteigend. Kein Wunder, dass die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen mit 15 Prozent inzwischen schon doppelt so hoch ist, wie bei den Erwachsenen.<br>\nHier sammelt sich eine demografische und soziale Zeitbombe, gegen&uuml;ber der die Hysterie vor der &Uuml;beralterung sich eher als Aprilscherz darstellt.<\/p><p>An dieser Stelle k&ouml;nnen keine Vorschl&auml;ge zur Abhilfe gemacht werden, dazu hat aber etwa Wolf-Michal Catenhusen, ehemals Staatssekret&auml;r im Bundesbildungsministerium, einige richtige <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/stabsabteilung\/04258\/stellungnahme.pdf\">Anst&ouml;&szlig;e gegeben [PDF, wie zuvor &ndash; 140 KB]<\/a>.<\/p><p>Weil eine Ausbildungsplatzumlage f&uuml;r die SPD in der Gro&szlig;en Koalition ein Tabu bleibt, hat Arbeitsminister M&uuml;ntefering in der Debatte um den Berufsbildungsbericht nun &bdquo;Verg&uuml;nstigungen&ldquo; f&uuml;r Unternehmen, die &uuml;berdurchschnittlich viel ausbilden, angeregt. &laquo;Diejenigen, die ausbilden, sollten daraus einen Vorteil haben&raquo;, sagte der Ressortchef.<\/p><p>W&auml;hrend also in der Sozialpolitik und vor allem gegen&uuml;ber den Arbeitslosen &ndash; die am wenigsten f&uuml;r ihre Arbeitslosigkeit k&ouml;nnen &ndash;  vor allem das Prinzip &bdquo;Fordern&ldquo; angewandt wird, soll also gegen&uuml;ber den Unternehmen &ndash; die jedenfalls in ihrer Gesamtheit von Fachkr&auml;fteausbildung profitieren &ndash; ausschlie&szlig;lich das Prinzip &bdquo;F&ouml;rdern&ldquo; zur Anwendung kommen. &Uuml;ber 500.000 Betriebe, die ausbildungsf&auml;hig w&auml;ren, aber nicht ausbilden bleiben also &bdquo;ungefordert&ldquo; und k&ouml;nnen sich beruhigt zur&uuml;ck lehnen und diejenigen Unternehmen, die ausbilden sollen einen Obolus bekommen.<br>\n&bdquo;Anreizkompatibilit&auml;t&ldquo; wird so etwas in der neoklassischen Wirtschaftstheorie genannt; will sagen, die Unternehmen brauchen (pekuni&auml;re) Anreize um zu einem auch in ihrem Interesse liegenden Handeln veranlasst zu werden. Die arbeitlosen Jugendlichen m&uuml;ssen dagegen &uuml;ber Hartz IV und entsprechende Sanktionen bestraft werden, damit sie sich als verwendbare Arbeitnehmer qualifizieren lassen.<\/p><p>Es ist schon grotesk: Da hat schon l&auml;ngst eine schleichende Verstaatlichung der beruflichen Ausbildung stattgefunden, indem der Staat schon j&auml;hrlich &uuml;ber 8 Milliarden allein f&uuml;r das &Uuml;bergangssystem aufwendet, und jetzt sollen mit &ouml;ffentlichen Geldern auch noch die Betriebe subventioniert werden, die den Ersatzbedarf f&uuml;r sich und f&uuml;r diejenigen ausbilden, die sich bequem zur&uuml;cklehnen.<\/p><p>Geradezu unversch&auml;mt ist allerdings, dass diese Subventionen auch noch aus der Arbeitslosenversicherung, zur H&auml;lfte also von den Arbeitnehmern finanziert werden sollen. Dar&uuml;ber solle bei der k&uuml;nftigen Gestaltung der Arbeitslosenversicherung gesprochen werden, regte M&uuml;ntefering an.<br>\nDie Arbeitslosenversicherung also als Kriegskasse zum Stopfen f&uuml;r Haushaltsl&ouml;cher, als Spartopf f&uuml;r die Pflegeversicherung, als Subventionsquelle f&uuml;r ausbildende Betriebe, man darf gespannt sein, wof&uuml;r die Versicherungsbeitr&auml;ge sonst noch missbraucht werden.<\/p><p>Wer allerdings Glauben machen will, mit solchen &bdquo;Anreizen&ldquo; an ausbildende Betriebe die Ausbildungsmisere beheben zu k&ouml;nnen, der t&auml;uscht einmal mehr sich und andere.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche debattierte der Bundestag &uuml;ber den <a href=\"http:\/\/dip.bundestag.de\/btd\/16\/052\/1605225.pdf\">Berufsbildungsbericht 2007 [PDF &ndash; 41.8 MB]<\/a>. Es ist eine Gespensterdebatte, die hier vorgef&uuml;hrt wurde. Statistiken werden gesch&ouml;nt oder gar gef&auml;lscht, das Scheitern wird mit partiellen Erfolgsmeldungen &uuml;bert&uuml;ncht. Die n&uuml;chterne Wahrheit ist: Die duale Ausbildung ist nur noch ein Fetisch, weniger als die H&auml;lfte der neu hinzukommenden Bewerber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2437\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[153,92],"tags":[1082,1748,394],"class_list":["post-2437","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-berufliche-bildung","category-fachkraftemangel","tag-ausbildungspakt","tag-duale-berufsausbildung","tag-subventionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2437","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2437"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2437\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29853,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2437\/revisions\/29853"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2437"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2437"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2437"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}